Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 31 (1.10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 31. Die Wahrheit. Seite L verständige ich Sie in Folge Erlasses des Herrn Statthalters vom 13. September d. I." Budapest. Der Präsident der orthodoxen Landeskanzlei erhielt folgende Zuschrift des Cultusministers W lasst cs vom 25. v. M>: „Se. kais. und apostol. königl. Majestät haben geruht, für die seitens des Präsidiums anlässlich des allerhöchsten Geburtstages telegraphisch ausgedrückten, ergebenen Glückwünsche den allerhöchsten Dank auszudrücken, wovon ich die Ehre habe, das Präsidium hiemit, behufs freudiger Kenntnisnahme, zu verständigen." Budapest. Am Vorabende, des Sühnfestes, als sich die Cantoren und das Sängerpersonale des großen Cultustempels versammelten, erschien auch der Chordirigent in schwarzem Salonanzug und gelben Schuhen. Cantor Guttmann sah dies und sagte: „Kommt man in Schwarz, so sei's schwarz, kommt man in lichtem Kleide, so sei's^licht, aber dass ein ungarischer Sänger schwarzgelb sei, das ist denn doch nicht in Ordnung!" Die Anwesenden lachten über das gelungene Mot des schlagfertigen Cantors, der in feiner Weise dem Chordirigenten den nöthigen Takt beibringen wollte. Frankfurt a. M. Mittwoch, den 4. Oktober feiern Herr und Frau Ober-Cantor I. Großkopf das Fest der silbernen Hochzeit. Das Jubelpaar erfreut sich in den weitesten Kreisen der hiesigen Gemeinde großer Sympathien, die gewiss anlässlich des bevorstehenden Familienfestes zum vielseitigen Ausdruck kommen werden. Rom. Der jüdische Kindergarten in Rom feierte jüngst ein Jubiläum. Aus diesem Anlasse erschien der. italienische Cultusminister Bacelli und überreichte der ersten Lehrerin die ihr vom König Humbert verliehene Verdienstmedaille nebst einem namhaften der Anstalt bestimmten Geldgeschenke. Literatur. Jüdische Gebetbücher. Die von dem bekannten pädagogischen Schriftsteller, Herrn Rudolf Fuchs, Wien, II., Asperngaffe 5, herausgegebenen jüdischen Gebetbücher „üeMot bne Israel“ und „Teffilot Jeschurun“, ersteres mit deutscher Uebersetzung, besonders für Gottesdienst und häusliche Erbauung geeignet, letzteres für die. Schule vom k. k. Unterrichtsministerium approbirt, sind vor Kurzem in neuer Auflage erschienen. Die Vorzüge derselben sind allgemein bekannt und bedarf es nach dieser.Richtung keines besonderen Hinweises. Wir wollen mit dieser Notiz unsere Leser nur auf die neue Auflage aufmerksam machen. Musikalischer Katalog. Auch in diesem Jahre gibt die Firma Breitkopf & Härtel in Leipzig einen schmucken, wohlgewählten „Musikalischen Katalog" heraus. Er bietet außer den üblichen praktischen Verzeichnissen empfehlenswerther Musikälien deutscher Verleger eine Reihe kleiner beachtenswerther Abhandlungen, von denen zu nennen sind: „Betrachtungen überden Gesangs-Unterricht" von F. H. Schneider, „Die musikalischen Instrumente" von O. Taubmann, ein interessanter Brief von Johann Strauß über seinen Vater, alsdann kurze Lebensbeschreibungen mit Bildern von Albert Becker, Moritz Hauptmann und Julius Klengel. Der Katalog wird kostenfrei abgegeben und dürfte für Musiker und Musikfreunde gleich nützlich sein. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (21. Fortsetzung.) „Sage, Fremma," sprach die Mutter und schob ihr einen Stuhl zum Sitzen zu, „wie geht es mit dem Großvater?" „Ich danke, es macht sich. Er scheint sich jetzt von der jüngsten Erkältung gänzlich erholt zu haben." — „Höre nur, meine Tochter," nahm hierauf deren Vater das Wort. — „Clara hat uns heute Eröffnungen über Dich gemacht, die uns so seltsam und erschreckend erscheinen, dass ich selbst an deren Richtigkeit nicht glauben möchte, bis sie mir von Dir selbst bestätigt sein werden. Sie betreffen ein Verhältnis, das Du hinter unserem Rücken mit einem jungen Manne angeknüpft hast, der nur eine gewisse Aussicht für die