Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 1. niffeu und noch hervorragenderem Gerechtigkeitssinn in den Weg; ein Mann, welcher in seinem Wochenblatte „Monitor" den Muth hatte, die ganze Corruption der galizischen Sparcassarnanner aufzudecken; der überall mit der Fackel hinleuchtete, wo ein moralischer Sumpf und eine Fäulnisstätte in der Lemberger Gesellschaft, im Dunkel und Nebel sich etablirte, und niemals die Religion des Beeinzichtigten, sondern stets nur das Laster geißelte und vor die Oeffentlichkeit zerrte. Kein Wunder, dass derselbe gewissen Leuten im jüdischen Halblager misfiel, allein diesmal haben sich in der jüdischen Gemeinde Lembergs Männer gesunden, welche wie aus Commaudo gegen den Vorstand und für den radical-democratischen Candidaten, Herrn Ernst Breiter, stimmten. Dieser neigt sich dem Zionismus und der conservativen Richtung um so eher zn, als er, ein Freund der Wahrheit, das erkünstelte christliche Judenthum für unecht und nicht lebensfähig hält. Für ihn stimmten die guten Juden und Rabbiner der Umgebung Lembergs, und mit ihnen ihre Parteien. Ernst Breiter erhielt 14.000 Stimmen und erscheint somit als erster Abgeordneter der V. Curie, welcher berufen ist, als Volkstribun im wahren Sinne des Wortes im Reichsrathe gegen die Bedrückung der „Schlachta" und Unterregierung in Galizien auszutreten. Seine unabhängige Natur bringt es mit sich, dass er sich dem Polenclub nicht anschlicßt und seinen Mund zum Tragen eines Maulkorbes nicht hergibt. Die dritte Curie legte die Unterregierung mit Beschlag. In derselben traten zwei Candidaten, der Landsmann-Minister Dr. Pientak und Herr Dolemha. aus. Der Hochdruck aller Regierungen lastete auf Lemberg. Der Statthalter that dem Lemderger isr. Cultusvorstande, den Rabbinern und Predigern seinen Willen kund, unser Cultusvorstand ließ sich natürlich als Wahlcoüegium misbrauchen, und da einige Repräsentanten im Schlachzrzen-Wahlcomite sitzen, so bewaffneten die Herren der jüdischen Cultusrepräsentanz alle Männer und betrieben die Sache der Agitation mit wahrer Selbstverläugnung. Der ganze Beamten apparat mit Geld beladen bestieg alle möglichen Vehikel, um Stimmen herbeizuschaffen sür den Landsmann-Minister, dem die Thore der Klöster sacrosanct und undurchdringlich sind. Selbst Rabbi Schmelkes musste einen Hirtenbrief erlassen, um ja nur die polnische Alleinherrschast zu schützen und zu sördern. Die Treiberei gelang aber nur zum Theile. Wohl wurde der Minister mit knapper Noth gewählt, aber die Agitation zu Gunsten seines Partners war erfolglos, nnd Dolembn blieb in der Minorität, da die meisten jüdischen Stimmen dein liberal sein sollenden demokratischen Candidaten Tadeusz Romanowicz zufielen, welcher mit eiuer imposanten Majorität gewählt wurde. Lemberg wählte somit zwei oppositionelle Abgeordnete und den Landsmann-Minister. Wäre die Wahl des Ministers nicht durchgedrungen, so hätte sich eine ganz andere politische Constellation in Galizien herausgestalten müssen. Allein unsere polnischen Reichsräthe mosaischer Consession zitterten allzusehr sür ihre Mandate, als dass sie nicht das Geschäft der 60 großen Herren zu dem ihrigen gemacht hätten. Wer wird nun die Zeche bezahlen? Natürlich wieder dieselben Juden, um deren Stimmen man von oben, wie von unten gebuhlt hat. Die Vergewaltigung der jüdischen Rechte, die Entführung jüdischer Kinder, das Eintreiben der Erwachsenen in den Schooß der allein seeligmachenden Kirche bei sonstigem Verluste des Avancements und Verweigerung der Ausnahme in ein staatliches oder städtisches Amt — alle diese bedaurrnswerthen Zustände werden nach wie vor Wetter herrscheil. Ader unsere Vorkämpfer sür Polens Herrlichkeit und Größe, welche im Schweiße ihres Angesichtes sür den Polenclub aginrten, werden sich und den jüdischen Wählern Rechenschaft oblegen müssen, in wie weit sie das jüdische Interesse gewahrt Hab