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Die Wahrheit · 1901-04-26 · Heft 16 (26.4.1901) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 16 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16. Seite 9. Die Wahrheit. Conto übereinstimmend. Wir haben also Veranlassung, mit dem erzielten Resultate vollkommen zufrieden zu sein. Die Mitgliederzahl, welche im Jahre 1899 213 betrug, hat sich um -6 verringert und beträgt Heuer blos 207. Ztzie«. Sonntag, den 28. April, findet im litter. GeselligkeitS- Verein jüdischer Mädchen „Moria", um 3 Uhr Nachmittags, im Vereinslocal, H., Berggaffe 20, der letzte Vortrag in diesem Semester statt. Die Mitglieder werden um vollzähliger und pünktliches Erscheinen dringend gebeten. Gäste, Damen sind herzlichst willkommen. B. H. Austertitz. Am 29. März l. I. fand hier das Leichenbegängnis des in Sokolnitz bei Brünn verstorbenen Privatiers, Ignatz Jellinek, VaterS des Inhabers der Firma Caro L Jellinek, Herrn Adolf Jellinek aus Wien, statt. Der Verstorbene war ein seif made Man im reinsten Sinne der Wortes, ein ehrenhafter Charakter und Wohlthäter der Armen. Die Verdienste, die sich der Verstorbene um die leidende Menschheit erworben, hat Herr Rabbiner Dr. Max Steif in meisterhafter Rede gewürdigt. In ergreifendster Weise trug Herr Obercantor Josef Schön unter Assistenz des Lempelchores die Trauergesänge vor, worauf sich der imposante Trauerzug in Bewegung setzte und diesem Menschenfreunde bis zu dem entfernten Friedhofe das Geleite gab. — Die Tochter der bekannten Restaurateurin, Frau Rosalia Krauß, jFrl. Adele Krauß, hat sich Sonntag, den 14. April l. I. mit Herrn Jaques Graf aus Olmütz verlobt. ^rag. Der Verein der jüdischen Hochschüler „Bar Kochbah* veranstaltete am 22. d. einen Vortragsabend. Herr Aronotncz hielt über „Perez Smolensky" einen Vortrag, in welchem das Leben und Wirken dieses frühverstorbenen, hochbegabten. Schriftstellers einer eingehenden Würdigung unterzogen wurde. An den Vortrag, dem auch Damen anwohnten, knüpfte sich eine kurze, aber inhaltsreiche religiöse Debatte an. Zkrag. Dieser Tage fand hier die Verlobung des Frln. Hedwig 'W e i ß e n st e i n mit Herrn Mar Knöpfelmacher, dem Sohne des Herrn Rabbiners, Dr. Knöpfelmacher, statt. — Frln. Flora Springer, Tochter des Religionslehrers, Hern Sigmund Springer, hat.sich mit Herrn med. univ. Dr. Jgnatzj Mukden, Districtsarzt in Sablat im Böhmerwalde, verlobt. Szered. (Ein erschütternder Sterbefall.) Selten hat noch ein Todesfall so erschütternd auf uns gewirkt, wie das Ableben des Sohnes Benjamin unseres hock verehrten Herrn Rabbiners M. M. Pscherhofer, der in'der Fülle seiner Kraft und am Ziele seines Strebens stehend, im Alter von 26 Jahren am letzten Tage Chol hamoed Pessach nach kurzem Leiden, zum Schmerze seiner Eltern und zur Trauer der ganzen Gemeinde hinweggerafft wurde. Der junge Mann, der eben im letzten Monate an der Königsberger Universität, wo er studirte, seine Differtation eingegeben hatte und bei seinem reichen talmudischen Wissen einer der würdigsten Lehrer Israels zu werden versprach, dieser hoffnungsvolle Jüngling, der Einziggebliebene von drei Söhnen unseres ehrwürdigen Herrn Rabbiners — da die zwei älteren Söhne schon früher im jugendlichen Alter hinstarben — erkrankte einige Tage vor Pessach an Influenza, die in eine hochgradige Lungenentzündung ausartete und ihm ein rasches Ende bereitete. Die mit ihrem verehrten Rabbiner trauernde Szereder Gemeinde hatte aber die Gelegenheit, die Seelengröße und die große Frömmigkeit des Rabbiners und seiner ihm würdigen Gattin zu bewundern, da sie auch diesen Schlag, der geeignet ist, selbst den Stärksten niederzubeugen, mit Ergebung in den Willen Gottes er trugen, und durch dieses traurige Beispiel von Gottvertrauen lernte sie den wahren Sinn der Bibelworte trip# innpa verstehen und begreifen. