Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 22 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaction n. Administration Wien. II/l, Novaragaffe 27. AnaVhätlgige Abschrift für jüdische ft t. österr. Postspareaffa Eheck-Conto Nr. 846.251. Interessen.! -asirat«: 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Abonnements- und Jnsertions» beträg« sind in Wien zahlbar. Atoll«: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" j Lezngrpni»: Ganzjährig . . - ft. 12.— Halbjährig .... ft. «.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig ... ft. 10.— Für Ausland: I Ganzjährig .... S Watt I 6 Rubel oder lS FreS.!! _ Ur. 22. Wien, 22. 3unt 1900. Inhalt r Gibt es jüdische Secten, die Christenblut izu ritualen Zwecken benöthigen? — Deutsche Kaiser über den Ritualmord. — Wenn wir echt* Juden, keine Kunstjuden wären. — Gemeinde- und Bereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Die Lage der jüdischen Cultusbeamten. — Verschiedene Nachrichten. Gibt es jüdische Zecken, die Christenblut zn ritualen Zwecken benöthigen? In unserer aufgeklärten Zeit, in der Zeit der Cultur und Bildung, der Civilisation und des Fortschrittes, in der Zeit des Dampfes und Elektricität wird von finstern Mächten, denen jede Aufklärung in der Seele verhasst ist, besonders von Strebern, | die um jeden Preis ein „Geschäft" machen wollen, das im »vtituWn ypOm-fhpu »nm Rrtuotn, fructificirt. Und in der That ist es den sogenannten „Volksbeglückern" gelungen, den Geist des Volkes zu vergiften, so dass selbst gebildete Menschen oft behaupten, es müsse im Judeuthume eine Secte geben, die Menschenblut zu rituellen Zwecken öenöthige. Ich gestatte mir daher hier einen diese hämische Behauptung widerlegenden Artikel eines christlichen Theologen, des Herrn Lic. Dr. G. H. Dalman aus Leipzig, zu reproduciren: „Meine Kenntnis der jüdischen Religion, sowohl in ihrer talmudischen, als ihrer mittelalterlichen und modernen Form, hatte mir längst schon außer Zweifel gestellt, dass die jüdische Religion als solche einen rituellen Mord nicht kenne, sondern in jeder Weise perhorrescire. Doch schien es mir möglich, dass ebenso, wie innerhalb der christlichen Kirche Secten aufgetreten! sind, welche sittliche Vergehen mit religiöser Glorie umgaben,! auch im Judeuthume eine im Geheimen wuchernde Secte existiren i könne, welche aus abergläubischen, von der jüdischen Riligion nicht gelehrten Motiven die Gewinnung und den Genuss von Christenblut oder überhaupt die Tödtung von Christen empfehle. Ich las zunächst die Schriften von Justus, Rohling, Ecker, Victor, Fritsch, welche eine derartige Geheimlehre „enthüllen". Hier zeigt schon eine oberflächliche Lectüre dem Fachmann, dass grobe Unwissenheit und seltene Freiheit sich in diesen Schriften mit dem Mantel der Sach- und Fachkenntnis schmücken. Nichts macht die Oberflächlichkeit und die Leichtfertigkeit der antisemitischen Schriftsteller so sonnenklar, wie die Weise, in welcher sie aus halb oder gar nicht verstandenen oder ganz erfundenen Citaten „Lehren des Judenthums" fabriciren, um dann derartige Fabrikate, wenn sie auch längst in ihrer Erbärmlichkeit von Sachverständigen erkannt worden waren, immer aufs Neue als Resultate tiefdringender Forschung in die Welt zu rufen. Trotz alledem meinte ich, was die Herren Rohling und Justus zwar nicht erwiesen hatten, könne vielleicht doch wahr sein, und setzte es mir zur Aufgabe, neue und stichhältigere Beweise dafür zu suchen. Aus den entlegensten Winkeln der jüdischen Litteratur verschaffte ich mir Schriftwerke der verschiedensten Art, Gesetzbücher, Ritualien, Schriftauslegungen, Darstellungen mystischer Systeme. Ich war nicht zufrieden mit Ausgaben, welche unter den Augen christlicher Obrigkeiten und Censurbehörden gedruckt wurden, sondern erwarb, ohne Kosten zu scheuen, Exemplare, die noch vor der Einrichtung einer päpstlichen Censur für jüdische Bücher bald nach der Erfindung der Buchdruckerkuust erschienen otcttctr, luctujc üu«5 v^uiuu offtcto oer Zngurflliou durch ihre schwarzen Stempel getilgt hatte, suchte ich zu entziffern. Ich kaufte neue und alte, in nicht christlichen Ländern gedruckte Werke, wie sie die jüdischen Officinen von Constantinopel und Salonichi, von Jerusalem und Smyrna geliefert haben. Ich schrieb nach Marokko und Algier, nach Tunis und Bagdad, um die Litteratur in die Hände zu bekommen, welche dort unter den Juden circulirt. Um mit der jüdischen „Geheimlehre" der Kabbala, in welcher die orientalischen Koryphäen der Antisemiten die Blutlehre entdeckt haben wollen, vertraut zu werden, ließ ich mich von einem greisen jüdischen Kabbalisten, dem Schwiegersöhne eines rumänischen Wunderrabbis, d. h. eines kabbalistischen Heiligen, in die den jüdischen Gelehrten Deutschlands meist völlig unbekannte Litteratur einführeu. Planmäßig habe ich überall gerade die Stellen durchforscht, wo am ehesten Christenthumfeindschaft und Aberglaube die Lehre vom rituellen Morde zu Tage gefördert haben könnten. Es wäre mir fast eilte Befriedigung gewesen, wenn ich irgendwo etwas derartiges entdeckt hätte. Aber ich habe nichts gefunden. Was Andere in alter und neuer Zeit zum Beweise dieser Irrlehre angeführt haben, ist nichtig. In der jüdischen Litteratur ist ein Beweis für ihre Existenz nicht zu entdecken. Ich zweifle nicht, dass die Antisemiten, weil sie gar nicht in der Lage sind, eine derartige Untersuchung führen oder auch nur beurtheilen zu können, dies nie einsehen und nie gestehen werden, dass sie von Urtheilsunfähigen dup'rt wurden, und dass sie auch ferner ihren blinden Leitern blindlings folgen werden. Sie werden sich darauf berufen, dass die Thatsächlichkeit ritueller Morde acteumäßig und durch richterliche Erkenntnisse seststehe. Ich setze einmal den Fall, dass bei allen mit mehr oder weniger Sicherheit von der Geschichte überlieferten Blutproceffen wirklich ein Christ von einem Juden ermordet worden wäre. Aber daraus würde doch immer noch nicht das Vorhandensein einer Lehre vom rituellen Morde folgen, so wenig das Christenthum eine