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Die Wahrheit · 1899-10-21 · Heft 33 (21.10.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 33 (21.10.1899)
Date
1899-10-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 33. Die Wahrheit. -Leite 11. indem er durch die Macht seiner Stimme die Gläubigen zur frommen Andacht leitet und dem beschwerten Gemüthe Beruhigung bringt. Von diesem Gesichtspunkte fasste die hiesige israelitische Cultusgemeinde auch das am 30. v. M. stattgehabte Amtsjubiläum ihres geachteten und allgemein beliebten Ober- Cantors Herman Lew in auf, und daher kam es, dass es in überaus würdiger und erhebender Weise abgelausen ist. Schon der Vorabend des Festes, der Freitag-Abend, gestaltete sich zu einer imposanten Feier. Der Tempel war von den Gemeindemitgliedern dicht gefüllt, auch andere Gläubige hatten sich in großer Auzahl eingefunden, und die andächtigen Zuhörer waren von Lewin's Meistergesänge tief bewegt. Am folgenden Tage wurden dem Jubilanten die ehrenvollsten Kundgebungen zu Theil. Schon vor dem Gottesdienste erschienen mehrere Deputationen bei Lew in, u. A. der ganze Gesangschor unter Leitung des Chordirigenten Samuel M a r o z s n i, der an den Gefeierten eine tief empfundene Ansprache hielt und ihm ein Ehrengeschenk überreichte. Am Nachmittage beglückwünschte ihn der Vorstand der Gemeinde unter Führung des Präsidenten Isidor Weiß. In der Ansprache des allbeliebten Präses lag der ganze Ausdruck der Verehrung, welche Vorstand und Gemeinde für Lewin hegen. Nachher begrüßte ihn der Präses des Humanitäts-Vereines, Emanuel Geiger, und überreichte ihm ein kostbares Ehrengeschenk. Auch die anderen Vereine und Lehrkörper der verschiedenen Schulen, der Vorstand des Post- und Telegraphenamtes :c. haben es sich nicht nehmen lassen, ihrem geliebten Ober-Cantor den Tribut der Liebe darzubringen, besonders thaten dies die einzelnen Mitglieder der Gemeinde und die Bürger der Stadt, so dass die Wohnung L ewin's an diesem Tage der wahre Pilgerort war, wohin Liebe, Achtung und Verehrung die Einwohner führte. So gestaltete sich daher das Fest L e w i n's zu einer imposanten Feier, und gewiss hatte der Jubilar vollkommen Grund, mit seiner Gemeinde eben so zufrieden zu sein, wie diese mit ihm. Stuttgart. Der König hat dem Mitgliede der israelitischen Oberkirchenbaubehörde Regicrungsrath Dr. Schmal das Ritterkreuz erster Classe des Friedrich-Ordens verliehen. London. (Hochzeit im Hause Rothschild.) Vor kurzer Zeit fand die Hochzeit der einzigen Tochter des Lord Rothschild mit dem Lieutenant Behrens in der neuen „Westend Synagoge" statt. Auf besonderen Wunsch der Braut vollzog Rabbiner Singer die Trauung, während Ober-Rabbiner Dr. Adler den Segen hebräisch und englisch sprach. Der Brautvater spendete bei dieser Gelegenheit namhafte Summen für die jüdischen Armen Londons. 3400 Kinder der jüdischen Freischule^ wurden an diesem Tage bewirthet und mit einem Geschenk bedacht. Transvaal. In der hiesigen jüdischen Gemeinde ist die Noth durch die in Folge der Kriegsgefahren hervorgerufenen schlechten Zeiten gewachsen. Unter den 12.000 hiesigen Juden gibt es keinen einzigen, der in seinem Gewerbe nicht empfindlich geschädigt ist. Trotzdem haben die hiesigen jüdischen Wohlthätigkeitsvereine mit namhaften Summen für in Aussicht stehende Theuerung der Lebensmittel durch große Ankäufe von Mehl und anderen Lebensmitteln vorgesorgt. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (17. Fortsetzung.) Möchtest Dll es nur halb so gut wissen, wie ich es weiß, ich brauchte Dir kein Wort mehr zu sagen. Geh' in Dich, Joffes! folg' mir, und es wird Dir wohl sein! Ich kann nicht! nein, Finkel! Du weißt, wie gern ich Dich Hab', und wie ich allezeit an Vater und Mutter gehangen bin. Alles, was Du mir sagst ist wahr, und ich weiß. Du meinst es gut mit mir; aber ich kann nichts gegen das, was mein Herz treibt! Verlang' von mir, was Du willst, verlang' es für die Eltern, verlang' es für Dich, verlang' von mir das Leben, ich geh' für Euch durch Wasser und durch Feuer; aber nur das eine nicht, nur das nicht. Sterben