Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 33 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Gesternungar. Gantoren-Aeitrrng. Nr. 33. Meikage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Streiflichter. Es ist schon etwas tauge her, seitdem in diesen Blättern ein srischer, fröhlicher Kampf gewogt. Und der Schreiber dieser Leiten stand zu jener Zeit, es sind schon 18 Jahre her, nicht in letzter Schlachtreihe. War es doch ein herrliches Ringen um die idealsten Güter des Menschen, um Freiheit und Unabhängigkeitl Nacht war es um uns her. Wie eine schwere Bürde schleppte jeder von uns des Lebens Last mit sich, und die unausgesprochene Signatur der Zeit hieß: Resignation. Vergrämt, verbittert, zurückgezogen und auf sich selbst angewiesen, stand Jeder allein, mußte jeder für sich selbst sorgen, wie er mit des Daseins Kampf zu Ende komme. Biel hat diese Zeit aus dem Gewissen. Wer vermag es zu sagen, wie viele Güter uns verloren gegangen, wie viele Geister in jener bleiernen Atmosphäre an der Entfaltung gehindert, im Keime erstickt sind? — Und wie die Nacht die Mutter des Lichtes wird, so erging es auch uns in jener trüben Zeit. „So kann's nicht weiter gehen" Lispelten die Leidensgenossen einander zu. Die Seufzer der Gedrückten drangen nach und nach zum Ohre jener Wenigen, die das Herz am rechten Flecke hatten, dort faßten sie Wurzel und Frühlingsboten gleich flogen die Schlagworte: Vereinigung, Standesinteressen, Arbeit, und wie die schönen Worte alle heißen, von Mund zu Mund in alle Welt hinaus, und die Müden rafften sich aus, und die Schlaftrunkenen rieben sich die Augen: „Und es war Abend, und es ward Morgen, ein Tag. „C a n t o r e n t a g!" Erinnerst Du Dich noch, lieber Leser, welche Wirkung dieses neue Wort des deutschen Sprachschatzes auf Dich hervorgebracht? Wie es gezündet in Deinem Herzen und Deine Wangen geröthet hat? Es mußte erst oft und oft gesagt werden, dieses Wort der Erlösung, bis wir es uns zu glauben getrauten : W i r s i n d! Lies es nur noch einmal. Wir wussten nichts von uns, von unserer Existenz, voll unserer ^Nothwendigkeit, von unserer hehren Mission, und um wie'viel welliger wusste es die Welt! Und es rührten sich die Geister, und ein Weckruf erscholl, Posauuenkläugeil gleich: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern." Und sie kamen alle in vie herrliche Metropole am Douaustrand und sie weinten Freudenlhränen, als die beiden Heroen Snlzer und Goldstein drunten im Prater, in dem von schattigen Kastanien umsäumteu Saale sich zu ihnen schaanen und sie lauschten mit Andacht dem Schwanengesange des silberhaarigen Meisters. Denkst Du daran? — Der Wurf gelang, im Fluge wuchsen die Schwingen. Gab es auch kleinere und größere Hindernisse sie wurden beseitigt, der Stein kam in’* Rollen und war nicht mehr auszuhaltW. Eine Aufgabe, ein Ziel stand Allen vor Augen, das mußte erstrebt, mußte erreicht werden: die Gründung des Canto» e»»v.» eines, und es ist erreicht worden. Seitdem find Jahre vergangen. Biele find für immer von uns geschieden, Andere haben, ermüdet vom vergeblichen Kampfe, die Axt begraben und »licht der kleinste Theil von uns steht theilnahtnlos, wenn nicht gar feindselig in der Ferne. Wie sind viese betrübenden Umstände zu erklären? Was ist der Grund dieser traurigen Erscheinung? Offen und. ehrlich, hony Soi, qui mal y penae, ohne Rücksicht auf Personen, rein im Interesse einer guten Sache, für welche jeder gute Mensch einzutreteu verpflichtet ist, soll es hier gesagt sein. Als vor mehr als 100 Jahren Mittel-Europa seinen Verjüngungsproceß begann, gab Paris der Welt das Losungswort : Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und die ganze gebildete Welt schaarte sich um diese Fahne und auch heute noch, trotz aller gegentheiligen Bestrebungen wird dieses Banner von den erlesensten Geistern der gebildeten Welt hochgehalten. Nicht also bei uns. