Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063070--01217-3067788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8. Die Wahrheit. Seite 9. „Rudolflbirnd" hatte, den Ersten Leopoldstädter Lumpenball zu arrangiren, das bewies der massenhafte Besuch, den dieses Fest aufwies. Schon lange vor Beginn des Festes musste die Abendcafsa gesperrt werden, da der Saal kaum die eingelassenen Personen fassen konnte. Ein Wogen und Lärmen erfüllte den Saal, unwillkürlich griff man öfter nach Uhr -und Kette, um zu sehen, ob sie noch da seien, die unverfälschtesten Lumpentypen erfüllten den Saal, die ausgelassenste Lustigkeit, echte Faschingslaune herrschte, ohne dass die ihres Amtes streng waltenden Ordner auch nur einmal ihre Function hätten ausüben müssen. Der vom Tanzarrangeur Gottfried Weiß zusammengestellte Lumpenzug entfesselte Lach- Und Beifallsstürme, wie sie der Bayrische Hof wohl kaum je erlebte. Daran fuhr ein Radfahrer im Jahre 2060 (Gustav Pollak), welchem das musikalische Lumpenquartett Derway vom Kaiser Jubiläumstheater folgte, sodann folgten die verkrachten Sportsleute in einem Automobil (18 Personen unter Führung des Herrn Leppa), ein ,gefährlicher Raubschütze", beladen mit einem Hirschen, Hasen und Geflügel (Herr Hasmann), gefesselt geführt von einem Förster (Herr Wiplacha), eine Brandlegerin und Kräutersammlerin" (Frln. Kribala) geführt von einem Nachtwächter (Herr Ant. Hofer), „Krach 1873" (Herr M. Pöck), unzählige Gruppen und Einzelntypen, als Blumenmädchen, schöne Otero, Drasche- -feldgigerln re. rc. Während der Ruhepause erheiterte das Lumpenquartett Derway das Publikum durch seine komischen Vorträge. Preise erhielten die Damen Frln. Rottenstein 1. Preis, eine goldene Damenuhr, Frln. Gisa Stiassny 2. Preis, eine silberne Damenuhr, Frln. Schuster 3. Preis, ein goldenes Armband, die Herren Förster Wiplacha, Max Pöck, Geidusschek, Reiter, Sonnenfeld. Die drei Gruppenpreise wurden zuerkannt: 1. Preis 2000 Heller in Barem (2 Säcke ä 1000 Heller) dem Wildschützen und Förster, 2. Preis 1000 Heller der Automobilgruppe, 3. Preis 600 Heller der Brandlegerin und dem Nachtwächter. Lumpen-Ansichtskarten fanden reißenden Absatz. Die Musik des Jnft.-Regt. .Nr. 84 spielte unermüdlich bis in die und Morgenstunden im Club-Cafs „Orient" wurde weitergelumpt. Die „Lumperei" führt dem Bekleidungsfonde dieses Vereines ein nettes Sümmchen zu. Meu. Diesen Samstag feiert Herr I. S i g n e r, der seit dem Jahre 1880 als Vorbeter im Betlocale des hiesigen Landesgerichtes von der Cultusgemeinde angestellt ist, in vollster leiblicher und Geistesfrische den 80. Geburtstag. Derselbe stammt aus Waag-Neustadtl, fungirte daselbst einige Jahre an der dortigen Schule und später in Szegedinjals Rabbinats- Verweser. Der Jubilar"ragt hervor durch immense Belesenheit in der talmudischen Litteratur, zugleich aber auch durch Bescheidenheit und wahre Gottesfurcht. Wir wünschen demselben einen glücklichen Lebensabend, «d meoh schonoh! —n. Kkoridsdorf. Die Beliebtheit, deren sich der seit 25 Jahren im uahen Donauseld wirkende Volksschullehrer Herr Adolf Ehrenfest erfreut, zeigte sich besonders anlässlich dem am 9. d. M. von ihm gefeierten Jubiläums. Eine große Schaar von Freunden und Verehrern Brachte