Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 20 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Die IDabrbeit. 'Seite 11. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem r u s s i s ch - j ü d i s ch e n, Leben Von Moritz Scherbel «Nachdruck verboten.) <33. Fortsetzung.) „Das letztere ist freilich traurig, Estherchen; allein solches in unserer Zeit bei den Jungen und Alten vor sich zu sehen — daran hat man sich bereits gewöhnt und man tröstet sich damit, dass es später anders werden wird. Nicht so aber, wenn der Austritt aus dem Juden, thum faktisch sich vollzogen hat. Und die Gründe, mit denen es motivirt wird! Folgt man etwa in den meisten Fällen dabei — wie wir es ja hier bei Erich sehen — einer inneren Ueberzeugung, der Erkenntnis, dass man dort sein Seelenheil besser gewahrt sehen wird, als hier, dass man eine innere Unruhe dadurch beseitigen will? Nein, nein, das ist durchaus nicht der Fall. Es ist vielmehr ein niedriger Schacher um weltliche Vortheile — so hörte ich einmal den Rabbiner sagen. Lebet so unjüdisch, w ie Ihr wollt, tretet die Gesetze Eurer Religion mit Füßen, haltet nichts von allen dem, was das Judenthum Euch vorschreibt — und man kann Euch dabei den Vorwurf den Unehrlichkeit nicht machen, höchstens den des Leichtsinnes. Aber tretet aus der Glaubensgenossenschaft. in welche Ihr hineingeboreu seid, verleugnet das jüdische Blut, das in Euren Adern fließt, um dabei ein Bekenntnis anzunehmen, das euren Eltern fremd gewesen und Euch selbst noch unbekannt ist — thut dieses Alles, um reicher, angesehener und besser bezahlt zu werden — so muß Euch jeder ehrliche, aufrichtige Mensch der Lüge zeihen und den Makel der Unmoral werdet Ihr nicht los werden, selbst wenn Ihr die höchsten Stellen im Lande einnehmen werdet, ja der moralische Mensch hat in Euch aufgehört zu existiren. — Dieses Alles, Estherchen," fuhr Deborah fort, „habe ich einmal vom Rabbiner sprechen hören, ich selbst bin viel zu wenig gelehrt dafür. Jndess haben wir jetzt blos von Erich und seinem Uebertritt zum Christenthume gesprochen. Wie? wird ihm die Hulda dabei nicht folgen müssen, wenn sie seine Frau werden will? Habt ihr Eltern Euch auch schon mit diesen Gedanken vertraut gemacht, habt Ihr Euch schon die Frage vorgelegt, wie Ihr Eurer Tochter gegenüber stehen werdet, wenn dieselbe Christin und Ihr selbst noch Juden seid, habt Ihr auch dieses unnatürliche Verhältnis schon klar gemacht?" „Du magst ja in vielen Punkten Recht haben, Muhme Dore, allein, selbst wenn ich mich zu Deinen Ansichten bekennen würde — unser beiderseitiger Widerstand vermöchte dennoch nicht, das Projekt zu Fall zu bringen und das zu stören, was nun einmal zwischen meinem Manne und den Kindern beschlossene Sache ist." „Doch, wenn ich Dich nur auf meiner Seite weiß, so ist dieses schon etwas. Ich gestehe zu, dass ich Deinen Mann nicht mit Worten werde überzeugen können, mir stehen dafür aber andere Mittel zur Hand." — Esther schlug die Augen nieder. „Andere Mittel" — fuhr jene fort — „Du weißt, dass ich von meinem Vermögen jedem Deiner Kinder aus reiner Liebe zu Dir fünftausend Rubel bestimmt habe. Heiratet Deine Hulda einen Juden, sie bekäme an ihrem Hochzeitstage den Betrag ausgezahlt; allein ich würde das Geld lieber auf die Straße werfen, als es einer von unserer Religion Abtrünnigen geben. Denn dass sich Hulda auch taufen wird, ist meine vollste Ueberzeugung. Vielleicht führt diese Drohung Deinen Mann zur Besinnung. Geschieht es nicht, so wäre ich im Stande, Gebrauch von einem Schriftstück zu machen, das bis jetzt bei mir wie begraben liegt, später aber leicht in die Öffentlichkeit gelangen könnte. Versuch es Du, Esterchen, vorerst auf ihn einzuwirken. Vielleicht ist es auch möglich, dass Erich einem anderen Berufe sich zuwendet, er ist ein gebildeter Mensch, ihm stehen tausend andere Wege offen. Ich will mich nicht darum kümmern, wie er sonst als Jude lebt — aber ich will die Schmach nicht mit ins Grab nehmen, dass wir einen Getauften oder gar zwei in unserer Familie haben —" Esther hatte die alte Verwandte ruhig ansreden lassen und die Worte, die sie vernommen, waren nicht wirkungslos verhallt. Sie kannte ihre