Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 3 (17.1.1899)
- Date
- 1899-01-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062976--00051-3066532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3. Die Wahrheit. L-eite 15. sind ins Auge gefasst: Hebräisch, Liturgie und Ritus; Chasonuth, cantorale, und Vortrag Recitative; Clavierspiel, resp. Orgelspiel, Harmonielehre, Stimnibilduug und Chorleitung. Auch ist für die Einführung der Candidaten in die ungarische Sprache und Litteratur Vorsorge getroffen. Für die Ausbildung sind zwei Curse zu je vier Monaten angesetzt, und soll der erste Cursus am 1. Februar 1899 beginnen. Schultaxe für einen Cursus 50 fl., Einschreibgebühr 5 fl. ö. W. Anmeldungen längstens bis 15. Januar 1899 sind zu richten an den mitgefertigten Leiter der Major'scheu Musikakademie, Budapest, VII., Akaczfa-utcza 23. Obercankor Adolf Laxarus Julius J. Major Gesangsprofessor an der Landcsrabbincrschule. Musilprofessor am isr. Lehrerseminar. Rabbiner Dr. Samuel Krauß Professor am isr. Lehrerseminar. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Bon Moritz Schrrbel. . (Nachdruck verboten.) (2. Fortsetzung.) Gabriel und der alte Glanzberg befanden sich im Studirzimmer. Letzterer hatte eben von seinem Jünger Aufklärung über den stattgehabten Auftritt verlangt, als Fremma durch eine Seitenthür eintrat. Auch aus ihrem Gesichte sprach große Verlegenheit. Das sonst so ruhig blickende Auge war durch das letzte Erlebnis unsicher geworden. „Was nun?" — fragte sie an Gabriel herantretend. Dieser sann einige Augenblicke, nach, dann sprach er: ,,Warten wir vorerst ab. Lassen wir eine kurze Zeit dahin gehen, denn wir gewinnen hierdurch zweierlei: erstens erfahren wir, ob die Verfolger nicht wieder kommen, und dann erhalten wir Zeit zur Ueberlegung, was nun zu beginnen sei." „Aber was ist denn hier eigentlich geschehen?" begann im strengen Tone der alte Glanzberg. „Ich falle von einem Erstaunen in das andere. — Wovon sprecht Ihr jetzt, und welche Bewandtnis hatte es vorhin mit dem Besuche der Polizei?" „Eins hängt mit dem Andern zusammen" erwiderte Gabriel und berichtete von Dem, tvas vorgefalle» war. Heftig erschreckt fuhr der Alte auf. „Wo habt Ihr den Nihilisten untergebracht?" rief er entsetzt ans. „Er muß mir aus dem Hause, hört Jhr's? Noch in dieser Stunde, ja in diesem Augenblicke muß er fort!" Und jede Faser an ihm zitterte, als er so sprach. „Ich habe ihn, Großvater, in Deinem Bücherraum untergebracht. Er ist ein Verfolgter!" „Er ist ein Verbrecher, welchen der waltenden Gerechtigkeit zu überliefern, unsere Pflicht ist. Wenn wir auch das unterlassen haben, so will ich doch die sträfliche Handlung nicht begehen, einem Verbrecher Zuflucht zu gewähren." - „Er ist noch jung" versuchte Gabriel seinen Schützling zu vertheidigen — „er ist noch jung und kennt sicher das Verderbliche der Richtung nicht, die er eingeschlagen hat. Uebergeben wir ihn dem Gesetze, so ist er für immer gerichtet. Anders aber, wenn wir ihm Zeit zur Rückkehr gönnen, wenn wir den Einfluß, den wir durch seine Rettung über ihn gewonnen, ausnützen und ihn vermahnen zu seiner Unterthanenpslicht zurückzukehren. Wir behalten den Flüchtling noch einige Stunden hier. Vor dem Morgengrauen muß er das Haus verlassen. Bis dahin werden wir ihn vielleicht zur Abschwörnng des Nihilismus bringen." - „Ja das wollen wir!" sagte Fremma. „Und Du, Großvater, wirst nunmehr Deinen Ausspruch zurücknehmen — zumal, wenn ich Dich darum bitte." Der Alte sah seine Enkelin verwundert an. „Du bittest darum — was veranlasst Dich dazu?" „Die bloße Menschlichkeit" — antwortete sie mit einem leisen Zittern ihrer Stimme. Gabriel hatte dies bemerkt und sein Blick wurde düster. „Wohlan denn," sprach der Alte „ich will Eure sicherlich schlecht angebrachte