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Die Wahrheit · 1900-10-12 · Heft 37 (12.10.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 37 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37. Die Wahrheit. Seite 7. eicher an Männern vom Schlage Joel Wolf's. Wir haben! Größen au Worten nicht aber an Thaten; Großen auf finau-! gellem Gebiete, denen aber so oft das jüdisch-empfindende Herz! nangelt; Größen auf wissenschaftlichem Gebiete, die sich ihres j Zudenthums schämen und es für die geringfügigste Chance be- > ^eitwilligst abstreifen; wir haben viele gebildete Juden, deren j Bildung aber auf Kosten des Inden sich zeigt, ja oft sich nur; eben im Verletzen alles Urjüdischen manifestiert; wir haben j endlich noch eine bedeutende Zahl wirklich gesetzestreuer Juden, 1 deren sonstiger Werth für's allgemeine Judenthum jedoch durch krankhaften Fanatismus und schrankenlose Unduldsamkeit bedeutend - geschmälert, wenn nicht gar aufgehoben wird; aber wir haben nicht eben viel Männer mit einem Charakter und einer Gej finnungstüchtigkeit wie die des sel. Joel Wolf, der zum großen Theile wohl die Vorzüge nicht aber die Schattenseiten der Bor-'! genannten in sich vereinte, und darum sei es versucht, das wahr-! Haft bewunvernswerthe Charakterbild des Verewigten in kurzen! Strichen zu skizzieren. Mehr als jede andere, ebenso zahlreiche orthodoxe Gemeinde i ist die Preßburgs geeignet, Männer zu erzeugen, die trotz der; vielfachen und oft sehr nahen Berührung mit Juden freierer! Religionsanschauung es nicht über sich bringen können, ganz j!And'gar, am wenigsten aber in höhnender Oeffentlichkeit mir! -den jüdischen Religionsvorschriften zu brechen, selbst in den in! Preßburg schon als freireligiös Verschrieenen steckt ein gute)! Stück orthodoxen Jndenlhnms, und ein in Preßburg als „Pofche"! «geltender Jude, könnte z. B. unter beu vielen entkaftanten; Juden der Berliner Johannisstraße den „Chossid" spielen. Kann! ich mich doch selbst aus meiner Jugend des greisen Inhabers einer großen inzwischen in andere Hände übergegangenen Damen-; confections-Firma erinnern, dessen Mittagstisch wohl kaum ' Wemals koscheres Fleisch gesehen, dessen Geschäftslocalitäteu am; Samstag geöffnet waren und der dennoch zur orthod. Gemeinde « gehörte, jeden Samstag pünktlich beu Gottesdienst besuchte und i am Versöhnungsrage den weiten Weg von seiner Wohnung bis! zur „großen Schul" sogar in Filzschuhen zurücklegte. Und der Mann war keineswegs ein Original, hatte vielmehr und hat j : wohl auch heute noch gar viele seinesgleichen. Herm. Löwinger; ,iii seinen jüngst erschienenen „Preßburger Ghettobildern" dürfte > im Rechte sein. Es dürfte wie beim großen so auch beim kleinen! „Lr62-^is8ro6l^ in der Lust liegen. Die geheiligte Tradition j I ans der ünvergesslichen „Chatham-Sopher"-Zeit, die in zahlj j losen Familien und Häusern noch heute geübte Beschäftigung j mit gründlichem Talmudstudium, die sozusagen mit Thora durch-! - drungene Luft der Preßburger jüdischen Kreise, all dies übt > < eineit Einfluss auch auf den Nichtgelehrten, dass vor Allem der! richtige „Am-Hoorez" zur selteusten Erscheinung wird und sich selbst bei den Freisinnigsten eine ausgedehnte Bethätigung des i „jüdischen Herzens" kundgibt. Es gibt kaum eine zweite jüdische > Gemeinde, in der verhältnismäßig eine solche Zahl armer Familien existiren würde, wohl aber auch kaum eine zweite, in l der in solch' ausgedehntem Maße offene und verschwiegene Wohlthätigkeit geübt wird, wie in Preßburg. Joel Wolf war ein orthodoxer Jude durch und durch, er war es von Haus aus, ist es aber immer mehr geworden, seit- * dem er sich vom Geschäfte zurückgezogen hat. All die zahlreichen J Verbindungen in seinem Geschäftsleben, ja selbst in seiner > Familie, die er mit freisinnigen, allem orthod. Wesen fremden Juden hatte, vermochten daran nichts zu ändern, für ihn war jede Vorschrift, wie jedes Verbot btnbenb, unbedingt bindend, ju&l't wenn seine Befolgung Opfer von ihm erheischte. Ja in gewissen Dingen hätte selbst ein gewiegter „Chasfid" nichts 'vor j ihm voraus gehabt. Bei alledem aber war Joel Wolf ein Mann von denkbar tolerantester Gesinnung gegen Andere, er