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist beschränkt, wenn nicht gar ganz ausgehoben. Ich weiß ganz gut und besitze auch Lebensart genug zu wissen, dass Gastfreundschaft dem Gaste Pflichten auferlegt, und ich bin heute in diesem Blatte nach langer, langer Zeit wieder Gast. Aber gesagt muss es einmal werden: die Interessen des Cantorenstandes werden hier, gewiss bona tiäs, in sehr wenig fördernder Weise vertreten. Ich will aus dem oben angeführten Grunde nicht noch ärger sagen. Pardon! Seit Jahr und Tag, was sag ich,! seit Jahren »vird es mit einer Aengstlichkeit, die einer schlechteren! Sache würdig wäre, vermiede»», die Sonde der Kritik an gewisse! Erscheinungen im Vereine anzulegen. Süßlichkeiten, denen man j die bittere Miene ansieht, Lobhudeleien, Beräuchern und Her-! vorheben einerseits und Todtschweigen andererseits, alle diese bekannten Mittel und Mittelchen werden in breitspuriger Weise > dargeboren imb der Mangel an jedem befruchtenden Gedanken! guckt uns auf Schritt und Tritt »nit gläsernen Augen entgegen.! Die Thüren ausWenn a»»ch ungeschlacht und holverig, soll z jedes Mitglied sich, nach bekanntein Muster, tu die Oessentlichkeit j flüchten können nnd aussprechen dürfe»», was ih»n aus dem! Herzen liegt. Und gar Manchem liegt, wie man höre»l kann, j Vieles am Herzen. Und »venu auch nur ein Körnchen Gutes i und Nützliches zu Tage gefördert wird, wir brauchen es, drum! möchte ich es nicht missen.')! „Gleichheit", »vie sieht es »nit dieser bei uns aus? O, j »oir find da sehr genau. Wir haben Ober-, U»»ter-, Erste und j letzte Cantoren, und selbstredend ist dieses auch der Maßstab, »nit den», »vir einander »nessen. Getviss mag es Biele von uns gebe,:, denen es nicht gegönnt war, ihr Wissen »nit Suppenlöffeln zu schöpfen, allein, das kann »»ns nur anspornen, alles aufzulvenden, die Lücken auszusüllen, die Schrvächeren empor-! zuheben, kurz, ih»»en die Mittel zu bieten, uns gleich zu rverden. Wir vergeben uns bierbei nicht nur nichts, vieiinehr können »vir ' durch ein solches Vorgehen die ohnehin »o stark gelichtete,» : Reihen vervollständigen. Wir müssen uns immer und überall , nicht nur als gleichverpflichtet, sondern auch gleichberechtigt an-! sehen, nicht mehr und nicht »veniger. Nicht nur am „grünen j Tisch will ich der „Herr Collega" sein, sondern a»»ch dra»rßen - im Lebe»» und nicht minder hier vor dem Forum der Oessent- I lichkeit. Lernen »vir doch von den Arbeitern! Vom Nagelschmied! bis zum Elektrotechniker, vo>» Schuhmeier bis Liebknecht nenne» | sie sich, nein fühlen und schätzen sie sich als Genossen. Dann »verden »vir uns unter einander heimisch fühlen, da»»»» »vird das Gemhl der Z»»fam»nengehörigkeit und Gleichheit zu Fleisch und Blm in uns »verden. Die Brüderlichkeit »väre dann von selbst gegeben. Wie sehr mangelt diese uns! Täusche»» »vir uns nur nicht! Selbst auf der» hervorragendsten und vestdorrirten Posten läßt man i es uns mehr oder minder discret fühle»», dass wir Vorsteher! Naben, vais »vir geiellschastlich immer und überall nachstehen | müssrn. Man liebt uns nicht und sieht es gar nicht gerne,! »venn um nach Unabhüngigkeir streben und »»ns aus der Zwangsj jacke gewisser ererbter Vorurrheile winden wollen. Allein unter j uns wenigstens sollten wir jene Gegenseitigkeit ftndei». die inan *) Wir sind uns dessen nicht bewusst, dass wir jemals die freie Meinungsäußerung in unseren» Blatte beschränkt hätten. Im Gegentheild, wir haben oft darüber Klage geführt, dass alle inöglichen Anregungen und Weckrufe an der Indolenz der Berussgenofsen scheiterten, und wir können auch den Schreiber dieser Zeilen von der Schuld nicht freisprechen, dass er jahrelang geschwiegen hat, ttotzdem er, wie es sich nun zeigt, so Vieles am Herzen hatte. Nur heraus mit der Sprache, wir scheuen keine Kritik, und auch dir uns zugedachten Borwürfekönnen wir ruhig hinnehmen, da wir uns von jeder Schuld frei wissen und die innerste llederzeugung hegen, immer das Beste gewollt, aber leider tauben Ohren gepredigt zu haben. Die Redaction.