n durch ihre kopfhängerische, zage und unfreie Politik — die Politik der Schleppträgerei ÄUS dem Wiener Cultusvorstande. An der Neige des Jahrhunderts, am 30. December v. I., hielt der Vorstand der Wiener Cnltusgemeinde unter Vorsitz des Präsidenten, kais. Rath Heinrich K l i n g e r, die Schlusssitzung der mit dem Jahre ablaufenden Wahlperiode ab. Dieser Sitzung wohnte insoserne auch ein gewisses geschichtliches Moment inne, als in derselben die Vorsteher zum letzten Maie nach dem alten, nunmehr außer Geltung gesetzten Wahlstatut vereinigt waren. Unter den erstatteten Referaten war besonders eines von hervorragendem, allgemeinem Interesse, und zwar das Referat des Obmannes der III. Section, Baurath v. Goldschmidt, über den nencreirten Verband zur Wöchnerinnen-Unterstützung. Unter! Mitwirkung der jüdischen Frauen-Wohltbätigkeits-Bereine, der Cnltusgemeinde und des Vereines „Providentia" wurde da eine segensreiche Institution geschaffen, die vom Geiste wahrer und echterHumanität durchweht ist und sämmtlichen betheiligten Factoren zur Ehre und zum Ruhme gereicht. Im Nachfolgenden der Bericht : Nach Eröffnung der Sitzung gelangt der Spendeneinlauf zur Verlesung: Herr Alois Reich übermittelt K. 2400.— zur Errichtung einer Lotti Reich geb. Schönbek'schen Widmung behufs Verthei lung der Jahreszinsen an zwei arme weibliche Kranke isr. Consession, ferner K. 2000.— zur Errichtung einer Flora Reich'schen Widmung behufs Verwendung der Jahresinteressen für eine arme isr. Wöchnerin. — An Spenden sind ferner ein« gelaufen: Vom isr. Frauenwohlthätigkeits-Verein „Frauenhort" für den Verband zur Unterstützung armer isr. Wöchnerinnen K. 125.—, von Herrn Alfred Pollak sür das Alterversorgüngshaus K. 50.—. Für die Ausspeisung armer Schulkinder in der Brigittenau s.) bei der Cnltusgemeinde eingelaufen: S. H. K. 30.—, Anonymus K. 10.—, Sofie Hoffmann K. 10.—, Sal. Kühner K. 4.—, Schlesinger (Eger) K. 2.—; b) zu Händen des Herrn Dr. Berger: zum Gedenken des Todestages des sel. Herrn Bernhard Krisower von Frau Katharina Brüll K. 20.— und von Frau Julie Kunewalver K. 10.—, Frau Katharina Schütz 10.—, Herrn Jacob Kann K. 10.—, L. L. Wr.-Neustadt K. 2.—Herr Berthold Schlesinger, M.-Ostrau K. 4.—, von einem bayr. Juden, Nürnberg K. 12.—; zu Händen des H:rrn H. Weiner von: Herrn Josef Wünsch K. 25.—, Frau Charlotte Meller, Oedenburg K. 10.—, R. v. B. in Graz K. 5.—, Fr. Max Sauer K. 2.—, Gebrüder Schwadron K. 5.—, Herrn Sigmund Barber K. 10.—, Herrn Architect Fuchs K. 2.—; Frau Martha Händel div. Kleidungsstücke für die Kinder. Ueber Vorschlag des Präsidenten, der es nicht für angezeigt hält, dass die Verificirung des heutigen Protokolles in der nächsten Sitzung des durch die Neuwahl bereits completirten Vorstandes erfolge, werden die Vorstandsmitglieder Dr. Rappaport und Direktor Simon zu Verificatoren bestimmt. Die hierauf zur Verlesung gelangenden Protokolle der beiden letzten öffentlichen Plenarsitzungen vom 9. und 16. December über die Budgetberathung erfahren durch die Herren kais. Rath Wilhelm Pollak, Dr. Berger, Vicepräsident Dr. Stern, Emanuel Hofmann, Salo Cohn und Dr. Rappaport einige Berichtigungen und werden sodann verificirl. Dr. Berger reserirt namens der I. Section über das Ansuchen des Bethausvereines „Chassidim" um Gewährung eines in drei Raren rückzahlbaren Darlehens von 6000 Kronen behufs Erlag einer Caution für die Bethauslocalitäten. Da der Erlag der Caution am 1. November 1900 erfolgen musste und die Angelegenheit bis zu diesem Termine im Plenum nicht erledigt werden konnte, hat das Vertreter-Collegium das Darlehen in der genannten Höhe bewilligt und zur Auszahlung angewiesen. Der Referent beantragt, dem Beschlüsse des Vertreter-Collegiums die nachträgliche Genehmigung zu ertheilen, und verweist zur Unterstützung seines Antrages auf den Umstand, dass der genannte Bethausverein ein ihm früher ertheiltes