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Die Wahrheit · 1900-07-13 · Heft 25 (13.7.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 25 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25. Die Wahrheit. Seile 7. Wariknvad. Die Frequenz des hiesigen Gottesdienstes scheint im | umgekehrten Verhältnisse zu der des Curortes zu stehen und besonders an! Wochentagen fehlt es oft am obligaten Minjan, sogar zur Abhaltung j des psp TiD3 ov>, oder bei Jahrzeiten. Dagegen ist am Freitag-Abend > und Sabbath zum Mussaphgebete der geräumige und prachtvolle Tempel i bis auf das letzte Plätzchen gefüllt, wozu wesentlich der weihevolle Vorj trag des Obercantor Goldenberg, ebenso die im modernen Geiste abgej haltenen Predigten des Rabbiner Dr. Goldberger, eines gebürtigen! Wieners, beitragen dürften. Auch im hiesigen israel. Curhospiz findet! eine regelmäßige Andacht nach altjttdischem Ritus statt, ebenso wird! die Liturgie in Leitners Hause, erst nach einem mit der Cultusgemeinde j geführten Prozess von der h. Statthalterei genehmigt, in conservativer j Weise abgehalten. Die Unbemittelten erhalten im genannten Hospiz ärztliche! Ordination durch den allzusehr von anderer Seite in Anspruch genommenen j Herr Professor Kisch, ebenso gute Pflege durch die Fürsorge des Herrn Verwalter Simon Bertha u er und Gratisbäder, doch sollte auch für andere Unbemittelte — die aus gewissen Gründen keine Aufnahme finden können — durch einen neu zu gründenden Verein, wie es in Baden b. W. geschieht, gesorgt werden, zumal die hiesige Cultusgemeinde Lei den Curgästen ebenfalls Spenden sammelt. Verschiedene Nachrichten.! Wien. Wieder ist Einer von den wenigen noch Lebenden in's Gefielde der Seligen eingegangen, die die Wiener Cultusgemeinde von | kleinen Anfängen zu mächtiger Entwicklung emporblühen sahen und an j dem Aufbau ihrer segensreichen Institutionen mitgewirkt haben. Es ist j dies Herr Jacob B r a n d e i s, der vor einigen Tagen in Marienbad, > wo er zur Cur weilte, im^89. Lebensjahre verschied. Der Verblichene war! mit kurzer Unterbrechung über 30 Jahre Vorsteher der Cultusgemeinde,! eine Zeitlang auch, unter dem Präsidium Jonas Freiherrn von Königswarters, Vicepräsident der Gemeinde, viele Jahre hindurch Obmann und zuletzt Ehrenobmann des Bethausvorstandes, Präsident der Chewra j Kadischa, Obmann des jüdischen Handwerkervereines, Beirath der Wiener! Allianz und ein eifriger Förderer vieler anderer humanitärer Institute. j Mittwoch den 11. d. M. fand hier in Wien das Leichenbegängnis statt, j Eine überaus zahlreiche Trauerversammlung füllte den Ceremoniensaal j des Centralfriedhofes. Von der Familie des Verblichenen waren anwe-! send die beiden Söhne, Albert und Ludwig Brandeis, die beiden Töchter , Frau Julie Goldschmidt und Frau Clara von Boschan, und andere | Verwandte, ferner bemerkten wir den Präsidenten der Cultusgemeinde, Herrn kais. Rath Heinrich Klinger, mit sämmtlichen Vorstandsmitgliedern, die Beamten der Cultusgemeinde unter Führung des ersten Secretärs, kais. Rath Dr. Lieben, die Vorsteher und Vertreter der verschiedenen I Vereine und Institute, denen der Verblichene angehört hat, rc. Unter j lautloser Stille stimmte Obercantor Singer, assistirt von den beiden > ersten Cantoren Schiller und Blatt und dem vereinigten Tempelchore, ■ die mächtig wirkenden und tief ergreifenden Trauerpsalmen an, und j hierauf trat Oberrabbiner Dr. Güdemann an die Bahre und entwarf j mit bewegten Worten ein treffendes Bild von dem Leben und Wirken des Verblichenen, der in Hochhaltung