Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 8 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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B Nr. 9. Die Wahrheit. Seite 11 Abends veranstaltete der Verein im Christ'schen Mariensaal einen „Unter- Haltungsabend" für die ausübenden Mitglieder und deren nächste Angehörige, welcher nach dem Ausspruche aller Betheiligten als sehr gelungen zu bezeichnen ist. Da gegenwärtig die Chormeisterstelle vaeant Ist, unterzog sich unser allverehrter Herr Obmann Gustav Hellmann, der in der Musik und dem Gesänge wohlbewandert ist, der mühevollen Aufgabe des Einstudierens der Chöre und des Dirigirens an diesem Abende, was demselben die Anerkennung der Zuhörerschaft eingetragen hatte; denn die aufgeführten Solovorträge und die Chöre haben eine beifällige Aufnahme gefunden. Nach dem Absingen des Wahlspruches wurde die Unterhaltung durch den Chor „Heidenröschen" von Kißling eingeleitet, der die erwartetete Wirkung nicht verfehlte. Besonderes Lob erntete unsere .bestbewährte Prima-Sängerin Frau Rosa Epstein, welche nicht nur die Damenchöre exact einstudierte, sondern auch — weil dieselbe eine Meisterin des Klavierspiels ist — die Damenchöre und die Singspiele in gelungener Weise begleitet hatte. Genannte Dame hat auch Brahm's „Wiegenlied" und das „Trompeterlied" von Riedel mit gewohnter Gediegenheit zur Geltung gebracht, was einen Beifallsjubel hervorrief. Eine Glanznummer der Vorstellung bildeten zwei vom Herrn Obercantor D. Weiß vorgetragene Lieder von Schubert, der auch als Concertsänger die Zuhörerschaft zu fesseln verstand. Zwei Violinsoli, Beriots Adagio XI. Concert und Scene de Ballet, gespielt vom Herrn Richard Lederer, haben den Beweis geliefert, welches schöne Talent und welche Strebsamkeit diesem jugendlichen Spieler innewohnt. Demselben und Herrn Obercantor D. Weiß wurden für ihre vorzüglichen Leistungen volles Lob gespendet. Zur Würze der Unterhaltung gehörte unstreitig die Aufführung zweier Spiele, welche auf die Lachlust der Gäste anregend einwirkten und die Gesänge in wohlthuender Weise unterbrachen. Das einactige Lustspiel: „Die stenograpHirte Liebeserklärung" von W. Schickenberg, aufgeführt von den Mitgliedern: Herrn Beran, Götz, Frl. Anna Hellmann, Frl. Dlga Kohn, Herrn Prager, Frl. Elsa Weiner, Herrn Weiner, haben durch ihr prächtiges Zusammenspiel sowie durch die natürliche Darstellung des Gebotenen einen bedeutenden Heiterkeitserfolg erzielt, der sich durch lauten Beifall äußerte. Als eine recht heitere Abwechslung des Gebotenen erwies sich das komische Terzett von Heinzl: „Die fidele Gerichtssitzung", welches durch seine drollige Gestaltung das Publikum in die fröhlichste Stimmung versetzte. An dem Spiele betheiligten 'sich die Herren Engel, Fritz Kohn und Weiner, welche sich ihrer Rollen mit berufsmäßiger Gewandtheit entledigten und zur Heiterkeit sehr anregten. Herr Fritz Kohn insbesonders verdient den Dank für seine Mühewaltung bei der Durchführung der Lustspiele. Nachdem noch der melodiöse Singwalzer: .