Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 28 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 28. Die Wahrheit. Seite ii. Tempel statt, bei welchem Herr Camor Sch ö n mit beu von ihm gutgeschulten Chore die Psalmen vortrug. Die Harmoniumbegleitung übernahm auf das Bereitwilligste Herr Josef Eisler, Obmann der „Chewra Kadischah". Als Festgäste erschienen nicht nur die Spitzen der Behörden, sondern auch corporativ der hiesige czechische Veteranenverein mit der Musik; ein Beweis des friedlichen Zusammenlebens beider Confessionen und Nationalitäten in unserer Stadt. Es verdient bemerkt zu werden dass im Vorjahre bei einem analogen Gottesdienste diese Corporatiouen auch anwesend waren und deshalb von einem Butschowitzer czechischen Antisemitenblättchen auf's Heftigste angegriffen wurden. Napagedl. Nach einem überaus beifällig aufgenommenen Probevortrage wurde Herr Cautor I. S a g h e r aus Lomnitz in gleicher Eigenschaft hier acceptirt. Prag. Die Cultusgemeinde Prag hat nach langer Berathung ein Statut ausgearbeitet und selbes der hohen k. k. Statthalterei zur Genehmigung unterbreitet. Die Statthalterei verweigert dessen Bestätigung, bis die Gemeinde, respectibe der Borstand, sich über die Stellung der Cultusbeamten — Rabbiner und Kantoren — geäußert haben werden. In Prag ist nämlich der Abusus, dass die Gemeinde als solche keinen Tempel hat, nicht wie in Wien und anderen Orten. Jeder Tempel ist autonom, das heißt, die Besucher bilden einen Verein, stellen Rabbiner und Kantor an und entlassen sie; so haben wir hier Tempel Geistgasse, Meiselsynagoge, Klaussynagoge, Neusynagoge. Zigeuner- und Pinkassynagoge und viele andere Schulen, die von dem Gemeindevorstande ganz unabhängig sind. Um sich nun davon zu befreien, einen eigentlichen Cultusbeamten außer dem Oberrabbiner anstellen zu müssen und doch die Bestätigung des Statuts zu erlangen, soll sich der Cultusvorsteher Herr Dr. Rosenbacher mit Herrn Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld zum Statthalter begeben haben, und hier soll letzterer die bündige Erklärung abgegeben haben, dass die jüdische Religion, respective der jüdische Gottesdienst einen Kantor als Cultusbeamten nicht kenne, sondern jede von den anwesenden zehn erwachsenen Personen ist berechtigt und befugt, den Gottesdienst zu versehen. Wenn diese Erklärung sich bewahrheitet, dann wäre es im Interesse der Cultusbeamten, und vielleicht auch im Interesse des jüdischen Gottesdienstes gelegen, an maßgebender Stelle dagegen Stellung zu nehmen. (Dies ist ohnehin bereits seitens des Oesterreichisch-ungarischen Cantoren-Vereines geschehen, und die Prager. Cultusgemeinde wird wohl schwerlich die Bestätigung des Statuts erhalten, ohne in demselben die Siellung des gottesdienstlichen Functionärs zu präcisiren. Die Redaction.) Brüx. Anlässlich des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers fand am 17. August, Abends, im hiesigen Tempel ein feierlicher Gottesdienst statt, welchem der Kreisgerichts-Präsident, der k. k. Bezirkshauptmann, der Bürgermeister, mehrere Landesgerichtsräthe, der k. k. Gymnasialdirector und andere Honoratioren beiwohnten. Nach den trefflichen Gesängen des unter der Leitung des bewährten Chormeisters, Herrn Obercantors I. L a m m, stehenden Tempelchor-Vereines hielt Herr Rabbiner Dr. Biach folgende Ansprache: „Andächtige Festversammlung! So oft das Geburtsfest unseres geliebten Kaisers herannaht, ist es uns Herzensbedürfnis, die heiligen Hallen des Gotteshauses aufzusuchen, um hier für das Wohl unseres erhabenen Monarchen inbrünstige Gebete zu Gott emporzusenden. Mögen auch sonst noch so hoch die Völkerwogen sich thürmen, da wo es die Person unseres geliebten Kaisers gilt, da ist Alles einig, einig in Liebe und Verehrung, da erfüllt sich des Propheten Wort, das am bevorstehenden Sabbathe überall in Israels Gotteshäusern verlesen wird, das Wort: ki hehorim jomuschu wehagewooth temuteno, wechasili meitech lo jomuseh ubrith schlemo mi lo tomutb: „Mögen auch Berge weichen, mögen Hügel wanken, meine Liebe wird nicht von Dir weichen, mein Bund der Treue nimmer wanken." Und diese Liebe, diese Treue zu unserem Kaiser, sie ist nicht blos der Ausfluss patriotischen Gefühles, nicht blos die Liebe des Unterthanen zu seinem Herrscher, sie gleicht vielmehr der Liebe des Kindes zu seinem Vater. Worin aber hat diese Liebe, diese Treue, die einer Naturmacht gleich unser Inneres beherrscht, ihren Grund? Die Antwort, sie ist nicht schwer zu finden. Wir brauchen blos in's Auge zu fassen zwei Dichterworte, die an unserem erhabenen Landesvater sich bewähren; das eine lautet: „Der Thron der Könige, der vom Golde schimmert, ist das Obdach der Verlassenen." Wer vermöchte aufzuzählen jene zahllosen Werke der