Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 18 (24.5.1899)
- Date
- 1899-05-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062991--00290-3066786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
OCR text
Nr. 18. Seite 11. Die Wahrheit. sämmtliche Vereine und Corporationen Aufstellung genommen, und der Ring- Platz und die angrenzenden Straßen konnten die Zahl der Theilnehmer kaum fassen. Im Trauerhause hatten sich die Stadtvertretung von Altbunzlau, das k. u. k. Officierscorps des 7. Dragoner-Regiments en puraäe, die k. u. k. Beamten, sowie die Beamten der Großherzoglich-Toskanischen Domäne, der Dechant und Canonici des hochwürdigen Domcapitels, sowie zahlreiche illustre Gäste von Wien, Prag und anderen Städten und Vertretungen der umliegenden israelitischen Gemeinden eingesunden. Nach beendeter Function wurde die Leiche in den mit vier Pferden bespannten und mit Kränzen reich beladenen Wagen gehoben. Voran schritten der Veteranen-Verein, fast alle Bürger von Altbunzlau, Se. Ehrwürden der Herr Rabbiner von Brandeis, sämmtliche Vorstandsmitglieder und zahlreiche Mitglieder der israelitischen Gemeinde, sodann kam der Leichenwagen, zu dessen beiden Seiten Veteranen mit Kränzen schritten. Hinter dem Leichenwagen gingen die Trauernden, das k. u. k. Officierscorps, Beamte und eine unabsehbare Menge von Theilnehmern, welchen sich eine lange Reihe von Equipagen anschloss. An der Grenze von Brandeis schloss sich auch der hiesige Stadtrath dem Leichenzuge an. Vor dem Tempel wurde angehalten. Der Sarg wurde in das schwarzdrapirte, mit Palmen und Blumen reichverzierte Gotteshaus getragen. Hier intonirte der hiesige Gesangverein nach einem herrlichen Orgelpräludium einen ergreifenden Trauergesang, worauf Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Bernhard Weiß die Kanzel bestieg und eine tiefgefühlte, ergreifende, von lautem Schluchzen unterbrochene Trauerrede hielt. Bei den Abschiedsworten von der heiligen Stätte, an der der theure Verblichene so oft und so gern verweilte, brachen alle Anwesenden in lautes Weinen aus. Nach Beendigung der Function wurde der Sarg von den Vorstandsmitgliedern nach dem Friedhofe getragen. Am Grabe nahmen der Vice-Präses Herr vr. J.U. Richard Ullmann im Namen der Cultusgemeinde und ihres Vorstandes und Herr vr. LI. II. Sigmund Bondy als zweiter Vorsteher der hiesigen Beerdigungs-Brüderschaft in deren Namen mit tiefempfundenen Worten Abschied von dem theuren Dahingeschiedenen. Charatteristisch ist, dass die zahlreichen Armen katholischer Consession den Todtengräber zu seinem letzten traurigen Amte nicht zuließen, sondern selbst mit den Händen unter Thränen und Segenssprüchen das Grab ihres geliebten Wohlthäters mit Erde füllten. Möge ihm die Erde leicht werden! Eingesendet. Sehr geehrter Herr Redacteur! Anlässlich der kürzlichen Einweihung unseres Bethauses hat unser Herr Obmann-Stellvertreter das Amt übernommen, mir die Ankunft derjenigen Gäste namhaft zu machen, die wir speciell zu begrüßen für selbstverständlich erachteten. Dadurch jedoch, dass unser Herr Obmann-Stellvertreter bei Verlesung des Wochenabschnittes Functionen auszuüben hatte, blieb ich von der Anwesenheit des sehr geehrten Herrn vr. Spitzer als Vertreters der löblichen Cultusgemeinde in Unkenntnis, wodurch der uns ungemein unliebsame, bedauerliche Vorfall eintrat, dass eine specielle Begrüßung des sehr geehrten Herrn Vertreters der löblichen Cultusgemeinde, dem wir bei diesem Anlasse unseren Dank an die löbliche Cultusgemeinde dafür auszusprechen beabsichtigen, weil die löbliche Cultusgemeinde unser humanitäres Unternehmen damit förderte, indem sie uns die Einwilligung zu unserem Bethause ertheilte, unterblieb. Wir bitten den hochgeehrten Vorstand der löblichen Cultusgemeinde, sowie dessen Vertreter, den sehr geehrten Herrn vr. Spitzer, dies zur gefälligen Kenntnis zu nehmen, und unseren Dank auf diesem Wege freundlichst entgegennehmen zu wollen. Wir danken auch Ihnen, sehr geehrter Herr Redacteur, für die Aufnahme dieser Zeilen im Vorhinein und zeichnen Hochachtend ergebenst für Humanitärer Verein „Marpe L an es e sch" Wien, II., Taborstraße Nr. 38 Jacob Stern, Obmann. