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Die Wahrheit · 1901-05-24 · Heft 20 (24.5.1901) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 20 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit. Seite 11 Smichow. Herr Dr. David Herzog, Rabbiner und Prediger in Smichow, hat sich dieser Tage mit Frl. Anna Reich, Tochter deS Banquiers und Großindustriellen M. H. Reich in Dukla, verlobt. Zlrag. Am 19. d. M. starb hier der fürstl. Lobkowitz'sche Hofstächter S. Alexander Branders, der eine bedeutende Gemäldesammlung hinterlässt. Cr sörderte Künstler in hervorragender Weise und war ein Freund Broziks, dessen Erstlingswerke bei Brandeis entstanden. Szered. D er Schwiegersohn unseres hochverehrten Herrn Rabbiners, Herr Dr. Spitzer, Rabbiner zu Halas, war vergangene Woche hier zu Gaste und da man ihn als vorzüglichen Kanzelredner kannte, so benützte der Vorstand diese Gelegenheit, ihn mit einer Kanzelrede zu beehren. Aber trotzdem wir viel erwartet hahen, trotzdem das hiesige Auditorium durch unseren Herrn Rabbiner verwöhnt und daher nicht sehr bescheiden in seinen Ansprüchen ist, trotzalldem waren wir von dieser geistreichen und formvollendeten Rede aufs angenehmste überrascht. Da nun Herr Dr. Spitzer auch auf talmudischem Gebiete eine hervorragende Capacität ist, ist die Gemeinde Halas wahrhaftig zu beneiden, einen solch' würdigen Rabbi an ihre Spitze gestellt zu haben. Es ist aber auch nur zu wahrscheinlich, dass sie sich nicht lange dieses Glückes erfreuen wird, da solche Vorzüge nicht lange verborgen bleiben können. A. Budapest Am letzten Sonntag war es gerade ein Jahr, dass der Privatier und Hausbesitzer, der frühere Confectionär Herr Moriz Fried, von hinnen geschieden ist. An diesem Tage wurde am Grabe des wackeren, viel zu früh Heimgegangenen Mannes ein prächtiges Denkmal im Beisein seiner gebeugten Gattin, seiner einzigen Tochter, seines Schwiegersohnes Josef Goldmann, welcher sich durch seine Munifizenz bereits einen guten Namen verschaffte, seiner beiden Enkelkinder, seiner Verwandten und Freunde feierlichst enthüllt. Auch seitens der Pester Chewra Kadischa waren deren Organe erschienen, ferner waren die Rabbiner Kopfstein, Rosenberg, Weiß und Löwinger anwesend, die Alle Trauergebete verrichteten. Das imposante Grabdenkmal ging aus dem rühmlichst bekannten Atelier des Herrn Arnold Kohn hervor. Es ist eine stylvoll ausgeführte Pyramide aus schwedischem schwarzen Granit, an welche sich ein Sarkophag aus grauem Granit anschmiegt. An den vier Ecken des Monumentes befindet sich je ein schmiedeiserner Blumenkorb, wodurch das Ganze harmonisch abgeschlossen erscheint. Budapest. Der ehrwürdige Rabbiner der Pester isr. Gemeinde, Ludwig nry?« Pollak feiert so Gott will, am 27. d. Monats ßdas fünfzigjährige Jubiläum seiner ersprießlichen und segensreichen Thätigkeit als Rabbiner. Herr Pollak ist eigentlich der wahre und gerechte Hüter des jüdischen Lebens unserer Gemeinde. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel (Nachdruck verboten.) (49. Fortsetzung und Schluss.) Doch da ist ein zweites Leben, auf welches die Religion die leidtnden. unterdrückten Frommen und Gläubigen hienieden verweist. Ein zweites Leben, ein Himmel. Aber wer und was bürgt uns dafür, wer bürgt uns für ein Dasein, dem alle menschliche Begriffe fehlen? Doch wir sollen glauben! Hat es etwas für sich dieses Glauben? Es scheint fast, wir erhalten innere Beruhigung und Seelentrost dadurch. Ja, ich will glauben, denn hier liegt der Vortheil auf meiner Seite. Ein Nichts werden, einer ewigen Vergessenheit und dem Nichts entgegengehen, kann der Verstand nicht begreifen und das Gemüth nicht in sich aufnehmen. Was der Verstand nicht fassen kann, wird von den Philosophen aller Völker als unhaltbar erachtet. Also, kein gänzliches Aufhören, kein Nichts — aber auch auf der andern Seite etwas, das ich nicht begreifen kann — doch, ich will glauben!" So ungefähr die Gedanken, mit welchen Gabriel in den letzten Tagen sich beschäftigte, wenn er sich nicht der Bücher bediente, die auf einem kleinen Tische vor dem Bette zerstreut umherlagen. Heute indess war ein besonders arger Tag für ihn. Schwere Athemnoth hatte sich eingestellt, mitunter fühlte