Zukunft hat, nämlich die, an dem Galgen zu sterben. Du bist in nähere Beziehungen zu einem Nihilisten getreten. — Ist dem nicht so?" „Ja, Vater, ich bekenne mich dazu," versuchte die Angeredete mit fester Stimme zu sprechen, aber es waren doch nur hingehauchte, von tiefem Zittern getragene Worte, die aus ihrem Munde kamen. „Du bekennst Dich dazu, aber wie, hast Du nicht meinen, unseren Einspruch dabei in Erwägung gezogen, und die Hindernisse, die ich Deiner — ich will blos sagen — unüberlegten Handlungsweise in den Weg legen werde?" „Ich habe daran gedacht und versucht, das in mir entflammte Gefühl für den jungen Mann zu ersticken. Ich habe daran gedacht und alle Kämpfe in Erwägung gezogen, denen ich bei Verfolgung meines Wunsches zu begegnen haben werde. Allein alle diese Vorstellungen vermochten nicht, mich zum Äufgeben Desjenigen zu bewegen, der mir so gleich im Denken und Fühlen ist." „Du hast an Alles gedacht, doch wie, auch daran, dass Du bei Ausführung Deiner Absicht den schwersten Gram auf das Haupt Deiner Eltern ladest, Kummer und Schmerz Deinen Geschwistern bereitest, dass Deine Verbindung mit dem Staatsverbrecher einen Bruch mit Deiner Familie bedeute, eine Verbindung mit dem ohne Gott und Religion lebenden Menschen ein Lossagen von alledem in sich trage, was uns hier noch heilig und werth ist?" Fremma starrte den Vater bewegungslos an. „O, Fremma, o mein geliebtes Kind," begann jetzt deren Mutter mit einer Stimme, der man das tiefe innere Weh abhören konnte. „£),. Fremma, wo finde ich die Liebe und Zärtlichkeit wieder, die Du uns Allen bis jetzt so reich und innig bewahrt hast, wie den Gehorsam, den Du jedem unserer Wünsche entgegengebracht! Hielte ich den Glauben an Zauberei nicht für sündhaft und lächerlich, ich käme dahin, zu denken, dass nur ein böser Geist diese unheilvolle Verblendung in Dir erzeugt habe. Darum, mein Kind, besinne Dich und lasse ab von dem unseligen, sündhaften Beginnen." — „Ich kann nicht, Mutter, o nein, ich vermag es nicht. Alexander ist so gut, so edel, seine Familie ist der unseren ebenbürtig; er ist ein Jünger der Wissenschaft und auch sonst ehrbaren Charakters. Nein, Eure Tochter hat ihr Herz an keinen Unwürdigen vergeben!" „Aber höre, Schwester Fremma," rief Max in ungewöhnlicher Erregung, „es ist eben die Erkenntnis unsererseits, dass Du Deinem Unglück entgegengehst, was uns veranlasst. Dir entgegenzutreten, entgegenzutreten mit all' der Energie, dw uns unsere Liebe zu Dir nur eingeben kann. Fordere von uns sonst das Höchste, und Du wirst uns, so es in unserer Macht liegt, bereit finden, es Dir zu gewähren; fordere von mir. Deinem Bruder, sein Herzblut, und er wird es für Dich fließen lassen, wenn es gilt. Dein Glück zu begründen. Allein verlange nicht von uns, Dir die Einwilligung zu einem Schritte zu geben, der, wie es die menschliche Voraussicht zeigt, nur Reue und Elend im Gefolge haben wird." „O, Du kennst Alexander nicht," versuchte Fremma noch einmal, dem Widerstand zu begegnen, „Du kennst ihn nicht, mit seinem wackeren, guten Herzen —" „Aber selbst, wenn er ein Engel wäre und den Wünschen unserer Eltern nicht entspricht, ist es Deine kindliche Pflicht, zu resigniren. Darum nimm Verstand an, Fremma, und gib unserem Hause den Frieden wieder." „Ich kann nicht," antwortete diese in einer Weise und mit einem Ausdruck, der deutlich bekundete, dass der Kampf in ihrem Herzen entschieden, und zwar nicht zu Gunsten der kindlichen Pflicht, an welche sie im letzten Augenblicke appellirt hatte. „Ich kann nicht," hatte sie gesagt. Und nun sahen die Eltern in ihr nur noch das ungerathene Kind, die ihnen das tiefste Herzweh bereitende Tochter vor sich. Der Mutter entrang sich ein schwerer Seufzer, und der Vater durchmaß mit heftigen Schritten das Zimmer. Auch Max hatte nichts mehr zu sagen und starrte düster vor sich hin. (Fortsetzung folgt.)