Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 40 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063053--01030-3067586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 40. Die Wahrheit. Seite 9 Ueber den Prospekt dieser fraglichen Anstalt will ich mir eine nähere Beleuchtung noch Vorbehalten. Vorläustg hoffe ich, dass die Cantorenjünger nicht auf den Leim gehen und die „Erste Wiener Cantoren-Bildnngs-Anstalt," als das ansehen werden, was fie ist. Isidor L ö w i t, Cantor und Chordirigent der türk. isr. Gemeinde Wien. Verschiedene Nachrichten. Wien. Am 5. November d. I. feiert Herr Albert S. Fis cher, Direktor der Ersten Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen in Wien II., Schiffamtsgasse 15, seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar war durch 33 Jahre Leiter der isr. Kinderbewahranstalt und hat in dieser Eigenschaft im Jahre 1868 den ersten Bildungscurs für Kindergärtnerinnen in Oesterreich ins Leben gerufen. Aus Anlass der Weltausstellung im Jahre 1873, bei der Fischer die Kindergarten-Abtheilung organisirte, wurde er durch das goldene Verdienstkreuz mir der Krone ausgezeichnet und anlässlich seines 25jährigen Dienstjubiläums wurde ihm von der Gemeinde die große goldene Salvator-Medaille verliehen. Fischer war auch vielfach schriftstellerisch thätig, so auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur durch die Werke „Palmen und Cedern" und „Palästina", auf dem Gebiete der pädagogischen Litteratur durch die Schriften „Der Kindergarten", der soeben in 5. Auslage erschienen ist, „Poetisches Schatzkästlein", „Friedrich Fröbel" re. Mie». Der Mitarbeiter unseres Blattes, Herr Dr. I. Nacht aus Jassy, ist zum Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Toksan (Rumänien) ernannt worden. Wien. Donnerstag, den 25. October, fand im Tempel zu Ungereigen die Trauung des Herrn Edwin E isenstä d t'.e r, Sohn des im II. Bezirke bekannten Cafetiers Heinrich Eisenstädter (Cafe Frachtbörse), mit Frl. Elvira Schwarz aus Pressburg statt. Austerlitz. Sonntag, den 28. October, fand das Leichenbegängnis des am 26. verstorbenen Cantors und Oberlehrers i. P., Simon Diamant statt. Dasselbe gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung, die Zeugnis ablegte von der allgemeinen Sympathie, deren sich der Verstorbene erfreute. Nebst dem Gemeindevorstande und vielen Gemeindemitgliedern waren zahlreiche Verwandte und Bekannte von Nah und Fern, unter Ersteren die Herren Tr. Oppenheim-Brünn und Rabbiner Dr. Oppenheim-Olmütz, anwesend. Die Leiche war in der Vorhalle des Tempels uufgebahrt, wo Herr Rabbiner Dr. Mar Steif und der Neffe des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Oppenheim aus Olmütz, tiefempfundene Trauerreden hielten. Nachdem hierauf Herr Obercantor Schön mit dem verstärkten Tempelchore die üblichen Trauerpsalmen in ergreifender Weise vorgetragen hatte, wurde der Sarg gehoben, und unter Vorantritt der Schuljugend, des Knabenchores, des Obercantors Jos. Schön und der beiden Herren Rabbiner Dr. Steif und Dr. Oppenheim setzte sich der unabsehbare Zug nach dem Friedhofe in Bewegung. Am offenen Grabe hielt Herr Lehrer Gansel aus Butschowitz dem Verblichenen einen Nachruf, indem er dessen Verdienste und Vorzüge hervorhob und von demselben in tieferschütiernder Weise, im eigenen Namen wie im Namen seiner College» Abschied nahm, n*2x:;i Austerlitz. Sonntag, den 4. November, findet die feierliche Amtseinführung des für die Gemeinden Neu-Raußnitz, Austerlitz und Butschowitz zum Rabbiner ernannten Herrn Dr. Max Steif in 'Neu-Raußnitz statt. Herr Rabbiner Dr. Max Steif ist der Sohn des allgemein be liebten und geachteten Rabbiners Josef Steif in Brünn. Smicho«. Am 30. October starb hier der Großindustrielle, Herr Ignatz Ron bi cek, der sich allgemeiner Werthschätzung erneute. Früher war er lange Jahre Vorstand der isrl. Culrusgemeinde, Mitglied der Stadtvertretung, sowie des Bezirks- und Orisschulrathes in Smichow. Der Verstorbene war Besitzer der großen Dampfmühle in Beraun und Pächter der k. k. Schleusenmühle in Theresiensiadl. Für sein gemeinnütziges Wirken war er mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone ausgezeichnet worden. Die Tochter des Verblichenen ist mit Herrn M. Bloch, Mitbesitzer der Dampfmühle, verheirathet. Kamvurg. Ueber das Debüt des Frl. Franziska Großkopf, Tochter des Obercantors G r o ß k o p f in Frankfurt a M.. am hiesigen Carl Schulze-Theater schreibt das „Hamburger Fremdenblatt" folgendes: „Am Montag spielte Fräulein Franziska