Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 9 (10.3.1900)
- Date
- 1900-03-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Die Wahrheit. :eite 11. wie sie in der Anthropologie und Völkerkunde gebraucht werden; „Raffe" sei ein rein naturwissenschaftlicher Begriff; er bedeute so viel wie Spielart in der Zoologie und beziehe sich nur auf körperliche Merkmale. Hingegen beruhe der Begriff „Volk" auf geistiger und culturlicher Verwandtschaft. Was ein Volk ausmacht, sei das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, welches unter Menschen entsteht, wenn sie beisammen wohnen, dieselbe Sprache reden und dieselbe Cultur besitzen. Die Juden bilden keine Raffe, da sie mit den meisten Culturvölkern Europas und Asiens zur kaukasischen Raffe gehören. Die Behauptung, dass der jüdische Raffentypus sich seit den ältesten Zeiten rein erhalten habe, widerlegte der Vortragende an der Hand von anthropologischen und historischen Thatsachen, welche beweisen, dass im Judenthum jederzeit Rassenmischungen stattfandeu. Seit dem Ende des jüdischen Staates bilden die Juden auch kein Volk, da sie weder Land, noch Sprache, noch Cultur gemeinsam haben. Die Juden bilden nur eine Religionsgenossenschaft' Wenn gemeinsame Wohnsitze, gemeinsame Sprache und gemeinsame Cultur entscheidend seien für das. was die Nationalität oder das Volksckhum ausmache, dann müsse man die Juden zu jenem Volke rechnen, mit welchem sie diese drei Dinge theilen. sie bilden ein Volk mit jenen Menschen, unter welchen sie wohnen, deren Sprache sie reden und an deren Culturschätzen sic Antheil haben, indem sie dieselben nicht blos genießen, sondern auch redlich zur Verbreitung derselben beitragen. Szenitz. Herr E. Fried aus Siofok wurde nach einem Probevortrage zum I. Cantor der hiesigen Cultusgemeinde gewählt. Budapest. Sonntag, den 1l. d. M. I I Uhr Vorm, findet im großen Tempel (Tabakgasse) die Trauung des Fräulein Olga Spitzer mit Herrn Nikolaus Beer aus Csskvrrr statt. Die Braut ist eine Tochter -unseres geschätzten Mitarbeiters, Herrn D. H. S p i tz e r. der sich in Folge seiner schriftstellerischen und gemeinnützigen Thätigkeit allgemeiner Hochachtung erfreut. Budapest (Ein hochherziger Magnat.) Einer der freigebigsten. edelsinnigsten Magnaten des Landes ist Graf Dionys Andrüssv. Die Gesammt umme seiner stets ansehnlichen Spenden, über welche die Blätter von Zeit ju Zeit berichten, macht ein großes Vermögen aus. Ueber den neuesten hochherzigen Akt des edlen Grafen wird gemeldet: '.Die israelitische Cultusgemeinde in Szolnok hat einen neuen Tempel gebaut und aus diesem Anlasse eine Lotterie veranstaltet, deren Lose sie an Notabilitäten, Kapitalisten, Institute :c. schickte. Viele ließen die Lose unbeachtet liegen. Andere sandten den ganzen Werth ein, sehr selten verflieg sich Jemand zu einer geringen Ueberzahlung. Einer nur hat sich in dieser Hinsicht ganz besonders hervorgethan, und das war Graf Dionys Andräffy, der die ihm übersandten fünf Tempelbaulv'e mit einem blanken Tausender einlöste. Aacaucen. Krakau (Eisik-Synagoge) wird ein orthod. Chasen acceptirt, derselbe muß hübsche Stimme besitzen, nicht über 40 Jahre alt sein. Zuschriften an Norbert Wasserberg, Krakau. — Roh oncz (Vas megye) gepr. Lehrer, Cantor der ung. und deutsch. Sprache mächtig, 1200 Kronen Gehalt, freie Wohnung, Emolumente. — Tovarisava (Bacska) Vorbeter, Schochet, Bodek, verheirathet. 1. Mai zu besetzen. Gehalt 550 Kronen, freie Wohnung, Hausgarten. — G ieße n (Deutsch!.) Schochet und 2. Cantor. 1000 Mk. Gehalt, 800 Mk. Nebeneinkommen. Meld. an Vorsitzend. — G r ü n b e r g (Schles.). Akad. geb. Pred. und Rel. L. Geh. 2400 Mk. und Nebeneink. — St. Gallen (Schweiz) Rabbiner (lib.) 8600 Fr. Anfangsgehalt. Meld. an Vorst. — Constant i n o p e l. Deutsch-israel-Schule, Lehrer mit Rektoratsprüfung od. höherer Qualific. nicht zu alt, pr. I. Sept. gesucht. Gehalt 2000 Mk.. freie Wohn. Anmeld, an Vorsitzend. Dr. A. Rosenthal. Der Nihilist. -Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Schcrvcl (Nachdruck verboten.) 