Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 27 (21.8.1899)
- Date
- 1899-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Wahrheit. Nr. 27. Seite 4. „Dieses Jahr ist kein schlechtes gewesen. Es war ein gutes Jahr.- Wir haben Einiges erreicht, wir sind um ein Stück weiter gekommen. Ein bedeutendes Ereignis, das von unseren Gegnern theils verschwiegen und theils entstellt in die Oeffentlichkeit gebracht wurde, war der Empfang der zionistischen Abordnung durch Se. Majestät den deutschen Kaiser in Jerusalem. Schon die Thatsache allein, dass der geniale Kaiser seine Aufmerksamkeit unserem Volksgedanken zugewendet hat, wäre genügend, uns einige Zuversicht zu geben. Geringfügige Bewegungen werden aus solcher Höhe nicht bemerkt. Aber es ist mehr als eine bloße Kenntnisnahme erfolgt. Es wurde nicht irgend eine jüdische Deputation, es wurden nicht die Mitglieder irgend eines „praktischen" Colonisations-Vereines empfangen, sondern die Abordnung des zionistischen Actions-Comitä's. Die Gründe und Ziele unserer Bewegung waren vorher genau bekannt, und Se. Majestät der deutsche Kaiser hat uns daraufhin an einem für das gesammte Judenthum denkwürdigen Tage sein wohlwollendes Interesse zugesichert. Dafür sind ihm alle wahren Juden zur Dankbarkeit verpflichtet . . . Die vollkommene Legalität und Loyalität unserer so hoch geehrten Bewegung ist nach diesem Ereignis wohl für immer außer Frage. Natürlich legen wir das größte Gewicht darauf, diese Loyalität vor Allem der türkischen Regierung gegenüber zu betonen und zu beweisen. Von uns wird kein Schritt unternommen, der auch nur entfernt das gerechte Misstrauen des souveränen Besitzers von Palästina erwecken könnte. Wir wollen und können dem osmanischen Reiche die größten Vortheile bringen, folglich können wir ganz offen auftreten. Wer sich irgendwo einschleicht, hat gewöhnlich nicht die Absicht, etwas zu bringen. Dies war das Raisonnement, das wohlverständliche, welches zu den jetzt in Palästina bestehenden Einwanderungsschwierigkeiten führte. Wir haben sie nicht hervorgerufen, sie sind bekanntlich älteren Datums, als die hier vertretene Bewegung. Aber wenn man uns auch nicht beschuldigen darf, das Einwanderungsverbot verursacht zu haben, so wollen wir doch deutlich angeben, wie wir uns dazu stellen. Wied Man wollte eine Bevölkerung in einem Lande ansässig machen, ohne vorher den ganzen Plan offen erklärt zu habend Kommt Einer bei Nacht und Nebel heimlich heran, so darf er sich nicht wundern, wenn man ihm „Halt! Wer dad" entgegenruft. Und umso schlimmer für ihn, wenn er darauf keine gute, klare Antwort geben kann. Uebrigens ist das auch gar nicht die Situation, in der irgend eine Antwort unverdächtig klingt. Wir machen es darum anders. Wir erklären unsere Absichten am hellen Tage, den wir Gott sei Dank nicht zu scheuen haben, und wir wollen die Billigung erwirken, bevor wir etwas unternehmen, was sonst das verantwortungsschwerste aller Experimente wäre. Denn es handelt sich nicht nur darum, die Leute hinzukriegen, sondern sie auch dort zu behalten. Und zwar in guter Sicherheit." vr. Herzl sprach hierauf sein Bedauern darüber aus, dass noch so Viele der Bewegung fernstehen, kategorisirte die einzelnen Schattirungen unter den Zionisten, und fuhr dann fort: „Werden wir aber ein Ergebnis erzielen, so werden sie mit uns sein. Welcher Art soll nun dieses Ergebnis sein d Sagen wir es mit einem Wort: Ein Charter! Unsere Bemühungen sind darauf gerichtet, einen Charter von der türkischen Regierung zu verlangen, einen Charter unter der Souveränetät Sr. Majestät des Sultans. Erst, wenn wir im Besitze dieses Charters sind, welcher die nöthigen öffentlich-rechtlichen Sicherheiten enthalten muss, können wir eine große, praktische Colonisation beginnen. Für die Gewährung dieses Charters werden wir der türkischen Regierung große Vortheile vermitteln. Das konnte und kann nicht vom Congresse aus geschehen, der die hiezu erforderliche juristische Persönlichkeit nicht hat. Es musste für diese Abmachungen ein besonderer Contrahent geschaffen werden. Das ist die jüdische Colonial-Bank." Ueber die Verwendung des AcUen-Capitals äußerte sich Redner folgendermaßen: „Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, dass das Actien-Capital nicht zur Landerwerbung verwendet werden soll. Die Bank, ist nur ein Zwischenglied. Auf Grund des erlangten Charters wird erst die eigentliche Landgesellschaft gegründet werden, und zwar selbstverständlich mit einem entsprechend größeren Capital. Die Beschaffung gerade dieses größeren Erfordernisses kann aber heute schon als gesichert angenommen werden, und wir werden Ihnen darüber zu gelegener Zeit Mittheilungen machen, die jetzt nicht gemacht werden können." Nach einem eindringlichen Appell an die Gerechten aller Nationen und Confessionen, den Zionismus zu unterstützen, schloss vr. Herzl seine vielfach mit Jubel aufgenommene Rede mit folgenden Worten: „Hier ringt ein Volk um seine Existenz, Ehre und Freiheit. Es will aus einer Stickluft hinaus in den Sonnenschein. Die jetzigen Zustände der Juden können nach drei Wegen führen. Der eine wäre das dumpfe Ertragen von Schimpf und Noth. Der andere die Auflehnung, die Feindschaft gegen eine stiefmütterliche Gesellschaft. Unser Weg ist der dritte: aufschwingen wollen wir uns zu einer höheren Stufe der Gesittung, Wohlfahrt verbreiten, dem Verkehr der Völker neue Straßen bauen, und für die sociale Gerechtigkeit einen Durchbruch suchen. Und gleichwie unser lieber Dichter aus seinen Schmerzen Lieder schuf, so bereiten wir aus unseren Leiden einen Fortschritt der Menschheit, der wir dienen." Auf Vorschlag des Herrn Zjork-Steiner (Wien) erfolgte hierauf die Constituirung des Bureaus per Acclamation und wurden ernannt die Herren: vr. Herzl zum Präsidenten, vr. Max Nord au, Paris, zum ersten, Rev. vr. Ga st er, London, zum zweiten, Prof. vr. M a n d e l st a m m, Kiew, zum dritten Vicepräsidenten, vr. K o h a n-B e r n st e i n (Kischineff), Prof. vr. G o t t h e i l, New-Aork, D. W o l f s o h n, Köln, Pineles, Galatz, vr. Korn Häuser, Kolomea, Rechtsanwalt vr. Bodenheimer, Köln, Rechtsanwalt vr. Jassinowski, Warschau, zu Beisitzern. Nach Wahl des Bureaus hielt vr. Nord au einen Vortrag 8 über die allgemeine Lage der Juden, in welchem er darlegte, dass die Lage der Juden eine immer gleichbleibende, unsichere sei. Es gebe nur drei Wege zur Beseitigung der Judennoth: Grundstürzende Aenderung der Menschennatnr, die wehrloser Minderheit gegenüber erbarmungslos grausam sei — Aufgehen der Juden in die Mehrheit durch Abstreifung ihrer Art und Ueberlieferung ihres Glaubens und selbst ihrer Gesichtszüge — oder endlich die Schaffung eines jüdischen Staates, den Zionismus.... „Wir Zionisten," sagte er, „sind die Wenigen, die Auserwählten, die kleine Gideonschar, der es vergönnt ist, Israel zu retten. — Wir dürfen uns an diesem Ruhme der Vornehmheit genügen lassen. — Aber es gibt Leute, die sich nur von der brutaleu Mehrheit imponiren lassen. Diesen sagen wir, dass wir die große Mehrheit sind. — Denn wir sind die große Mehrheit. Gegner haben wir nur unter den Juden. — Die Gleichgiltigen aber sind in ihrem Herzen schon Zionisten. Sie beten in ihren Synagogen um die Rückkehr nach Jerusalem und wissen nicht, dass ihres Herzens Sehnen bereits zu einem festen politischen Programm geworden. Daran sind die Rabbinen schuld — nicht die Protestrabbinen, mit denen wir fertig sind und bald die Judenheit fertig sein wird — sondern die orthodoxen Rabbinen des Ostens, die unzweifelhaft gute Juden sind. Diese misstrauen uns. Sie haben Unrecht, uns zu misstrauen, denn die Millionen, die sie uns, dem Zionismus, zuführen, würden uns sicher majorisiren, wenn wir etwas gegen der Väter Glauben beschließen wollten." Mit dem Vortrage Nordau's, der zum Schluffe diejenigen » Juden carikirte, welche sich in aristokratisch-antisemitische Kreise eindrängen, endigte die erste Sitzung. Die zweite Sitzung fand Dienstag Nachmittags fftatt, in welcher nach Verlesung der verschiedenen Zustimmungs-Kundgebungen un den Congress, Architekt Marmorek (Wien) den Bericht des Actionscomits's über seine Thätigkeit im Jahre 1898/99 verlas. Nach dreierlei Richtungen hatte sich die Thätigkeit des Actionscomite's hauptsächlich zu erstrecken: die öffentlich-rechtlichen Garantien und die Erwerbung des theueren Bodens zu erstreben und die hiefür nöthigen