Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 41 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wir dächten, dass kaum eine Frage der Politik oder des jüdischen Gemeindelebens den Juden Oesterreichs, respektive der Wiener Judenschaft gegenwärtig ein größeres Interesse abgewinnen könnte, als die Reichsrathswahlen, beziehungsweise die Wahlen in den Vorstand der Wiener Cultusgemeinde. Änd wenn wir auch gerne zugeben, dass bezüglich der ersteren die von einem T heile unserer Glaubensgenossen befürwortete Passivitätspolitik eine gewisse Berechtigung hat, so finden wir andererseits keinen plausiblen Grund, gegenüber den Cultuswahlen eine gleich reservirte, oder besser gesagt, indolente Haltung einzunehmen. Letzteres um so weniger, als ja die so vielfach angefeindete Wahlreform mit dem in jüdischen Gemeinden einzig dastehenden Plnralitätswahlrecht gewissermaßen die Platform der bevorstehenden Cultuswahlen bildet und, politisches Denken und Handeln bei den Gemeindemitgliedern vorausgesetzt, es zum ersten Male durch das Wahlergebnis zum Ausdruck kommen soll, ob die Anschauungen der Majorität des gegenwärtigen Cultusvorstandes und seine Hoffnungen, durch eine solch reaktionäre Wahlordnung die Regelung der arg zerrütteten Gemeindefinanzen herbeiführen zu können, die Billigung der Wähler finden oder nicht. Aus diesen Gründen erwarteten wir für die vom Vorstande der „Oesterr. Jsr. Union" für Samstag, den 4. d. M., einberusene Vereinsversammlung, ans deren Tagesordnung die „Reichsraths- und Cultuswahlen" zur Debatte ständen, einen! überaus zahlreichen Besuch. Aber wie enttäuscht waren wir, als! wir nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden! in dem Halbleeren Raum Umschau hielten. Außer dem allerdings! recht zahlreich vertretenen Vereinsvorstande waren nur sehr! wenige Mitglieder und Gäste anwesend, und es stand ihre! Zahl in gar keinem Verhältnisse zu der vom Vorsitzenden in! seinen einleitenden Worten hervorgehobenen, stetig steigenden! Mitgliederanzahl, oder zur Wichtigkeit der zur Berathung vor-! liegenden Fragen. Diese Theilnahmslosigkeit am jüdischen Ge-! meiudeleben in Wien muß zu ernstem Nachdenken veranlassen j und beweist jedenfalls, dass der jüdische Mittelstand von Wien,! dm ja die „Union" eigentlich repräsentirt, nur. sehr mangelhaft j organisirt ist. i Auch sonst bot die Versammlung manch lehrreiche Erscheinungen. Wir haben vor einiger Zeit in diesem Blatte an leitender Stelle ausgeführt, dass unseren Vereinen eine strengere Abgrenzung ihrer Wirkungskreise noth thäle und dass niemals ein Zweifel darüber herrschen dürfe, was ihre Aufgabe sei, und was nicht. Da hat z. B. ein maßgebendes Vorstandsmitglied der „Union" die Ansicht vertreten, dass die „Union" ein politischer Verein sei und an den Cultuswahlen nicht rühren solle. Lebhafter Beifall seitens der Versammlung. Gleich nachher gelangte aber ein Redner zum Worte, der die geradezu entgegengesetzte Anschauung zum Ausdrucke brachte und behauptete, dass uns die Cultuswahlen viel mehr interessiren, als die Reichsrathswahlen. Abermals lebhafte Zustimmung seitens der Versammlung, und es schien uns dabei, dass in den Applaus säst dieselben Personen einstimmten, wie vorher. Dass über die Wahlreform und den gegenwärtigen Cultusvorstand manch hartes Wort fiel, konnte nicht überraschen. Aber wenn mit Recht gerügt wurde, dass bis heute noch keine Wählerversammlung stattgefunden hat, so müssen wir dem entgegengehalten, dass die Einberufung von Wählerversammlungen nicht so sehr dem Cultusvorstande obliegt, sondern eigentlich Sache der Vereine und Candidaten ist, und es darf auch der „Union" der Vorwurf nicht erspart werden, dass sie so knapp vor der Wahl über die Candidatenfrage noch nicht im Reinen ist. In Anbetracht dieses Umstandes schien uns auch der Antrag höchst zweckmäßig, die Cultuswahlen von der Tagesordnung abzusetzen nnd erst nach Nominirung der Candidaten über dieselben zu debattiren. Auffallend erschien es uns, dass die anwesenden Mitglieder des Cultusvorstandes, die das Wort ergriffen, sich so wenig Mühe gaben, für den gesummten Vorstand einzutreten und nur ihre eigene Haltung verteidigten. Und wenn Herr Regierungsrath Dr. Steger die Bemerkung machte, „wir gehören zur Opposition, wir haben keinen Einfluss," so erlauben wir uns dem entgegenzuhalteu, dass ja die Debatte sich hauvrsächlich um die Wahlreform drehte, nnd dass er, wie auch Herr kais. Rath Pollak, in dieser Frage mit der Majorität des Vorstandes ging. So unpopulär es auch sein mag, die Wahlreform zu rechtfertigen, so hätten die Herren, die in den Vorstandssitzungen so warm für diese sonderliche Reform ein traten, auch in der Versammlung der „Union" dieselben kräftigen Worte zur Vee-