„Blätter und Blüten" von Schaumann, ,,S' Deandl am Apfelbaum" von Fiby und der reizende Chor „Schneeglöckchen" von Abt tadellos gesungen wurde, ladeten die fröhlichen Walzerklänge zum Tanze ein, dem sich die Jugend mit Leidenschaft ergab. Wie man erfuhr, soll dies lange gedauert haben, nur ungerne schied jeder aus diesem Kreise, wo bie heitere Muse ihr Zelt aufgeschlagen hatte. Es wäre zu wünschen, dass eine solche fröhliche Unterhaltung sich bald wiederholen möchte! Einstweilen statten wir den Veranstaltern dieses Vergnügens den -geziemenden Dank ab. Iglau. Herr Obercantor D. Weiß, der sich hier allgemeiner Beliebtheit erfreut, wurde von der Cultusgemeinde ohne Ansuchen definitiv angestellt. Arag. Wie sich alle Vorträge des Vereines „Afike Jehuda" der .gespanntesten Aufmerksamkeit eines zahlreichen Publicums zu erfreuen Haben, so begegnete man auch den vom Rabbiner Dr. I. Reach aus Raudnitz gebrachten Ausführungen über das Thema „Die Mafforeten, Israels Fahnenmacht", mit außergewöhnlichem Interesse. „Die Massora" fführte der Redner aus, „ist die Tradition des Bibeltextes, und die Mafforeten sind jene Männer, welche den Text von Geschlecht zu Geschlecht überlieferten. Rabbi Akiba Ben Josef, der für seine Ueberzeugung den furchtbarsten Märtyrertod erlitt, er war es, welcher die Maffora einen Zaun des Gesetzes nannte. Der älteste Wohnsitz der Mafforeten war Tiberias am See Genezareth. Die Abfassung des Werkes dürfte in das .Jahr 120 nach Christi Geburt verlegt werden. Wenn wir heute antike Werke zur Hand nehmen, so sehen wir, dass sie meistentheils ohne Zusammenhang, Fragmente, lose an einanderhängende Bruchstücke bilden. Es erschienen kritische Ausgaben, welche die einzelnen Theile zu einem Ganzen verbinden mußten. Sehen wir uns aber die heilige Schrift der Israeliten an, jenes Werk, das der Menschheit ewiges Heil gebracht, jenes Panier, das die Juden mit blutendem Leibe geschützt haben. Dieses Buch bedarf keiner kritischen Ausgabe. In derselben Abfaffung, wie wir es heute den Händen der lernbegierigen Kinder übergeben, haben es unsere Ahnen und Urahnen besessen. Es ist bis heute eine unlösbare Aufgabe geblieben, Text - Varianten aufzufinden, obzwar unsere Feinde sich Mühe gaben, in dem Buche aller Bücher Einschaltungen vorzunehmen. Israel hat gerungen, aber dem meist gequälten und gemarterten Volke ist es 'gelungen, sein einziges Gut, die 24 Bücher der heiligen Schrift, bis auf den heutigen Tag unverändert zu erhalten". Dieses Excerpt aus dem Vortrage des Herrn Dr. Reach dürfte ein kleines Bild von den begeisterten und formvollendeten Gesammtausführungen, welchen reicher Beifall folgte, geben. Nach Schluß des Vortrages fand die Generalversammlung des Vereines „Afike Jehuda" statt. Herr Dr. Hirsch, welcher den Thätigkeitsbericht verlas, gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, dass der Verein, welcher hohe ethische Zwecke verfolgt, seitens der Gemeindemitglieder keine größere Unterstützung erfährt. „Nur das alte Prag gedachte bisher des Afike Jehuda-Vereines, wird sich nicht auch das junge Prag für die Weiterverbreitung der jüdischen Litteratur und Wissenschaft einfetzen?" Aus dem Cassaberichte, von Herrn Arthur Pick verlesen, erhellt, dass das Vereinsvermögen derzeit aus fl. 2010 33>/» besteht, welche theils in Werthpapieren, theils in Barem erliegen. Die Wahl, bei welcher die Herren Grün und Leipen als Scrutatore» fungierten, lieferte folgendes Resultat: In den Ausschuss erscheinen gewählt die Herren Dr. Kisch, Dr. Fischer, Dr. Grün, Dr. Hirsch, Dr. Kohner, Dr. Peöek, Dr. 2alud, Prof. Reiniger, Dir. Mauthner, I. Frank, M. A. Lederer, I. Schönberger, G. Uttitz, M. Wien, Pick und Elkan Fischl. 