Ehrengeschenke und Gratulationen, und sei zunächst der k. k. Bezirks-Schulinjpector Herr Joses Holitschek erwähnt. Den Gipfelpunkt des Festes erreichte dieser Ehrentag bei der gottesdienstlichen Ehrung durch den Bezirksrabbiuer Dr. M.Z Rosenmann. In seiner Predigt betonte derselbe die Wichtigkeit des R:ligionsunterrichtes als Stütze der rabbinischen Thätigkeit, anknüpfend an die Worte des Wochenabfchnittes (Exod. 18, V. 22), dabei namentlich die Tüchtigkeit, Gottesfurcht, Vertrauenswürdigkeit und ideale Gesinnung des Jubilars rühmend und hervorhevend, dem er noch langjähriges, ersprießliches Wirken im Dienste des Judenthums und der Jugend uamens der Gemeinde und feiner selbst wünschte. —n. H»rag. Am 15. d. M. fand hier das Leichenbegängnis der Gattin des Dr. Nathan Robitschek, Frau Eva Anna Robitschek statt. Die Trauergesänge executirte Herr Cantor Leo Mirsky mit dem-Tempelchore, Herr -Prediger Dr. Fischer (hielt die ergreifende Trauerrede. Am jTrauerzuge betheiligten sich auch u. A. zahlreiche Vorsteher diverser Wohlthätigkeitstzereine, denen die Verstorbene, die in der hiesigen Gesellschaft hochgerchtet war, eine eifrige Förderung angedeihen ließ. Srag. Am 16. d. M. wurde hier Herr Samuel Angel zu Grabe getragen, der «^zahlreichen Wohlthätigkeitsanstalten und Vereinen Prags in hervorragender Weise sich allezeit bethätigt hat. Auch seine würdige Gattin entwickelt in vielen Wohlthätigskeitsvereinen eine emsige Thätigkeit. Das "Begräbnis des Herrn Angel fand unter sehr zahlreicher Betheiligung der Vohlthätigkeitsvereine statt. Am Grabe hielt Herr Dr. Duschenes im Namen des isr. Freitischvereines einen warmempfundenen Nachruf. Ferner fprach noch ein Schüler als Pflegling dieses Vereines und Herr Feld- Prediger Dr. A. Kisch im Namen des patriotischen Hilfsvereines. Urody. Mittwoch, den 13. Februar verschied der hiesige Rabbiner Jsaac Chajes, ein Sohn des bekannten Hirsch Chajes s. A. DerBerftorbene war ein Mann von seltenem Charakter und außerordentlicher Rechtlichkeit und Bescheidenheit, einer der hervorragendsten Talmudisten alten Schlages. Ein wahrhaft genialer Scharfsinn gestaltete seine Borträge zu dialektischen Meisterwerken und gewährte seinen Jüngern einen geistigen Hochgenuß. Im Gegensätze zu den meisten Rabbinern Galiziens erkannte er das Lehren als die wichtigste Seite seines Berufes und weihte demnach seinen Schülern den besten Theil seiner Zeit und Kraft. Streng orthodox im Leben wie im Forschen, bedeutet er hierin einen Rückschritt gegen seinen modern angehauchten Vater. Wenn er seine ganz ungewöhnliche Begabung in den Dienst wissenschaftlicher Kritik gestellt hätte, wären so manche „cruces" des rabbinischen Schriftthums in die rechte Beleuchtung gekommen. Die Talmudisten beklagen den Verlust eines ersten Meisters und mit ihnen trauert Brody um sein verehrtes Oberhaupt. Von seinen Schriften wurde bisher nur ein Buch (pn*' rp») über Maccoth veröff.nrlicht, das Kennern reiche Anregung gewährt. Es dürfte sich aber im Nachlasse manches druckreife Werk befinden. Er starb im Alter von 58 Jahren. An seiner Bahre sprach unter vielen Anderen der Lemberger Rabbiner Schmelkes. ZSerilütigung. In dem Artikel „Einiges über jüd. Realschulen" Nr. 7 der Wahrheit Zeile 2 lies: statt „Religionsgemeinde" zn