Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 35 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Oie Wahrheit. Seite 9. decisiv mit Lohnforderungen herantreten können, wie jenes werk- | verrichtende Arbeitervolk, das trotzig und klotzig seinen Willen! durchsetzt, weil es in geschlossenen Massen, wohldisciplinirt und! bestorganisirt dasteht. Hiemit wäre so ziemlich Alles erschöpft, was wir Cantoren von unseren Brotgebern, den so oder so gearteten Religions- -genossenschasten einerseits, sodann von uns selbst, falls wir jemals uns aufraffen sollten, zur Fahne einer strammorganisirten Massenvereinigung Treue zu schwören, zu fordern hatten. Es gibt .ndess auch Pflichten, heilige Bernfspflichten, die ein Cantor als! Ehrsamer Cultusfunctionär seiner eigenen Person und obendrein! Allen gegenüber schuldet. Wer den Pulsschlag des kleinstädtischen! GeseUschastslebens mit Kennerblicken beobachtet, dem wird die unliebsame Erscheinung nicht entgehen, dass, wo Drei um einen Stammtisch sich versammeln, zu einem Plausche sich einfinden,! der Vierte noch immer der Cantor es war, über den in allen! Tonarten der Lästermaul-Analyse losgezogen wird. Die kleinen j Großstädte und die großen Kleinstädte sollen einer Fama zufolge } keinen Unterschied hierin machen. Die Bierbankpolitik, die Gasthaussreuden, der Kartentisch und die in Berusskreisen mit Vorliebe betriebene lascive Bänkelsängerei, bei der ein wenig Popularität, insbesondere bei der jungen Damenwelt und bei fener, die gerne jugendlich thut, fast immer zu haben ist, haben! dem Cantorenthum unserer Zeit härter zugesetzt, seiner hehren! Amtswürde mehr Abtrag gethan, als seine Zerklüftung nach j Innen. Auch die Kaffeehausbrüder, mit denen wir Herzfrennd z spielen, sind unsere bösesten «Dtockfeinde. Und sind sie es noch nicht, so können sie es bei der geringsten Zornesaufwallung werden, und mit ihnen der ganze Tross jener Spielpartner und „Stammtischkibitze", die im Stillen sich denken: „Du bist wie unsereiner und solltest doch ein Mann ohne Makel, wenn! nicht gar ein Heiliger sein, zu dem wir in Ehrfurcht ausschanen!"! Wenn es nicht absurd wäre, der künftigen Vereinsleitung die! Schaffung eines Moral- und Schicklichkeitsgesetzes anzusinnen,; so müsste man schlechterdings die Bereitstellung eines ähnlichen Elaborates von ihr wünschen, darin es haarklein angedeutet j werde, was für einen jüdischen Cantor sich ziemt, und was nicht.! Ich bin mir wohlbewusst, in dieser überlangen Artikel-! folge Manches zuviel, Manches zuwenig, Manches auch gar ■ nicht so gesagt und so ausgedrückt zu haben, wie ich es hätte sagen mögen. Dass ich indess^B gesagt zu dem A meines anonymen i Vorgängers in der Qrganisalionsfrage — das soll mir Keiner : übel verargen. Ich habe die Sache und nur diese in jenem > Lichte zeigen wollen, das sie uns und jedem Unbefangenen klar j und wahr beleuchtet. Nun flatt're hinaus, du, mein Schmerzens- 1 kind, weit und breit ins Freundesland und sage es laut mit Stentorstimme, wie sehr uns abgeht eine gute Organisation! Publikationen des österr.-ungar. Cantorenvel eines. Die P. T. Mitglieder des österr.-ungar. Cantorenvereines werden hiemit aufgefordert, den statutarischen Pflichtbeitrag pr. 2 Kronen für das verstorbene Vereinsmitglied, Cantor! Adolf Kornitzer in Brünn, ehebaldigst an den Vereiuscassier, Herrn I. Cantor M. Blatt, Wien, II., Tempelgasse Nr. 3, einzusenden. Gleichzeitig wird um Einsendung der rückständigen Jahresbeiträge ersucht, da sonst der Vorstand gezwungen wäre, von feinem in § 15, 3 a der Statuten normirten Ausschließungsrechte Gebrauch zu machen. Der vorltsnä des österr.-ungar. Kantorenvereines in Wie«. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Lebejn Von Moritz Schervek (Nachdruck verboten.) (37. Fortsetzung.) „Das ist schön," meinte Wandelowicz, „dann werden wir doch wohl auch die Ehre haben, ihn bei uns hier zu sehen. Bis jetzt hat er, so oft er hier war, niemals Zeit zu einem Besuche bei unS gehabt." „Das können Sie ihm auch gar nicht übel nehmen. Der Junge hat einen Anhang hier im Orte, wie Sie sich ihn nicht denken können. Alles ist ihm Freund, Bekannter. Kamerad — und weiß ich, was noch Alles. Er kommt in der kurzen Zeit seines Urlaubs nicht herum. Indeswill ich ihn diesmal daraus aufmerksam machen, dass er auch Ihrer nicht vergeffe. Er war also bei seiner letzten Anwesenheit in Warschau nicht bei Ihnen?" — „Wir hatten nicht die Ehre," sagte Frau Wandelowicz. „Er ist ein prächtiger Junge, ich muß es als Vater selbst sagen. Sie werden ihn ja sehen, Fräulein Friedchen. Ich kann Ihnen sagen, ein Diamant von einem Menschen, ein Adonis in den Augen der weiblichen Welt." ..Nun, er wird ja doch wohl der ebenbürtige Sohn eines solchen ehrbaren Vaters sein." meinte die Angeredete mit leichtem Lächeln. „Wie lange dient er schon?" fragte Wandelowicz. „Nun, es werden wohl zehn Jahre sein. Der Junge hat mich schon ein Heidengeld gekostet." „Doch, Sie haben das Geld nicht in den Wind geworfen. Ihr Herr Sohn nimmt ja als Offtcier eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft ein " „Ja, das ist wahr. Er findet Eingang in die größten-Häuser Wilnas und ist überall wohlgelitten." Man kam hieraus auf andere Gegenstände zu sprechen — aber nach Verlauf von vierzehn Tagen finden wir den jungen Rutowski bereits bei Wandelowicz und sehen, dass der Jnspector inzwischen eifrig an seinein Werke gearbeitet hatte. Georg Rutowski war in der That eine stattliche Erscheinung, aber er hatte ganz das Aussehen eines Lebemannes, und es war nicht schwer 311 erkennen, wohin die Gelder des Jnspeciors ihren Weg nahmen. In seinen Bewegungen zeigte er allen Tact der vornehmen russischen Gesellschaft. Er erzählte dem Hausherrn mit großer Gewandtheit viel aus seinem Garnisonsleben, wusste der Frau Wandelowicz recht viel Schmeichelhaftes zu sagen und äußerte sich Frieda gegenüber in den Ausdrücken der feinsten Galanterie. Im Ganzen genommen, konnte das Wesen des jungen Officiers, wenn man von den Zeichen des stark verbrauchten Lebens bei ihm absah, einen guten Eindruck Hervorrufenworin auch alle Glieder der Wandelowicz'schen Familie übereinstimmlen, als er sich nach dem erneu Besuche entfernt hatte. Er kam öfter wieder, als man nach den obigen Aeußerungen seines Vaters über seinen weitgedehnten Bekanntenkreis annehmen konnte. Und bei diesen wiederholten Besucben wich allmälig die Steifheit der Enquette und gab einem recht gemürhlichen Verkehr Raum, wobei sich, was Herr und Frau Wandelowicz mit Vergnügen wahrnahmen, ihre Tochter Frieda der ganz besonderen Aufmerksamkeit des Officiers zu erfreuen hacre. Unter solchen Anspielen reiste der junge Rutowski ab. Er hatte sich bei Wandelowicz vivor die Erlaubnis erbeten, an Frieda schreiben zu dürsen, um so wenigstens — wie er sich äußerte — geistig mit ihr in Verbindung zu bleiben, da ihm der Gedankenaustausch mu ihr Lebensbedürfnis geworden sei. Wir sehen, dass das Werk des Jnsvectors aus dem besten Wege des Gelingens sich befand. Frieda brachte den ersten Brief, den sie von Georg erhielt, ihren Eltern. Man' las ihn gemeinschaftlich, bewunderte den hocbeleqanten Styl und wurde anrenehm berühr: von der Wärme, welche ui ennelnen Anreden an eie Emvningerin 'ich kuudaab. SchlienUch ernrerre er die»! selbe dringend um Beantwortung seiner Briese. Frieda, sonst ein kluges Mädchen, verlor dabei den klaren Bl:ck. War schon die schöne männliche Erscheinung des Oisteiers bei ihr nicht ohne Eindruck geblieben, io stieg er in seinem Werthe bei ihr och durch die classische Abfassung seiner Briese und kam endlich ihrem Herzen nahe durch die Innigkeit, die aus deu Zeilen, wohl tacrvoll, aber nicht:-destoweniger deutlich ihr entqegentrat.! (Fortsetzung folgt.)