Nächstenliebe und Humanität, die unser edler Kaiser ausgeübt? Wir Israeliten insbesondere haben es seinem Throne zu danken, dass in Erfüllung gegangen des Propheten Ausspruch, der am verflossenen Sabbathe verlesen worden: „hisnaari, meofor knmi, . . . hispatehi mosre zaworech“: „Auf, Israel, erhebe Dich aus dem Staube! Gelöst seien die Fesseln, die den Nacken Dir eingeengt." So bewährte sich an unserem Kaiser, dem Beschützer der Bedrängten, des Dichters Wort: „Der Thron der Könige, der vom Golde schimmert, ist das Obdach der Verlassenen." Das zweite Dichterwort, das an unserem geliebten Monarchen zur Wahrheit geworden, lautet: „Das Ideal in der Kunst, Größe in Ruhe darzustellen, sei das Ideal auf dem Throne." So mancher von Euch, meine Andächtigen, mag nach einer Richtung hin dieses Ideal in der Kunst, Größe in Ruhe darzustellen, bewundert haben an jener bekannten und berühmten Gruppe aus dem griechischen Alterthume, wo ein Priester mit seinen beiden Söhnen von Schlangen umwunden dem höchsten Schmerze preisgegeben ist und dennoch innere Seelenruhe bewahrt. Was uns aber an dieser berühmten Gruppe nur als Ideal des Künstlers erscheint, die Größe des Schmerzes mit innerer Seelenruhe darzustellen, das hat unser vielgeprüfter Kaiser im Leben selbst verwirklicht. Wer musste nicht von Bewnnderrng erfüllt sein, wie unser schwergeprüfter Monarch im abgelaufenen Jahre den höchsten Schmerz mit Ruhe und Ergebung ertrug, wen musste nicht Staunen ergreifen, wie unser edler Landesvater trotz der Größe des Schmerzes nur seinen Pflichten, nur der Liebe zu seinen Völkern lebte. So kann es uns nicht wundern, dass die Liebe der Völker Oesterreichs zu ihrem Herrscher einer Naturmacht gleicht, so kann es uns nicht wundern, dass die Herzen Aller, wie des Kindes Herz dem Vater, entgegenschlagen unserem vielgeprüften, vielgeliebten Kaiser Franz Josef I. Wir Alle aber flehen zu Dir, o Allgütiger, wie Kinder zu ihrem Vater beten: jomim al jme melech tossif. Erhalte noch lange, lange Jahre unseren geliebten Kaiser zum Heil und Segen all' seiner Unterthanen, stärke und kräftige ihn, segne seine Macht und seiner Hände Werk lass' gelingen. Amen!" Karlsbad. Herr Obercantor M. Rosenhaupt aus Nürnberg, der seit einer Reihe von Jahren zu den ständigen Besuchern unseres Curortes zählt, ist hier nicht nur als Curgast, sondern auch als Componist allgemein bekannt. In der heurigen Saison standen seine Compositionen fünfmal auf dem Concertprogramm und wurde unter Anderem eine Ouvertüre „Frühlingstraum" und eine Serenede für Blechinstrumente „Erinnerung an Karlsbad" mit vielem Beifalle aufgcführt. Seine „hebräischen Melodien", die vor zwei Jahren zum ersten Male zur Aufführung gelangten, gehören zum ständigen Programm der hiesigen Concert - Capelle. Am Vorabend seiner diesjährigen Abreise wurde Herrn Obercantor Rosenhaupt die freudige Ueberraschung zu Theil, auf seinem Tische das lebensgroße Bild des Capellmeisters Pleier mit folgender Widmung zu finden. „Dem genialen Componisten und hochgeehrten Freund, Herrn Obercantor M. Rosenhaupt zur freundlichen Erinnerung. Karlsbad, 28. Juli 1899. Ludwig Pleier." Geschäftliche Uotlscn. Erösfnungsanzeige. Wir machen unsere geschätzten Leser auf die von Herrn B. Rosner neueröffnete Restauration (vormals Hatschek), Wien, II., Praterstraße N, aufmerksam. Der gegenwärtige Besitzer ist auf diesem Gebiete bestens bekannt und wird für exquisite rituelle Küche, ausgezeichnete Getränke und prompte Bedienung Sorge tragen. Firma Adolf & B. Hofbauer. Wie uns diese seit 33 Jahren am Wiener Platze bestehende Band-, Spitzen-, Sammt und Seidenwaaren- Jmportfirma mittheilt, hat dieselbe in Wien weder ein Commissionslager noch eine Filiale und sind daher alle Ablieferungen und Aufträge I., Tuchlauben 26, zu richten. Bekanntmachung. Der Verein für Colonisation Palästinas „Ah awath Zion" in Tarnow (Galizien) hat, um den Absatz der Products aus den jüdischen Colonien Palästinas thatkräftig zu fördern, mehrere Tausend Stück „Ethrogim" von dort bezogen und setzt dieselben ohne jede Preiserhöhung an Vereine und Privatpersonen ab. Jeder Jude, der sich auf Sukoth einen Ethrog anschaffen will, hat die moralische Pflicht, nur solche zu kaufen, die unsere Brüder mit eigenen Händen auf dem Boden unserer Väter pflanzen, und dies umsomehr, als die Qualität und äußere Schönheit der palästinensischen Ethrogim diesmal die der Korfuer weit überragen. Die Ethrogim besitzen Pithumim. Die Preise sind: 1. allererste Qualität (Muwchor) per Stück fl. 4'—, 2. erste Claffe I per Stück fl. 3'—, 3. zweite Classe II per Stück fl. 2 —, 4. dritte Claffe III per Stück ft. 1'—, Lulaw und Hadassim fl. —'40. Bestellungen und Geldsendungen sind zu richten an den Verein „Ahawath Zion", Tarnow (Galizien).