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Die Wahrheit · 1900-05-18 · Heft 17 (18.5.1900) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 17 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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re Redaction u. Administrarion: Wien, II/l, Novaragaffe 27. Aaabhängige Aeiischrifi für Mische i; fiejagsptets: Ganzjährig . . . St. IS- Halbjährig . . . . Ä. St. k vsterr. Postsparcassa <* Check-Conto Nr. 846.251. Hntere-fcu. ’ Für Lultosbeamte: j 1 n fccaf«: Ganzjährig .... St. 10.— : 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnementsnnd Jnsertions- Ganzjährig ....!2 Mark betrüge sind in Wien zahlbar. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder 16 FrcS. Ur. 17. Wien, 18. Mai IM. Inhalt r Jüdische Geheimschriften und der Konitzer Mord. — Zionisten und „Jüdische Volkspartei." — Carl Goldmark's 70. Geburtstag. — Aus jüdischen Aerztekreisen. — Gemeinde- und Bereinsbote. — Die Entwickelung des jüdischen Cantorates von der Mitte des achtzehnten bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. — Cantoren-Curse. — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Iie Fledaction. Jüdische Geheimschriften und der Konitzer Mord. Das Mitglied des preußischen Herrenhauses, Herr von Hertzberg-Lottin, hat in einer Interpellation die Staatsregierung ausgefordert, es möge durch eine authentische Uebersctznng aller „jüdischen Geheimschriften" der Beweis geführt werden, dass diese Schriften keinen Anhalt für den Volksglauben bieten, der annimmt, dass in diesen Geheimschriften die Verwendung von Christenblut für Ritualzwecke geboten werde." Den Interpellanten und die hinter ihm Stehenden scheint nicht so sehr das Streben nach Wahrheit zu leiten, sondern viel mehr die Absicht, in die durch antisemitische Agitationen erzente Erregung über die Konitzer Mordafsaire ein neues Schlagwort von den „jüdischen Geheimschriften" zu werfen. Zur Aufklärung der irregeleiteten Massen ist nun die Ennnciation eines hervorragenden christlichen Theologen, des berühmten Professors der evangel. Theologie, Dr. Strack in Berlin, besonders zu begrüßen. Derselbe äußert sich über die Frage in folgender Weise: Vorab die nachdrückliche Erklärung: Es gibt keine jüdischen Geheimschriften. Innerhalb des gesammten Judenthums gibt es weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Weder suchen die Inden vor t>eu Christen etwas zu verbergen, noch können sie vor ihnen etwas verbergen. Für die Nichtigkeit dieser Erklärung setze ich auch hier meine Ehre als Mann und als Gelehrter ein. Wer also von „jüdischen Geheimschriften" redet, befindet sich im Jrrthum oder — doch das darf von einem Mitglieds, sei es des Herrenhauses, sei es des Abgeordnetenhauses in Preußen oder des deutschen Reichstages, nicht ohne zwingenden Beweis ausgesprochen werden. Der Jrrthum ist aber jedenfalls kein neuer. Wer die Geschichte des öffentlichen Lebens auf diesem Gebiete ein wenig kennt, weiß, dass auf Grund der Denunziation eines Schwennhagen der preußische Unterrichtsminister im Jahre 1892 eine Revision aller Lehrbücher für den israelitischen Religionsunterricht anordnete. Am 29. September 1893 meldete der „Staatsanzeiger", die Sammlung der untersuchten Schriften habe aus 551 Büchern bestanden, und das Ergebnis der sehr eingehenden Prüfung durch zwei Beauftragte sei gewesen, „dass keine der in der Presse gegen die jüdischen Religionsbücher eri hobenen Anklagen durch den Inhalt der vorgelegten Bücher begründet ist." Am 22. März 1893 wurde im Herrenhanse über eine : Reihe gleichlautender Petitionen, „um staatliche Prüfung der! jüdischen Geheimgefetze" verhandelt. Bei dieser Gelegenheit sagte der Regiernngscommissär, der damalige Geheime Oberregiernngsrath Dr. Althoff (stenographischer Bericht Seite 89): „Diese Petition ist durchaus gegenstandslos. . . . Was verlangen die Herren Petenten? Sie sagen, es soll ein Alls schuß aus nichtjüdischen Mitgliedern, ans gelehrten Orientalisten zusammenberuien werden, und der soll über die Fragen . . . sein Votum abgeoen. Ja, meine Herren, das ist schon längst geschehen. Die Orientalisten Deutschlands haben sich ja schon seit Jahren, seit Jahrhunderten zur Sache geäußert, und eine Minorität ist dabei zur Ansicht der Petenten gelangt; die sind ja hier vorn in der Petition alle viritim aufgeführt. . . Die Majorität, das ist ebenfalls notorisch, ist zu dem Resultat gelangt, dass die jüdische Religion keinen ihrer Anhänger nötigt, etwas zu glauben, zu thun oder zu lassen, was mit der bürgerlichen Ordnung in Widerspruch steht. Nun, meine Herren, mag man dieses Ergebnis für richtig halten oder nicht, das lhut nichts zur Sache, — jedenfalls muss man anerkennen uno kann nicht bestreiten, dass hier die Gelehrten Deutschlands, die als legitimirt tu der Petition ausgestellt sind, die Orientalisten, bereits zur Sache sich geäußert! haben. Was soll es da nützen, wenn wir von ihnen nochmals j eine Aeußerung verlangen, nicht voll all den vielen Stimmen, j sondern von wenig Berufenen?" — Treffend bemerkte Ober-! bürgermeister Struckmann: „Wir haben es hier mit der jüdischen Religion zu ihn», die seit Jahrtausenden besteht. Kann man da; von Geheimbüchern überhaupt reden? Sind alle die Werke, aus! denen hier Citate gegeben worden sind, Geheimbücher? . . .! Sind diese Bücher unbekannt gewesen, als wir den Artikel der! Verfassung gegeben haben, wonach auch den Juden es gesichert! ist, auf Grund ihrer uns vollkommen bekannten Religionsgesetze ihre Religion frei zu üben, allerdings unter Beobachtung der Staatsgesetze, denen sie selbstverständlich gerade so unterworfen sind wie wir? Sind das alles unbekannte Sachen gewesen? Trotzdem hat man die Verfassung gegeben, trotzdem haben seil-

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