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Die Wahrheit · 1900-11-30 · Heft 44 (30.11.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 44 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44. Die Wahrheit. Seite 9. noch Ueberlebenden von der alten Garde jener Cantoren dahingeschieden, denen es in ihrer Jugendzeit vergönnt war, die Heroen des Cantorenstandes in ihrer Blüthe wirken und schaffen zu sehen und an ausgezeichneten Vorbildern ihr eigenes Wissen und Können zu bereichern. Leopold Stern stellte aber nicht nur auf canroralem Gebiete seinen Mann, er war auch ein tüchtiger Pädagog, der, ausgestattet mit reichem hebräischem Wissen und universeller Bildung auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes segensreich wirkte, und die große Zahl seiner Schüler wird ihm gewiss ein ehrendes Andenken bewahren. Im Fünfhauser Bezirke war er wegen seiner edlen Menschlichkeit und Herzensgüte sehr beliebt, und in dem weiten Kreise seiner Collegenschast erwarben ihm sein reiches Wissen, sein liebenswürdiges, conciliantes Wesen und die Lauterkeit seiner Gesinnung viele Freunde und Verehrer. Im österr.-ungar. Cantoren-Vereine, wo er bis zu seinem Lebensende die Ehrenstelle des 2. Vice-Präsidenten bekleidete, nahm er, besonders in früheren Jahren, an allen die Gesammtheit der Bernfsgenossen interes» sirenden Fragen innigen Antheil, und sein abgeklärtes, besonnenes Ürtheil wurde im Schoße des Vorstandes hoch geschätzt. Leopold Stern wirkte durch 42 Jahre als Funktionär der Fünfhauser, resp. Wiener Cnltusgemeinde, zu deren verdientesten Beamten er gehörte. Durch eine Reihe von Jahren war er auch Mitglied des Ortsschulrathes für den 14. Gemeindebezirk Rudolfsheim. Erst vor drei Tagen erfolgte in besonders auszeichnender Weise seine Pensionirung seitens der Cnltusgemeinde. Der Verstorbene, dessen sämmtliche Kinder geachtete Stellungen im socialen Leben einnehmen, war auch auf pädagogischem Gebiete litterarisch thätig und verfasste unter anderem die vor Jahren erschienene Geschichte der Sechshauser Cnltusgemeinde. Freitag, den 23. November, Vormittag, fand die Beerdigung unter ganz außerordentlicher Theilnahme statt. Außer der Familie hatten sich eingefunden: der Präsident der israelitischen Cnltusgemeinde kaiserl. Rach Klinger, Cnltusvorsteher Baurath Sriaßny, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Erster Secrelär kaiserl. Rath Dr. Lieben, der Chefredactenr des „Fremdenblatt" Hofrath Dr. Ritter v. Frydmann mit den Redactionsmitgliedern .(ein Sohn des Verblichenen, Herr Julius Stern, ist Redacleur des „Fremdenblatt"), der Chefredactenr des „Extrablatt" Julius Löwy, der Chefredacteur der „Wiener Allgemeinen Zeitung" Dr. Julius Szeps, der Chefredacteur-Stellvertreter der „Oefterreichischen Volkszeitung" Alexander Landesberger, der Obmann Steiner mit dem Gesammtvorstand des Tempels in der Turnergasse, ferner die kaiserlichen Räthe Wilhelm Pollak und Vogel, Componist Charles Weinberger, Rabbiner Dr. Tagleicht, die Wiener Obereantoren und Cantoren: Singer, Bauer, Blatt, Schiller, Gutlmann, Schlesinger, Rolhwein, Hirsch, Kläger, Schorr, Pekarnik, Dünmann, Löwit, Smotrizki, Silbermann, Peterselka, Schäfer, Schleifer, Chordirigent Heimann. Löwy Mödling rc., viele Lehrer, Schriftsteller, Aerzte und Advocaten. Nachdem Obercantor Jurberger, der Schwiegersohn des Verewigten, mit wehmutsvoller Ergriffenheit einen Chor vorgetrage», hielt Rabbiner Dr. Wolf die Leichenrede, in der er dem Verblichenen Worte wärmster Anerkennung als Sang r und Lehrer widmete. Mit einem Trauerliede schloss die Feier im Gotteshause, worauf der Sarg auf den Centratfriedhof gebracht wurde. In der Ceremonienhalle versahen die Obereantoren Singer und Gnttlnann die cantoralen Functionen und es sprachen Rabbiner Dr. Schmidl und kaiserl. Rath Wilhelm Pollak, letzterer namens der israelitischen Culkusgemeinoe, Worte ehrenden Gedenkens; am offenen Grabe widmete der Präses des Cantorenvereines Obercantor