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Die Wahrheit · 1900-01-19 · Heft 3 (19.1.1900) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 3. Die Mahrheit. Seite 11. Herr W. Spitzer spendete aus diesem Anlasse namhafte Beträge für verschiedene Vereine und unter anderem widmete er zur Erinnerung an seine verstorbene Gattin 10.000 Kronen für die Erziehung eines fWaiscnknaben. Wir rufen dem edlen Spender ein 11121 p?n zu. Wien. Ingenieur Carl P 0 l l a k aus Paris hat sich mit Fräulein Martha Kohnberger, Tochter des Großindustriellen Herrn Salomon Kohnberger, verlobt. Wien. Sonntag, den 21. Jänner, i/44 Uhr Nachmittags, findet im israelitischen Tempel, I., Seitenstetteugasse, die Trauung des Herrn Emil Polak, Sohn des kais. Rathes Friedrich P 0 l l a k, mit Fräulein Henriette Lang, Tochter des Herrn Karl Lang, statt. Schüttcnhofcn. Herr Dr. Klauber, Rabbiner aus Lichtenstatt, wurde nach einer mit großem Beifall abgehalten Probepredigt als erster Candidat zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde einstimmig gewählt. Lemöerg. Zum ersten Male geschieht es, dass die jüdische Gemeinde, resp. deren Präsidium einen Ball zur Vermehrung der Faschingssröhlichkeit im eigenen Hause veranstaltet. Dieser Ball fand am 6. d. unter den Auspicien des Mögen Dovid und jüdischer Frauenhände statt. Also haben wir bereits das tanzende Israel unter sich, und die distinguirteste Assimilation schützt vor coilfessionell und national getrenntem Tanzboden nicht. Budapest. Der Finanzausschuss des Abgeordnetenhauses hielt jüngst eine Sitzung, in der das Budget des Cultus- und Unterrichtsministeriums zur Verhandlung gelangte. Bei der Post „Josephs-Polytechnikum" erwähnte der Abgeordnete Komjüthy das Gerücht, wonach an der Thür eines Saales des Polytechnikums eine Aufschrift angebracht war, welche Juden den Eintritt verwehrt. Er bat den Minister, dafür sorgen zu wollen, dass solchen blöden Strömungen ein für allemal ein Ende gesetzt werde. Minister Wlafsics erwidert, er habe hiervon keine Kenntnis, werde aber eine strenge Untersuchung einleiten lassen. Er bemerkt übrigens, dass wenn Jemand, er gewiss ein entschiedener Gegner solcher Strömungen sei. Meiningen. Bei der am 29. December v. I. in Hildburghausen stattgefundenen Ersatzwahl eines Abgeordneten zum Landtage des Herzogthums Meiningen für den zweiten Wahlkreis in der Classe Derjenigen, welche die höchste Personalst euer zahlen, wurde Herr Rechtsanwalt Dr. Michaelis daselbst als solcher gewählt. Der Gewählte ist der erste Jude, der im Herzogthum Sachsen-Meiningen zu dieser Würde gelangt ist. Er wurde an Stelle des zurückgetretenen Landtagspräsidenten v. Stockmeier gewählt. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (23. Fortsetzung.) Lust und Freude herrschte im Hause des alten Niederhuber. Ein doppeltes Fest war im Anzuge, die fröhliche Weihnacht kam heran und mit ihr die bevorstehende Verlobung von Josef und Marie. Viel hatte sich geändert in den acht Wochen, die seit den geschilderten Vorgängen verstrichen sind. Die Natur hatte ein ganz anderes Aussehen und auch die Stimmullg der Leute auf dem Dorfe war eine andere geworden. Zuerst wehte der Wind über die Stoppelfelder, das war die Zeit der Herbststürme. Das war auch die Zeit der Stürme in den Herzen Josefs und Mariens. Dann stet das welke Laub von den Bäumen und die Aeste und Zweige wurden kahl und leer. So fiel auch zur selben Zeit ein Zweig von seinem Stamme, ein Sohn von dem Hause senrer Eltern, ein Mitglied der Gemeinde von dem Glauben seiner Väter ab. Es fingen an sich die Winterfroste einzustellen und das Leben der Natur begann zu erstarren. So erstarrte auch die Liebe eines^Sohnes zu seinen Ellern, und das Herz der Eltern und der Schwester verhärtete sich gegen den abgefallenen Sohn und Bruder, und schloß sich zu fest und sester. Dann kam der erste Schnee. Weiße