Tante, diese Greisin mit jugendlicher Willenskraft nur zu genau, um zu wissen, dass sie im Stande wäre, das was sie gesprochen, unerbittlich durchzuführen. Schon die Entziehung der fünftausend Rubel konnte nicht mit Gleichgiltigkeit hingenommen werden. (Fortsetzung folgt.) Hlag Hittfc non Mriffn sch s Btijiriibinin für killen mittrilofra Stuhirenbrn der Rechte israel. Eonselsian des zweiten sdrr eines höheren Jahrganges an der kr. lr. Wiener Rainersität. Am 18. Oktober 1900 gelangt das obengenannte von Herrn Josef M. Ritter von Pfeiffer, föuigl. Würtemberg'scbem Hosrath. zum Andenken an seinen verstorbenen Sohn Mar errichtete Stipendium per Kr. 420.-- zur Verleihung und werden in Wien zuständige Bewerber in erster Linie berücksichtigt. Die Bewerber haben ihre Gesuche mit dem Nachweise, dass sie mosaischer Religion urd mittellos, sind ferner, dass sie ihren Studien an der juridischen Fakultät der k. k. WienerUniversität als ordentliche Hörer obliegen, eventuell mit dem I Nachweise ihrer Zuständigkeit nach Wien, bis längstens 1, 15. Zu« 1900 m Einreichrungs-Protokolle der isr. Cultusgemeinde (I., Seitenstetrengaffe 4, I. Stock) einzubringen, woselbst während oer Amtsstunden von 9 — 12 Uhr Vorm. Gesuchsblankette unentgeltlich zu beheben sind. In dem Gesuche ist anzugeben, ob der Bewerber in dem Genuffe eines Stipendiums steht, eventuell in welchem Betrage. Wien, am 1. Juni 1900. Der Vorstand der isr. Cultusgemeinde Wien. Andreas Feigl'sche Witmn-Stistnng. Am 21. Elul, das ist am 15. September 1900 werden aus obiger Stiftung acht arme israel. Witwen, jede mit dem Betrage von K. 104.— j betheilt. Die Bewerberinnen haben ihre mit dem Nachweise ihrer > A r m u t und des W i t w e nst a n d e s versehenen Gesuche i bis 30. J«ni 1390! im Einreichungs-Protokolle der israel. Cultusgemeinde, I., Seitenstettenj gaffe 4, I. Stock, während der Amtsstunden von 9—12 Uhr Vorm, zu! überreichen. Gesuchsblanquette sind im Einreichungs-Protokolle unentj zeitlich zu beheben. Auszüge aus den Geburts-, Trauungs- und Todtenj matriken der Wiener israel. Cultusgemeinde sind als Gesuchsbelege! n i ch t erforderlich und genügt die genaue Angabe der b e- | treffenden Daten, j Wien, am 1. Juni 1900. i Drr Vorstand der isr. Cultusgemeinde Wien.! , Rosalia ßollak'sche Bliiii)rn= Stiftung.! Der Vorstand der hiesigen israel. Cultusgemeinde bringt hiemit zur Kenntnis, dass die Zinsen der vom Herrn M o r i z Sitter » o n Borkenau begründeten Rosalia P o l l a k's ch e n Blinde n- , Stiftung im Betrage von Kr. 84. — an eine erblindete oder durch! schwaches Sehvermögen erwerbsunfähige Frau oder Mädchen israel.! Confession, für das laufende Jahr zu verleihen sind. Die Bewerberinnen! haben ihre Gesuche um die genannten Stistnngszinien mit einem Armuts-! scheine und einem Zeugnisse des Verwalters des hiesigen isr. Spitales über ihre Erwerbsunfähigkeit zu versehen und bis 30. Juni l. I. im Einreichungs-Protokolle der israel. Cultusgemeinde, Wien, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock, von 9 12 Uhr Vorm, zu überreichen, woselbst . Gesuchsblanquette während der Amtsstunden unentgeltlich zu beheben sind.! Wien, am 1. Juni 1900. Josef Zpiher'sche Stiftung. Der Unterzeichnete Vorstand verlautbart hiemit, dass aus den; Zinsen der Joses Spitzer'schen Stiftung ein Betrag von Kr. 244.— an 3 oder 4 in Wien wohnhafte arme des Ernährers beraubte jüdische E Familien zur Vertheilung gelaugt. Die Bewerber beziehungsweise Bewerberinnen haben ihre mit dem Nachweise darüber, dass der Ernährer; sei es durch Tod oder durch Krankheit oder durch sonstige Umstände der Familie entzogen ist, sowie mit einem Armutzeugnisse versehen, Gesuche bis 30. Zuni b. I. ’ im Einreichungs-Protolle der isr. Cultusgemeinde, l. Leitenstettengasse j Nr. 4. I. Stock, während der Amtsstunden von 9 -12 Ubr Vorm zu; überreichen. Gesuchsblanquette sind im Einrerchungs-Protokolle unent- * zeitlich zu beheben. Auszüge aus den Geburts-, Trauungs- und Todesl matriken der isr. Cultusgemeinde sind als Gesuchsbeilagen nicht erfori derlich und genügt die genaue Angaben der betreffenden Daten. , Wien, am 1. Juni 1900. j Der Vorstand der isr. Cullusgemeiiidk Wien.