128. Fortsetzung.) „Mit großem Vergnügen, Herr Winizew, — was mir zu Gebote steht, soll Ihnen nicht vorenthalten werden." Und die beiden jungen Damen wechselten in ihren Mittheilungen 'von den Erlebnißen auf der Hochschule und über das, was überhaupt in! einer Stadt wie Petersburg Vorkommen kann, einander ab. Stunden gingen so dahin, bis sich endlich Alexander erhob und sich empfehlend den Gutsherrn um die Erlaubnis anging, wieder kommen zu dürfen. „Sie haben sie ganz und voll, ich habe sie Ihnen bereits ertheilt. Tlnd diese Damen hier, sie werden wohl auch Nichts dagegen haben." — „O, Dein Wort, Papa, ist uns maßgebend. Nun. auch wir bitten um den weitern Besuch des Herrn. Nicht wahr, Clara, Du stimmst mir bei?" „Sehr gern!" — „Und mir gereicht es zur besonderen Ehre, dieses gastfreundliche Haus für mich erschlossen zu sehen, eine Gunstbezeugung, die zu würdigen ich niemals aufhören werde." Er ging und nahm seinen Weg nach dem Orte, an welchem er mit den beiden Damen das erste Mal zusammengetrvffen war. Von da bog er in die Landstraße ein, schritt im ernsten Nachdenken auf derselben weiter und gelangte nach einer halben Stunde nach dem Dorfe, in welchem Jechiel Satrop seine Gastwirthschaft besaß. Vor derselben sah Alexander Deborah stehen, die ihn mit hastigen Geberden zu sich winkte. „Wo bleibst Du denn, Alexander?" rief sie dem Herannahenden zu, „es erwartet Dich darinnen ein angenehmer Gast — höre, kein Anderer als Dein Vater. In seiner Gesellschaft befindet sich noch Aronson aus Gomel." Alexander hatte nur das Wort „Vater" vernommen und überhörte gänzlich die Meldung von dem Letzteren. „Der Vater hier?!" rief er freudig aus. „Und wer hat ihm Kenntnis von meinem jetzigen Aufenthaltsort gegeben?" „Du wirst es selbst von ihm hören. Nun, der Vater wäre mir schon recht," meinte die um das Schicksal Alexander's noch sehr besorgte Frau. — „Allein der Andere will mir nicht gefallen, er ist ein arges Subject, ein gefährlicher Mensch." — „Wen meinst Du denn eigentlich," fragte Alexander, indem er an der Seite Deborahs den Vorhof der Gastwirthschaft durchschritt. „Ich habe Dir ja bereits gesagt, der Lolkind Aronson aus Gomel ist es, der mit dem Vater gekommen." „Ach, der, er ist ja doch verwandt mit uns, ich war ja in seinem Hause und wurde von seiner braven Frau auf's Beste ausgenommen. Sollte der mir gefährlich werden können?" „O — doch, da er nun einmal weiß, dass Du hier bist. Komm nur herein. Wir werden versuchen müssen, durch irgend einen Köder seine Zunge zu fesseln." Sie traten hieraus in das Zimmer, m welchem sich Alexander's Vater und Lolkind Aronson befanden. Alexander hatte kaum seinen Vater erblickt, als er in deffen Arme stürzte, und der Austausch der Zärtlichkeit bewies, dass das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ein durchaus inniges war. „Wie geht es der Mutter und den Geschwistern, Vater?" fragte Alexander. „Die Mutter war längere Zeit leidend, heute geht es ihr aber schon besser. Von den Geschwistern gibt es viel zu erzählen, das wollen wir uns jedoch für eine andere Zeit Vorbehalten. Du hast uns, mein Junge," fuhr hierauf der Vater fort, ,,durch Deine Abreise von Dorpat und Deine spätere Verbindung mit den Nihilisten viel Kummer und Angst bereitet. Es waren traurige, schlaflose Nächte, die wir Deinetwegen durchmachten." „Das schmerzt mich. Vater, doch es wird besser mit mir werden, das glaub ich Dir versichern zu können. Wer bat Dir übrigens meinen Aufenthaltsort hier bekannt gemacht?" „Hier, diesem Manne ist es gelungen, ihn ausfindig zu machen. Lolkind Aronson, besinnst Du Dich noch aus ihn? Er wohnte früher in Mitau. hat aber jetzt sein Domicil in Gomel." „O, ich besinne mich noch auf Sie, wenn auch etwas dunkel," sagte Alexander, der auf Aronson zuschritt und ihm die Hand reichte. Der Angeredete war ebenfalls aufgestanden und indem er die ihm dargereichte Hand Alexanders herzlich drückte, sprach er: „Ich freue mich, Herr Wandelowicz, Sie heute als Jünger der Wissenschaft und beinahe zum Manne gereist »vierer zu finden, nachdem ich Sie einst noch als Schüler in Mitau gekannt hatte, wo so viel Ruhmeswerthes von Ihnen erzählt wurde." „Sehr schmeichelhaft Jedenfalls bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie sich so sehr bemühtem, meinem Vater bei der Erforschung meines Aufenthaltes behilflich zu sein. Das beweist, dass sie mir freundschaftlich gesinnt sind." (Fortsetzung folgt.)