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Die Wahrheit · 1899-05-08 · Heft 16 (8.5.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 16 (8.5.1899)
Date
1899-05-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16. Die Wahrheit. Seite 11 israelitischen Religionsgemeinde Sigmund Kohner, sowie der Gemeindevorstand, eine Deputation der Gemeinde Hatvan, die Direction der vaterländischen Sparcasse und der vaterländischen Bank und die Vertreter aller hiestgen größeren Geldinstitute und Industrie-Unternehmungen. Nach Absingung eines Trauerchorals und nachdem Rabbiner l)r. Kohn in einer warn: empfundenen Rede die Vorzüge der Verblichenen gewürdigt hatte, setzte sich der Trauerzug nach dem Kerepeser Friedhofe in Bewegung. Ein Pfarrer als Präsident eines israelitischen Schnlstuhls. Eine Budapester Localcorrespondenz meldet den folgenden interessanten Fall: In der Gemeinde Csurog des Comitats Bäcs-Bodrog ereignete sich kürzlich ein wirklich seltener Vorfall. Es wurde nämlich seitens der dortigen israelitischen Cultusgemeinde zum Präsidenten des jüdischen Schulstuhls Mathias Nagy, der Csuroger röm.-kath. Pfarrer, gewählt, der dieses Ehrenamt auch annahm. Ludbreg. Als Rabbinatsverweser und Cantor fungirt hier seit kurzer Zeit Herr Mathias Tauber zur vollsten Zufriedenheit der Gemeinde. Berlin, 23. April. Zu einer erhebenden Kundgebung pietätvoller Ehrung gestaltete sich die Gedenkfeier, welche die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner" gestern Abend in der Aula des Baruch Auerbach'schen Waisenhauses ihrem Heimgegangenen Vorstandsmitgliede, Herrn Lehrer Gustav Jacobsohn, gewidmet hat. Dieselbe wurde durch Herrn Musikdirector William Wolfs eröffnet, worauf nach einem Quartett-Gesang Herr vr. Fiegel einen stimmungsvollen Prolog vortrug. In herzlicher Gedenkrede schilderte sodann Herr Rector vr. Adler das Werden und Wirken des Verblichenen, wie er, der ehemalige Schriftsetzer, in unermüdlicher Arbeit für den Lehrberuf sich ausbildete und erst nach schwerem Ringen eine gesicherte Position erwarb, dann als ein wahrhaftiger Jugendbildner sich bewährte, indem er in Kindern Begeisterung für Gott und ihr Bekenntnis entzündete. Die eingestreuten Poesien Jakobsohn's verriethen den gottbegnadeten Dichter. Nachdem Herr Cantor Friedmann mit vollendeter Meisterschaft die Arie aus dem Mendelssohn'schen „Elias" „Dann werden die Gerechten leuchten" vorgetragen, recitirte Herr Baranowitz einen von Herrn Lehrer Bernhard-Tarnowitz gedichteten poetischen Nachruf, worauf Lewandowski's großartige Tonschöpfung „Was von Staub, geht heim zum Staube" die Feier wirksam beendete. Bunzlau (Preußisch-Schlesien). Am 1. Mai beendete Herr Urich vom Teplitzer Stadttheater an unserer Oper sein glanzvolles Gastspiel. Herr Urich, der seine Studien am Wiener Conservatorinm als Schüler Professor Gänsbacher's absolvirte, verfügt über einen selten schönen, klangvollen Baryton. Wort und Ton sind bei ihm künstlerisch ausgestaltet und seine maßvolle Art zu singen, ist von wohlthuender Wirkung. Darum gewann er auch in den Partien Czar, Luna, Valentin, Figaro und Johannes (Evangelimann), die er hier während seines Gastspieles gesungen hat, die dauernden Sympathien des Publieums. Möge der jugendliche Künstler in seinem neuen Engagement diejenige Anerkennung finden, welche er so reichlich verdient. Bl. T. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (2. Fortsetzung.) Er wird wissen, waS er als Vetter zu thun hat, er thut es schon seiner Schwester Zirl im Grabe — der Friede soll mit ihr sein — zu lieb; und die Muhme Genendel wird die Hand, so für wahr soll ich hundert Jahr leben, auch ein Biffele tief in die Tasche hinein stecken, und die anderen Verwandten! paketel ist das eine Familie l ich mein', Ihr wisst es doch, ich brauch' es Euch nicht erst zu sagen, was man in der ganzen Familie auf Mirl halten thut. Wenn Zirl, im Paradies ruht sie, das erlebt hätte, ihre Tochter Mirl unter die „Chuppe" (Trauhimmel) zu führen, die ganze Welt wär' zu wenig gewesen, was sie in die Tochter alles hineingesteckt