will ich gern, aber leben, leben auf dieser Welt ohne Marie! nein, Schwester, das kann ich nicht; und wenn Du einmal wissen wirst, was Liebe ist, so wirst Du mich begreifen, und wirst mir verzeihen. Nie Joffes! wenn Du diesen Schritt thust, bist Du mein Bruder nicht mehr und ich bin nicht länger Deine Schwester! Geh' hin und verrathe uns; geh' hin und freu' Dich mit Deinem schönen Weib, mit ihr, die Deine Eltern verspotten und verhöhnen wird, geh' hin und werd' einer der ihrigen; Du wirst es bald erfahren, dass sie Dich doch nicht für ihresgleichen halten, Du wirst es bald genug gewahr werden, dass Du ihnen doch immer ein Eindringling bleibst, von dem sie nichts wissen wollen, bei der erstbesten Gelegenheit, wo Du ihnen das Mindeste, nur einen Strohhalm in den Weg legst, werden sie Dir den Juden vorwerfen und Dich an Deine Herkunft erinnern. Geh' hin und lass' Dich verführen von der Schönheit, die Dich heute blendet und die Dein Herz gefangen hält! Du gräbst Dir selber Dein Grab. Wie sehr bemitleid' ich Dich! Jossef schwieg und ließ den Kopf zur Erde sinken. Komm'! — rief die Schwester nach einer kleinen Pause mit Entschiedenheit — komm' und sei, wer Du sein sollst! Wie kann ich denn heim kommen, wenn ich Dich nicht mit mir bring'? Was soll ich den Eltern sagen? ich Hab' Dich gesunden, und Du willst nicht mit mir geh'n? siehst Du denn das nicht ein? Also ist es Dir nur darum zu thun? Nur darum? nur darum — sagst Du? um mich meinst Du? armer Bruder, wie sehr verirrt ist Dein Herz, und wie weit sind wir schon von einander entfernt, dass Du Deine Schwester nicht mehr kennst und nicht mehr verstehst! Ja, weit entfernt, sehr weit, so weit, dass eine Rückkehr nicht mehr möglich ist! So bleib'! und geh', wohin Dein Herz Dich treibt, und was Du an den armen Eltern thust, das wird Gott Dir heimzahlen. Bleib'! ich geh'! Nicht so geh' von mir, Schwester! nicht im Zorn! nicht in Hass, nicht mit Feindschaft im Herzen! müssen wir scheiden, so soll es in Güte und Liebe sein. Geh', geh' heim, und ich will Dich bis zu dem Wald geleiten. Dort trennen wir uns — geh' heim zu Vater und Mutter, die mich verstoßen müssen, geh' heim und sei Du von nun an ihr einziger Trost und ihre einzige Freude, ersetze Du ihnen, was sie an mir verlieren! Glaub' mir, Finkel! ich Hab' mir nicht vorgestellt, dass das möglich ist; ich wollt' es wär' anders gekommen. Es kann noch anders kommen — sagte die Schwester, da sie ihn so weichmüthig gestimmt sah, und fasste mit Ungestüm seine Hand — komm' Joffes-Leben! Die Eltern werden an Dir noch große Freuden erleben. Man wird Dich daheim auf Händen herumtragen. Du weißt ja, wie gern sie Dich haben, sie möchten Dir den Schritt, den Du gehst, mit Gold pflastern! es existirl ja nichts, was sie Dir versagen, wenn Du es willst; es kann es ja kein Prinz besser haben! komm', sei gescheidt und mach' keine Narrheiten, komm' heim und vergiss Alles, was seit gestern vorgefallen ist, wie einen bösen Traum! komm'! Bis zum Wald will ich mit Dir geh'n, Finkel! aber dann lass' mich ruhig umkehren und red' mir nicht mehr in's Herz hinein. Es thut mir weh', sehr weh', dass ich Euch so weh' thun muss, und doch kann ich nicht anders. Die beiden Geschwister verließen die Stube und gingen mit einander fort. Schweigsam schritten sie neben einander hin, die Kirchhofmauer entlang, den Teich vorbei, bis sie endlich an das Wäldchen kamen, welches Jossef zum Trennungsplatze bestimmt hatte. Da Jossef stehen blieb, um den letzten Abschied zu nehmen, da warf sich ihm das Mädchen an die Brust und weinte bitterlich. Auch Jossef weinte und unter unzähligen Küssen mischten sich ihre heißen Thronen. Ich lass' Dich nicht von mir, hier halte ich Dich fest mit aller Kraft, die ich in mir habe; ich lass' Dich nicht, Du musst mit mir. Du musst! Du musst! Geh' heim, Finkel! und lass' mich! leb' wohl und verzeih' mir! Mit Anstrengung machte er sich los aus ihrer heftigen Umarmung; er kehrte zurück in's Dorf; er ging hin, die Schwester blieb stehen und blickte ihm nach. (Fortsetzung folgt.!

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