Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 32 (11.10.1899)
- Date
- 1899-10-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Hcdaction n. Administration: Wien, H/j, Novaragasse 27. Anaöhängige Heitschrift für Mische Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. S.— K. k. öfterr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. Interessen. Für Lultusbeamte: Inserate Ganzjährig.fl. 5.— 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden achten Tag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig.12 Mark betrage sind in Wien zahlbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 32. Wien, 11. OrLober 1899. Inhalt: Die Protestkundgebung der Wiener Judenschaft. — Die Existenzfrage der Judenheit. — Der erste Priester-Ornat im Talmud. — Aufruf. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. An unsere geehrten Herren Abonnenten! Wir ersuchen um freundliche Zusendung des Abonnementsbetrages für das IV. Quartal und Begleichung der Rückstände. Die ^dmtniptraiiott. Die Protestkundgebung der Wiener Zndenschast. Zu einer überaus imposanten und gewiss auch nach Außen weithin tönenden Kundgebung gestaltete sich die Samstag, den 7. October, im großen Musikvereinssaale abgehaltene Versammlung, welche vom Vorstande der Wiener Cultusgemeinde einberufen wurde, um öffentlichen und energischen Protest zu erheben gegen die infame Lüge des Ritualmordes, die von den Antisemiten anlässlich des Kuttenberger Proceffes neuerlich in die Welt gesetzt wurde. Mehr als dreitausend Mitglieder der Gemeinde füllten den großen Saal bis auf das letzte Plätzchen in der obersten Gallerie und viele Hunderte harrten vergebens des Einlasses, da noch vor 7 Uhr alle Räume besetzt waren. Der gesammte Vorstand der Cultusgemeinde, die Vorsteher sämmtlicher Bethausvereine und sonstigen jüdischen Vereinigungen, viele Advocaten, Aerzte, Schriftsteller, Kausleute, Beamte, Gewerbetreibende, mit einem Worte, Vertreter aller Berufskreise waren anwesend, aber aus den Kreisen der sogenannten „jüdischen Großen" sah man keinen Einzigen. Die jüdischen Aristokraten, die jüdischen Leuchten der Wissenschaft, die Spitzen der Finanzwelt, die Herrschaften aus den oberen Regionen, sie glänzten alle durch ihre Abwesenheit. Mag diese Wahrnehmung auch für den Augenblick schmerzlich gewesen sein, so hat sie uns für die Zukunft um eine Erfahrung reicher gemacht: wir wissen jetzt wenigstens, was wir von diesen Kreisen bei unserem heiligen Kampfe um unsere Rechte und um die Ehre unserer Religion zu erwarten haben. Von allzu großem Schmerze müssen wir uns trotzdem nicht wegen dieser Erkenntnis überwältigen lassen. Wenn die tausende Theilnehmer an der Protestversammlung nur einen Theil der Begeisterung, der nach den glänzenden Ausführungen der Redner zum Ausdruck kam, mit hinausnehmen ins öffentliche Leben; wenn die guten Vorsätze, welche von der Begeisterung erzeugt wurden, draußen in entschiedene und entschlossene That umgesetzt werden; wenn die Anwesenden Alle ihre Pflicht erfüllen — dann sind wir zum Kampfe gegen den Antisemitismus genügend gerüstet und wir dürfen die Hoffnung schöpfen, dass der endliche Sieg unserer guten und gerechten Sache nicht ausbleiben wird. Im Nachstehenden geben wir nun den Bericht über den Verlauf der Versammlung, deren Vorsitz der I. Viceprüsident der Wiener Cultusgemeinde, Gemeinderath I)r. Stern, führte. Als Regierungs-Vertreter war Polizei-Commissär Johann Lauter anwesend. I. Bicepräsident Dr. Stern. „Ich habe die Ehre, Sie in Vertretung des Präsidenten der israelitischen Cultusgemeinde, kaiserlichen Rathes Klinger, der seit Monaten krank ist, und Namens des Vorstandes herzlichst zu begrüßen und Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen zu danken. — Es hat — wie Ihnen bekannt — unmittelbar, nachdem der Process in Kuttenberg mit allen seinen Begleit- Erscheinungen stattgefunden hatte, der Cultusvorstand im Vereine mit dem Rabbinate einen feierlichen Protest erhoben, welchen er amtlich zur Kenntnis des Minister-Präsidenten, des Justizmiuisters, des Cultusministers und des Statthalters von NiederOesterreich und auch durch die Journale zur öffentlichen Kenntnis brachte, einen feierlichen Protest gegen die in jenen Process hineingetrageue tendenziöse Beschuldigung, dass das Judenthum oder irgend eine jüdische Secte den Ritualmord oder den rituellen Gebrauch von Menschenblut lehre oder übe oder jemals gelehrt oder geübt habe. Diese einstmals wider uns erhobene Anschuldigung, welche nun zu neuem Leben zu erwecken versucht wird, ist — ich reproducire hier wörtlich den Ausspruch eines hervorragenden christlichen Theologen, Profeffors Siegfried in Jena — nicht etwa ein harmloses Märchen, sondern nichts Anderes, als eine Erfindung der Bosheit, welche von der Dummheit geglaubt wird! (Beifall.) Dieses versuchsweise neuerweckte Voruriheil ist der letzte Ueberrest jener finsteren Geschichts-Epoche, welche ihr sprechende-; Spiegelbild findet in dem fluchwürdigsten Werke, das die Menschheit aufzuweisen hat, in dem ^tolleus malelioaruw, dem Hexenhammer, der Tod und Schrecken verbreitete und hunderttausende schuldlose Opferzum Scheiterhaufen führte. — Das waren die Ritualmorde, vor deren Erinnerung heute noch die Menschheit schaudernd das Antlitz verhüllt. (Stürmischer Beifall.) Was wir hier Vorhaben, was wir wollen, was hier laut werden soll? Der Schrei nach Recht! Ich möchte den Gegenstand unserer Besprechung hier in die Form der Frage kleiden: Dürfen die Juden als Verbrecher, als Mörder von Religionswegen erklärt werden? (Stürmische Rufe: Nein!) Die Antwort hierauf, wie sie nicht allein von Juden, wie sie überhaupt von allen anständigen, gebildeten Leuten aller Consesfionen zu geben ist, kann nur sein: ein entschiedenes Nein! Und dieses Nein, welches in Form einer Ihnen vorzulegenden Resolution wir Tausende von Juden hier sprechen werden, soll nicht verhallen in diesem Saale; es soll hinaushallen in unsere große herrliche Vaterstadt, in die weiten Gaue unseres Vaterlandes, überallhin, wo noch die Empfindung, der Sinn für Gerechtigkeit lebt, für Gerechtigkeit, die nicht nach dem Gefallen oder Missfallen von