hält'; nun ja, warum nicht, ein einzig Kind; nun da sie es nicht erlebt hat, werden ihre Brüder und Schwestern und die anderen Verwandten das Doppelte thun, um zu zeigen, wer sie sind. Unter uns geredt, die Leut' sind große „Pradeniks" (stolz); aber das kommt Mirle nur zu gut, und wer sie nimmt, wird dabei nicht zu kurz kommen! Was soll ich Euch da noch viel sagen. Ihr kennt sie und wisst das Alles eben so gut, wie ich — sagte Reb Choneh, setzte aber demungeachtet seine Rede über die vorzüglichen Eigenschaften von Mirl Asrieles weiter fort und würde gewiss im Flusse seiner Rede nicht ermüdet sein, noch länger fort zu loben und zu preisen, wenn der Synagogendiener nicht eben mit dem Rufe: In die Schul! — durch die Gasse gegangen wäre. Jittesch hatte den einladenden Ruf kaum vernommen, so klappte sie den dicken „Menorath-Hamor", der noch immer auf ihrem Schoße gelegen, zu, küsste das heilige Buch, legte es in den Schrank, nahm aus demselben den „Siddur", der an Dicke und Wohlbeleibtheit auch nichts zu wünschen übrig ließ und sagte: Reb Choneh! man ruft zum Abendgebet. Wir reden von der Sache ein andermal! Verzeiht und kommt, wenn mein Wolf daheim ist und mein Joffes und dann werden wir Euch Antwort sagen. Mit diesen Worten entfernte sich die fromme Jittesch und Reb Choneh sagte seinen guten Sabbath und ging ebenfalls zur Synagoge. Finkele aber, die daheim blieb, sagte zu sich selber ganz verwundert: Das heißt ein Maul gehabt, das heißt reden gekonnt; ich möchte nur wissen, ob er von mir auch so da her reden könnt, wenn er meinetwegen zu Jakob Löb kommen möcht, ihm eine Partie anzutragen! Jetzt bin ich nur begierig, was unser Jossef-Leben sagen wird! Ich weiß nicht, ob er und Mirl Asrieles für einander paffen! Die Mutter kam bald wieder aus der Synagoge zurück, Finkele stellte das Bänkchen vor die Thüre hinaus, und Beide setzten sich auf dasselbe nieder. Es kommen einige andere Weiber herbei und bald war das Gespräch in vollem Gange. Nu Jittesch — Hub eine derselben an — heut' Nachmittag ist doch Reb Choneh bei Ihnen gewesen! geht das Finkele an oder Jossef? Mich nicht! — rief Finkele schnell und wurde über und über roth. Du brauchst nicht so roth zu werden Finkele — sagte die Zweite — und was ist da mehr, wenn man Dir eine Partie antragt, eine Schmach und Schande ist es nicht! also Jossef! Und was hast Du von Choneh's Narreschkeiten! — sagte Jittesch. Sie sagte dies aber nur, weil sie über den Gegenstand noch nicht sprechen wollte; innerlich dachte sie über die Sache ganz anders und hielt den Antrag, den ihr Choneh gemacht hatte, durchaus für keine Narrheit. So nahm das Gespräch durch ihre abwehrende Antwort eine andere Wendung und schlang sich in einer rasch geflochtenen Kette um alle Angelegenheiten, die es in der „Gasse" zu besprechen gab. Als die Nacht hereingebrochen war, machte Jittesch in Abwesenheit ihres Mannes selber die „Hawdalah", und Finkele ging in die Küche, um den Kaffee zu bereiten. Nu was meinst Du, Finkele? — fragte die Mutter, da sie beide beim Kaffee saßen — was meinst Du zu der Partie? Mutter-Leben — sagte das Mädchen — ich weiß nicht, ob Jossef und Mirl mit einander zusammen passen? Red' keine Narreschkeit — ermahnte die Mutter — was heißt, ob sie zusammen passen? warum sollen sie nicht zusammen passen? Mirl ist so, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll! ich weiß nicht, ob Jossef mit ihr wird umgehen können! Umgehen? — sagte die Mutter — ein Jung, der mit Ochsen umgehen kann, wird noch mit Mirl Asrieles auch umgehen können. Und dann was hat er mit ihr umzugehen? er ist der Mann und sie ist das Weib, das ist Alles und weiter aus. Wie ist Dein Väter mit mir umgegangen? Damals war eine andere Zeit und heut' ist eine andere Zeit. Was ist für ein' andere Zeit? Ein Jung bleibt alleweil ein Jung, und eine Maid bleibt alleweil eine Maid. Aber Bücher thut man heut' lesen. Mirl Asrieles thut Bücher lesen, und ich mein', das passt sich für kein Weib von ein' Ochsenhändler. (Fortsetzung folgt.)

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