Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-02-02 · Heft 5 (2.2.1899) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 5 (2.2.1899)
Date
1899-02-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062978--00085-3066568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5. Die Wahrheit. Seite 15. als Chormeister antrat, aber trotz seiner 70 Jahre ist das Schaffen und Wirken des Meisters noch voller Jugendfrische. Indem wir das in Rede stehende Werk den Herren Cantoren auf das Wärmste empfehlen, find wir von dem Wunsche beseelt, dass Grünzweig in Bezug auf dieses Jubiläums- Werk allseitig eine solch' spontane Ehrung erfahre, die ihm für so manche. Enttäuschungen ein befriedigendes Equivalent biete. Für sein unermüdliches Wirken und Schaffen, welches er mit so seltener Productivität zur Verherrlichung unseres Gottendienstes bethätigte, wolle ihm der Segen Gottes ein,-Q1E Hjpt angedeihen lassen. Versöhnung. von Bernhard Loewenthal. Rösch haschana war vorüber, und die „Heilige Zeit" sollte mit dem morgigen Tage ihr Ende erreichen. In der K'hille rüstete man an Leib und Seele, um am Tage des Gerichtes würdig und reinen Herzens vor dem allbarmherzigen Richter zu erscheinen. Der schwüle Septembertag gieng zur Neige. Blutigroth, mit ihren letzten Strahlen die Welt noch einmal lieblich und friedlich vergoldend, senkte sich die Sonne zum Horizont hinab, um allmahlig hinter den fernen Bergesgipfeln zu verschwinden. Das ganze Firmament erschien einen Augenblick wie in flüssiges Gold getaucht, und die Reflexe der scheidenden Himmelskönigin erglühen auch auf den Scheiben eines nach Westen gekehrten Fensters, an dem eben ein blonder Mädchenkopf sichtbar wird : ein paar tiefblaue Augen, in denen noch hell die Thränen zittern, blicken traurig und sehnsuchtsvoll hinüber nach den Bergen. Sie seufzt schwer auf, die Tochter Schlanme Beers, des reichsten der Balbattim in der kleinen K'hille, und von Neuem stürzen die Thränen ihr in die Augen. ,.O Josua, Josua, was hast du gethan!" klagt sie beklommen. „Wo der Bruder jetzt nur sein mag?" Trotzdem der Vater ihr verboten hatte, seinen Namen auch nur zu nennen, trotzdem die Mutter mit bebender Stimme und feuchten Augen zu ihr eben gesagt hatte: „Jenny denk nicht an ihn, er ist nicht werth, dass wir um ihn weinen, er ist schlecht geworden, er hat uns Schande gemacht, lass ihn vergessen sein!" Trotz allem und allem kann sie ihr Herz nicht zwingen, ihr Herz, das mit abgöttischer Liebe an dem einzigen Bruder hängt. Und heute, gerade heute, am Erew Jom Kippur, am Tage der Versöhnung, der Liebe und des Verzeihens sollte sie jeden Gedanken an ihn aus ihrem Herzen bannen? War es denn möglich, dass Josua abgefallen sein sollte von seinem Gott und seinem Glauben? Nein, nein, und tausendmal nein, es ist nicht wahr, es ist gelogen, es ist ja nicht möglich! Die Erinnerung ließ ihre Seele nicht zur Ruhe kommen. Sie sah sich wieder, wie sie als Kind mit dem Bruder und der Freundin im harmlosen Kinderspiel sich vergnügte, dann wuchsen sie auf, nebeneinander und miteinander wurden sie größer, verständiger. Der Bruder war der Erste in der Schule, der Beste im Cheder. Er lernte mit Eifer, mit Begierde. — Am liebsten trieb er Musik. Wenn er seinem eigenen Geigenspiel lauschte, oder Jenny am Clavier die herrliche Musik Beethoven's hervorzauberte, versank er in Träumerei. Seine Augen blickten so sehnend, seine Züge schienen verklärt, und indem er sich die dichten Locken aus der Stirne strich, begann er zu singen: erst leise, dann die Stimme erhebend, immer lauter und lauter, jauchzend