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Die Wahrheit · 1899-06-11 · Heft 20 (11.6.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 20 (11.6.1899)
Date
1899-06-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 20. ohne Wirkung bleiben; endlich wird auch hier die Erkenntnis zum Durchbruch gelangen, dass solchen Leuten, die Gesetz und Recht mit Füßen treten, die dem. höchsten richterlichen Urtheile den Respect versagen und jede Autorität im Staate untergraben, ein Einfluss auf die Leitung öffentlicher Angelegenheiten ohne Gefährdung des Staatsganzen auf die Dauer nicht eingeräumt werden darf. Die Institutionen der Wiener Cnltusgemeinde. In unseren letzten Betrachtungen an dieser Stelle haben wir die Thatsache constatirt, dass die große Belastung des Budgets der Wiener Cultusgemeinde unter Anderem auch durch die seitens der Bethausvereine und anderer jüdischer Vereine an den Gemeindesäckel gestellten Ansprüche herbeigeführt tvird. Mit Rücksicht auf den Einfluss dieser Vereine bei den Cultuswahlen hat der Vorstand in den letzten Jahren Subventionen in solcher Höhe bewilligt, die die dermalige flnanzielle Lage der Gemeinde absolut nicht verträgt und die auch in manchen Fällen mit den factischen Bedürfnissen nicht in Einklang zu bringen sind. Dass derartige Subventionen im Vorstande Fürsprache und schließlich auch Genehmigung finden, erklärt sich aber nicht nur durch die mangelnde Energie und Sachkenntnis einzelner Vorstandsmitglieder, sondern noch mehr durch die Art und Weise, wie jetzt die Wahlen in den Cultusvorstand gemacht werden. Jene Männer, die durch den Hochdruck der verschiedenen Vereine in den Vorstand gelangen, fühlen sich im Schoße desselben nicht als Vertreter der gcsammten Gemeinde, sondern vielmehr als Mandatare der ihnen nahestehenden Kreise, und in liebevoller Fürsorge für die Wünsche der Letzteren geht ihnen die nothwendige Rücksichtnahme auf die Interessen und das Wohl der Gesammtheit verloren. Die Einheitlichkeit des Vorstandes ist zerstört, und wie im österreichischen Parlamente die einzelnen Abgeordneten unter Wahrung ihres Sonderstandpunktes als Mitglieder der polnischen Delegation, der czechischen Delegation und anderer Interessengruppen erscheinen, so kann man in ähnlichem Sinne auch im Cultusvorstande von Delegirten der einzelnen Bezirke und Vereine sprechen. Diese betrübende Erscheinung, welche das politische Leben in unserem Vaterlande vergiftete und das Reich in die schwersten Krisen führte, hat auch die Finanzen und die Institutionen der Wiener Cultnsgemeinde zu jenem Tiefpunkte gebracht, aus welchem sie sich leider heute befinden. Es ist freilich Aufgabe und Pflicht der Cultusgemeinde, jene Vereine und Institutionen, welche allgemeine cultuelle und cultnrelle Zwecke verfolgen, zu fördern und materiell zu unterstützen, in erster Linie darf dies jedoch nur nach Maßgabe der vorhandenen Mittel geschehen, und dann nur in solchen Fällen, wo durch die gewährte Unterstützung gleichzeitig auch eine Entlastung der Gemeinde eintritt. Aber Subventionen verleihen und im eigenen Wirkungskreise für die gleichen Zwecke immer höhere Summen verwenden, ist ein verfehltes Wirthschaftsprincip, das den Steuerträger, der doch durch freiwillige Beiträge auch das Budget der Vereine aus seiner Tasche bezahlt, doppelt belastet und schließlich, da auch die Geduld und die Leistungsfähigkeit des Steuerzahlers ihre