Verwendung gelten lassen. Aber bevor der Morgenstern leuchtet, muß er aus dem Hause sein. Die Bergung des Verbrechers ist von Eurer Seite geschehen unb alle ernsten Consequenzen, die sich für mich daraus ergebe,! können, werdet Ihr zu verantworten haben." Er wandte sich von den Beiden ab. setzte sich an den Tisch, versenkte sich in den Folianten — und seine Umgebung war für ihn tobt. Mit einem brennenden Lichte begab sich nun Fremma in Begleitung Gabriels nach dem Bücherzimmer des Großvaters, wo sie den fremden jungen Mann im Dunklen gelassen hatte, um jeder Möglichkeit einer Entdeckung vorzubeugen. Dieser hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen, doch beim Oeffnen der Thüre sprang er auf und stand hvchaufgerichtet da. In seinem erregten Gesichte war keine Spur von Entmnthigung oder Niedergeschlagenheit zu entdecken. Aus den leuchtenden Augen sprach feste Entschlossenheit und jenes erhabene Selbstvertrauen, das nur die innerste Ueberzeugung eiugebeu kann. Fremma schaute ihn mit bewundernden Blicken an. „Wir haben Sie", begann Gabriel, „für den Augenblick vor Ihren Verfolgern sichergestellt, aber so sehr auch ihre gefährliche Lage unser Mitgefühl erweckt, dürfen wir es Ihnen dennoch nicht verhehlen, dass Ihr längerer Aufenthalt für den Besitzer dieses Hauses verhängnisvoll werden kann. Binnen wenigen Stunden, bevor der Morgen anbricht, werden Sie dieses Asyl verlassen müssen." „Sie haben mich", erwiderte der Nihilist, „durch ihren großmüthigen Schutz meinen Verfolgern für den Augenblick entzogen, aber fern sei es von mir. Ihnen noch weiter ernstere Schwierigkeiten zu bereiten. Sobald Sie es an der Zeit stnden. werde ich dieses Haus verlassen und niemals aufhören, die Wohlthat zu würdigen, die Sie an einem Unbekannten geübt haben." „Aber wo werden Sie hin?" fragte Fremma in theilnahmsvollem Tone. „Wohin, mein Fräulein? Ich weiß es selbst noch nicht. Wohl habe ich hier am Ende der Stadt bei einem Verwandten eine Zuflucht, aber auch diese kann nur kurz und vorübergehend sein, denn die Polizei wird schwerlich das Wild, dem sie auf der Spur ist, aufgeben." „Sie sind ein Mitglied der geheimen Gesellschaft?" fragte Gabriel. „Jawohl, ich bin es mit Leib und Seele!" „Dürfte ich vielleicht Ihren Namen und den Namen Ihrer Vaterstadt erfahren?" „Gern vertraue ich Ihnen auch Dieses. Ich heiße Alexander Wandelotvicz, bin aus Mitau, wo ich auch das Gymnasium absolvirte, und studire jetzt Medizin in Dorpat. Hier trat ich dem Geheimbund bei und wurde als Delegirter zu der Versammlung geschickt, diegestern hier tagte, aber vonderPvlizeigesprengtwurde." „Sie sind noch jung, mein Herr, und wissen Sie auch, bass Alle, die diesem Geheimbund angehören, auf einem Vulkane stehen, dessen Krater sie früher oder später verschlingen wird?" „Ich bin mir dessen bewusst; allein der Zweck unseres Bundes ist ein so hoher und erhabener, dass ich es fürerbärmlich halte, der Gefahren wegen — und wie groß sie auch seien — einem Ziele fern zu stehen, das nach unserer Erkenntnis das höchste ist, und dem zuznstreben, einem jeden Menschen als heilige Pflicht gelten soll, der ein Vaterland hat und es glücklich sehen will." Fremma glaubte in dem jungen Manne, der so freimüthig und überzeugnngsvoll sprach, das Bild des wahrsten und edelste» Heroismus zu schauen, aber Gabriel erwiderte: „Es sind, mein Lieber, unter den jetzt obwaltenden politischen Verhältnißen, jedenfalls nur Utopien, die Sie verfolgen. Rußland wird sich die Umgestaltung seines Regierungssystems von keiner Macht der Erde abringen lassen; am allerwenigsten aber wird das einer Verbrüderung gelingen, die schon der Namen, den sie trägt, in den Augen Aller verdächtig machen muß, die noch den Glauben an Gott und eine sittliche Weltorduuug in sich bewahren." ... (Forts, folgt.)