Frankfurt a. M. „Religioiisgesellschaft" und Zeile 4 statt „Israel. Religionsschule" (in Fürth) „Israel. Bürgerschule". Der Nihilist. Ein Zeitroman aus d e in r u s s i s ch - j ü d i s ch e n Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (43. Fortsetzung.) „Wenn Sie, Herr Wandelowicz," meinte er, „auf eine Zurückerstattung des Geldes rechnen, so thut es mir leid. Ihnen schon von vorneherein sagen zn müssen, dass die Aussichten hierfür durchaus nicht günstig für Sie sind. Diese Sorte von Menschen hat noch niemals etwas herausgegeben, wenn sie es einmal in ihrer Gewalt hatte. Jndest wollen wir es an Versuchen nicht fehlen lassen." Niedergeschlagen kam Wandelowicz nach Hause. Er war wohl der reiche Mann, um selbst den Verlust eines solch' enormen Capitals verschmerzen zu können, allein die Consequenzen, die sich sonst noch aus diesem unseligen Geschehnis ergaben, wirkten erdrückend aus ihn. Der Eclat, den die Scheidung der nicht einmal ein volles Jahr andauernden Ehe Hervorrufen, das Stadtgerede, das sich so sehr mit ihin und seinem Kinde zu beschäftigen habe, die frohe Genugthuung, die so mancher über das, was ihn betroffen, empfinden werde — dieses Alles vereinigte sich bei dem so sehr in seinem Stotze und Ehrgeize gekränkten Man» um einen Mismuth zu erzeugen, den er bisher niemals gekannt hatte. Zum erstenmal kam ihm der Gedanke, ob der Weg, den er zur Hebung seiner gesellschaftlichen Stellung bis jetzt eingeschlagen, nicht ein verfehlter gewesen, ob dieses Anschmiegen an den christlichen Verkehr auf Kosten der Religion, in welcher sein Vater und Großvater so glücklich gelebt, ihm nicht diese bittere Frucht gezeitigt und zu kosten gegeben? Es üöerkam ihn die Reue, also gehandelt zn haben, und dieses Gefühl theilte auch ganz und voll seine Gattin mit ihm, als sie sich mit einauder über die ihnen gewordene Enttäuschung ausspracheu. Was hatte ihnen dieses Buhlen nach dem Wohlwollen der Andersgläubigen eingetragen, was hatte ihnen dieser Verkehr mit den aristokratischen christlichen Familien mehr gegeben, als das Herzleid, eine bereits verheiratete Tochter wieder in das Haus nehmen zu müssen, nehmen zu müssen als Christin, wo sie selbst noch Juden waren? Während der Zeit, in welcher der Rechtsanwalt die schwebende Auseinandersetzung^mit dem Lieutenant Rutowski behandelte, war bereits in Wandelowicz die Absicht ausgetancht, sein Besitzthum in Warschau zu veräußern, diese Stadt zu verlassen und an einem Orte sein Domicil zu nehmen, wo das fatale Vorkommnis in seiner Familie nicht gekannt war und wo er auch Gelegenheit habe. Frieda wieder zum Judenthum zurückzuführen. Diese Abficht bildete sich allmäliz zum festen Entschlüsse aus. Die Verhandlung mit Ratowski führte dahin, dass dieser wohl in die Scheidung willige, aber nur mit der Bedingung, dass kein Anspruch auf Zurückgabe der Mitgift an ihn gestellt werde. Wandelowicz biss auch in diesen saueren Apfel. Nach einem Jahre, finden wir ihn bereits in Wien vor. Die ernsten und schweren Lehren, die er empfangen, ließen ihn hier mehr den Juden sich anschließen, was er auch niemals zu bereuen hatte. Frieda war wieder Jüdin und heiratete später einen jüdischen Rechtsanwalt, mit dem sie recht glücklich kebt. (Fortsetzung folgt.)