Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 12 (6.4.1899)
- Date
- 1899-04-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Seite 15. Die Wahrheit. Nr. 12. „Das ist wahr, Herr Wandelowicz, und ich bin Ihnen auch sehr dankbar dafür. Allein wenn man eine Tochter verheiratet." „Muß man denn Töchter verheiraten, wenn man die Mittel dazu nicht hat?" Juda Machlitz schwieg. Man sah, wie tief ihm die rauhe, gefühllose Andeutung in's Herz schnitt; die Thränen in den Augen zurückhaltend, erwiderte er dann: „Ich werde Ihnen das Geld mit vielem Dank zurückerstatten — weisen Sie mich nicht zurück." „Erst zehn Rubel erhalten und wieder um Geld kommen, — welche Unverschämtheit! Wahrlich, nur der Jude bekommt so etwas fertig. Der Christ ist zu anständig dazu; er weiß sich einzurichten und fällt Andern nicht zur Last." „Sie entschuldigen. Herr Wandelowicz, ich will ja das Geld nicht geschenkt haben, nur leihen sollen Sie es mir." „Ei, was heißt leihen, mit der Garantie, die Ihr mir bieten könnt. Ihr sprecht von einem Jahr, aber von wo wollt Ihr denn dann das Geld zur Bezahlung hernehmen?" „Mein Sohn in Amerika wird es mir zur Zeit schicken, er hat es mir in seinem letzten Briefe zugesagt. Heute kann er mir nicht mehr geben, als er mir hat zukommen lassen. Ich will Ihnen gleich, Herr Wandelowicz, den Brief zeigen", und Juda Machlitz suchte in der Seitentasche seines Rockes nach dem Schreiben. „Verschont mich um Gotteswillen mit dem Lesen der an Euch gerichteten Briefe. Die Frage ist nicht die, ob Euer Sohn Euch Geld schicken, sondern ob Ihr selbst werdet bezahlen können." Der Bittsteller wusste nicht, was er von diesen Worten zu halten habe. Die Gedrücktheit und Verzagtheit seiner Seele gab sich kund in der tief demüthigen Haltung seines ganzen Körpers. So stand der Arme da, ein Bild der Verzagtheit und stillen Verzweiflung. Endlich, seinen ganzen Muth zusammennehmend, wagte er es noch einmal mit der Versicherung, dass er zur Zeit Alles aufbieten werde, um die Schuld zu tilgen, wobei er hinzufügte, dass der liebe Gott dem Spender diese Wohlthat noch ganz besonders vergelten werde. Der Geldmann lächelte verächtlich. „Bleibt mir nur mit solchen Anweisungen vom Leibe. Ich werde Euch das Geld leihen. Dergleichen Belästigungen muß man sich schon gefallen lassen, wenn man Jude ist; Anderes bringt mir meine jüdische Angehörigkeit doch nicht ein." Und Wandelowicz ging an die Casse, ließ sich vom Buchhalter zwanzig Rubel geben, die er Machlitz mit den Worten überreichte: „Hier habt Ihr das Geld und macht, dass Ihr fortkommt." Der so Abgefertigte war durch die Erfüllung seiner Bitte so voll Freude, dass er die Art der Entlassung gern dabei in den Kauf nahm. Ja er ging in seiner Dankbarkeit so weit, den vornehmen Mann zu ersuchen, ihn zur Hochzeit seiner Tochter zu beehren. „Danke, danke für die Einladung und die Ehre", sagte der Finanzier und griff wiederum nach der Zeitung. „Hier habt Ihr das Geld und machet dass Ihr fortkommt", — lauteten die Worte, mit welchen Wandelowicz unser Machlitz abfertigte. Wie anders klang die Verabschiedung, welche dem Polizei-Jnspector zu Theil geworden war! Und doch leitete Beide der gleiche Beweggrund, nämlich Geld von Wandelowicz zu erlangen. Der Unterschied war nur, dass der Eine Christ und der Andere Jude war, und Wandelowicz glaubte, wenn auch mit Hintansetzung seiner Selbstachtung, in jedem Falle sich die Gunst der Bekenner des Christenthums zur Förderung seines eigenen Ansehens sichern zu müssen, während er seinen Glaubensgenossen gegenüber zu irgend einer Rücksichtnahme sich nicht bemüssigt sah. Eine Moral, die schon manchem Juden bittere Erfahrung und Herzleid eingetragen und die auch Wandelowicz nicht ungerächt geübt haben sollte. Inzwischen war es Mittag geworden und Wandelowicz suchte seine Familie