Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 14 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 14. Die Wahrheit. Seite 11. Dielen Beifalls zu erfreuen hatte. Fräulein Franziska Großkopf, Opernfängerin, erwies sich im Besitze einer wolklingenden, wohlgeschulten Sopranstimme, die gewiss auf der Bühne zu noch vortheilhafterer Wirkung kommt, während Herr Siegmund Großkopf eine schon recht weit vorgeschrittene Biolintechnik bekundete, die in der bekannten für die Violine so dankbaren Scene de ballet von Beriot genug Gelegenheit fand, durch reine Intonation .und schon recht sicheren Strich zu glänzen. Capellmeister M. Großkopf begleitete die Vorträge sehr geschickt und wirkungsvoll. Das Programm wurde vervollständigt durch den Gesangsvortrag des Herrn Brinkmann von der hiesigen Oper, dessen sympathische Stimme in dem Prolog aus Leoncavallos „Bajazzo" vielleicht beffer zur Geltung kam als auf der Bühne, und durch die trefflichen Claviervorträge des Pianisten Herrn Adolf Heil aus Offenbach, welcher Stücke von Raff, Chopin und Liszt technisch recht anerkcnnenswerth spielte. Th. Sch. Mteratur. Schire Tödoh Lo El, componirt von Jsaac H e y m a n n, Ober- Kantor in Amsterdam, lieber diese, im Vorjahre erschienenen Psalmen- Gesänge liegen uns nachfolgende Recensionen hervorragender Musikkritiker vor, welche unserem hochgeschätzten Freunde und Collegen Heymann die 'vollste Anerkennung zu theil werden lassen: Herr Musikdirector G. A. H e i n z e in Amsterdam, schreibt: „Der Componist hat sich bei seinen vierstimmigen Männergesängen theilweise der Worte von den Psalmen 1 7, 100, 61 und 150 bedient, und dieselben in hebräischer Sprache in Musik gesetzt. Man erwarte hier keine gewöhnliche Bearbeitung unserer Kirchenlieder. In durchaus freier Lied^ fornr trifft uns jedoch in allen 4 Chören ein durch religiöses Gefühl gehobener Gesang. Die Chöre sind sehr melodisch und nicht schwer. In der Stimmführung der Mittelstimmen geben sie Beweis von der Routine «ines practischen Sängers. Nun, darin ist der Componist (vorall in seinen Kreisen) ja bei uns genugsam bekannt. Für die Sänger der Synagogen können sie eine willkommene Gabe sein." Herr Pros. Fr. Gernsheim, zu Berlin, äußert sich in folgender Weise„In den zum Gebrauch' beim israelitischen Gottesdienst compomirten Psalmen von I. Heymann, Obercantor in Amsterdam, spricht sich nicht allein ein tief religiöser Sinn aus, sondern dieselben zeigen auch eine sehr anerkennenswerthe Gewandtheit im musikalischen Satz. Die Fuge im vierten Psalme zeigt insbesondere, dass der Autor auch in der poliphonen Schreibweise mit Gewandtheit zu operiren weiß, und so können diese Gesänge jedenfalls als eine Bereicherung für den Gottesdienst der israelitischen Gemeinden gelten." Franz Coenenen, Exdirector vom Conservatorium in Amsterdam: „Mit großem Interesse habe ich Einsicht genommen von Ihren „Dankliedern an Gott" für vierstimmigen Männerchor componirt, und habe darin die Kunst Ihrer musikalischen Bearbeitung, gepaart mit religiösem Gefühl, sehr geschätzt. Sie erbringen damit den Beweis, in der Harmonie -und Contrapunctlehre erfahren zu sein, und wird die Aufführung sehr gewürdigt werden von Denjenigen, die da wissen, wie schwierig es ist, für vierstimmigen Männerchor praktisch zu schreiben. Ich gratulire Ihnen zu ihrer Schöpfung und verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr ergebener Franz Coenenen." Musikdirector, Richard Hol in Haag, schreibt: Hochgeehrter Herr! „Mit stets steigendem Jntereffe habe ich Ihre „Danklieder" durchgelesen und überall die Leichtigkeit geschätzt, womit sie sich im engen Raume der Männerstimmen bewegen. Zeichnet sich Nr. 1 durch reizenden Klangeffect aus, so hat mich Nr. 2 durch dessen große Originalität sehr gefesselt, während Sie in Nr. 4, das erfindungsreichste dieser Hefte, Ihre Erfahrung im Contrapunkt zeigen. Wäre es mit dem Ritus nicht mbereinzubringen, dass diese „Danklieder" durch ein gute holländische Tlebersetzung einem größerem Publicum zugänglich gemacht werden können? Mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr ergebener Richard Hol, Musikdirector." Heimweh. Erzählung von Eduard Kutte. (27. Fortsetzung.) So lass mich nur schon los um Christi willen — stöhnte <Görg. Lass ihn los, Honza — bat Josef, der bisher sprachlos da gestanden. Loslassen! ja wohl, ich will ihn jetzt loslassen! Sein Los leg