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Die Wahrheit · 1901-04-19 · Heft 15 (19.4.1901) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 15 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit. Leite 11. / erregte Menge begann gegen den griechischen Erzbischof Drohungen und Schimpfworte auszustoßen, weil er nicht genug energisch gegen die Juden vorgegangen sei, und zwang ihn, den jungen Mann beim General-Gouverneur zu reklamiren. Bei vielen jüdischen Notabeln, welche im Frankenviertel und am Quai wohnen, wurden die Fenster eingeschlagen. Die Polizei hat viele Verhaftungen vorgenommen, zumeist von Fleischergesellen und sonst verdächtigen Burschen. Da gelang es mittags der Polizei, den Jungen in Gesellschaft eines seiner Freunde in einem Vororte ausfindig zu machen. Er gab an, nach einem Streite mit seinem Bruder den Entschluss gefasst zu haben, sich einige vergnügte Tage zu bereiten. Die Mutter, die davon Kenntnis hatte, verschwieg dies und streute das Gerücht aus, die Juden hätten ihr Kind umgebracht. Man schätzte die Zahl der an» gesammelt gewesenen Menge, welche beschlossen hatte, das Judenviertel zu stürmen, auf 10.000. — Bemerkenswerth ist auch hier wieder, dass es leider Christen waren, die an den Schwindel vom jüdischen Ritualmord glaubten, während die Türken Intelligenz genug besaßen, um sich nicht nur von Thätlichkeiten fern zu halten, sondern sogar die Juden gegen den Fanatismus der Griechen zu schützen. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) <45. Fortsetzung ) „Nun, Du hast ihm ja diesen Umgang gestattet, Du hast ihm ja die Mittel dazu hergegeben, diesen Umgang zu pflege»", erwiderte die Gattin destief betroffen dastehenden Solkind uno fuhr unbarmherzig fort: „Weil Du einen Stolz darin gesetzt, dass Dein Sohn mit Officieren umgehe, sahst Du über Alles das hinweg, was ein Vater sonst <m seinem Sohne zu beobachten hat. Iwan verbrachte seine Tage und Jahre im Nichtsthun und Du konntest es hingehen lassen, dass Dein Sohn, der einstige Träger Deines Namens, alles das mit Füßen trat, was unseren heiligen Glauben angeht. Du hattest nur ein Lächeln dafür. Und wenn er Geld verlangte, um dem Leichtsinn zu fröhnen, hattest Du es ihm jemals versagt?" „Schweige!" hatte Solkind seiner Frau auf ihre Vorhaltungen I nur zuzurufen. Aber diese gab dem Gebote keine Folge und entwickelte ih re Anklage gegen den Gatten also weiter: „Ich habe Dich oft genug auf die Fehler der Erziehung, die Du unserem Sohne gabst, aufmerksam gemacht, Ich habe Dich vor zu großer Nachsicht und falscher Zärtlichkeit gegen Iwan gewarnt. Das Verhältnis musste sich hier umkehren. Die Mutter musste Strenge fordern, während der Vater in allen möglichen Fällen der Verzärtlung Vorschub leistete. Hier hast Du die Folgen Deiner Erziehung. Mein mütterliches Herz blutet bei dem traurigen Ergebnis derselben, aber mein Bewusstsein spricht mich frei von jedem Vorwurf, der mich dabei treffen könnte.. Du hast Iwan dahin gebracht, wo er sich jetzt befindet." „Er ist doch mein einziger Sohn, und darum ist wohl das Maß der Zärtlichkeit für ihn 511 rechtfertigen, wenn es ein größeres gewesen ist." „Ganz falsch gedacht und gehandelt. Darum eben, weil er uns einzig ist, hätten wir dafür sorgen müssen, dass er zu einem mustergültigen Menschen heranwachse, hätten wir. und besonders Du als Vater, darüber zu wachen gehabt, dass ihm jeder Hang zum Leichtsinn sernbleibe und er nicht in Gesellschaften gelange, wo dieser geweckt und gefördert werde." Aronson wollte darauf antworten, als - der eintretende Arzt ihn darin störte. Doctor Wronza untersuchte die Wunde Iwans jetzt eingehend und war iln Stande zu constatiren, dass der Schädel wohl stark verletzt, das Gehirn indess nicht in Mitleidenschaft gezogen war. Es war für das Leben des allerdings schwer Verwundeten und durch den großen Blutverlust sehr Geschwächten nicht zu fürchten, wenn das Wundsieber den -regelmäßigen Verlauf nehme und nicht noch andere Krankheitserscheinungen nuftreten. Er empfahl die sorgsamste Pflege und Beobachtung des Kranken. Die beiden Gatten athmeten aus. Die schwerste Last war ihnen vom Herzen genommen, aber es war noch genug der Sorge im Hause, Am Aronson daS vergessen zu lassen, was er mit Wandelowicz vorhatte. Außerdem war der sonst zu Allem fähig gewesene Mensch durch das, was ihn jetzt betroffen, zur bessern Erkenntnis geführt. Er war empfänglicher für das Unglück Anderer geworden. Ihm kam zu Bewusst» sein der Kummer, der schreckliche Gram, der auch Wandelowicz bei dem Schicksal Alexanders überkommen, dass er als Vater den schrecklichen Schmerz zu tragen haben werde, von dem er selbst glücklicher Weise noch verschont