Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 17 (16.5.1899)
- Date
- 1899-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DieIAatzrHsil Redaction u. Admiiiistratioil: Wien, Uj\, Novaragaffe 27. K. k. öftere. Postsparcaffa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. Deüjchnft für Mische >nteresfen. Bezugspreis: Ganzjährig.st. 6. Halbjährig.fl. 3. Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5. Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit! Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 17. Wien, 16. Mai 1899. Inhalt: Die Institutionen der Wiener Cultusgemeinde. — Die Jsraeliten-Autonomie in Ungarn. — Eine jüdische Volksversammlung in Ung.-Brod. — Wochenschau. — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. (Fortsetzung.) — Gemeinde- und Bereinsbote. — razarus' Ethik des IudenthumS. (Schluß.) — Verschiedene Nachrichten. — Vacanzen. — Offert. — Feuilleton: Heimweh. (3. Fortsetzung.) Die Institutionen der Wiener Cnltnsgemeinde. Im Sitzungssaale der Wiener Cultusgemeinde tritt dem Beschauer die Geschichte dieses Gemeinwesens lebendig vor Augen, wie es sich von den kleinsten Anfängen zur heutigen Ausdehnung entwickelte. An den Wänden reihen sich die Bildnisse jener Männer, die an der Leitung der Gemeinde theilnahmen, und bis in unsere Tage reicht die Erinnerung an die klangvollen Namen, die den Ruf der Wiener Cultusgemeinde über alle Welt verbreiteten und sie an die Spitze der Judenheit stellten. Es sind Männer der eonservativen und liberalen Richtung, deren Anschauungen oft weit auseinandergingen, aber Alle waren sie vereint in dem Bestreben, die Institutionen der Gemeinde zu fördern und zu entwickeln und sie auf die höchste Stufe der Vollendung zu bringen. Nach Berg kommt Thal, nach Aufstieg der Abstieg, das ist schon so der Weltenlauf, und leider haben auch die Institutionen der Wiener Cultusgemeinde schon seit Jahren ihren Culminationspunkt erreicht und befinden sich gegenwärtig im Niedergänge. Wir wissen nicht, ob die tonangebende Richtung in der Gemeinde liberal oder conservativ ist, man sagt allgemein, es sei das Letztere der Fall, und gewisse, allerdings unwesentliche Verfügungen bezüglich der Gestaltung des Gottesdienstes sollen die conservative Richtung kennzeichnen. Aber eigenthümlicher Weise ist gerade der conservative Theil der Gemeindemitglieder am wenigsten zufrieden, von dieser Seite werden die lautesten Klagen erhoben, und dies, gestehen wir es offen, mit gutem Grunde und vielem Rechte, denn mit jenen Institutionen, die den frommen Juden am meisten am Herzen liegen, ist es am ärgsten bestellt. Greifen wir eine aus den vielen heraus, den Religionsunterricht. Er kostet Unsummen von Geld, belastet in ausgiebiger Weise das Gemeindebudget und fördert trotzdem klägliche Resultate zu Tage. Dies ist auch dem Vorstände-nicht unbekannt, der sich aber leider nicht zu helfen weiß. Berathungen werden hin und her gepflogen, und noch immer ist die Erkenntnis nicht durchgedrnngen, dass die Schuld an dem mangelhaften Lehrmateriale liegt und die Art der Bestellung der Religionslehrer geändert werden muß, wenn eine Besserung der Verhältnisse eintreten soll. Wir wollen nicht Denunciantenthum nach der Richtung treiben, dass Religionslehrer in offenem Widerstreit mit den Religionsgesetzen leben, aber der Umstand darf nicht verschwiegen werden, dass es Religionslehrer gibt, die nicht einmal die Disciplin während des Unterrichtes zu halten vermögen. Wir hatten vor Kurzem Gelegenheit, nach dem Religions-Unterrichte in ein Lehrzimmer zu treten, dessen Fußboden mit Zündhölzchen geradezu besät war. Auf unsere Frage, ob hier vielleicht ein Rauchclub etablirt war, wurde uns bedeutet, dass die Schulbuben sich die Langweiligkeit des Unterrichtes durch Erzeugung von Knalleffecten vertreiben, und der Herr Lehrer in dieser kritischen Situation keine andere Hilfe weiß, als den Schuldiener herbeizurufen, der durch seine robuste Gestalt doch einigermaßen zu imponiren versieht. Welche Erziehungsresultate da zu Tage gefördert werden können, ist wohl leicht einzusehen. Ein anderes öffentliches Aergernis bildet der Austritt der Schuljugend aus dem Gotteshause nach dem Jugendgottesdienste. Wie eine wilde Meute stürmt und tobt Das heraus, die Heiligkeit der Andachtsstätte ganz außer Acht lassend. Zn berechtigten Klagen gibt auch die Koscherfleischfrage Anlass. Seit Jahr und Tag vernimmt man aus den Sitzungsberichten des Vorstandes, dass derselbe dieser Frage seine Aufmerksamkeit zuwendet, und auch das Commmriquo der letzten vertraulichen Sitzung enthält eine derartige orakelhafte Andeutung, aber immer ist man aus dem Studiren und Berathen noch nicht herausgekommen, und die Thatsuche bleibt aufrecht, dass Wien Mangel an wirklich koscherem Fleische hat. Zu entsprechenden: Marktpreise ist dieses überhaupt nicht zu haben; denn die wenigen Fleischhauer, welche streng koscheres