Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 23 (11.7.1899)
- Date
- 1899-07-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Die lPabrl?eit. Seite u. stelle gegen die grundlose Sonderbehandlung der jüdischen Reisenden. Sie sagt hierüber: „Die verfassungsrechtliche Gleichstellung in Deutschland zeigt, dass, soweit deutsche Unterthanen jüdischen Glaubens in Frage kommen, keinerlei Veranlassung vorliegt, ihnen weniger Vertrauen entgegenzubringen, als den Angehörigen irgend einer anderen Religionsgemeinschaft." Die Centralstelle bittet, dass eine Milderung der härtesten Bestimmung im Wege diplomatischer Verhandlung herbeigeführt werde. Stuttgart. Ein interessantes Haus wird demnächst in Stuttgart vom Erdtioden verschwinden, um dem Bau des Hauptpostamtes Platz zu machen. Es ist dies das an der Ecke der Friedrichs- und Schlossstraße gelegene, zweistöckige, langgestreckte Gebäude, dem man noch heute das Gepräge des einst vornehmen Hauses ansieht. Hier wohnte und wirthschaftete unter Herzog Karl Alexander der allmächtige Kabinetsminister und Finanzdirector Süß, im Volksmund „Jud Süß" genannt, der Held der bekannten historischromantischen Erzählung Wilhelm Hauff's. Bon diesem Hause aus wurden die Geschicke des württembergischen Staates gelenkt, bis der Herzog am 11. März 1737 plötzlich in Ludwigshafen starb, und der Minister Jud Süß in derselben Nacht durch Oberst v. Röder verhaftet wurde, wie in dem die Ereignisse schildernden Liede noch lange nachher vom schwäbischen Volk gesungen wurde: „Da rief der Herr v Röder: Halt oder stirb entweder!" Am 4. Februar 1738 wurde Jud Süß an einem besonders hohen Galgen aufgeknüpst, und seine Güter fielen der Krone anheim, darunter auch sein Palais in Stuttgart. Es wechselte seine Bewohner und seine Zwecke, bis im Jahre 1818 die Königin Katharina, die sich 1816 mit dem König Wilhelm I. von Württemberg vermählt hatte, beschloss, für die Töchter der mittleren und höheren Stände ein Institut in's Leben;u rufen. So entstand das „Katharinenstift in Stuttgart." Knapp vor Schluss des Blattes erhalten wir aus Carlsbad die traurige Mittheilung, dass der berühmte jüdische Gelehrte, Professor Or. David Kaufmann, der sich daselbst zum Curgebrauche aufhielt, plötzlich gestorben ist. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (lf>. Fortsetzung.) „Ganz gewiss." „Das ist mir lieb, wenn Du so aus dem Innersten heraussprechen kannst". „O unsere Fremma ist Optimistin in der vollsten Bedeutung des Wortes — sie sieht stets Licht, überall nur Licht. Ein wahres Prachtexemplar von einem Mädchen" — sagte Simon und lachte. Ja, er konnte wirklich herzlich lachen, der Mann, bei welchem täglich die ganze Misere des körperlichen Elends Revue hielt — er konnte aus vollem Herzen lachen, wenn er sich im Hause und unter den Seinigen befand. „Fremma sieht nur Licht", hatte er gesagt, während dem aufmerksamen Beobachter doch der Schatten nicht entgangen wäre, der in diesem Augenblicke über das Gesicht des holden Mädchens glitt. „Auf historischem Boden", kam Abraham Glanzberg wieder auf das begonnene Thema zurück, „Ihr kennt ja Alle die Makkabäerkämpfe, aus welchen das heutige Fest eigentlich hervorgegangen ist. Ja, sie bilden das weltgeschichtliche Ereignis, das noch zu den spätern Geschlechtern in begeisternder Sprache reden und ihnen das Chanukafest werth machen wird." „Und doch, Vater, kann man nicht sagen", wandte Clara ein, „dass die allgemeine Weltgeschichte sich sehr mit ihm beschäftigt. Es