und Ausübung der von seinen Vorfahren übernommenen Traditionen viel Edles und Gutes gewirkt und geschaffen hat. Seine Mutter war eine bedeutende Frau, sein Groß-! Vater ein hervorragender Gelehrter, der das Werk „Bigde Kehuna“ j geschrieben hat. Diese priesterliche Gewandung hatte der Verblichene j umgethan und in seinem Lebenswandel sich als wahrer Priester der! Menschheit bewiesen. Es sprachen noch Cultusvorsteher Dr. Spitzer j namens des Bethausvorstandes, Baurath Stiaßny namens der Chewra j Kadischa und Gemeinderath Donat Zifferer namens des jüdischen > Handwcrkervereines. Hierauf bewegte sich der Leichenzug, geführt vom I .Friedhofverwalter Bäcker, zu dem vom Vorstande der Cultusgemeinde > überlassenen Ehrengrabe, woselbst unter den üblichen Trauerpsalmen! Jacob Brandeis zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Wien. (Auszeichnung.) Der Vicepräsident der Niederösterreichischen Escomptegesellschaft, Herr Moritz Ritter von B orkenau, ist in Anerkennung der Verdienste, welche er sich um das Institut erworben, durch die Verleihung des Titels eines Hofrathes ausgezeichnet worden. Herr v. Borkenau, der bekanntlich nach dem Ableben Ignaz Kuranda's einige Jahre auch Präsident der Wiener Cultusgemeinde war, ist Ende vorigen Jahres wegen vorgerückten Alters vom Posten eines Generaldirectors zurückgetreten nnd wirkt bei der Escomptegesellschaft durch mehr als 42 Jahre in den verschiedensten Functionen. Anlässlich seines 70. Geburtstages wurden ihm außerordentliche Ovationen bereitet, und die in Bankkreisen äußerst seltene Auszeichnung, die ihm soeben zutheil geworden, 3ei.1t von der Anerkennung, die seiner Thätigkeit auch an maßgebender Stelle gezollt wird. Wie«. (Die rumänischen Auswanderer). Montag Abends paffirten abermals sechzig rumänische Auswanderer die Landungsbrücke am Handelsquai, um nach kurzem Aufenthalte in Wien ihre weite Fahrt fortzusetzen. Es sind dreißig junge Leute aus Braila. die sich aus dem Schiffe mit einigen Familien aus Bukarest zusammengesunden haben. Kräftige, sehnige Gestalten mit gebräunten Gesichtern. Die aus Bukarest kommenden Familie» zeigen dasselbe Bild des Jammers und des Elends, das erst bei der letzten Auswandererpartie so ergreifend in die Erscheinung trat. Die jungen Leute sind zumeist Handwerker, auch einige Handelsangestellte, die Alle ihre Eltern in der ingastlichen Heimat zurückgelaffen haben, um, wenn sie jenseits des Oceans ihr Brot gefunden haben, dieselben in das neue Vaterland hinüberzurusen und drüben au ihnen ihre Kindespflicht zu erfüllen. Sie stellen sich in Reih' und Glied auf, uns die Gleichmäßigkeit ihrer Bewegungen zeigt den soldatischen Drill Die meisten von ihnen haben beim Militär gedient. Die schlechten Erwerbsverhältniffe und die unleidlichen Zustände in Rumänien haben sie gezwungen, Heimat und Vaterhaus zu verlassen. Ein bejahrter Mann in gebrochener Haltung steht im Kreise einiger Mädchen; es sind seine Töchter. Die Auswanderer weisen auf ihn hin, als Einen, dem besonderes Leid widerfahren ist. Er erzählt seine traurige Geschichte. „Ich war Hausirer in Bukarest und hatte mit Elend und Roth zu kämpfen, um meinen sechs hungernden Kindern Brot zu schaffen. Mein Geschäft wurde aber immer schlechter und der Verdienst so gering, dass ich kaum mehr im Stande war, meine Familie vordem Verhungern zu schützen. Ich sah nun. wie Viele, denen es nickt beper ging wie mir, in ihrer Verzweiflung zum Wanderstab griffen. Ich beschloß, das Gleiche zu lhun, ich konnte es nicht länger ertragen. Was ich entbehren