Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 46 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46. Die Wahrheit. Seite 9. des alten Judenthums ließen ibn auf die leitende Stelle einer theologischen! Lehranstalt in Budapest gern Verzicht leisten, zumal ihm in der Residenz! ein weiter und wohlthätiger Wirkungskreis geboten war, der nahezu seine ganze Kraft absorbirte, bis die Sonne seines Lebens niederging.! Nach Absingung des LI male rachamim schloss mit dem Maariw-Gebet j die solenne Feier. j Wien. Sonntag, den 9. d., veranstaltete die humanitäre Tisch. 1 gesellschaft in Sohr's Restauration wie in früheren Jahren das Bekleidungsfest für alte Männer. Das Fest gestaltete sich zu einer erhebenden Feier. Es wurden 27 arme, Israeliten im Alter von 60 bis 96 Jahren mit vollständigen Winterkleidern betheilt, wobei sich zahlreiche Mitglieder und Gäste eingefunden harten. Das Fest wurde mit dem Chor „Die Himmel rühmen" von Beethoven eingeleitet, welcher vom Männerchor des türkischen Tempels, verstärkt durch den zu wohlthätigen Zwecken immer bereiten Herrn Chorvirigenten Heymann und den Tenoristen Strix unter Leitung des Dirigenten Isidor Löwit wirkungsvoll vorgetragen wurde. Hierauf begrüßte der allgemein verehrte und auf humanitärem Gebiete bestbekannte Obmann, Herr Isidor Schwarz, die erschienenen Ehrengäste: die Herren Obercantoren I. Bauer und B. Guttmann, Bezirksrath Mensch, den Obmann des Montefiore Bethaus- Vereines I Weiß, die Mitglieder und die alten, armen Giaubensgenoffen. In geistreicher, herzlicher Rede gedachte Herr Schwarz des kürzlich verstorbenen Mitgliedes, Herrn Philipp Weiner, der als Wohltäter bekannt war, dankte den Wohlthätern und Gönnern für die Förderung, und wendete sich zum Schluss an die zu Betheilenden, welche an einem Tische versammelt waren, mit der Bemerkung, dass sie diese Kleider als Ehrenkleider von Glaubensbrüdern gewidmet tragen mögen. Diese Rede wurde mit allgemeinem Beifalle ausgenommen, worauf Obercantor Guttmann einen vom Chordirigenten I. Löwit componirten Trinkspruch vortrug. Dr. Emanuel Spitzer dankte im Namen der ganzen Gesellschaft dem verdienstvollen Obmann. Herr Carl Boccowitz, Obmannstellvertreter der Gesellschaft, dankte im Namen der Mitglieder dem Obmanne für seine aufopfernde Thätigkeit. Ueber Ersuchen des Obmannes und der ganzen Gesellschaft trug Obercantor Bauer einen „Mischeberach" vor, der ihm jubelnden Beifall eintrug. Zum Schluffe verrichtete Obercantor Guttmann am Tische der Alten, die auch bewirthet worden waren, das Tischgebet in echt traditioneller Weise, wofür die Alten unter Thränen ihren Dank aussprachen.! Wien. Montag, den l0. d. M., ist hier der Director der Insuj rance Company of North America, Herr Benedikt dl. L a n g b a n k,! nach längerem Leiden im 53, Lebensjahre gestorben. Der Verblichene, j ein Sohn des bekannten Gelehrten Alexander Langbank in Jaroslau,! war von außerordentlicher Herzens güte und ein eifriger Förderer aller j möglichen, besonders aber der jüdischen Woblthätigkeits-Jnstltute. Ein > guter Jude in des Wortes edelster Bedeutung ist mit ihm dahingeschie-! den. Die Lerche wurde Mittwoch, den 12. d., nach Jaroslau überführt, j ZSre». (I s r a e l i t i s ch e P i l g e r i n P a l ä st i n a.) Die Pforte ' hat nach einer aus Konstantinopel zugehenden Meldung