ist überhaupt nur ein flüchtiger Blick, den sie auf jene Zeit der Todeskämpfe des untergehenden Hellas gegen das emportauchende Rom warf, und gar erst das kleine Völkchen der Juden, das dabei in's Gedränge gerieth und schließlich unter den Riesenschlügen Roms seine politische Selbstständigkeit eingebüßt hat. Wird ein dieses kleine Staatswesen betreffendes Ereignis nicht mit der Zeit in seiner Bedeutung verblassen und gänzlich aus der Erinnerung schwindend" „Das ist wahr, meine Tochter; allein es galt in jenen Kämpfen nicht blos der politischen Existenz der Juden, sondern es war auch die Religion, die dabei in Frage kam. Ihr wisset ja, wie sehr damals die reichen und vornehmen Juden vom hellenischen Geiste ergriffen, wie sie bereit waren, den väterlichen Glauben dem verfeinerten Heidenthume der Griechen zu opfern, wie sie nach deren Gunst buhlten, nach ihrem Beifall rangen und kaum noch Anstoß nahmen, ihr Judenthum in den religiösen Anschauungen der Griechen aufgehen zu lassen, den Gott Israels mit dem Zeus zu vertauschen." „Totti comme chez nous“, sagte Simon, sich eine Cigarre anzündend, „Iwan Aronson ist auf dem besten Wege, eine Verwandlung seines Namens in Antinowicz herbeizuführen — wenn es ginge. In der That, man würde Ekel diesem Menschen gegenüber empfinden, wenn es der Mühe dazu verlohnte: Du kennst ja doch, Vater, den sonst nicht judenfeiudlichen Secretär Kunowsky, der mir heute nicht ohne Anflug von Spott erzählte, dass es der Narr Aronson darauf abgesehen habe, sein Schwiegersohn zu werden. Die älteste Tochter Kunowskh's, die ich eben jetzt in Behandlung habe, ist wohl geeignet, das Herz eines jungen Mannes in Flammen zu setzen, aber wie ich sie feinte, müsste derselbe von noch gartz anderem Schrot als der Aronson sein, wenn er bei ihr auf Gegenliebe rechnen will. Nichtsdestoweniger macht der abscheuliche Mensch Visiten dort und ließ sogar den Damen gegenüber Huldigungen an den Tag treten, die seine letzten Absichten deutlich bekundeten. Bei Kunnwski's hat man auch solches erkannt. Alles im Hause fing an, ein ergötzliches Spiel des Zumnarrenhaltens mit ihm zu treiben. Indes wurde man der Sache überdrüssig. (Fortsetzung folgt.) Coneurs. Für die neugegründete jüdische Schule in Wien, X. Bezirk, wird ein HberbeHrer nicht über 40 Jahre alt, mit einem vorläufigen Jahresgehalt von fl. 600'— aufgenommen. Nebst einem eurrieulnm vitae gründliche, mit staatsgiltigen Zeugnissen belegte pädagogische Bildung « Rabbiner bevorzugt) und österreichische Staatsbürgerschaft erforderlich. Zeit des Antrittes: 15. September a. c. Gesuche sind bis längstens 1. August an den „Vorstand des jüdischen Schulvereines für den X. Wiener Gemeindebezirk", Wien, 10/1, Hasengasse 7, zu richten. Wien, am 18. Juni 1899. Samuel Rnöpfelmacher Jacob S. Slrahbrrg Schriftführer. Obmann. Coneurs. Bei dem israelitischen Cultus-Verein in N a p a g e d l ist die Stelle eines Vorbeters, Loreh nnd Schochet zu besetzen. Mit dieser Stelle ist ein Baargehalt von fl. 200'— nebst freier Wohnung, sowie der Ertrag der Schechita und anderer Emolumente im Gesammtbetrage von fl. 400-— verbunden. Diejenigen Bewerber, welche befähigt sind, den Elementarunterricht im Hebräischen nnd Deutschen zu versehen, werden bevorzugt und können ein größeres Einkommen erzielen. Gesuche sind v o r e r st nur schriftlich unter Nachweis des Alters, Familienstandes und bisheriger Verwendung an den Vorstand des israelitischen Cultus-Vereines in Napagedl zu richten. _