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Die Wahrheit · 1900-02-13 · Heft 6 (13.2.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 6 (13.2.1900)
Date
1900-02-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seile 8. Die Wahrheit. Nr. 6. gewählt. Die bisherigen Revisoren, die Herren Samuel Löwinger i und Leopold Winter, wurden gleichfalls mit großer Stimmenünzahl in gleicher Eigenschaft wiedergewählt. Bei der am 3. Februar l. I. stattgefundenen Constituirnng des Vorstandes wurden die Herren Josef Pollak zum Obmann, Leopold Weinwurm zum Obmann-Stellvertreter, Joses Guttmann zum Schriftführer, Moritz Koppel zum Cassier einstimmig wiedergewählt, und Herr Elias Weiß zum Controllor gleichfalls mit allen > Stimmen berufen. Der Verein, der gegenwärtig 534 Mitglieder zählt, entwickelt eine überaus intensive humanitäre Thätigkeir. Zur Illustration derselben sei erwähnt, dass im abgelausenen Jahre an Krankengeldern 2186 52 st., an Entbindungsbeiträgen 440 fl., an Unterstützungsbeiträgen 410 fl., an zinsenfreien Darlehen 250 fl. und an ärztlichen Honoraren 1450 fl. bezahlt wurden. Wie«. Der vorliegende Jahresbericht des humanitären Vereines „Marpe Lanefefch" constatirt mit großer Befriedigung einen steten Fortschritt in der Thätigkeit des Vereines. So wurden für Arme und Kranke im Jahre 1898 fl. 765.23, hingegen im Jahre 1899, fl, 1327.98 vertheilt. Außerdem wurden für Verköstigung an verschämte Kranke, fl. 70.50 und zu Pcssach fl. 136.— verwendet. Die an den Verein herantretenden Bittsteller recrntieren sich theils ans Recouvalescenten und theils ans solchen Kranken, die aus verschiedenen Gründen keinen Einlaß in den Hospitälern finden. Ferner hat der Verein sein Augenmerk darauf gerichtet, die verschämten Armen nach Maßgabe der vorhandenen Mittel kräftigst zu unterstützen. Diese letztere Art geschieht in der Weise, dass ein Vorstandsmitglied sich an Oit und Stelle von der Würdigkeit des zu! unterstützenden Petenten persönlich überzeugt, alsdann erfolgt in der strengsten Discretion die Zuwendung einer Hilfe. Das j eminent wohlthätige Wirken des Vereines, der auch ein eigenes Bethaus Taborstraße 38 besitzt, wird allseits anerkannt und es ist zu hoffen, dass das Wohlwollen seiner zahlreichen Gönner ihm auch in Zukunft zutheil werden wird. In der Sonntag, den 11. d. M., statlsindenden Generalversammlung wird die Neuwahl des Vorstandes vorgenommen, an dessen Spitze jetzt Herr Jacob Stern steht. Wien. Mittwoch, den 14. Februar 1900, 8 Uhr Abends im Locale des jüdischen Volksvereines II. Haasgasse 8, (Untere Augartenstraße 19) Vortrag des Herrn Dr. Carl Lifcsis über „Einiges aus dem Rechts- und Wirtschaftsleben der Juden im 18. und 19. Jahrhundert". Gäste auch Damen tvillkommen. Drag. Am 4. d. fand hier in der Productenbörfe ein Vortrag des Hof- und Gerichts-Advocaten Herrn Dr. L. Kahn aus Wien statt, der auf Einladung des hiesigen „Jüdischen! Volksvereines" nach Prag gekommen war. Das Thema: j „Zionismus und Nationaljudenthum" wurde in meisterhafter i Weise ausgeführt und erregte den enthusiastischeit Beifall der j zahlreichen, zumeist aus Vereinsmitgliedern und ihren Damen | bestehenden Zuhörerschaft. Die Debatte gestaltete sich sehr | interessant. Mehrere Sociallsten erhoben Anwürfe, die aber gegen den Capitalismus gerichtet waren und mit dem Zionismus nichts gemein hatten. Herr Dr. Kahn antwortete mit feinem Humor und wies alle Anwürfe in meisterhafter Weise zurück. Auch Frau Dr. Kahn war erschienen, die ebenfalls wärmsteus acclamirt wurde. Stampfe«. Der mit unserer altehrwürdigen israelitischeil Cultusgemeinde Stampfen fast in eiilem Alter stehende, seit einem Jahre neuorganisirte „Talmud-Thora-Schulverein" tritt zum 1. Male mit einem Ausweise über seine letztjährige, bescheidene und stille, aber umso gemeinnützigere Thätigkeit vor die Oeffentlichkeit, um auf diesem Wege den Mitgliedern, Spendern und Gönnern nur ein kleines Bild von dem Gebühren des Vereines zu entwerfen und darzulegen, dass dieser Verein