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Die Wahrheit · 1899-03-22 · Heft 11 (22.3.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 11 (22.3.1899)
Date
1899-03-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 11. Die Wahrheit. Seite 15. Bur»Szt.-Georgen. Am 11. März d. I. verschied hier im 75. Lebensjahre der allseits hochgeachtete Cassier der Chewra-Kadischah, Herr- Philipp Grün. Welcher Beliebtheit derselbe sich erfreut hatte und in welchem guten Einvernehmen derselbe mit den Ortsbewohnern lebte, bewies die zahlreiche Theilnahme am Leichenbegängniße, bei welchem auch die Bauernbevölkerung anwesend war. Kreisrabbiner Dr. Lewin ans Malaczka hielt dem Entseelten einen würdigen Nachruf, indem er sich auf die Sidrah der abgelaufenen Woche bezog. Er betonte weiters: Dieser Sarg berge Keinen, von dem man nur sagen könne, er habe gelebt, sondern der Verstorbene habe sich dadurch, dass er alle seine Kinder in Thora erzog, durch sein frommes Wirken und Menschenliebe ein dauerndes Andenken erworben. Er werde nicht nur seiner Familie, der er ein ausgezeichneter Vater gewesen, fehlen, sondern auch der Gemeinde bei allen religiösen Functionen, den Trostbedürftigen, sowie beim täglichen Minjan im Tempel. Auch seine Söhne, sowie Vorsteher Wollner hielten dem Verblichenen ergreifende Nachrufe. _ Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (9. Fortsetzung.) 4. „Nehmen Sie Platz, Herr Jnspector," sprach Wandelowicz, und wies auf einen Stuhl, der neben ihm stand. „Ich danke sehr, Herr Wandelowicz. Die Angelegenheit, die mich zu Ihnen führt, ist so ernster Natur, dass ich Sie schon bitten muß, einen Ort zu wählen, wo wir Beide allein sind." „Wie Sie wünschen, Herr Jnspector", und Wandelowicz öffnete ein Seitencabinet, in welches er mit Jenem eintrat. „Ich habe", nahm jetzt der Polizei-Jnspector das Wort, „eine Sache in die Hände bekommen, die, wie ich annehme, Sie wohl etwas näher angehen wird." „Mich selbst?" äußerte der also Angeredete verwundert. „Indes, ich bitte, machen Sie mich mit derselben bekannt." „Ich habe den Auftrag erhalten, über die Familie Wandelowicz genaue Informationen einzuholen. Ein gewisser Alexander Wandelowicz, zu Moskau geboren, Student der Medicin, wird Polizeilich verfolgt." Bei diesen Worten hielt der Sprecher inne und beobachtete den Eindruck seiner Mittheilung auf den Zuhörer. Dieser war wohl im ersten Augenblick, als er den Namen Alexander Wandelowicz und von seiner Verfolgung durch die Polizei hörte, etwas betroffen; allein er fand bald seine Ruhe wieder und sprach: „Alexander Wandelowicz ist mein Neffe und studirtsoviel ich weiß, Medicin in Dorpat." „Dort ist er nicht mehr, die Polizei vigilirt auf ihn, weil er sich an einer Nihilisten-Verschwörung betheiligt hat." „Das ist nicht möglich!" rief Wandelowicz erschrocken aus. „Der Junge konnte sich unmöglich so weit verirren!" „Zweifeln Sie, so viel Sie wollen, ich aber sage Ihnen, dass ich den Auftrag habe, ihn, wo ich ihn treffe, zu verhaften und mir zugleich einen Einblick in das Haus und in die Familie zu verschaffen, wo er geboren und erzogen worden ist. Der Vater dieses Alexander ist doch wohl Ihr Verwandter, vielleicht Ihr Bruder, der in Mitau wohnt?" „Allerdings. Wie ich Ihnen bereits gesagt, ist der Gesuchte mein Neffe; allein mein Zweifeln rührt daher, weil ich weiß, dass unser ganzer Verwandtenkreis die Treue gegen den Kaiser zu allen Zeiten fest gewahrt hat." — „Ganz gleich, ich werde mich in meiner Eigenschaft als Polizist zu Ihrem Bruder nach Mitau begeben müssen." „Muß das wirklich sein? Ich gestehe Ihnen, dass ich dabei für meinen Bruder ein recht unangenehmes Aufsehen befürchte. Lässt sich die Sache nicht anders arrangiren?" Jener sann einige Augenblicke nach, dann sprach er: „Ich