Flocken fielen vom Himmel nieder und die ganze Landschaft bedeckte das weiße Kleid des Winters. Das weckte gar manche Bilder in den Herzen Josefs und Mariens. Auch sie arbeitete an einem weißen Kleide, an ihrem Hochzeitskleide, sie fühlte sich unschuldig und sie durfte sich in das Weiß der Unschuld hüllen. Aber Josef konnte das weiße Brautkleid, das seine Geliebte am Hochzeitstage schmücken sollte, nicht ohne Rührung betrachten, denn er gedachte eines weißen Gewandes, in welchem er seinen Vater seden Ofterabend sitzen gesehen, es war das Sterbekleid, in dem der Vater dereinst wird bestattet werden, und er konnte nicht an seine Hochzeit denken ohne Gedanken an den Tod des von ipm so tief gekränkten Vaters. Es stellten sich ans den Fenstern auch die Eisblumen ein; Blumen, die keine Blumen find, die keinen Duft haben und die nur die Sehnsucht nach den wirklichen, duftenden Blumen um so stärker wach rufen. Werden die Blumen, die er nun zu pflücken im Begriffe stand, werden es wirkliche Blumen sein? Blumen, duftverbreitend und erquickend mir ihrem Hauche? oder werden sie trügerisch sein und falsch, ohne Duft und sehnsuchrweckend im Herzen gleich den Eisblumen an dem Fenster? — Nein, das Immergrün der Tanne, des fröhlichen Weihnachtbaumes, den Brigitte im zweiten Zimmer aufstellte, zur festlichen Begehung des Christabends, es belebte seine Hoffnung und seine Zuversicht. Josef sollte heute zum ersten Male die Weihnacht feiern, das Christkindleiu sollte ihm znm ersten Male eine Bescheernng bringen: er sah es allen Gesichtern seiner Umgebung an, dass ihm eine Ueberraschung bereitet werde, und an dem Chriftbanme sollte er am Abend die Gabe des Christkindes in Empfang nehmen; er gab sich den Eindrücken des Augenblickes willig hin und sah mit Frohgefühl dem schönen Festabend entgegen. Der kurze Wintertag dehnte sich durch die ungeduldige Erwanuug des Abeuds zu ungewöhnlicher Länge. Dazu kam noch, dass Marie nirgends zu finden war. Er hatte sie nicht aus dem Haufe gehen gesehen, und doch war sie nicht da. Es wusste keiner zu sagen, wo sie hingegangen, noch wo sie sei. Der Vater konnte keine Anskunst geben, Honza meinte, sie werde wohl nicht davon gelaufen sein! und mit der alten Brigitte war nun heute schon gar nichts anzufangen. Die halte Hände und Füße voll zu thnn. sie hatte den Weihnachtsbaum herzurichten und ließ niemanden auch nur einen Blick in das Geheimnis der zweiten Stnbe werfen, denn sonst war es um die Ueberraschnng geschehen gewesen. Der Abend kam heran; Marie war noch immer nicht da. Die Nacht brach herein, Finsternis hatte sich über die Erde ausgebreitet, Brigitte hatte bereits die Lichtlein an dem Weihnachlsbaume angezündet und nun öffnete sie die Thnre. Hereintraten in die zweite Diube der alte Niederhuber, Joses, Honza und noch einige andere Verwandte, die zur Begehung des Weihnachtsabends eingeladen waren. Josefs Auge wurde geblendet von dem ungewohnten Lichtglanze, der ihm da entgegen strahlte. Nun ging es ans Austheilen der Bescheernngen. Das ist für Dich, Matthis! — sagte Niederhuber — indem er das rvthe Westchen von einem Zweige des Weihnachcsbanms hernaternahm das Weftel gehört Dein und der Lebzettene Reiter da noch dazu. Du mußt ihn aber nicht gleich anfeffen, sonst bringt Dir das Christkindel ein andersmal nichts mehr! — Da diese Bänder und Schleifen sind für Dich, Annamirl, Du bist ein kleines gefallsüchtiges Dingert, die ^werden Dir gar stehn, wenn Du sie als Kopfputz tragen wirst. (Fortsetzung folgt.) j Wir ersuchen die geehrten Abonnenten um! umgehende Einsendung des Adonnemenis-! betrages, ' damit mir nicht genöthigt sind, so oft Mahnkarten aus-! zusenden. Poft-(5heks haben wir der 1. Nummer beigefügt und sind ans Wunsch solche zur Verfügung. — Zeitungsreclamationen sind portrofrei. zu Die Administration.

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