Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 30 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 30. Seite 11. Die Wahrheit. Meister Striebl leitete die Feier mit einer Begrüßung der erschienen Festgäste ein, worauf das Mitglied des Gemeindeausschusses, Bürgerschuldirector Juritzky, die Festrede hielt, worin er die unvergänglichen Verdienste Kuffner's um die Sparcasse, wie nicht minder um unsere Stadt, in beredten Worten hervorhob und dem Gefeierten den Dank der Gemeindevertretung zum Ausdruck brachte. Zum bleibenden Andenken an die verdienstvolle Thätigkeit wurde dessen lebensgroßes Bild im Sitzungssaale des Gemeindeausschusses angebracht und als Zeichen der Dankbarkeit seitens der Sparcasse zu Ehren des Gründers dieses Instituts eine Stiftung im Betrage von 10.000 Kronen mit der Bestimmung in's Leben gerufen, dass aus den Zinsen verarmte Bürger der Stadt bedacht werden. Boskowitz. (Ehrung eines Schulmannes.) Kürzlich wurde dem Herrn Adolf Hatschek anlässlich seines 4Ojährigen Dienstjubiläums als Lehrer in der deutschen Volksschule von Sr. Majestät dem Kaiser die Ehrenmedaille verliehen. Gleichzeitig ertheilte ihm das hiesige Rabbinat den Morenititel. Troppau, 21. September. Am 30. d. M. feiert Cantor Liebel in Leobschütz sein 25jähriges Amts-Jubiläum, aus welchem Anlasse die dortige Cultusgemeinde ein Festbankett am 30. d. veranstaltet und überhaupt viele Vorbereitungen trifft, um ihren allverehrten und ungemein beliebten Functionär in würdiger Weise zu feiern. Ihr geschätztes Blatt als trmer Dolmetsch des Cantorenstandes darf somit unter den Gratulanten nicht fehlen, umsoweniger, als Herr Cantor Liebel in die Reihe der Besten unserer Collegen, sowohl als Cantor wie als Mensch gestellt werden darf. Sein selten treuer, biederer Charakter, seine vortrefflichen cantoralen Leistungen haben ihm nicht nur die allgemeine Verehrung seiner Gemeinde-Mitglieder, sondern die der ganzen Stadt erworben, und Alle feiern gerne mit diesem liebenswürdigen Jubilar das schöne Fest. Möge es ihm vergönnt sein, in ungeschwächter Kraft zum Wohle seiner Gemeinde noch lange wirken und schaffen zu können. 8. Polna. Wie aus Kuttenberg berichtet wird, hat der Vertheidiger des zum Tode verurtheilten Leopold Hilsner, Dr. Aurednicek, nach einer mit seinem Clienten gepflogenen Rücksprache die Nichtigkeitsbeschwerde gegen das Urtheil erhoben. Hilsner hatte die Nacht nach seiner Verurtheilung in seiner Zelle weinend und klagend zugebracht. Bezeichnend ist, dass Dr. Aurednicek, dessen Haus von Gendarmen und Polizei scharf bewacht werden musste, einen ganzen Stoß Droh- und Schmähbriefe erhielt, in welchen er gewarnt wird, die Nichtigkeitsbeschwerde einzubringen, da er sich sonst auf das Aeußerste gefasst machen könne. Dagegen hat Dr. Baxa zahlreiche telegraphische Glückwünsche zu seinem Erfolg erhalten. In dem Augenblicke, als das Urtheil gesprochen wurde, brach die vor dem Kreisgerichte angesammelte, nach Hunderten zählende Menge in jubelnde „Na zdar!“- und „8Iava"-Rufe aus, die in den Gerichtssaal drangen. Dies wirkte so peinlich, dass sogar ein Geschworner vernehmlich „Danba!" (Eine Schande!) rief und zu weinen begann. In den Schaufenstern der Papierhandlungen hingen die Ansichtskarten über die Polnaer Blutthat und fanden reißenden Absatz; darunter auch die confiscirte, welche die Section der Leiche der Hruza darstellt. Die Ruhe wurde nirgends gestört. Paris. Ueber Beschluss des Ministerrathes hat der Präsident der Republik Loubet Dreyfus begnadigt. Dreyfus hat in der Nacht vom 19. auf den 20. September Rennes verlassen und sich in Begleitung seines Bruders nach Südfrankreich begeben. Eine merkwürdige Fügung des Geschickes muss man darin erblicken, dass Senator Scheurer-Kestner, der zuerst für die Unschuld Dreyfus' öffentlich eintrat, am Tage der Begnadigung gestorben ist. Wie bekannt, war er schon zur Zeit des Processes in Rennes schwer erkrankt und konnte darum nicht persönlich als Zeuge vor demselben erscheinen. Paris. Die „Aurore" veröffentlicht nachstehende, von Dreyfus gezeichnete Erklärung: „Die Regierung der Republik hat mir meine Freiheit wiedergegeben. Dieselbe bedeutet für mich nichts ohne die Ehre. Ich werde von heute ab fortfahren, die Gutmachung des schrecklichen Jrrthums zu verfolgen, dessen Opfer ich noch bin. Ich will, dass ganz Frankreich durch ein endgiltiges Urtheil erfahre, dass ich unschuldig bin. Mein Herz wird erst beruhigt sein, wenn es keinen Franzosen mehr geben wird, der mir ein Verbrechen zur Last legt, welches ein Anderer begangen hat. Der Willst. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (20. Fortsetzung.) Kein Schlaf kam diese Nacht über das Auge der sonst so geistesstarken Clara. Sie entsetzte sich vor der Aufgabe, die ihr für den morgigen Tag bevorstand. Sie sollte Eltern und Geschwister, die kaum eine Ahnung von dem Unwetter hatten, das sich über ihrem sonst so friedlichen Leben zusammenzog, mit dem unseligen Verhältnis bekanntmachen, welches Fremma eingegangen war. Frau Glanzberg war in der That nicht wenig überrascht von dem veränderten Wesen, welches sie am anderen Tage an ihrer ältesten Tochter gewahrte. „Du hast schlecht geschlafen, Clara, nicht wahr?" fragte sie im Tone der Besorgnis. Diese wich indes vorerst noch jeder weiteren Erklärung aus; allein es musste ihr doch im Laufe des Vormittags gelungen sein, die Glieder des Hauses mit dem bekanntzumachen, was ihr so schwer auf dem Herzen lag, denn es schien ein ganz anderer Geist als gestern im Hause, in der Familie eingekehrt zu sein. Der Friede war geflohen, die heitere Gemüthlichkeit gewichen und tiefe Gedrücktheit und Niedergeschlagenheit auf allen Gesichtern zu erkennen. Das Geheimnis Fremma's war durch Clara zur Kenntnis der Familie gebracht worden und hatte jedes einzelne Glied derselben ebenso sehr erschreckt, wie schmerzlich ergriffen. Das Mittagsmahl wurde mit stillem, peinlichem Schweigen eingenommen. Alle saßen sie jetzt in gedrückter Stimmung da, bis auf Fremma und Simon, der sich noch bei der Ausübung seiner Praxis befand. „Das ist ein Schlag," nahm jetzt der Hausvater das Wort, „der wohl geeignet ist, mir ein frühzeitiges Grab zu bereiten; mein Gott, wer hätte so etwas denken sollen von meiner Tochter, meinem Kinde." „Doch Vater," sprach Clara beruhigend. „Suchen wir uns in diesem so sehr betrübenden Vorgänge einen Lichtpunkt auf, der uns noch zu einiger Hoffnung berechtigen kann, und halten wir Fremma selbst dann, wenn sie bei ihrem Entschlüsse verbleibt, für uns nicht ganz verloren." „Du sagst, sie lasse von dem Menschen nicht, und sie sollte uns dann noch angehören?" „Doch, der junge Mann kann sich ändern, kann bester werden, er kann die Richtung, die er eingeschlagen, verlassen, und denken und fühlen wie wir." „Diese Voraussetzungen liebe Clara, sind sehr gewagt, und nur die Liebe zu Fremma kann sie Dich machen lassen," meinte Max, und fuhr fort: „Ich kenne diese Kategorie von jungen Leuten, die sich in ihrer gefährlichen Schwärmerei den Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung zum Ziele gesetzt. Wie der Name Nihilismus sagt, soll mit Allem aufgeräumt werden, was sich Positiv nennt, wobei es auch auf die Religion mit abgesehen ist. Ich bin nicht dafür, dass wir das Glück unserer Fremma einem Menschen anvertrauen, der Leben und Beruf an Ziele gesetzt, die wir selbst grundsätzlich verwerfen. Wir haben keine Bürgschaft dafür, wie er mit den in ihm lebenden Anschauungen auch seine Gattin zu würdigen wissen wird. Ganz wie er." In diesem Augenblicke trat Fremma ein. Sie grüßte, wie sie es gewöhnlich that, hell und freundlich, aber die Antwort, die ihr ward, war kalt und fast gezwungen. Eisig überlief es die Jungfrau, die, sonst frisch und lieblich, wie die Blume im Sonnenschein erschien, jetzt aber, wie die vom Mehlthau berührte Blüthe, Glanz und Zauber verloren hatte. Fremma war klug genug, im Augenblick zu begreifen, dass Clara bereits den ersten Schritt in ihrer Angelegenheit gethan, dass die Gesichter, auf die sie hier traf, ihre Freundlichkeit unter dem Eindrücke des Erfahrenen verloren. Sie ahnte den Sturm, dem sie zu begegnen, und die Schwere der Anklage, der sie Stand zu halten haben werde. (Fortsetzung folgt.)