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Die Wahrheit · 1899-06-11 · Heft 20 (11.6.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 20 (11.6.1899)
Date
1899-06-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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yjh\ 20. Die Wahrheit. Seite 11. Volkswirth. (Victoria zu Berlin, Allgemeine Versicherungs-Actien- Gesellschast.) Die am 17. Mai d. I. abgehaltene General-Versammlung der Aktionäre dieser hervorragenden Versicherungs-Gesellschaft, welche seit einer Anzahl von Jahren in Oesterreich eine segensreiche Thätigkeit entfaltet, genehmigte auf Vorschlag des Aufsichtsrathes und der Directiou die Vertheilung des in dem Geschäftsjahre 1898 erzielten Reingewinnes. Derselbe belief sich auf M. 10,241.621 53 gegenüber M. 8,392.360 11 im Vorjahre. Es erhalten danach die Actionäre der „Victoria" eine Dividende von M. 189 pro Actie, die mit Gewinuantheil Versicherten der llnfallversicherungs- Abtheilung 38 Procent, diejenigen der Bolksversicherungs-Abtheilung 25 Procent der eingezahlten Jahresprämie und die mit Gewinuantheil aus den Todesfall Versicherten der Lebensversicherungs-Abtheilung eine Dividende von 3 Procent der Summe, der für jede Versicherung seit deren Beginn gezahlten Jahresprämie. Unter Berücksichtigung der für die ersten Versictierungsjahre getroffenen Bestimmung, nach welcher die Dividende mindestens 10 Procent einer Jahresprämie betragen soll, entfallen nach obigem Procentsatze auf die Versicherungen, deren Berechtigung zur Theilnahnic an dem Geschäftsgewinn beginnt in den Jahren 1898 — 10 Procent, 1897 — 10 Procent; 1896 — 12 Procent; 1895 — 15 Proccnt; für die weiter zurückliegenden Jahrgänge steigend um 3 Procent, so dass auf die seit der Einführung der Gewinn-Betheiligung der Versicherten, nämlich auf die seit dem Jahre 1878 Berechtigten 63 Procent der Jahresprämie entfallen, lieber die sonstigen financiellen und geschäftlichen Ergebnisse der „Victoria" entnehmen wir dem Geschäftsberichte der Gesellschaft noch Folgendes: Die Gesammtzahl der in der Lebens- und Unfallversicherungs - Abtheilung eingegangenen Versicherungs-Anträge betrug 636.905, wovon auf die Lebens - Versicherungs - Abtheilung 615.230 Anträge mit einer Versicherung« - summe von Mark 198,562.470, auf die Unfall-Versicherungs-Abtheilung 21.675 Anträge mit Mark 1,625.872 Prämie entfallen. Die Gesammteinnahme der Prämien und Zinsen betrug M. 56,812.356 35 und zeigt gegen das Vorjahr eine Vermehrung von M. 10.252.864.27. Die Gesammtreserven des Geschäftes betrugen M. 178,729.953 84 und die gesammten Activa erreichten die Höhe von M. 191,351.664 77. Wie in den Vorjahren, so wurden auch im Jahre 1898 in allen Branchen sehr günstige Resultate erzielt. In der Unfall-VersicherungsbranchebetrugdiePrämien-Einnahme M. 8,258.280'93. Der WM. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (14. Fortsetzung.) Immer finsterer wurde es im Walde, immer heftiger die Kälte und in immer dichteren Massen fiel der Schnee hernieder und bedeckte den Verwundeten.' „Das wird mein Ende sein", flüsterte er noch, aus kurzer Ohnmacht erwacht, dann kam kein Laut mehr über feine Lippen. Der Unglückliche hatte es gerade noch vermocht, sich an dem Baumstumpf heraufzuarbeiten und nur dadurch, dass er an denselben sich lehnte, entging er der Gefahr, von dem dicht herniederfaüenden Schnee begraben zu werden. * * * Drei Werst hinter dem Walde lag das Dorf Pietrowo, das Ziel Alexanders. Es war gröszer und besser gebaut, als man sonst die ländlichen Niederlassungen in Russland findet. Besonders eines der beiden Wirthshäuser, das dem Jechiel Satrap gehörte, wies, sowohl in seinem äußeren Bau als auch in der inneren Einrichtung größere Sorgfalt auf. Wir treten in den weiten, von einer Riesenlaterne erleuchteten Flur und von da in das Gastzimmer. Um einen langen Tisch gruppiren sich Stammgäste des jüdischen Gaslwirths, Dorfbewohner und Fuhrleute, die gewöhnlich ihre Pfeifen rauchen und dabei einen solchen Qualm erzeugen, dass man im ersten Augenblick die Züge der Einzelnen kaum unterscheiden kann. Im Uebrigen gleicht einer fast dem andern, und Allen ist jene Stupidität eigen, die den Typus