auf. Dieselbe bestand aus seiner Gattin und seiner Tochter Frieda. Ein älterer Sohn, Gustav, der Apotheker war, hatte bereits seinen eigenen Hausstand gegründet. Frieda Wandelowicz ist klein an Gestalt und schwach entwickelt. Ihr Gesicht, dem ein frischgcistiges Gepräge nicht abzusprechen ist, war dennoch nichts weniger als hübsch. Ihr Teint brünett, ihr Auge schwarz, glühend, aber die Nase stumpf, die Lippen etwas zu stark. Sie trug den Kopf stolz und trotzig und legte viel Selbstvertrauen an den Tag. Gegenwärtig befand sich, wie bereits erwähnt wurde, im Hause noch ein Gast, die Cousine Hulda, Tochter von Gebhard Wandelowicz. Sie ist eine stattliche Erscheinung mit feingeschnittenen Gesichtszügen, die durch den hellen, tadellosen Teint noch vortheilhafter hervortreten. Auch ein Brudersohn der Frau Wandelowicz konnte fast mit zur Familie gezählt werden, ein Student der Chemie, Namens Erich Groß. Er speist gewöhnlich zu Mittag im Hause des Onkels und ist auch sonst in seinen freien Stunden oft da anzutreffen. Er ist ein hübscher junger Mann von frischem, heiterem Temperament. Seine Eltern sind arm, und nur durch die Unterstützung des Onkels wird ihm das Studium ermöglicht. Felix Wandelowicz und seine Gattin Emma hatten sich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, in Erich einen Schwiegersohn zu erhalten, der wohl ihren Ansprüchen gerecht werden konnte, und der Plan durfte umso sicherer in's Auge gefasst werden, als Erich ihnen gewissermaßen verpflichtet war. Auch schienen die Beiden, Frieda und Erich, in der Art und Weise, wie sie miteinander verkehrten, die Hoffnungen der Wandelowicz'schen Gatten zu bestärken; es war fast anzunehmen, dass sie einander gern hatten. Da brachte ein böses Verhängnis Hulda in's Haus. Sie wurde von den Verwandten, die keine Ahnung von dem hatten, was sie anrichten werde, auf's Herzlichste ausgenommen und Frieda freute sich mit ihr wie mit einer Schwester. Allein diese Freude dauerte nur so lange, bis sie gewahr wurde, dass sie in ihrer Cousine eine Rivalin erhalten habe. Erich Groß war der berückenden Schönheit Huldas zum Opfer gefallen. Sobald er jetzt bei seinem Onkel erschien, suchte er mit Vorliebe Hulda auf, unterhielt sich gern und dauernd mit ihr, während diese in der naivsten Weise an den Tag legte, dass sie an dem hübschen, munteren Studenten Wohlgefallen habe. Mutter und Tochter des Hauses waren diesem sich entspinnenden Verhältnis bald auf der Spur, während der Hausvater sich weniger um die internen Angelegenheiten seiner Familie kümmerte — er war viel zu viel Welt- und Geschäftsmann. Er war eben in den Speisesaal getreten und traf die von uns bezeichneten Personen daselbst an. Frau Wandelowicz unterhielt sich mit ihrer Tochter, während Hulda und Erich — wie es in jüngster Zeit meist der Fall war — miteinander im eifrigsten Gespräche sich befanden. Dem aufmerksamen Beobachter würden die Blicke nicht entgangen sein, welche Mutter und Tochter zuweilen nach dem Paare warfen; es waren keine des verwandtschaftlichen Wohlwollens, sondern es lag etwas Feindliches und Gehässiges in denselben. Auch Hulda hatte zu begreifen angefangen, was ihr die Liebe von Tante und Cousine verscherzt, die sie in letzter Zeit oft vermisst hatte. Sie besaß nicht genug Selbstverleugnung, um dem Glücke, das sich ihr in der Liebe Erichs erschlossen, zu Gunsten ihrer Cousine zu entsagen, und war entschlossen, das Recht, das sie auf den Studenten besaß, zu vertheidigen. Als Gast im Hause wurde ihr das freilich etwas schwerer und sie erkannte bereits die Nothwendigkeit, unter den obwaltenden Umständen das Haus zu verlassen. Das machte ihr indes keine Sorge, denn sie wusste, dass ihr Erich in jedem Falle gehöre; wo er, wo sie sich auch befinden mochten, sie durften auf einander rechnen. (Fortsetzung folgt.)