achtete den braven und verachtete den verlogenen Menschen, mochten Hessen „Peaus" nach Decimetern oder Millimetern zu messen sein. Eine unbegrenzte Verehrung brachte er den Talmudgelehrten entgegen, eine der Thora gezollte Huldigung, die heute «llmälig zu einer sehr seltenen Erscheinung wird. In seinen letzten Lebensjahren gab sich der unvergleichliche Mann, trotzdem er als Vorsteher einer so bedeutenden Gemeinde gewiss viel zu lhun hatte, selbst fleißigen Stadien hin. Er war ein treuer Verehrer der uuvergesslichen Zierde der Preßburger Kanzel, des sel. R. Feisch Fischmann, und ebenso ein treuer Anhänger des gegenwärtigen Preßburger Rabbiners und seiner Familie. Mehr aber noch als alles Vorstehende kennzeichnete den Mann sein geradezu einzig dastehender Wohlthätigkeitssinn. Seiner großen Stiftungen, wie z. B. der Preßburger Verforgungsaustalt fei bier nur vorübergehend gedacht, wohl aber feiner verschwiegenen Wohlthätigkeit, die gar nicht genügend geschildert werden kann. Hunderte und Aberhunderte pochten jahraus jahrein bei ihm an, Hausierer um Darlehen. Hungernde um Almosen. Arme um Bezahlung des Mielhzinies, arme Bräute, Kranke rc. Allen, Allen gab Joel Wolf ohne langes Bitten und nur gegen die eine Bedingung, da,s man ihm nicht dankte. Ich glauve, das war der einzige Umstand, der den edlen Massenwohlthäter erzürnen konnte. Wie umgewechselt war der sonst unter seinen hochgewölbten Brauen streng und ernst hervorblickende Mann, wenn er eine Wohlthat ansüben konnte. Innere Herzensfreude lachte ihm da aus den seelenvollen Zügen. Seine Vorliebe hatte er dafür, eben das, was ihm das Beste an seiner Tafel dünkte, spontan an irgend einen Dürftigen zu senden, oder aber heimlich und stille die elenden Wohnungen der Preßburger Armut aufznsuchen, den Moments da er nicht gesehen ward, abznpassen, schnell ein Geldstück hinzulegen und zu — verschwinden. Au zahlreiche arme Familien sandte er mit jedem Freitag-Abende diverse Speisen, und es war eine alltägliche Erscheinung, Joel Wolf auf der Straße irgend einen Armen begrüßen, die Hand reichen zu scheu, wobei in des Armen Hand von jedem Anderen unbemerkt eine Gabe znrückblieb. Der grenzenlosen Wohlthätigkeit Joel Wolf's wäre nur seine Bescheidenheit an die Seite zu stellen. Lob, Dank und gar ösieinliche Anerkennung, damil konnte man sich Joel Wolf zum unversöhnlichsten Feinde machen. Noch aus jener Zeit, da er als Chef seiner einer der größten Preßburger Firmen der Textilbranche Vorstand, erzählt man sich, wie unbeschreiblich rührend es gewesen sein soll, den reichen, hochgeachteten Mann zu sehen, wie er selbst in eigener Person für seine Mutter den Kaffee am Samstag geholt haben soll, dies aber nicht feinen Dienstboten überließ. Er fühlte sich nach talmudischem Muster geehrt, mit Hintansetzung seiner selbst seine Mutter persönlich zu bedienen. Joel Wolf's Hans war eines der ausnahmslos bei Jedermann in Preßburg beliebtesten und geschätztesten, er selbst, der ihm solange ehrenvoll Vorstand, war ein mustergiltiger Ehrencharakter auf allen Gebieten als Gatte, Vater, Sohn, als Jude und Mensch, als Gemeindevorsteher und Geschäftsmann. Preßburg hat sehr, sehr viel in ihm verloren. Joel Wolf war ein überaus consequenter Charakter, ein Manu der Thal, der sich weit weniger um die religiösen Parteikämpfe der ungarischen Judenheit kümmerte, als man es von einem Vorsteher der Preßburger Judengemeinde erwartet hätte, der aber dafür immer helfend und reuend da eingriff, wo sich ihm eine Gelegenheit dazu bot. Der edle Mann selbst ist nun aus den Reihen der Lebenden geschieden, hochgeachtete Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Enkel, alle in hervorragenden Lebensstellungen und Alle, dem Vorbilde ihres bisherigen Familienhauptes getreu, sich durch weitausgedehute Wohlthätigkeit auszeichnend, betrauern den unvergesslichen Mann llnd in ihrem berechtigsten Schmerze möge ihnen das Bewusstsein zum Tröste gereichen, dass weite, weite Kreise ihre Trauer mitfühlen, so Viele in Joel Wolf einen Menschen und Juden beweinen, der zu den Ausgezeichnetsten seiner Zeit gehört hat. „Lsobsr Zadik liwrochoh.a

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