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Die Wahrheit · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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(w£ü'£ 4. Die lOayryen. ')lx. 2. habe er sich vollständig angeeignet. Indessen war er ein Mann von entschiedener geistiger Begabung und peinlicher Rechtschaffenheit. Seinen Kindern ein höchst gewissenhafter, ebenso strenger wie liebevoller Vater, war er eifrig bemüht, ihnen die Erziehung theil werden zu lasten, die er selbst hatte entbehren müssen. Die Mutter, die eine ausgezeichnete Erziehung genossen hatte, zeichnete sich in auffallendem Contrast zu dem lebhaften, ja zuweilen heftigen Naturell ihres Mannes durch außerordentliche Ruhe und Schweigsamkeit aus. Die glückliche Ehe der trefflichen Eltern Simson's hat beinahe 57 Jahre gewahrt. Der Vater starb am 15. December 1876 im 92. Lebensjahre, die Mutter am 8. Marz 1866, beinahe 80 Jahre alt. Alle ihre fünf Kinder waren ihnen erhalten geblieben." Welche Umstande die Eltern Simson's veranlassten, ihre Kinder schon in früher Jugend dem angestammten Glauben zu entfremden und denselben nachher auch selbst zu verlassen, ist in den die Jugendzeit Simson's überhaupt nur siüchtig berührenden „Erinnerungen" nicht erwähnt. .Die Conversion wird dort nur mit folgender kurzer Bemerkung erwähnt: „Da die Eltern beschlossen, ihre Kinder zum christlichevangelischen Bekenntnis übergehen zu lasten (zu dem sie in späteren Jahren auch selber übergetreten sind), so war Eduard im Jahre 1823 (wahrscheinlich kurz vor seiner Barmizwah) getauft und 1825 durch den Consistorialrath Köhler eingesegnet worden — einen Mann, der einen großen Einfluss auf ihn gewann und dem und seiner Famile er vielen Dank schuldig wurde." Auf den weiteren Inhalt dieses hochinteressanten Buches, in welchem, anknüpfend an den Lebenslauf Eduard v. Simsons, fämmtliche wichtigen Ereigniste in der Geschichte Deutschlands von 1848 an bis in die letzten Jahre vorgeführt werden, wollen wir hier nicht näher eingehen, aber die eine Thatsache dürfen wir nicht unerwähnt lasten, dass die zahlreichen in dem Buche ertthaltenen Briest-, die von gekrönten Häuptern, Staatsmännern, Feldherren, Historikern rc., mir einem Worte von Männern, welche die Geschichte des 19. Jahrhunderts in so bedeutendem Maße beeinflusst haben, an den als Juden geborenen Politiker- Eduard v. Simson gerichtet sind,7 eine glänzende Widerlegung jener antisemitischen Racentheorie bilden, die mit allen Künsten die Inferiorität der jüdischerr Race beweisen und ihr jedes ideale Streben absprechen möchte. Ein nicht minder interestantes Capitel widmet auch Alfred Freiherr v. Berger im „Vaterhaus" der Familie seines Vaters. Er sagt: „Ich bin überhaupt so recht der Race nach Oesterreicher. In meinen Adern fließt deutsches und ein wenig slavisches Blut, dem vielleicht einige magyarische Tropfen beigemengt sind, gewiss aber in starker Verdünnung etwas jüdisches Blut. Im Jargon der modernen Raceantisemiten bin ich also als „Judenstämmling" zu bezeichnen. Das mütterliche Großelternpaar des Vaters war jüdischer Race und Religion, seine Mutter wurde schon als Kind getauft. Meine übrigen drei Urgroßelternpaare waren katholische Christen und keine Semiten. Mehr ist mir von ihnen nicht bekannt. Nach einer Mittheilung des Vaters sollen die jüdischen Vorfahren aus Hessen in Mähren eingewandert sein. Er selbst wurde im Jahre 1916 in Proßnitz in Mähren geboren; seine Gymnasialstudien hat er in Olmütz absolvirt. Mein Vater konnte als lebender Beweis für die Richtigkeit der Meinung Bismarks gelten, welcher sich von der Kreuzung der deutschen mit der jüdischen Race günstige Züchtungsergebniste versprach. Er war von ähnlichem Schlage wie der letzte Finanzmimster des Ministeriums Taaffe und jetzige Vicepräsident des Obersten Gerichtshofes, Dr. Emil Steinbach, der eine gewisse geistige Familienähnlichkeit mit dem Vater hat und wohl auch als politische Individualität dem sehr nahe kommt, was der Vater geworden wäre, wenn der Tod seine Entwicklung nicht vorzeitig abgeschnitten hätte. Ich kenne noch einige Menschen dieser Art — iämmtliche „Judenstämmlinge". Alle haben etwas geistig