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Schervel. (Nachdruck verbot«».) (4i. Fortsetzung.) „Allein, beherzigen will ich die ernste, schwere Lehre, die mir geworden ist; ich will anders denken und thun und nicht mehr blos mit dem einseitigen Blicke des Eigennutzes die Dinge betrachten. O, wie recht hatte meine Frau mit den Vorwürfen, die sie mir machte, wie richtig waren ihre Ansichten und Meinungen, welche zu bekämpfen, ich immer für klug und verdienstvoll gehalten habe! Wenn nur Gott den Iwan gesund werden lässt, gewiss, dann wollen wir besser werden, ich und er, das gelobe ich, das gelobe ich heilig!" Durch dieses Vorhaben fand Solkind seine Seelenruhe wieder und er konnte beson..enen Eifers sich mit seiner Fran in die Pflege des Kranken theilen. Die Letztere hatte hiebei Gelegenheit, die wohlthätige Umwandlung kennen zu lernen, die in dem Wesen ihres Mannes sich vollzog. Wo sie früher seinem Widerstand begegnete, traf sie jetzt ruhiges Nachgeben, wo er früher mit seinem ätzenden Spott sie kränkte, fand 'sie jetzt die ernste Ueberlegung bei dem, was sie miteinander zu verhandeln hatten,' und jene leichtfertigen Aeußernngen über religiöse Dinge, die ihr immer bis iu die Seele zuwider waren, hörte sie niemals mehr über seine Lippen kommen. Iwan Aronson genas — aber nur sehr allmälig. Monate gingen dahin, ehe er das Bett verlassen konnte, und auch da noch war das Herz der Eltern mit schlimmen Befürchtungen und banger Sorge erfüllt, denn die Folgen jener Verwunderung waren schwerer, als der Arzt sie berechnet hatte. Jndeß war eine gäuzliche Herstellung endlich zu erhoffen. Jedenfalls hatte das ganze Vorkommnis auch auf Iwan einen heilsamen Einfluss ausgeübt. Was an befferer Einsicht und richtigem Verstand in ihm noch schlummerte, das hatte jene Nacht in ihm wachgerufen, da er mit den Officieren zusammengerathen war. Auch er beschloss, ein anderer Mensch zu werden und die beruflichen Pflichten ernster ins Auge zu fassen, wie ihm denn auch Gott und Religion in jetzt ganz anderem Lichte erschienen. Seine Mutter war darüber ganz glücklich. Darum hatte sie ja so oft in ihrer frommen Gläubigkeit zu Gott gebeten. Sie sah sich erhört, sie sah ihren einzigen Sohn auf ganz anderen Bahnen. 12. Ein getretene Besserung. In den weitgedehnten, glänzend ausgestatteten Wohnräumen des Gutsbesitzers Winzew, mit welchen der Leser bereits bekannt geworden ist, vollzog sich heute etwas ganz Außerordentliches, ein Ereignis, wie es in den Annalen der russischen Gutsherrengeschichten noch nicht verzeichnet stand. Es fand daselbst eine jüdische Hochzeit statt, wohlverstanden, eine jüdische Hochzeit in der Behausung eines gut christlich gesinnten, griechisch-orthodoxen Russen. Die Zahl der Hochzeitgäste ist eine sehr beschränkte. Der Hausherr und seine Familie, Gebhard Wandelowicz und Frau, Abraham Glanzberg sammt Frau und ihre Tochter Clara, und verschiedene nahe Verwandte dieser Familie, und endlich treffen wir noch Deborah Setrop an. Es soll hier die Hochzeit von Alexander Wandelowicz und Fremma Glanzberg gefeiert werde». Hier — denn wie bis jetzt der flüchtige Nihilist in der Wohnung des edlen Russen Sicherheit vor der ihm nachstellenden Polizei gesunden hatte, konnte auch hier nur die eheliche Verbindung desselben mit Fremma Glanzberg sich vollziehen, um später mit einem von Winizew bereits besorgten Pa>s die Reise nach Paris zu unternehmen. Wir haben es unterlassen, den Leser mit den Verhandlungen, die bis dahin geführt wurden, bekannt zu machen, da sie nichts besonders Interessantes boten, und indem wir jetzt 'Alexander und Fremma ihrem Ziele zusteuern sehen, ergibt sich schon von selbst die Bereitwilligkeit, mit welcher auf beiden Seiten die Eltern dem Wunsche ihrer Kinder entgegenkamen. Das größte Verdienst hierbei gebührte sicherlich Clara. Sie hatte, nachdem sie Alexander näher kennen gelernt und nachdem sie die Ueberzeugung gewonnen, dass er von dem Nihilismus bekehrt sei, alles daran gesetzt, um die beiden Liebenden mit einander zu vereinigen. Allein nicht minder hatte Winizew für die Erreichung dieses Zieles beigetragen; und wie er es gewesen, der bei dem ersten Zusammentreffen mit dem verfolgten Studenten es darauf anlegte, ihn von den Banden des Irrwahnes zu befreien, so wachte er auch darüber, dass ihn der Arm des Gesetzes nicht erreiche, sorgte er dafür, dass ihm nach der Vereinigung mit dem Mädchen seines Herzens der Weg nach dem Auslande offen stand. Bei dem als echter Patriot bekannten Winizew hätte Niemand den verfolgten Nihilisten gemuthmaßt, aber dieser wäre der größten Gefahr der Ergreifung preisgegeben gewesen, wenn et dieses Asyl verlassen hätte. tFortsetzung folgt.)

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