würde Ihrem Bruder in dieser Beziehung vielleicht gefällig sein können, ich könnte mir die von mir verlangte Auskunft in anderer Weise verschaffen — allein es erstünden mir dabei nicht blos mancherlei Beschwerlichkeiten, sondern ich müsste auch mit meiner Person für die Wahrhaftigkeit der erlangten Kenntnis einstehen." „Das begreife ich selbst," Herr Jnspector, sagte Wandelowicz, der wohl verstand, wohin der Mann der russischen Polizei mit seinen Ausführungen zielte. Dann fuhr er fort: „Wenn diese unliebsame Angelegenheit in irgend einer andern, meinem Bruder weniger unangenehmen Form sich abwickeln ließe, würde er sicherlich nicht anstehen, Ihnen seine Dankbarkeit in der möglichst thunlichen Weise zu erkennen zu geben." — „Können Sie mir vielleicht ein hierauf bezügliches Versprechen machen?" „Versprechen? Ich binde mich nicht gern durch übernommene Verpflichtungen". „Pah, was will das sagen, stehe ich selbst doch noch in Ihrer Verpflichtung. — Es ist etwas Fatales, eben nicht zu können, wie man will". „Machen Sie sich deswegen keine Sorge, Herr Jnspector. Wir wollen einstweilen Ihre Schuld als gar nicht vorhanden betrachten, und wenn ich Ihnen irgendwie gefällig sein kann, so haben Sie zu jeder Zeit über mich zu verfügen". „Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Wandelowicz", sprach Rotowsky, und das früher so finstere Gesicht des Mannes klärte sich in merkwürdiger Weise auf. Die strenge Amtsmiene war verschwunden und die freundlichsten Blicke lächelten Wandelowicz entgegen. Der Polizei-Jnspector setzte jetzt die Dienstmütze auf und reichte dem wieder in Gnaden aufgenommenen Freund huldreich die Hand. Dieser sprach: „Ich will hoffen, Herr Jnspector, Sie recht bald wieder bei uns zu sehen. Sie wissen, wie angenehm uns Ihre Gesellschaft ist". Und Wandelowicz begleitete den Jnspector noch auf den Flur, wo er unter fortwährenden Verbeugungen und anderen Zeichen der Devotion dem sich Entfernenden versicherte, dass seinem Wiedererscheinen mit der größten Sehnsucht entgegengesehen werde. Felix Wandelowicz begab sich hierauf in's Comptoir und nachdem er Tonberg von der Unterredung mit dem Jnspector Mittheilung gemacht hatte, griff er nach einem Zeitungsblatt und versenkte sich in die Lectüre derselben. Zehn Minuten nachher pochte es wieder an. Aergerlich sah der Kaufmann von seiner Zeitung auf und das „Herein!" tönte fast strenge von seinen Lippen. Auf der Schwelle der geöffneten Thür zeigte sich die gebeugte Gestalt eines ungefähr sechzigjährigen Mannes, dessen eingefallene hohle Wangen und schüchternen, fast ängstlich blickenden Augen einen bedauernswerthen Menschen verriethen. Dieser Mann hieß Juda Machlitz; früher ein reicher Getreidehündler, war er durch ungliickliche Speculationen herabgekommen und es wurde ihm jetzt sehr schwer, für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen; ja, er musste sogar seine reichen Glaubensgenossen um Darlehen angehen. Gegenwärtig beabsichtigte er, eine Tochter zu verheiraten, und wie gering auch die Mitgift war, so wurde es ihm doch nicht leicht, das Geld zu beschaffen, wozu auch noch die Kosten der Aussteuer und Hochzeit kamen. Von Felix Wandelowicz hatte er bereits eine Unterstützung von zehn Rubel zu diesem Zwecke empfangen. Empfangen, aber wie? Nicht in der milden, leutseligen Weise, durch welche man den Empfänger einer Unterstützung sein trauriges Loos vergessen machen soll — sondern Felix Wandelovicz gab diese zehn Rubel. mit dem Hinweis darauf, dass es für den anständigen Menschen nicht angemessen sei, feine Bedürfniße auf die Schultern Anderer zu wälzen, eine Unziemlichkeit, die, wie er mit besonderem Nachdruck darlegte, nur bei den Juden im Gebrauche sei. (Fortsetzung folgt.)

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