Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 30 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DieWaHrHsit Redartion u. Administration Wien. IX/1, Novaragafse 27. Ä. I. öflerr. Postsparcassa Anakhättgige Aeilfchrift für jüöifche > Ganzjährig . . . K. 1».—! Halbjährig . ... St. j Eheck-Eonto Nr. 846.251. Jttfmfcn. Für Lultusbeamte: j - » s»rat,: Ganzjährig ... St. 10.— : 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnements- und JnsertionS» Ganzjährig .... 2 Mark! betrüge find in Wien zahlbar. Äloft* : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit •" 6 Rubel oder 16 Frcs. , , Nr. 30. Men, 17. Äugust 1WV Inhalt: Radikalcur — ein gefährliches Experiment. — Wenn wir echte Juden, keine Kunstjuden wären. — Zur Judenfrage in Galizien. — Eins ist nöthig. — Vierter Zionisten-Congreß. — Verschiedene Nachrichten. Radikalkur — ein gefährliches Experiment. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink.! (Schluss.) | Beleuchten wir das Gesagte an einem selbst erlebten! Beispiel.! In einer den gebildeten Kreisen angehörenden Gesellschaft j machte sich mir gegenüber eine Dame ganz besonders über unsere? Speisegesetze lustig. Sie glaubte damit eben so sehr den vollj giltigen Beweis gesellschaftlicher Ebenbürtigkeit geliefert zu haben, I wie anderseits die Absicht, mich wegen meiner gegentheiligen An-! schauungen der Lächerlichkeit auszusetzen, offen und unverkennbar > zu Tage lag'. „Wie man denn sich aus derartige absonderliche! Kleinlichkeiten, bei Fleisch keine Butter und Milch zu verwenden,! und an die weiteren Weitläufigkeiten des jüdisch-religiösen Hausj Haltes steifen könne?" „Der Mensch — was ist er denn anderes,! als ein fleischfressendes Raubthier?" i Ich entgegnete hierauf in aller Gelassenheit, dass meiner-! seits nichts dagegen einzuwenden wäre, wenn meine gnädige j Gegnerin auf diesen Titel Anspruch erhebe. Ich, für meinen! Theil, müsste ihn entschiedenst ablehnen, ohne darum auf Fleisch-! Nahrung gleichzeitig verzichten zu wollen. Wenn ich recht sehe, > so liegt dem eben so sehr bespöttelten Verbote, gleichzeitig Fleisch! und Milch zu genießen, keine ankere Absicht zu Grunde, als! gerade die, die dem Uebermenschen so wohl anstehenden Gefühle zu j den fleischfressenden Raubthieren zu gehören, bei uns nicht auf-! kommen zu lassen. Das lhierische Leben erschöpft sich in zwei j Hauptfunctionen, der Erhaltung des eigenen Lebens und des- \ jenigen der Nachkommenschaft. Alle übrigen in dessen Organismus sich al wickelnden Vorgänge stehen, wie sich leicht Nachweisen lässt, ausschließlich in dem Dienste jener. Das Mittel zur Erhaltung des eigenen Lebens — ist der leibliche Organismus, das zur Erhaltung der Nachkommenschaft — die Milch. Das Verbot, beide gleichzeitig zu genießen, will jedenfalls besagen, dass wir dem Thiere nicht das Leben abschneide» und gleichzeitig die Nachkommenschaft des Mittels zu dessen Fristung berauben sollen. Es müsste ein solches Verfahren in letzter Linie die völlige Ausrottung der Thierwelt zur Folge haben. Die Befugnis, ein Thier behnss Erhaltung unseres Lebens tödten zu dürfen, ist eines der größten Rechte, die Gott uns eingeräumt hat; dessen schrankenlosen Missbrauch zll verhüten und in uns gleichzeitig das brutale Gefühl eines fleischfressenden Raubthieres! nicht auskommeu zu lassen, ist die Fürsorge, die unsere Religion s in jenem Gebote uns leistet. Ob jene Dame von da ab das von ihr bespöttelte Gebot im eigenen Haushalt wieder zu Ehren gebracht, lasse ich dahingestellt, den Titel eines fleischfressenden Raubthieres jedoch hat sie fernerhin offensichtlich mit etwas weniger Selbstgefälligkeit und Behagen für sich in Anspruch genommen. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass Darlegungen dieser Art auf unsere Jugend, welcher religiösen Richtung immer, nie ihren Eindruck verfehlen. Ich vermag es darum auch nicht einzusehen, warum der Lehrer bei der Behandlung des 4. Gebotes im Dekalog das Arbeitsverbot am Sabbath nicht berühren solle? Er wird vielmehr erklären, dass es dem Gottesgebote mit der Forderung, den Sabbath zu heiligen, bitterer Ernst ist. Das Arbeitsverbot bezweckt, alle dem entgegenstehenden Hindernisse hinwegzuräumen, um einen freien Spielraum für dieselbe zu gewinnen. Wenn auch viele vorgeben, man könne das eine thun, ohne das andere lassen, so zeigt doch die tägliche Erfahrung, dass es in Wirklichkeit nicht gelingt. Dort, wo man die Arbeit des Werktages am Sabbath nicht eiustellt, hat er gar bald den Charakter eines heiligen Tages vollständig eingebüßt. Selbst das Verbot des Feueranzündens hat in diesem Zusammenhänge sür mich noch nichts Verfängliches. Man wird darauf Hinweisen, dass Feuer nicht blos die große Triebkraft der modernen Technik ist, sondern, dass dessen Beherrschung eine Cnltur, mag sich dieselbe in noch so schlichten Formen bewegen, erst ermöglichte. Mit diesem Verbot soll also sür diesen einen Tag alle Culturarbeit lahm gelegt werden. Nach der Lehre Gottes ist diese nur dann von Werth, wenn sie sich dem höchsten Streben nach Heiligung der Menschen unterordnet, ihm bessere und edlere Hilfsmittel hierzu liefert. Wud der Schüler hierdurch etwa zu einem verbohrten Fanatiker erzogen? Doch der Herr Fürsprecher der Reform vermeint, all die'e Dinge dadurch unschädlich zn machen, dass er sie in die Religionsgeschichte verlegt. Folgen wir ihm auf diesen Weg! Will der Lehrer Geschichte und nicht Dichtung vortragen, so wird er etwa in diesem Falle sagen müssen: In den ältesten Zeiten pflegte das Volk sich an Sabbathen um die Propheten zu schaaren (II. Kg. IY, 23). Der Zweck dieser Versammlungen liegt auf der Hand. Aus einer Stelle in Amos (YIII, 5) ist ersichtlich, dass felvft betrügerische Ausbeuter dem Sabbath so viel Scheu entgegengebracht, dass sie an diesem Tage das Volk nicht schinden mochten. Jesaja geißelt jene religiöse Unart, die zwar den Sabbath wahrt, aber über stecht und Billigkeit ruchlos hinwegschreitet (I, 13). Nichtsdestoweniger wird (58, 13) die strengste