er einen kalten Schauer durch die Adern rieseln — er konnte nicht mehr lesen, nicht denken. Sollte die Stunde, die er so oft herbeigewünscht, herangekommen sein, sollte er von seinen Qualen erlöst werden? „Mutter", sagt er jetzte mit schwacher Stimme, „wird Raphael Hirsch heute nicht Herkommen?" Raphael Hirsch war der Schammes der Chewra Kadischah und hatte die Ausgabe, die Kranken in der Gemeinde öfters zu besuchen und etwaige Bedürfniße derselben zur Kenntnis des Vorstandes zu bringen. „Raphael Hirsch war gestern nicht hier, und wer weiß, ob er heute kommen wird. Warum fragst Du nach ihm, Gabriel?" erwiderte die Mutter. „Ich glaube, es wird wohl nöthig sein, dass er für die Nacht die Männer der Chewra hierher bestellt, denn. . ." ein heftiges! Aufhusten ließ ihn die Rede nicht vollenden. „Die Chewramänner sollen Herkommen?" fragte die Mutter, die zu ahnen begann, was ihren Sohn zu dem ausgesprochenen Wunsche; bestimmte. Sie hatte das tiefe Leid, welches seine Krankheit ihr täglich i vor Augen führte, mit Ruhe getragen, weil sie noch immer auf Gesundung bei ihm hoffte. Ach, er war ihr noch so lieb und werth wie in seinen früheren Tagen, wo er noch für sie arbeitete, und wenn nicht i anders, so würde sie ihn für ihr ganzes Leben so behalten haben, wie j er sich befand; nur bei ihr sollte er bleiben, l „Schicke doch den Jacob hin und lasse ihn herbitten!"! Die arme, schwer heimgesuchte Frau erhob sich mit einem Seufzer l und begab sich in die anstoßende Kammer, wo zwei Knaben mit Schreiben; beschäftigt waren. j „Jacob, gehe hin zu Reb Raphael Hirsch und bitte ihn, dass er j einmal Herkommen möchte!"! Der Knabe entfernte sich. Eine halbe Stunde daraus trat Reb! Raphael Hirsch ins Krankenzimmer. j Sein kundiger Blick überflog das Gesicht des Daliegenden und er! sagte sich, dass er vor einem bereits Sterbenden stehe. Nichtsdestoweniger! fragte er : „Die Mutter hat nach mir geschickt, Gabriel, wünschst Du etwas?"! „Ich wünsche, dass in dieser Nacht die Chewra bei mir sei, ich! fühle, dass es meine letzte sein wird. Ihr wisset, in welcher Weise der! Jude aus dem Leben scheidet und was die Lebenden bei Jezias neschomoh! zu beobachten haben.! „Wir wollen nicht hoffen, dass es schon zu Ende mit Dir ist,! Gabriel, indess soll Deinem Wunsche gewillfahrt werden." i Der Abend brach herein und mit ihm stellten sich die Symptome der herannahenden Auflösung bei dem Kranken immer mehr ein. Die Gesichtsfarbe hatte sich bei ihm stark verändert, die Blässe war einem gelben Colorit gewichen und dicke Tropfen kalten Schweißes begannen! sich auf der Stirn anzusainmeln. Nichtsdestoweniger blieb der Geist Ga-! briels noch imnier klar. Er verlangte nach seinen Brüdern und ermahnte! sie zum Gehorsam gegen die Mutter, er berief diese selbst ans Bett und i nahm in herzzerreißenden Worten Abschied von ihr. Er ließ sich hierauf j einige Psalmen vorlesen und die Andacht, mit welcher er dieselben nachsprach, ließ erkennen, dass seine Seele jsich beruhigt, dass jeder Zweifel bei! ihm geschwunden sei. Er schaute so ruhig um sich, als gelte es, Abschied j für eine Reise zu nehinen. j Allmälig hatte sich eine größere Anzahl der Vereinsmitglieder j eingefunden. Alle erkannten, dass das Leben des Kranken nur nach Mij nuten gezählt sei. Desto größer war ihre ^Verwunderung, als er sich! plötzlich mit gewaltiger Kraft und Energie aufsetzte und wie suchend um»! herblickte. I „Du willst die Mutter sprechen, Gabriel?" fragte einer der Männer.! Der Sterbende schüttelte das Haupt. i „Ich glaubte die Stimme des Onkel Manzberg gehört zu haben," j sprach er schwach. j „Ist er hier?" „Nein", antwortete ihm einer der Nahestenden, „er ist nicht hier. Er ist, wie ich gehört, überhaupt verreist, und zwar zur Hochzeit seiner Tochter." „Fremma", flüsterte Gabriel in die Kiffen zurücksinkend. Die Anstrengung hatte die Katastrophe beschleunigt und der nahende Tod gab sich in verschiedenen Zeichen kund. Die Männer schlugen die Gebetbücher auf, das Schma Jisroel tönte schaurig durch das kleine Zimmer, Gabriel Wiederholtees, aber seine letzten Worte waren: „Fremma — Frieden!- Ende. Romerbad Wien, naebst dem Pratersten.

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