und klagend. Wenn Schlanme Beer seinen Sohn singen hörte, sagte er oft zu Fanny: „Was meinst Du mein Kind, spaß, möcht' das ein Chasen werden?" Die Mutter lächelte dann selbstvergessen. „Gott soll uns ihn lassen," murmelte sie. Im Geiste sah sie sich in der Frauenschule oben sitzen, ganz vorne an, und ihr Josua, ihr einziger geliebter Sohn, stand vor dem Omed und schon jetzt hörte sie ihr Herz klopfen bei seinen herrlichen Melodien. Josua aber sann nicht darüber nach, wie er am Freitag Abend „Lecho dodi" einst singen würde, oder „Wajhi binsaua“ am Schabbes, nein, Josuas junger Sinn hieng anderen Idealen nach Im vorigen Winter war eine herumziehende Operntrnppe im Orte gewesen, und diese hatte es ihm angethan. — Sänger werden, Sänger, das war sein einziger Gedanke. Als er vor seinem Vater etwas von den hochfliegenden Plänen verlauten ließ, schaute der Alte ihn erstaunt an: „Bist du meschugge geworden, was fällt dir ein? Künstler, Sänger werden. Komödiant? Nu ja gewiss doch, das wäre etwas für das Gespött der Leute! In Schul würde ich keine Ruhe haben, verhöhnen würde man mich, schadenfroh sein über mein ungerathenes Kind!" Schlanme hörte schon jetzt, wie Rephoel Rüben ihn augrinsend sagen würde: „Nu Schlanme, lässt du dein Jung' Komödienmacher werden?" Nein, nein, den Gedanken soll Josua nur aufgeben, daraus wird nichts! Josua aber gab den Gedanken nicht auf. Er war zwanzig Jahre alt geworden, ein schlanker, großer und schöner Junge. Anstatt die Geschäftsbücher des Vaters zu führen, studierte er Wagner oder Mozart. Da war eines Tages, nachdem der Zwiespalt zwischen Vater und Sohn immer größer und größer geworden war, das volle Maß zum Ucberlaufen gekommen. Schlanme wies seinem Kinde die Thür. „Geh' verdiene dir bei fremden Leuten dein Geld, ich habe es auch thun müssen, seh' zu, wie fremdes Brod schmeckt, wenn du es zu gut hier hast, ich will Ruhe haben. Ja, ja geh', ich Hab' es satt, mich zu kränken, ich will Frieden haben in meinem Hause!" Alles Weinen der Mutter, alles Bitten der Schwester hatte damals nichts genutzt. Finster, schweigend standen sich die beiden Männer gegenüber, ohne ein Wort weiter, ohne eine Bewegung. — „Geh' reich dem Vater die Hand und es ist wieder gut," raunte Jenny dem Bruder ins Ohr. „Bitt dem Vater ab, Josua," bat auch die Mutter. Da blitzte das schwarze Auge des Jünglings aus, trotzig warf er den Kopf in den Nacken und mit fester Stimme sagte er: „Ja Vater, du hast recht, ich fühle, dass es das Beste ist, ich werde gehen, du hast recht, ihr müsst Ruhe haben!" Denselben Abend noch hatte er seine Sachen gepackt und war abgereist, wohin, das wusste Niemand. Heute nun war Baruch Kazew von Berlin, wo er Vieh verkaufte, zurückgekehrt und erzählte in der ganzen K'hille, er hätte Josua gesehen. Elend, bleich, wie ein Vagabund sieht er aus. Am Schabbes war es, als er ihn in der Nähe der Linden getroffen, und vor seinen Augen sei er in die Pferdebahn gesprungen, der Goj." — — (Fortsetzung folgt.) Die erste Molrdurger Zuckerbäckern empfiehlt sich bestens zur Besorgung von Bäckezei f-u.x Sudes -la-aad. Hochzeiten. Besonders macht sie anf die berühmten TVikolsburg-er-Kiichelii und Jngwerbäckereien aufmerksam. Betti Fehl, Zuekerbäekerin Wien, II., Novaragasse 26. j ,J *4 4,< | K. u. k. Hof-Orgel-Fabrik | der (■ebriider Kieger! in | Jägerndorf, iisterr. Schlesien. Filiale in Budapest, VII, Garay-utcza Nr. 4B im eigenen Hause. Gediegene, billige Tempeiorgeln zu sehr entgegenkommenden Bedingungen, i Orgelkatalog kostenfrei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.