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Die Wahrheit · 1899-03-14 · Heft 10 (14.3.1899) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 10 (14.3.1899)
Date
1899-03-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die WaypHsii Redaktion u. Administration: Wien, II/ \, Novaragaffe 27. K. k. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 84N.S51. Inserate 10 Kreuzer Per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Insertionsbeträge sind in Wien zahlbar. iraöhängige fttr Milche Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit! Bezugspreis: Ganzjährig.fl. Halbjährig.fl. 3.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark t» Rubel oder u> Frcs. Nr. 10. Wien, 14. März 1899. Inhalt: Für die jüdischen Communalbeamten. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Wochenschau. — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. (Fortsetzung.) — Schriftstücke aus vormärzlicher Zeit. (Schluß.) — Die Juden im 1848,49er Freiheitskamps. — Gemeindebote. — Bereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. (Fortsetzung.) — Lazarus' Ethik des Judenthums. — Kalmann's Amerikasahrt. (Fortsetzung.) — Feuilleton: Versöhnung. (Fortsetzung.) Für die jüdischen Communalbeamten. Seitdem die Antisemiten ihre terroristische Herrschaft im Wiener Rathhause ausüben, ist es nicht nur den jüdischen Bewerbern unmöglich gemacht, eine kommunale Anstellung zu erlangen, sondern es werden auch die von früher her äugestellten jüdischen Beamten bei den jeweiligen Avancements konsequent übergangen. Diese offenbare Ungerechtigkeit veranlasste den I. Vicepräsidenten der Wiener Cultusgemeinde, Gemeinderath Dr. Alfred Stern, zu einer energischen Interpellation, die er in der Gemeinderathssitzung vom 3. März an den Bürgermeister richtete. Dr. Stern wies nach, dass bei der jüngst erfolgten personellen Regulirung des Magistrates sämmtliche jüdische Beamte, trotz vieljähriger Dienstzeit und ausgezeichneter Qualification und trotzdem sie von den Amtsvorständen zur Beförderung vorgeschlagen waren, vom Präsidium und dem Stadtrathe übergangen wurden, und ihrer Beförderung stand nur das Eine im Wege, dass sie Juden sind. In der erwähnten Interpellation heißt es weiters: „Dass eine ausdrückliche oder eine stillschweigende Vereinbarung besteht, jüdische Beamte, möge ihre Dienstleistung eine noch so lange und vorzügliche sein, und mögen sie diesfalls auch ihre Mitbewerber überragen, von der Beförderung auszuschließen, ergibt sich daraus, dass unter beiläufig 1400 beförderten Beamten nicht ein einziger Jude ist, vielmehr alle in der Reihenfolge des Status befindlichen jüdischen Bewerber entgegen den Bestimmungen des § 1O0 der Dienstpragmatik sammt und sonders präterirt wurden. Diese systematische Ausschließung tritt auch klar und deutlich hervor bei dem Stadtphysikate, bei welchem sämmtliche jüdischen Aerzte im Avancement übergegangen, den graduirten Aerzten israelitischer Confession Wundärzte vorgezogen und sogar vacante Stellen unbesetzt gelassen worden sind. Welch ein schreiendes Unrecht liegt darin, dass dem Beamten, der all' seine Mühe, Zeit, Kenntniße lange Jahre seines Lebens dem Dienste der Commune in anerkannt vorzüglicher Weise widmete, der — wenn auch nicht klagbare — so doch nach Gerechtigkeit ihm gebührende Anspruch aus Beförderung vorenthalten, ihm und seiner — nicht selten auch in Nothlage befindlichen — Familie jede Aussicht auf eine noch so wohlverdiente bessere Existenz benommen wird? Das muß Jedermann — er mag Christ oder Jude sein —, der auch nur einen Funken von Rechtlichkeits- und Menschlichkeitsgefühl in seinem Herzen hat, empfinden. Ich erlaube mir, an den Herrn Bürgermeister nun die Anfrage zu richten: Wie sind mit seiner letzthin abgegebenen Erklärung, dass der Stadtrath bei Ernennungen und Beförderungen unparteiisch, mit strengster Objectivität vorgehe, und dass er, der Herr Bürgermeister, und der Stadtrath die Gemeinde verwalten, um der Gerechtigkeit zum Durchbruche zu verhelfen, die vorgestellten Borkommniße in Einklang zu bringen?" Der Bürgermeister Dr. Lueger machte sich, wie gewöhnlich bei unbequemen Interpellationen, die Antwort sehr leicht, indem er die Verantwortung für die Ernennungen ablehnte, da der Stadtrath dieselben beschließe. Die Interpellation hat somit vorläufig keinen praktischen Erfolg erzielt, was auch keineswegs zu erwarten war. Es bleibt Alles beim Alten, und die jüdischen Communalbeamten müssen sich schon gedulden, bis die antisemitische Wirthschaft zn Ende geht. Hoffentlich wird die Wiener Bevölkerung bald aus ihrem Wahne erwachen. In jedem Falle aber gebührt dem Gemeinderathe Dr. Stern Dank und Anerkennung für sein wackeres Eintreten, und wir wünschen nur, dass er auch in der Wiener Cultusgemeinde vorkommenden Falles seine Beamtenfreundlichkeit ebenso energisch documentiren möge._

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