den fremden! Misiionen in einer Circularnote mitgetheilt, dass in Bezug auf die sich j nach Palästina begebenden israelitischen Pilger ein eigenes Reglement > ausgearbeitet worden sei, welches aus die Verhinderung der festen An-! siedlung der bezeichneten Categorie von Pilgern in der genannten Pro-; vinz abziele. Zu diesem Zwecke habe die Pforte festgesetzt, dass für die r Dauer derartiger Pilgerfahrten (Hin- und Rückreise) ein Maximum von j drei Monaten einzuräumen sei.! Arag. Dieser Tage wurde hier der 15jährige Sohn Paul des! angesehenen Advocaten und Vorstandsmitgliedes des Neuen Tempels i I. U. Dr. Sigmund Schneider unter großer Theilnahme zu Grabe! getragen. Die Trauerfunction versah Herr Cantor Leo Mirsky.! Saaz. Am 9. d. M. starb hier Herr Josef Koch, einer. Lehrer j und Cantor, im 65. Lebensjahre. Er hinterließ nebst der Witwe 2 Söhne und 4 unverheiratete Töchter. > Hüns. Am 25. d. findet im hiesigen Tempel die Trauung des Obereantors Herrn Brno Ehrenthal aus Nagy-Magyar mit Frl. Jolan S ch n ü r m a ch e r, Tochter des hiesigen langjährigen Cantors Herrn Jos. Schnürmacher, statt. Wcu-Herekwe. Zlm 1. December starb hier Herr Josef Mautner, welcher durch 45 Jahre als Cantor thätig war. Das Leichenbegängnis fand am 3. d. unter sehr zahlreicher Betheiligung der Bevölkerung statt,! da sich der Verblichene allgemeiner Beliebtheit erfreute. Ueber ausj drücklichen Wunsch des Verstorbenen übernahm Herr Cantor H. Kühner! aus Patzau die gesangliche Function. Vor dem Trauerhause hielt Herr j Rabbiner Dr. Hoch aus Patzau einen ergreifenden Nachruf. Der Sarg j wurde in den schwarz drapirten Tempel getragen, wo Herr Cantor H.; Kühner die Trauerpsalmen mit seiner sonoren Stimme in rührender! Weise vortrug. Sodann würdigte Herr Rabbiner A. Pollak aus Pilgram die persönlichen Tugenden des Dahingeschiedenen. Am Grabe nahmen fämmtliche anwesenden Cantoren Abschieds von ihrem Collegen, der eine Zierde seines Standes war. Muda, im December. Am letzten Sabbathtage wurde der Cyklus von Probevorträgen im Haupttempel der Ofener isr. Cultusgemeinde geschloffen. Als Letzter, jedoch noch lange nicht ^der Letzte, hielt Dr. Lazarus Schweiger, Prediger in Vag-Ujhely seine gottesdienstlichen Vorträge, u. zw. Freitag Abend die deutsche Kanzelrede, in welcher er sich den Beruf des Rabbiners zum Gegenstände seiner Betrachtung wählte, dann hielt er beim Hauptgottesdienste am Sabbath eine ungarische Rede, in welcher er die lausende Perikope besprach, und endlich am selben Tage zu Mincha hielt er einen Charifes-Vortrag und nachdem er durch seine gewählte Sprache, durch seinen edlen Vortrag wie auch durch seine lichtvollen Auseinandersetzungen die ^Sympathien der in überaus großer Zahl erschienenen, den besten Kreisen angehörenden Zuhörerschaft wie im Sturme sich eroberte, wurde er vielseitig angegangen, die Zeit zwischen Mincha und Maariw durch einen Magides-Vortrag auszufüllen, welcher Bitte der gelehrte und gewandte Prediger spontan gerecht wurde. Wir constatiren die Thatsache, dass Dr. Schweiger ungemein gefallen hat, und dass er seitens des Vorstandes mit Ehren überhäuft wurde, die vor ihm noch keinem Rabbiner zutheil geworden. So wurde er nach beendetem Sabbarhgottesdienste in seinem hiesigen Absteigequartier vom Gesammtvorstande mit einem längeren Besuche beehrt und Tags