Grenzen finden, zum finanziellen Ruin führen muß. In früheren Jahren trug die geradezu mustergiltige Vereinsthätigkeit in der Wiener Cultusgemeinde einen ganz anderen Charakter. Ohne jede Reclame, in stiller und selbstloser Weise walteten die leitenden Damen und Herren ihres Amtes und entfalteten auf dem Gebiete der Humanität, des Unterrichts- und Erziehungswesens eine segensreiche Thätigkeit, ohne hiebei an die Mittel der Gemeinde besondere Ansprüche zu stellen. Und während die Vereine so an der Entwickelung der Gemeinde hervorragenden Antheil nahmen, ist es ihnen niemals eingefallen, durch das Gelvicht der leitenden Persönlichkeiten die Verwaltung der Gemeinde zu beeinflussen. Derartige Bestrebungen wären auch vom Cultusvorstande mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen worden. Andere Zeiten, andere Sitten. Die große räumliche Ausdehnung, welche die Wiener Cultusgemeinde im Laufe der Jahre erhielt, und die geänderten politischen und socialen Verhältnisse regten auch das jüdische Vereinswesen zu üppiger Entfaltung an, wie Pilze schossen die Vereine aus dem Boden, die sich bei der großen Zahl von Concurrenzvereinen in ihrer Thätigkeit oft hemmen und sozusagen gegenseitig auf die Füße treten. Es ist gewiss zweifellos, dass manche Vereine in ihrer ersprießlichen Wirksamkeit Anerkennung verdienen und im Allgemeinen die regere Theilnahme unserer Glaubensgenossen am jüdischen Vereins- und Gemeindeleben zu begrüßen ist, aber diese Theilnahme darf nicht zur zwecklosen Vereinsmeierei ausarten, deren Kosten die Gemeinde zu bezahlen hat. Der Ehrgeiz weiterer Kreise, au der Verwaltung der Gemeinde tbeilzunehmen, der jetzt auf iudirectem Wege befriedigt wird, und zu den seltsamsten Auswüchsen und zur Schädigung der Gemeindefinanzen führt, muß in natürliche Bahnen gelenkt werden, und das einzig richtige Mittel hiefür ist: eine Reorganisation des Cultusvorstandes nach dem Muster anderer großer jüdischer Gemeinwesen, wie z B. der Budapester oder Berliner Cultusgemeinde. Die Collfereiy der 8tLtu8-iM-Gemeiildtll. Der leidige Parteihader, der schon mehr als dreißig Jahre im ungarischen Israel wüthet, hat endlich die 8tatm8-guo-Gemeinden aus ihrer Lethargie geweckt. Die Orthodoxen sowohl als auch die Congressler hatten sich schon längst zu einem Verbände vereinigt, innerhalb dessen sie ihre Cultus- und culturellen Angelegenheiten schlecht und recht versehen, aber am ärgsten waren die außerhalb dieses Verbandes Stehenden daran, weil die blindwüthende Orthodoxie sie mit Schimpf und Hohn bewarf, ja noch mehr, mit einen Bann belegte, von dem sie sich bis zum heutigen Tage nicht aufraffen konnten. Hie und da gab es einige Ueberläufer, die sich bald den Congresslern zuschlugen, bald im orthodoxen Lager ihr Heil suchten. Diejenigen aber, die treu auf ihrem einstig angenommenen Standpunkte ausharrten, hatten den schwersten Kampf, denn sie waren jeder Unterstützung und Hilfe entblößt und ausschließlich auf ihre eigene Kraft angewiesen. Der Präsident der Vag-Ujhelyer Gemeinde hat die Haltlosigkeit dieses Zustandes eingesehen und auf den 30. v. M. eine Conferenz nach Budapest einberufen, um Mittel und Wege zu finden, die losen Glieder der 8tntu8-guo-Gemeinden zu einem Ganzen zu vereinigen. Nahezu zwanzig Gemeinden waren dort vertreten. In seiner Eröffnungsrede wies der Präsident auf die trostlose

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