2»rag Der Verein der jüdischen Hochschüler veranstaltete am 21. v. M. einen Familienabend, der sehr animirt verlief. Herr Med. Cand. Löwy, der Obmann des Vereines, begrüßte die Anwesenden, worauf Herr I. U. Dr. Bergmann aus Pardubitz einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über hervorragende Frauen im Judenthume hielt. Nach ihm hielt Herr Stud. Jg. Klein eine Ansprache, in der er die Ziele des Vereines erklärte. Dann folgten ernste und heitere Vorträge der Vereinsmitglieder, worauf der Tanz in seine Rechte trat, dem mit Ausdauer gehuldigt wurde. ^aöosth. Am 23. v. M. verschied hier im hohen Alter von 85 Jahren Herr Hermann Schiller, Vater des Leitmeritzer Advocaten Herrn Dr. Jacob Schiller und des Herrn Moritz Schiller, Inhaber des bekannten Waarenhauses „Moritz Schiller" in Prag. Der Verblichene, Bürger der Stadt Lobositz, Vorstand der hiesigen israel. Cultusgemeinde und der Beerdigungsbrüderschaft, hatte sich wiederholt in der uneigennützigsten Weise für das Wohl der Commune Lobositz eingesetzt. Er war ein einfacher Mann, aber ein biederer Character. der das Herz am rechten Fleck hatte; die Achtung, die man ihm entgegenbrachte, war darum auch eine allseitige. Kamönrg. Sonntag, den li. März, findet im hiesigen israel. Tempel die Trauung des Fräuleins Flora Leimdörfer, Tochter des Herrn Predigers Dr. Leimdörfer, mit Herrn Dr. Moritz Emil Proßnitz, Rabbiner in Mähr.-Auffee, statt. Saris. (Der letzte jüdische Präfect Frankreichs.) In Rouen starb in diesen Tagen der letzte jüdische Präfect Frankreichs, Ernest Hendl«, der frühere Präfect des unteren Seinekreises, im Alter von 60 Jahren. Hendl« war ein begeisteter Republikaner, der sich bei allen Bevölkerungsclaffen des größten Ansehens erfreute, der aber auch an allen die Juden Frankreichs betreffenden Angelegenheiten den wärmsten Antheil nahm. Bei der Leichenfeier, die ihm von der Stadt Rouen bereitet wurde, hielten neben dem Großrabbiner Zadok Kahn aus Paris mehrere Senatoren und Maires ehrende Nachrufe. Die Leiche Hendlss wurde nach Paris geschafft, wo sie unter ungewöhnlich großer Betheiligung keigesetzt wurde. Pie ft. k. yriv öftere. Kredit - Auftakt für Länder »ui» Hewerbe beruft für Dienstag den 3. April d. I. ihre Actionäre zur 4t. o r d en tl i ch e n G e n e r a l - V e r s a m in l u n g im großen Festsaale des Oesterreichischen Ingenieur- und Architekten - Vereines (I., Eschenbachgasse 9). Auf der Tagesordnung stehen: 1. Jahresbericht des Verwaltungsrathes; 2. Bericht des Revisionsausschuffes über den Rechnungsabschluß des Jahres 1399 und Beschlußfaffung über denselben; 3. Beschlußfassung über die Verwendung des Reinerträgnisses des Jahres 1899; 4. Abänderung der HZ 4, 5. 9, 10, 14, 15. 16, 19. 34, 73, 75 und 85 der Statuten; 5. Beschlußfassung über die Verwendung des bei der Ausgabe vor 62.500 Actien über den Nominalbetrag von 160 Gulden erzielten Erlöses; 6. Beschlußfassung für die Wahlen in den Verwaltungsrach nach 88 23 und 24 der Statuten; 7. Wahl des Revisionsausschuffes für das Jahr 1900.