des russischen Bauers kennzeichnet. Wenn irgend eine Abwechslung in diesen Gesichtszügen bemerkbar ist, so liegt sie in den ver schiedenen Graden von Verschmitztheit und Raffinirtheit, der man Alles in der Welt zutrauen kann. Neben der Gaststube besaß Jechiel Sairov ein gut eingerichtetes Wohnzimmer, und in diesem finden wir unsere alte Bekanme Deborah, die wir in Mitau io plötzlich aus den Augen verloren haben. Sie hatte sich nach den letzten Ergebnissen in dem Hause Gebhard Wandelowicz schleunigst aus Mimu entfernt und war zu ihrem Sohne Jechiel gereist, dessen Besitzlhum nur drei Werst von Minsk entfernt lag. In dieser Stadt glaubte sie in jedem Falle Nachrichten über Alexander zu erlangen. Als sie ihrem Sohne die Veranlassung mittheilte, die sie mitten im Winter zu ihm führte, lächelte er sarkastisch, indem er meinte: „Bist Du mir auch lieb, meine Mutter, so ist doch keineswegs der Junge, der bereits zu drei Viertel ein Goj ist. es werth, dass Du Dich der Strapazen einer solchen Reise unterzogen hast". Aus dieser Aeußerung Jechiels erkennen wir, dass derselbe durchaus nicht den toleranten Geist feiner Mutter besaß. Er war mit seinem chassidischen Sinn, mit 'einer Hingebung nur den Zaddik, den Balschem oder „Guten Jüd" — fanatisch bis zum Extrem und hielt Alle, die in dieser Beziehung nicht gleich ihm dacstten, für von Gott Verworfene, für nicht werth, dass man ihnen irgend einen Liebesdienst erwiese. Und gar erst dieser Alexander, ein Sohn jenes Gebhard Wandelowicz, dessen unjüdisches Wesen in Miiau bereits verschrieen war. Als Jechiel von Mitau forlkam, besaß er noch keine Voreingenommenheit gegen solche, von ihrer Religion sich abwendende Charaktere, sondern begnügte sich mit dem guten Bewusstsein, dass er selbst nicht zu thnen gehöre. Als er aber in Minsk und Umgebung einige Jahre gelebt, als er ein gläubiger Anhänger des Zaddik und eifriger Parteigänger des Chassidismus geworden war, da konnte er keine andere Meinung, keine andere Gesinnung mehr dulden, da mar er Todfeind allen denen, die auf anderem Wege waren. Wir werden daher jetzt die Anrede verstehen, womit er seine Mutter bei ihrem Besuche begrüßte, wir werden begreifen, warum er es nicht der Mühe werth hielt, eines Menschen wegen, der in Gottlosigkeit verfalle, irgend etwas zu thun, um ihn vom Untergange zu retten. „Alexander ist noch jung und unerfahren," erwiderte die Mutter, „er wird, wie so viele Andere es gethan, in den späteren Jahren zu Gott, zur Religion zurückkehren und ein Jude, wie er es sein muß, werden." „Meinst Du?" sprach Jechiel mit ungläubigem Lächeln und beendete damit das Gespräch mit der Mutter. Mehrere Wochen waren mittlerweile verstrichen, und wir finden Deborah in dem Wohnzimmer bei Jechiel. Sie hat sich inzwischen viele Mühe gegeben, etwas von Alexander zu erfahren. Sie war mehrere Riale in Minsk gewesen und hatte bei verschiedenen Familien Nachfrage betreffs des Gesuchten gehalten; allein Niemand konnte ihr etwas über ihn sagen, aber das hörte sie, dass auch hier die Polizei auf seiner Fährte war. Sie ist eben beschäftigt, ihren ältesten Enkel bei der Verrichtung des Nachtgebetes zu überwachen, indem sie hie und da etwas beim Lesen corrigirte und ihn zur nöthigen Andacht anhielt. Dann wendet sie sich in gleicher Beschäftigung den jüngern Kindern zu bis zu dem kleinsten, der jüngsten Enkeltochter, welcher sie das Nachtgcbet Wort kür Wort vorsprach, das dann von dieser andächtig wiederholt wurde. In dieser Weise hatte Deborah ihre Großmutterpflichten erfüllt, als eS draußen im Gastzimmer ungewöhnlich lebendig wurde und ein lauter Lärm verworrener, durcheinanderrufender Stimmen kundgab, dass hier etwas Außergewöhnliches sich zugetragen habe. In der That zeigte sich Deborah, als sie die nach dem Schanklocal führende Thüre öffnete, eine heftig gestikulirende Männergruppe, die einen auf der Erde liegenden, und wie es schien, todten Menschen umstand und sich mit ihm beschäftigte. Aus den wirren Reden, die Deborah vernahm, konnte sie nur schließen, dass es sich um einen von einem Fuhrmann unterwegs ausgefundenen erfrorenen Reisenden handelte. (Fortsetzung folgt)

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