konnte, machte ich zu Geld, und mit dem Erlös von 200 Fra-cs begab ich mich zur Polizei, um mir einen Auslandspass zu holen. Den Betrag hatte ich in Papierscheinen neben den Documenten in die Brieftasche gelegt. Als ich nun auf dem Polizei-Amte in der Strada Mirzawoda erschien und einem Polizisten meine Bitte um Ausfolgung eines Passes oortrug, schrie mich derselbe barsch an und verlangte dann die Vorweisung meiner Papiere. Ich öffnete die Brieftasche, um seinem Wunsche zu entsprechen; doch als er neben den Documenten den Geldbetrag liegen sah, entriss er mir die Tasche und hieb ans mich ein, bis ich fast die Besinnung verlor. Dies geschah am 10. Juni a. St. Langsam erholte ich mich von dem Schrecken und der Misshandlung und begab mich nach Hause. Auf meine Reclamationen erhielt ich wohl die Brieftasche mit den Documenten, das Geld habe ich aber bis heute nicht gesehen. Auch der Pass wurde mir dann ausgefolgt, aber die 200 Francs waren verloren. Ich habe heute keinen Franc bei mir und weiß nicht, wie ich mit meinen sechs Kindern den weiten Weg machen werde." Ein Nebenstehender zieh: einige rumänische Zeitungen heraus, in denen der Fall ausführlich geschildert ist und die Regierung aufgefordert wird, die Sache zu untersuchen. Der Mann, mit Namen Moses Löbl, hat, wie ein Document, das er bei sich führt, bestätigt, den russisch-türkischen Krieg als Soldat mitgemacht und ist wegen seines tapferen Verhaltens belobt worden. «rag. (Jubiläum.) Die letzte Dichterliebe Goethes, die vielgepriesene Freiin Ulrika von Levetzow, Sternkreuzordensdame vom heil. Grabe, war sehr tolerant. Sie schenkte ihr ganzes Vertrauen ihrem jüdischen Leibarzte. Dr. A. F r e i b e r g e r in Triblitz, der auf dem Gute seit 35 Jahren hochgeachtet als Herrschaftsarzt lebt und wirkt. Er wurde im Jahre 1830 in Eibenschütz geboren und absolvirte in Nikolsburg das Gymnasium, dann bezog er die Universität in Prag. Er feiert am 16. Juli d. I. in vollster geistiger und körperlicher Frische seinen 70. Geburtstag. «rag. Herr Arnold Flaschner aus Prag, Schüler des Herrn Oskar Nefeles, Cantor in Rican, wurde nach einem beifällig aufgenommenen Probevortrage als Lehrer und Cantor in Malinetz acceptirt. Steinamanger Aus Anlass des 70. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs erscheint demnächst eine Comvosition (Psalm 21) für gemischten Chor und Cantorsvlo von Max Goldstein. Obercantor in Steinamanger. Elberfeld. Im Berichte über das philharmonische Abschiedsconcert des Städtischen Orchesters hebt der „General-Anzeiger für Elberfeld- Barmen" aus dem wundervollen Programme besonders das stimmungsvolle Orchester-Arrangement hebräischer Melodien von Herrn Obercantor Zivi hervor. Die technisch und tonal rühmenswerthe Wiedergabe feffelte das Publikum. Aacanze». Breznitz (Böhmen). Gepr. Lehrer, autor. Rabbiner» Cantor, Kore, beider Landessprachen mächtig, am 15 Sept. zu besetzen. Gehalt 1500 Kronen. Emolum., freie Wohn. Offerte an Cultusvorsteher Benjamin Müller. — Po cs. S zt. Jstv an (Ung.). Vorbeter, Schochet, Kore» bis 15. August zu besetzen. Gehalt 700 Kronen, freie Wohnung, für Religionsuuterr. nach Uebereinkommen. Offerte an Vorsteher Adolph Steiner. Schwerin (Deutschl.) Cantor. Schächter. Balkare, am 15. Aug. zu besetzen. Fixum 1600 Mk. 300—400 Mk. Nebeneiukommen. Offerte an Vorstand L. Cohn. — Hamburg (Dammthor-Synagoge) Hilfscantor, unverheiratet, der im Chor mitzuwirken hat. Meldungen an. Vorsteher Moritz, Rosenblum, Neuerwall 35 II, Hamburg.

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