geblieben, den Schmerz einen geliebten Sohn zu betrauern. Denn, dass Alexander in den Bergwerken Sibiriens so gut wie todt für seine Angehörigen sein werde, stand fest. Das Gewissen war zum ersten Male in Solkind lebendig geworden. Ein namenlos peinliches Gefühl ergriff ihn und heftig bewegt schritt er in seinem Geschäftszimmer, nach welchem er sich begeben hatte, auf und nieder. „Ja, wenn da noch Etwas zu ändern wäre" — sprach er für sich hin — „allein die Polizei wird die einmal ergriffene Beute nicht j fahren lassen, Jber Prozess wird ihm gemacht werden — und Du, Solkind, hast ihm ^dieses Schicksal bereitet. Vater und Mutter werden sich seinetwegen zu Tode grämen und denjenigen verfluchen, der sie um den Sohn gebracht. Mögen sie es thun, sprach der abergläubische, sich vor einem Fluche der Menschen mehr als vor Allem andern ängstigende Mann seine innere Unruhe niederkämpfend — es kann — es wird mir nicht schaden, denn was hätten^wir für einen Gott, wenn es also nach den bösen Wünschen der Menschen ginge. Es ^wird mir Hes nicht schaden, ich werde leben, es wird mir Wohlergehen. Wenn ich's ändern könnte, gewiss, ich thäte, aber ich vermag es nicht. (Fortsetzung folgt).' Anselm Freiherr von Rüthschild’sche Waisenstiftang. Bei der obigen Stiftung für die k. k. Reiehshaupt- und'Residenzstadt Wien für israelitische Waisen sind 21 Plätze von je 200 K an solche Waisen Israel. Religion zu vergeben, die in Wien zuständig sind und von -würdigen und armen Personen abstammen. hi Gemässlieit der stiftbrietiiehen Bestimmungen werden .von den zu betheilenden Waisen in erster Reihe solche bedacht werden, deren Väter entweder verarmte und nothleidende Kaufieute und Handelsgenossen, oder aber auch Künstler, d. h. Maler, Bildhauer, oder endlich Kunstgewerbe ausübende Handwerker waren. Andere Waisen, bei welchen diese speciellen Vorbedingungen nicht ein treffen, sind dann unter übrigens gleichen Umständen in zweiter Reihe zu berücksichtigen. Die mit einem Stiftungsgenusse zu betheilenden Waisen dürfen nicht weniger als 6 Jahre alt sein, und sollen zur Zeit ihrer Bewerbung auch nicht das! 8. Lebensjahr überschritten haben. Die im schulpflichtigen Alter Stehenden müssen die Schule besuchen, tadellose Sitten und mindestens einen guten Fortgang ausweisen. Stiftlinge, die in ihrem 15. Lebensjahre in den Genuss dieser Stiftung gelangen, können den Betrag per 200 K bei ausgezeichneter Verwendung und sehr guten Fortgang in ihren Ausbildungsstudien durch längstens drei aufeinander folgende Jahre ohne Unterbrechung beziehen, während die übrigen Bewerber den Stiftungsgenuss per 200 K in der Regel nur für ein Jahr erhalten. Gesuche, welche mit dem Zuständigkeitsausweise, dem Armuthszeugnisse, dem Nachweise der Vorweisung, dem Geburtszeugnisse, eventuell mit den Schulzeugnissen des Bewerbers, und!bei Geltendmachung des Vorzugsrechtes mit den Nachweisungen über dasselbe belegt sein müssen, sind bis 30 April d. J. im Einreichungs- Protokolle der israelitischen Cultusgemeinde (I. Seitenstettengass 4. I. Stock) zu überreichen. Auf später einlangende, oder nicht gehörig belegte Gesuche wird kein Rücksicht genommen. Gesuchsblanquette sind im Einreichungs-Protokoile während der Amtsstunden von 9 bis 12 Uhr unentgeltlich zu beheben. Auszüge aus den Geburts-, Trauungs¬ und Todtenmatriken der Wiener Israel. Cultusgemeinde sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich und genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten. Wien, 1. April 1901. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Wien. Aus den Erträgnissen der von dem am 14. September 1887 ia Wien verstorbenen Herrn Heinrich Stern errichteten Heiratsausstattungsstiftung gelangt ein Platz im Betrage von K. 280.— an ein armes, braves, jüdisches Mädchen — vorzugsweise an ein solches, welches mit dem Stifter verwandt ist — zur Verleihung. Die mit dem Geburts-, Armuths- und Sittenzeugnis, sowie mit der Bestätigung über die erfolgte Verlobung, eventuell dem Nachweise über die Verwandtschaft mit dem Stifter belegten Gesuche sind bis 30. Apri l 1901 im Einreichungsprotokolle der Israel. Cultusgemeinde Wien, I., Seitenstetten gasse4, I. St. zu überreichen, und werden dortselbst Gcsuchsblanquette unentgeltlich verabfolgt. Auszüge aus den Geburta- Trauungs- und Sterbematriken der Israel. Cultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich, sondern genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten. Verspätet überreichte oder meht entsprechend belegte Gesuche werden nicht berücksichtigt. Wien, 1. April 1901. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Wien.

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