ich in seine eigene Hand. Görg erhob sich von der Erde, zu der ihn^ Honza niedergedrückt hatte, und schlich sich wie ein armer Dünder davon. Josef und Honza lagen einander in den Armen. In der Tanzstube hatte man keine Ahnung von dem Mas sich inzwischen draußen ereignet hatte. Tanzluft drinnen , und draußen Mordgedanken, Walzerklänge drinnen und Seufzer -draußen; Irinnen scherzhaftes Kosen, und draußen ernste Mahnrufe. Bewegte Gemüther da und dort, von Freude drinnen, und draußen von Schmerz und Traurigkeit. So waren hier die Gegensätze des menschlichen Lebens hart au einander gerückt — fröhlichstes Lebe» und Todesgrauen. Er wusste nicht, wie ihm geschah, doch konnte sich Josef, wie er da in Honzas Armen lag, des Gedankens nicht erwehren, ob ihm wohl auch daheim, das heißt, da wo er früher daheim war, da wo er geboren und erzogen worden, daheim bei seinen Eltern, bei den Leuten in der „Gasse" mit denen er herangewachsen, in seiner Hochzeitsnacht nach dem Leben getrachtet worden wäre. Es überkam ihn ein Gefühl des Berlafsenseins, des Alleinstehens, der Heimathlosigkeit mitten in dem Jubel, in dem er sich als beglückter und beglückender Bräutigam befand, und er vermochte nicht, ein Wort des Dankes zu stammeln gegen Honza, seinen Lebensretter. Honza, welcher fühlen mochte, was der Borgang auf ihn für Eindruck geübt habe, flößte ihm Math ein und Zuversicht und führte nach einigen Minuten den Zögernden hinein in die Tanzstube, und um die Wirkung des Borgefalleneu vollends auszulöscheu, überbot er sich selbst an lustigen Einfällen und muthwilligen Schärzen, so dass de Gesellschaft, welche von seiner Abwesenheit irgend einen überraschenden Spass hoffte, sich in ihrer Erwartung nicht einmal getäuscht sah; bis gegen die Morgenstunden hielt die gemeinsame Lust die Fröhlichen beisammen. Josef und Marie hatten das Ziel ihrer Wünsche erreicht; sie lebten nun in einander und für einander. Sie waren glückliche Ehegatten. In dem Hause der Eltern dieses verlorenen Sohnes aber war mittlerweile ein Ereignis eingetreten, welches auf sein Glück einen düster«, traurigen Schatten warf. Eltern und Schwester hatten sich — wir erinnern uns — nach Brauch und Herkommen aus d e Erde gesetzt, um den aus ihrer Mitte Geschiedene», wie eineu Todten zu betrauern. Allein nicht glichen sich die Gesühble von denen die drei Trauernden erregt waren, nicht glichen sich die Gedanken mit denen sie sich, gebannt an die Erde, gehemmt in freier Lebensregung, beschäftigten. Finkel, die Schwester, die den Bruder immer zu vertheidigen wusste, wenn es galt ein zwischen Ellern und Sohn entstandenes Misverständuis auszulösen, die sich bis zum letzten Augenblicke treu und aufrichtig des Bruders angenommen, sie hatte ihn bereits damals, als sie ihn zum letzten Male und von ihm Abschied nahm, aufgegeben. Für sie war er todt und abgestorben schon zu der Zeit, ehe der verhängnisvolle Schritt noch geschehen war, zu der Zeit, da sie des Bruders Borhaben vor den Eltern zu verheimlichen suchte. In ihrem Innern hatte sie sich damals schon mit dem schmerzlichen Verluste des Bruders abgesunven. Sie hatte es gesehen, dass er sich von seiner Verirrung nicht werde zurückbringen lassen, denn was menschenmöglich war, hatte sie ausgeboten, alle Vorstellungen, die geeignet gewesen wären, in ihm das Gefühl dessen, was er seinen Eltern schuldig sei, und welches Unglück er durch die Aussühruug seines Vorsatzes über sie herausbeschwöre, zu wecken — alle heiligen Erinnerungen aus der Kiuderzeit, die ihm theuer sein mussten, hatte sie wach gerufen — vergebens. Er hatte sich von ihr losgesagt, er hatte sie, die Eltern, die Heimat, den Glauben seiner Väter von sich gewiesen, und so hatte sie ihn auch aus^ ihrem Herzen gerissen, wie die Wunde auch bluten mochte. Die Schwester ward also von dem eintretendeu Ereignis, dessen Nachricht die Mutier von Brünn nach Hause brachte, nicht überrascht. Sie halle es vorhergesehen» wie es kommen werde. Aber nicht frei fühlte sich ihr Gewissen von dem Vorwurfe, der sich ihr jetzt nach vollbrachter Thatsache mit größerer Macht als früher ausdrängte, dass sie, hätte sie gesprochen, da es noch Zeit war, das Eintreten des Ereignisses verhindert haben würde. Sie fühlte sich fchuldbelastet, und die Schuld des Bruders drückte sie doppelt schwer; darum entrang^ sich manches harte Wort gegen den Bruder ihrer Brust. (Fortsetzung folgt.)