volle Existenzberechtigung hat und jene Unterstützung verdient, der er von Seite seiner Mitglieder, vieler Freunde und Gönner auch lhatsächlich theilhaftig wird. Dieser günstige Umstand ermöglichte es dem Vereine schon im ersten Jahre der Neuorganisirung, nicht nur mittellosen Kindern unentgeltlichen Unterricht in hebräischen Fachern und jüdisch-religiösen Wissenschaften von bewährten Lehrkräften ertheilen zu lassen, sondern auch arme Kinder mit Iren nöthigen hebräischen Lehrmitteln und jüdischen Büchern und 7 ganz mittellose Schüler mit Winter- Kleidungsstücken zu versehen. Dank und Anerkennung gebührt allen Jenen, welche dieses edle Werk gefördert haben, und gewiss auch der zielbewussten Vereinsleitung, die aus dem Präses Rabbiner Moritz Herzog, Cassier Siegmund Geiringer und Controllor Samuel Reif besteht. Revisoren sind die Herren: Joses Koch, Sigmund Schönfeld und Moritz Stern. Merfeld. Die hiesigen Antisemiten haben sich in den letzten Wochen wieder mit der ganzen ihnen zu Gebote stehenden Rohheit in den Vordergrund drängen zu müssen geglaubt, um auf's Neue die traurige Erfahrung zu machen, dass ihre unsauberen Machenschaften das Tageslicht nicht ertragen können. So haben sie in drei Auflagen ein Flugblatt verbreitet, welches in den anständigen Kreisen der Bevölkerung mit einmüthiger Entschiedenheit verurtheilt .worden ist unv thatsächlich das Gegentheil von dem bewirkte, was von Hause aus seine Bestimmung war. Die ganze Praxis der Herren Ahlwardt und Consorten hat sich bei dieser Gelegeilheit, wie zu allen Zeiten, als eine Krankheit entpnppt, deren Symptome sich regelmäßig dann bemerkbar machen, wenn es sich in besonders lebhafteil Geschäfts- Perioden darum handelt, den Bankrott der antisemitistischen Bewegung zu documentieren. Um aber dem Ganzen die Krone auszusetzen, citirte man die hervorragendsten Vertreter der antisemitischen Elite auf die Bildfläche, an ihrer Spitze den Herrn Reichstagsabgeordneten Raab aus Hamburg, und nichtahnend, dass Ereigniße deprimirendster Natur bevorstehen, wurden mittelst großer, öffentlich angeschlagener Plakate Volksversammlungen einberufen, in welchen jene Geistesheroen gegen ein mäßiges Entgelt ihre sattsam bekannten Tiraden unter dem frenetischen Jabel unreifer Jünglinge zum Besten gaben. Die Thematisirung dieser Vorträge auf den Plakaten war indessen eine derart frivole, dass sich der Vorstand hiesiger Synagogen- Gemeinde veranlasst sah, die Polizei aus den gemeingefährlichen Charakter der belreffenden Bekanntmachungen hinzuweisen, und er hatte den Erfolg, dass die Plakate zum unbeschreiblichen Aerger der Herren Auftraggeber „wegen Aufreizung zum Classenhass" überklebt werden mußten, während obendrein gegen den Drucker und den Verbreiter das Strafverfahren eingeleitet lvurde. Mit dieser Maßnahme hat der Antisemitismus in Elberfeld eine Niederlage erlitten, von der er sich nie wieder erholen wird. — Wir übergeben diese Zeilen der Oeffentlichkeit, um an dieselbe die dringende Bitte zu knüpfen, dass das lobenswerte Beispiel des Elberselder Synagogen-Vorstandes und das damit verbundene Entgegenkommen der Polizei bei etwaigen Vorkommnißen in anderen Gemeinden als Präzedenzfall betrachtet und von den Vorstehern in Anwendung gebracht werden möge. CONCURS. In der israelitischen Cultusgemeinde Gewitsch in Mähren kommt mit 1. April d. J. die Stelle eines HpEi'b'bin.ers und Predigers zur Besetzung. Mit dieser Stelle ist der Bezug eines fixen Gehaltes von 1600 Kronen, eines Quartierpauschales von 240 Kr., ferner Unterrichtspauschalien, sowie die entfallenden Stiftungserträgnisse und sonstige Emolumente verbunden. Bewerber wollen ihre, mit dem Nachweise der österreichischen Staatsbürgerschaft, der akademischen und talmudischen Bildung belegten Gesuche bis 15. Februar d. J. hieramts einreichen, woselbst die näheren Aufnahmsbedingungen zur Einsicht aufliegen. Gewitsch, im Jänner 1900. Vom Vor stände der israelitischen Cultusgemeinde.

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