darauf — also am Sonntag — wurde er in die Wohnung des Präsidenten Dr. Isidor Szabolcsi geladen, allwo sich auch der Gesammtvorstand eingesunden hatte. Daselbst verweilten die Herren im trauten Gespräche und im anregenden Gedankenaustausche viele Stunden lang. Dr. Szabolesi hielt an den gefeierten Probeprediger eine begeisterte Ansprache, worauf noch ein Vorstandsmitglied das Wort ergriff. Dr. Schweiger blieb nichts schuldig und ertheilte jedem einzelnen Herrn Redner in ebenso schlagfertiger als geistreicher Weise die paffende Erwiderung. So viel steht fest: unter den bisher gehörten 9 Proberednern kann die Wahl nur auf Dr. Jacob Steinherz, Oberrabbiner in Szekesfehervar, oder auf Dr. Lazarus Schweiger. Prediger in Vag-Ujhely, fallen! . . . Und nun wollen wir noch einige Daten über die Persönlichkeit des letzten Probepredigers hier folgen lassen. Dr. Lazarus Schweiger, obwohl jung an Jahren — er zählt erst 28 Jahre — hat schon einen großen Schatz von hebräischem und profanem Wissen sich angeeignet und ist bereits ein ganzer Mann, der sich selbst im fernen Auslande auf litterarischem und wissenschastlichein Gebiete einen geachteten Namen verschafft hat. Sein erster Lehrer und Meister war sein berühmter Vater, Jsac Schweiger, Rabbinatspräsident in Gr.-Tapolcsany, eine allererste Autorität auf talmudischem Gebiete, der auch eine Jeschiba unterhält, die von 30—40 Talmudjüngern frequentirt wird. Zu seiner weiteren Ausbildung besuchte der7junge Schweiger die sich des besten Rufes erfreuende Rabbinerschule in Preßburg. Nach meh als vierjährigem Aufenthalte ^daselbst, erwarb er sich das Reifezeugnis, und der rühmlichst bekannte Oberrabbiner Bernat Schreiber attestirte, dass Schweiger die höheren Claffen mit Erfolg absolvirte, demnach für würdig befunden wurde, als autorisirter Rabbiner entlassen zu werden. Schweiger besuchte nun die Wissenschaftlichen Lehranstalten im Deutschen Reiche und hielt sich durch längere Zeit in Bern auf, allwo er als ordentlicher Hörer der dortigen Hochschule sich die Doctorwürde errang. Während seines Berner Aufenthaltes hat er drei Preisfragen gelöst und drei Preise davongetragen. Damals gab die Hochschule in Bern betreffs der akademischen Preisfrage Folgendes bekannt: „Bon den auf den 1. Oktober 1898 fälligen Preisaufgaben ist gelöst worden: Die Lazaruspreisaufgabe: „Philosophie der Geschichte, Völkerpsychologie und Sociologie in ihren gegenwärtigen Beziehungen" durch Herrn Lazarus Schweiger, atud. phil. aus Ungarn. Bern, den 6. December 1898. Der Rector der Hochschule, Prof Dr. Straßer m. p." Auch sein Lehrer und Meister, gleichzeitig aber auch sein väterlicher Freund, Prof. Dr. Ludwig Stein in Bern, sprach sich in ehrendster W eise über die seltenen Fähigkeiten und das reiche Wissen Schweiger's aus. — Bevor er noch fertiger Doctor war, erhielt er schon eine Rabbinerstelle in Baden im Canton Aargau und später in Luzern. Als dann die Jsraelitengemeinde von Vag-Ujhely den Concurs auf eine Predigerftelle ausgeschrieben, ergriff den jungen Doctor das Heimweh, er competirte auf die Stelle und trug unter sechs Bewerbern den Sieg davon. So wirkt nun Dr. Lazarus Schweiger geliebt und beliebt schon seit zwei Jahren als Prediger in Vag-Ujhely und erfreut sich daselbst der vollsten Zufriedenheit seiner altehrwürdigen Gemeinde. D. H. S.