Sprühendes und es fehlt ihnen vielleicht sogar jenes Gran Bornirtheit, mit welchem der Geist legirt fein muss, um für das wirkliche Leben ganz brauchbar zu sein. Die körperliche Erscheinung des Vaters verrieth seine theilweise jüdische Abstammung nur dem feinen Kenner. Die Nase war leicht gebogen, das natürlich gelockte Haar war viel dunkler als der schüttere blonde Schnur- und Knebelbart, über dem auf dem Kinn eine spärliche „Fliege" saß. Dieser Helligkeitsunterschied zwischen Haupthaar und Bart sowie die Anlage zum natürlichen, nicht vom Barbier zurechtgestutzten Knebelbart kommt, wie ich beobachtet habe, bei Juden nicht selten vor. In der Sprechweise des Vaters war nicht der leiseste jüdische Accent, vielmehr hatte sein Deutsch eine leichte mährische Färbung nie ganz abgestreift. Vielleicht verdankte er seinen semitischen Ahnen die unglaubliche Schnelligkeit und Präcision der Gedanken- und Begriffsbildung sowie die Gelöstheit der Zunge, welche ihn in stundenlangen Reden, wie auch im Leben, sich kaum je versprechen und ihn bei der Auswahl der Worte, mit unfehlbarer Sicherheit immer den haarscharf treffenden Ausdruck finden ließ.. Etwas davon mag auf mich übergegangen sein." Die neue Äera in der Wiener Cultusgemeinde. Als ungefähr vor Jahresfrist in öffentlicher Vorstands - sitzung der Wiener Cultusgemeinde über die Einführung von Wahlkörpern verhandelt und die Schaffung einer Curie der Hochbesteuerten angeregt wurde, haben wir, selbst auf die Gefahr hin, als reactionär verschrieen zu werden ^und an Popularität einzubüßen, in diesem Blatte die geplante Aenderung der Wahlordnung gutgeheißen, weil wir in derselben ein geeignetes Mittel erblickten, die mißlichen finanziellen Verhältnisse der Wiener Cultusgemeinde zu bessern. Dabei leitete uns auch die Erwägung, dass die Wiener Cultusgemeinde, die in den letzten Jahren in demagogisches Fahrwasser zu gerathen drohte, durch den gegenwirkenden Zug nach oben wieder in jene goldene Mittelstraße gelenkt werden könnte, welche die Voraussetzung für eine gedeihliche Entwicklung der Gemeindeinstitutionen bildet. Die Wahlreform wurde in zahlreichen Versammlungen heftig angegriffen, nur Wenige konnten sich mit ihr befreunden, und allgemein wurden Zweifel laut, dass es den Hochbesteuerten mit dem Eintritte in den Cultusvorstand und der persönlichen Theilnahme an der Verwaltung der Gemeinde nicht so sehr ernst sei. Hat nun schon die am 4. December v. I. erfolgte Wahl aus der Curie der Höherbesteuerten, die durchwegs Männer von hervorragender gesellschaftlicher und socialer Stellung in den Cultusvorstand entsandte, die früheren Gegner der Wahlreform eines Besseren belehrt, so musste die erste, am 6. d. stattgehabte Sitzung des neuen Cultusvorstandes auch die letzten Zweifel besiegen. Die ernste und würdige Form und der von echt jüdischem Geiste durchwehte Inhalt der Erklärung, die Herr Ritter v. T a u s s i g namens der aus der neuen Curie Gewählten als Erwiderung auf die Begrüßung des Präsidenten abgab, bot die erfreuliche Erscheinung, dass auch in den höheren Kreisen der Wiener Glaubensgenossenschaft die Anhänglichkeit an das Judenthum ungeschmälert fortbesteht und das Interesse an den Vorgängen in der Cultusgemeinde eine warme und überzeugungstreue Bethätigung findet. In diesem Sinne ist die constituirende Sitzung des Cultusvorstandes eine historische zu nennen, und vielleicht datirt von diesem Tage an der Beginn einer neuen Aera, die die Wiener Cultusgemeinde wieder zu neuer Blüthe und zu .segensreicher ^Entfaltung führt. Dies waren unsere Eindrücke von der ersten Borstandssitzung in dem heurigen Jahre, über welche 7wir im Nachstehenden ausführlich berichten:! Begrüßung durch den Präsidenten. Der Präsident kais. Rath K l i n g e r eröffnet die Sitzung um 10 Uhr 45 Min. mit folgender Ansprache: „Meine geehrten Herren J Wie in der Ihnen zugegangenen Einladung zur heutigen Sitzung bereits mitgetheilt worden ist, obliegt es mir als dem bisherigen Präsidenten der Cultüsgemeinde die heutige constituirende Versammlung zu leiten. Ich gebe mir sohin die Ehre, die Sitzung für eröffnet zu erklären

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