Großkopf vom Stadttheater in Frankfurt a. M. die O Mimosa San in „Geisha" und gewann sich das! Publicum schnell. Ich schließe mich dem beifälligen Urtheil an. Die junge! Dame besitzt eine sehr hübsche, jugendlich frische Stimme, einen Hellen,! gnt erzogenen Sopran, der in voller Klarbeit „angibt", Kraft besitzt , und Wohlklang hat. Der Wohlklang beruht nicht nur in dem angenehmen Organ allein, sondern auch in der verständigen Tonbildung. Mit kurzen i Worten: Frl. Großkopt hat Stimme, unverbrauchte, gesunde Stimme, > und hat eine erfreuliche Schulung. Dass letztere nicbt bis zum tadellosen! Triller durchgedrungen ist, läs st sich einstweilen missen. Aber der leichte; Ansatz, die Flüssigkeit und Sauberkeit des Gesanges — einschließlich; einer ziemlich guten Aussprache — und die durchaus musikalische Art j des gesanglichen Vortrages zeigten Fräulein Großkopf als Sängerin im besten Lichte. Dazu kam eine gefällige, jugendliche Erscheinung und ein verständiges, aufmerksames Spiel. Die O Mimosa San wird gar zu leicht in's Zuckerig-Sentimentale gezogen; Frl. Großkopf iaiste die Mi-; lixoia frisch an und mit Heller Raivetät. Sie blieb deshalb dem weichen : Liebesahnen und Liebessehnen, das die Rolle durchzieht, nichts schuldig, j Die junge Dame hat schelmische, plaudernde Augen und ein theilnahms-! volles Spiel auch in unbeschäftigten Momenten — eine Tugend, die bei! modernen Operettensängern fast gar nicht mehr zu finden ist. Denn meistens wird doch nur in's und mit dem Publikum gespielt, wenn der : oder die Betreffende singt, sonst gar nicht. Frl. Großkopf spielte auch : mit dem Publikum, aber außerdem doch auch mit ihren Mitspielern, und; zwar letzteres in recht natürlicher Weise. Die junge Dame hat überhaupt l eine richtige schauspielerische Ader. Ohne Umsweife: Frl. Großkopf ist! eine vielversprechende Soubrette. Jung, frisch an Organ und Spiel, bis - zu gewissem Grade auf der Bühne bereits routinirt, jedenfalls keine! Anfängerin. Der tlihilik. Ein Z e i t r o m a n aus den: r u s s i s ch - j ü d i s ch e n Leben Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (3v. Fortsetzung.) „Doch, es hat etwas für sich, wenn die verwandtschaftliche Verbindung zweier Familien das gleiche confessionelle Gepräge an sich trägt; im anderen Falle können zeitweilige Reibungen und Differenzen nicht ausbleiben. Und im Uebrigen, Herr Wandelowicz, glaube ich, dass Sie durchaus kein schlechtes Geschäft dabei machen, wenn Sie das überall zurückgedrängte und verachtete Judenthum mit dem frei sich bewegenden, social hochstehenden Chrisienthum vertauschen." i „Darüber lässt sich viel reden, Herr Jnspector, aber es liegt | nicht in meinem Wunsche, jetzt genauer darauf' einzugehen. Mir genügt! Ihre Zustimmung zu dem von uns behandelten Plan." „Die haben Sie, wie ich bereits gesagt. Sie selbst sind ein Ehrenmann und Ihre Stellung in der Gesellschaft lässt auch nichts zu wünschen übrig. Wenn die beiden jungen Wesen einander lieben und sich besitzen wollen, so geschehe es denn in Gottes Namen!" Tie so getroffene Vereinbarung fand ihre Vervollständigung und Ergänzung, als Georg persönlich bei Wandelowicz um die Hand Friedas anhielt und fie empfing. Tie Verlobung des Paares erregte trotz der confessionelle» Verschiedenheit, die dabei obwaltete, kaum irgend ein Aufsehen. Die losen! Beziehungen, die Felix WandAowicz sonst schon zum Judenthnm unter-! hielt, der mit Vorliebe gepflegte christliche Verkehr, ließen das, was jetzt! geschehen, nur als letzte Eonsequenz der von dem reichen Brauereibesitzer vertretenen religiösen Anschauung erscheinen. Felix Wandelowicz gab seiner Tochter eine Mitgift von 50,000 Rubel, welche zinslich angelegt, der Existenz des jungen Paares eine Grundlage geben sollten. Frieda ließ sich taufen, worauf die Hochzeit mit großein Pomp gefeiert wurde. Es waren goldige Hoffnungen, mit welchen Wandelowicz und seine Frau ihre einzige Tochter nach ihrer neuen Heimat, Wilna» entließen.! Die ersten Briefe, die sie von ihr empfigen, waren auch geeignet j fie in dieser Hoffnung zu bestärken; sie waren voll der Ergüsse wirk- > licher Glückseligkeit. l Allmälig nahm indess diese Gemüthsäußerung, wie sie sich in den j Briefen Friedas in begeisterten Worten kund gab, eine kühlere Tempe-! rarur an und in ihrem jüngsten Schreiben war deutlich zwischen den! Zeilen zu lesen, dass, starke Schatten sich* in dem anfänglichen Glücke! ihrer Ehe zu zeigen beginnen.! Frau Wandelowicz wurde unruhig und reiste;u ihrer Tochter j nach Wilna. I (Fortsetzung folgt.)