Singer dem Heimgegangenen Vicepräses einen herzlichen Nachruf, worauf Religionsichulinsvector Langfelder den letzten Gruß der Lehrerschaft entbot. Heimweh. Erzählung von Eduard Kutte. (38. Fortsetzung.) Ich bin nun einmal auch kein heiterer Mensch! Was tann denn ich dafür, wenn ich nun einmal so bin? Und doch hat es eine Zeit gegeben, wo du heiter warst! Du irrst Dich! Diese Heiterkeit habe ich in Deiner Gegenwart geivonnen. Und kannst Du sie nicht jetzt auch in meiner Gegenwart gewinnen? was ist denn zwischen uns vorgegangen? Hab ich mich denn gegen Dich verändert? Verkenn mich nicht, Marie! glaub mirf es thut mir weh, wenn ich Dich leiden sehe. Und wie es mir erst nms Herz ist, Josef, wenn Du so trüb, so traurig dasitzest, kein Wort sprichst, und alleweil so in Dich hiueinbrüten thust. So geh, red doch, schütt doch Dein Herz aus! Was drückt Dich? Mir, Deiner Marie wirst Du es doch sagen können! Lass es gut sein Marie! Du weißt, ich liebe Dich mehr als mein Leben! Begnüge Dich damit, dass Du weißt, Du hast von jeher alles gethan und thust auch noch jetzt alles, was in Deiner Macht steht, mich glücklich zu machen. Und doch gelingt es mir nicht. Daran trägst Du nicht schuld! Ach könnt ich Dich glücklich sehen, wahrhaft glücklich! In Dir und unserem Kinde bin ich es! Doch nur auf kurze Augenblicke! Die aber eine Ewigkeit von Leiden aufwiegen! Sei ruhig Marie! Ich bin glücklich, wenn ich es auch zu sein nicht scheine. Ach wenn ich das nur sicher wüsste! Glaubst Du mir nicht Marie? ist dir mein Wort nicht Sicherheit genug? Wenn Dem düsterer Blick, Deine traurige Miene Dein eigenes Wort bestreitet! So glaube meinen Worten mehr als meinen Blicken! Ich möcht so gern beides in Einklang sehn! Gibt es denn einen Menschen auf dieser Welt, dem alles nach Wunsch geht. Ich Hab dir ja schon gesagt: Was kann ich dafür, wenn ich nun einmal so bin? Ich m ich Dir ja keine Vorwürf, Josef! Ich Habs auch nicht so genommen; deshalb beruhige Dich und verbittere Dir selber nicht die Stunden dadurch, dass Du mich nicht für glücklich hältst. Wie gut Du bist! sieh, wenn Du so gut zu mir sprichst, das macht mir einen Eindruck wie von keinem andern Menschen, selbst nicht von meinem Vater; Du beruhigst mich gleich — die andern Leute regen mich nur noch mehr auf! Sieh wie sie schläft, wie schön, was für ein gesunder Schlaf! wenn ich Dich nur einmal so gesund, so fest könnt schlafen sehen, ich glaub alleweil Du hast Dir den Schlaf ganz abgewöhnt. Wenn ich bei Nacht aufkomm, Du bist immer noch wach, wie ich mich nur reg. Dafür ist es eben ein Kind! Ja, Gort erhalt es! Weißt Josef, der Vater hat uns für die nächste Weihnacht wieder eingeladen, wie immer bisher, i ich Hab aber gedankt und Habs nicht angenommen.! Nicht angenommen? warum? Warum? weil wir Heuer selber ein' Christbaum anfrichten — Hab ich gesagt — unser Nannerl wird jetzt vier Jahr alt — Hab ich gesagt — und da gebührt sichs schon, dass wir dem Kind zu Hans die Freud machen, und oa Hab ich den Vater und den Honza und die Brigitte für den Christabend zu uns geladen. Es wird dir doch recht fein? Gewiss Marie! wie 'oll'.e mir nicht recht sein, was Du thust? Und so sageil nu oreiem Abend die beiden glückliche» Ehegatten noch lange neben einam er im traulichen Gespräch. Einen 10 ldiöueu Aoe.ro batte Marie k»ou lange nicht gehabt, so recht Herzlich hatte sie sich net ihrem Joiei schon lange nicht I ansge-p.uch^.l und so dankte sie innerlich dem guten Vater, der > alten Brigitta liuD dem drängenden Honza, welche sie zu dieser Herzensergiegung förmlich getrieben hatten. D^e Kerze war ganz herabgebrannt, so sehr hatten sie sich verplaudert. Sie wussten gar tt'du wo innen der ganze lange Wu't-'a end hingekommen uitd oie Zeit so schnell dahi».geflossen; der Zeiger der Uhr wies beinahe auf M> tternachr. So legten sie sich denn nieder un^ schlieseri mit dem kleinen Nminckcn um die Wette. (Fortsetzung folgt.)

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