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (13. Fortsetzung.) Unter den Beschwerden dieses unsteten Umherziehens und durch die fortwährende Befürchtung, ergriffen zu werden, begannen seine Kräfte bereits zu erschlaffen, und er hatte zuletzt den Plan gefasst, sich zu einem Verwandten zu begeben, der in der Nähe von Minsk auf dem Dorfe eine Gastwirthschaft besaß, wo er sicher und geborgen wieder neue Kräfte sammeln konnte. Dieser Verwandte war ein Sohn Deborah's, der bereits erwähnte Jechiel. Des Weges unkundig musste sich Alexander einen Führer nehmen und wir finden ihn eben mit diesem auf der Wanderung nach dem erhofften Asyl. Der junge Wandelowicz sendet vergebens seine Blicke nach dem Ziele dieses beschwerlichen Marsches. Er wollte heute noch das von Jechiel bewohnte Dorf erreichen. Zuvor hatten sie noch einen Wald zu passiren, und dieser selbst lag dem Auge noch so ferne, dass er sich dem Spähenden nur wie ein dunkler Strich in dem weiten Umkreis der Winterlandschaft abhob. Schon begann das Tageslicht abzunehmen. „Wie weit ist es noch nach Petrowo?" fragte Alexander. „Wenn wir jenen Wald hinter uns haben, kaum noch drei Werst", sagte der Bauer und deutete mit seinem Stocke nach der Richtung des Waldes hin. Jener stöhnte, raffte sich indes wieder auf und versuchte mit seinem Begleiter möglichst gleichen Schritt zu halten. Die Kälte waltete fort, während einige herniederfallende Flocken einen neuen Schneesall verkündeten. Immer dunkler wurde es um die Beiden; aber die Helle des Schnees erleuchtete ihnen den Weg, dass sie ihn mit Sicherheit verfolgen konnten. Endlich war man in den dichten Eichenwald gelangt, welcher in seinen .gespenstigen Gestaltungen selbst furchtlosen Menschen unheimlich werden konnte. Alexander war gänzlich erschöpft und er ließ sich auf einen Baumstumpf nieder. „Ich kann nicht weiter", sprach er zu demnach kräftig und rüstig vor ihm stehenden Begleiter — „ich kann nicht weiter, gehe hin nach dem Dorfe und hole mir einen Wagen!" „Wagen? Hast Du auch Geld zum Bezahlen?" „Gewiss, ich werde noch so viel haben." „Wie viel hast Du?" fragte Jener mit erschreckendem Grinsen, während die Geldgier in unheimlicher Weise aus seinen Augen leuchtete. Alexander sah dies und erschrack über die Umwandlung, die sich mit dem Bauer vollzogen. Von der Mittagszeit an, in welcher sie die gemeinschaftliche Wanderung begonnen, war der Führer in seinem Wesen gegen ihn immer gleich geblieben; wie alle Stockrussen zeigte er sich demüthig, kriechend, wo es der Vortheil mit sich bringt, jetzt aber stand er Alexander frech und trotzig gegenüber. „Wie viel Geld hast Du?" fragte der Bauer nochmals und näherte sich dem Unglücklichen, der jetzt nach der Tasche griff, in welcher er einen Revolver trug. „Lass das," sagte der Andere ruhig, „ich weiß was Du willst. Du hast noch keinen Beweis dafür, dass ich Dir Gewalt anthun will, und wenn ich es unternehme, würde Deine Schießwaffe mich nicht daran hindern. Ich frage Dich nochmals: wie viel Geld hast Du?" „Das brauchst Du nicht zu wissen. Hole den Wagen und ich werde dafür bezahlen; auch Du sollst dabei noch einen Rubel erhalten." „Gib her," ries der Russe. „Jetzt noch nicht, erst dann, wenn Du mit dem Wagen hier bist." '„Gib her," drängte der Andere weiter. Alexander griff in die Tasche und holte sein Portemonnaie hervor. In dem Augenblicke jedoch, als er es öffnen wollte, erhob der Bauer den Knotenstock und traf im nächsten Augenblick den auf dem Baumstumpf Sitzenden so heftig, dass er nach rückwärts in den Schnee sank, der sich alsbald mit dem Blute des Getroffenen zu färben begann. Gierig stürzte der Räuber über sein Opfer her, entriss ihm das Portemonnaie und eilte den Weg zurück, auf welchem Beide gekommen waren. (Fortsetzung folgt.)