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Die Wahrheit · 1901-05-17 · Heft 19 (17.5.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 19 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaction u. Administration Wien. II/l, Novaragaffe 27. Jt. f. österr. Postsparcafsa Eheck-Conto Nr. 846.251. Ins,rate: 20 Heller per Nonpareille-Zeile. ^Abonnementsnnd Jnsertions» betrüge sind in Wien zahlbar. ^abhängige Aeitschrist für jüöifche Intere^en. Lezagspriir: Ganzjährig . . St- 12.— Halbjährig ... St. 6— Für Lnltusbeamte: Ganzjährig . . . st. 10.— Erscheint jeden Freitag. L»tt» : »Das Siegel Gottes ist Wahrheit! Für Ausland: j Ganzjährig .... 12 Mark; j 6 Rubel oder 16 FrcS. k j|—:-- It Ar. 19. Wien, 17. Mai 1901. Inhalt r Zur Nitualmcrd-Enquete. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Zidduk hadin und Kadisch an festlichen Tagen. — v. Weintraub und seine „Tempelgesänge". — Litteratur. — Verschiedene Nachrichten. Zur Aitualmord-Enquete. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redactenr! Vor Kurzem las ich in Ihrer geschätzten Zeitschrift die Antworten, welche dem Herausgeber der Korrespondenz „Der Interviewer" von hervorragenden europäischen Gelehrten aus seine Rundfrage betreffs der gegen die Juden erhobenen Beschuldigung des Ritnalmordes zugegangen sind. Wenn ich nun als Laie i» derartigen Fragen mich dennoch zum Worte melde, so geschieht dies nicht, um ganz grundnnd zwecklos in die Debatte einzugreisen, denn man würde da mit Recht fragen können: „Auch Saul geht unter die Propheten?" sondern einzig und allein zu dem Zwecke, um, veranlasst durch die warmgesühlten und beherzigenswerthen Ausführungen des Herrn Prof. Dr. Cornill in Breslau, eine bestimmte Anregung zu geben. Bevor ich mich jedoch den Ausführungen des genannten Gelehrten zuwende, kann ich nicht umhin, dem großen Geiste Theodor Mommseus wegen seines zweizeiligen, ebenso lakonischen wie inhaltsnnd lehrreichen Antwortschreibens meine Reverenz zu machen. Herr Pros. Dr Cornill hat Recht, wenn er bei Beantwortung der Frage meint, dass höchstens die Agada den fanatischen Hetzern irgend einen Anhaltspunkt für diese sinnlose Beschuldigung bieten könnte. Deshalb wäre es aber auch höchst nothwendig, pass von autoritativer Seite alle Bedenken, die sich aus dem Inhalte der Agada ergeben könnten, zerstreut, beziehungsweise jedwedem Versuche einer falschen Aus- oder Unterlegung vonvorneherein der Nährboden entzogen und die Spitze abgebrochen würden. Treffend bemerkt auch Herr Pros. Schweninger, dass die Juden doch viel früher als die Christen existirten, und knüpft daran die ganz natürliche Frage, wo sie denn zu jener Zeit Christenblut hätten hernehmen können? Wenden wir uns nun dem wunden Punkte der Agada zu, auf welchen Herr Prof. Cornill hinweist: „Alle Erstgeborenen Aegyptens werden in der Osternacht gemordet." Ja, aber von wem? Etwa von den Juden? O nein! „Ich selbst, so spricht der Ewige, werde in dieser Nacht das Land Aegypten durchziehen, und alles Erstgeborene von Menschen und Thieren tödren. Ich werde auch ihre Götzen zerstören und so das Unrecht und die an meinem Volle begangene Schmach rächen; denn Ich bin der Allmächtige und Niemand außer Mir!" Nicht nur also, dass den Juden kein Recht zum Blutvergießen eingeräumt wurde, sondern nicht einmal ein Engel wurde mit dieser Mission betraut, j denn es heißt: „Ich allein und kein Gesandter, Ich allein und! niemand Anderer." > Welches Bewandtnis hat es ferner mit dem Bespritzen der! Thürpsosten mit dem Blute des Opferlammes? Welcher Zweck! war damit ins Auge gefasst? Bedurfte Gott eines Zeichens,! um zu erkennen, dass in diesem Hause Israeliten wohnen? j Gewiss nicht! Ein solcher Gott würde jenem der Aegyptier ganz : nahe stehen; allein dieses Zeichen war nicht Gottes wegen anj befohlen worden. Es ist nur zu begreiflich, dass ein großer! Theil der Israeliten im alten Aegypten infolge der Tyranuij sirung und der Knechtung seinen Gott vergaß und sich ganz! den Sitten und Gebräuchen des Landes anpasste. Es galt nun,! irgend ein Merkzeichen zu mache», damit die Arrangeure des Auszuges leichter constatiren könne», wer ohne Zwang dieses Land verlassen und zu dem alten Gotte zurückkehren will, und derjenige war es zweifellos, welcher das Korbau Pessach darbrachte und mit dem Blute des geschlachteten Osterlammes seinen Thürpiosten bespritzte. Trotzdem lehrt uns die heilige Schrift, dass von den 600.000 Israeliten, welche dergestalt freiwillig das Land verließen, der weitaus größere Theil, als es in der Wüste an Nahrung fehlte, seinen Führer Moses bedrohte, nach den Fleischtöpfen Aegyptens ries, später auch das goldene Kalb umtanzte und endlich in der Wüste zu Grunde gehen musste, weil sie nicht fähig waren, sich von der Schlacke Aegyptens zu reinigen, und jenen ethischen Aufschwung zu nehmen, um würdig befunden zu werden, das verheißene gelobte Land zu betreten. Herr Prof. Dr. Cornill erwähnt auch die Kreuzigung des Nazareners. Nun bedarf es erst der Beweise, ob unser Glaubensgenosse und nachnialige Stifter der chriftltchen Religion durch die Juden ans Kreuz geschlagen wurde. Wir stellen dies entschieden in Abrede.*) N. Chameides, Wien. Äus -er Wiener LuUusgemeinde. Es scheint wirklich wahr zu werden, dass sich der Cultus- Vorstand nach dem neuen Course in den Plenarsitzungen nur mit der Behandlung großer Fragen beschäftigen soll, und so standen auch in der letzten, Sonntag, den 12. d. M. stattgehabten öffentlichen Vorftandssitzung nach Genehmigung des *) Eine vor Jahrzehnten geschriebene und jetzt in Neuauflage erschienene Broschüre, welche mit strenger Wissenschaftlichkeit diese Frage eingehend erörtert, wird in nächster Nummer unseres Blattes einer Besprechung unterzogen werden. Die Redaction.

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