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Die Wahrheit · 1899-01-09 · Heft 2 (9.1.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 2 (9.1.1899)
Date
1899-01-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 2. Die Wahrheit. Seite 1». Geschäften nicht spricht, kein Geld berührt, nicht fährt und schreibt, sondern auch die rituelle Bereitung ihrer Speisen, ihre gottesdienstlichen Gesänge erinnern lebhaft an den jüdischen Cult. Sie hätten nur noch einen Schritt nöthig. den die ungarischen und englischen Unitarier bereits gethan, und man könnte sie, von der Natioualilät abgesehen, als Juden gelten lasten. Die Secte hat ihren Haupisitz in Bern und Hamburg, ist in 'Amerika sehr stark vertreten, hat aber auch viele Filial-Niederlassungen in Deutschland, den Niederlanden, in Bulgarien, Rumänien und Serbien und betrachten ihre Bekenner den Sonntag als ganz gewöhnlichen Wochentag, während ihr Hauptgottesdienst, verbunden mit belehrenden Vorträgen am Freitag Abends, Samstag Morgens und Nachmittags, stattfindet. Berichtigung. Die in voriger No. unter dem Schlagworte „Troppau' veröffentlichte Notiz bedarf einer Richtigstellung, indem nicht in Troppau sondern in Jägerndorf die Orgel zum ersten Male anlässlich des Kaiserjubiläums gespielt wurde. Der Nihilist. Ein Zeitroman ans dem rassisch-jüdischen Leben Von Morih Scherbel. (Nachdruck verboten.) ~ (I. Fortsetzung.) Jndeß war er bald darauf im Stande, ruhig zu antworten: „Wenn Sie diese Thur öffnen und schließen hörten, so geschah es, um mich hier einznlassen. Das kann ich beschwören." „Das wird leichter von Dir behauptet, als von mir geglaubt" — gab der Polizist jetzt grob zurück, der nach seinen Abzeichen ein höherer Beamter fein musste. Er wandte sich dann an den alten Mann. Sobald dieser bemerkte, dass er es hier mit der Polizei zu thnn habe, riss er das Käppchen vom Kopfe, und dasselbe zwischen den Fingern drehend, schaute er mit Blicken. der Angst und Furcht auf die gestreirgen Herren der kaiserlichen Gesetzesvertretnng. Ueber den spärlichen Haarwuchs des Greises strich der kalte Nachtwind, der durch die offenstehende Thür hereinblies, und bewegte die wohlgeordneten Löckchen an seinen knöchernen Schläfen. Die kleine Gestalt schrumpfte vor Schrecken noch mehr zusammen, und die dünnen, vertrockneten Lippen halb geöffnet, nahm er demüthig die Fragen entgegen, die an ihn gerichtet wurden. „Wo ist, der junge Mann geblieben, der vor fünf Minuten Dein Haus betreten hat?" „Der Herr Chef sieht ihn hier stehen." „Dieser ist es?" „Janwhl, der ist es." „Wie heißt er, und was will er so spät noch bei Dir?" „Er heißt Gabriel Lindenberg: wir studiren zusammen den Talnlttd." . ,,So spät noch?" „Sonst kommt er früher, und ich weiß nicht, was ihn heute so lange znrückgehalten hat." Dabei blickte der Alte fragend nach Gabriel. Dieser antwortete: „Ich hatte so lange im Geschäfte meines Vaters zu thnn " „Was ist das Geschäft Deines Vaters?" fragte der Polizist. „Er ist Schlosser, hat eine Menge Arbeiten für einen Neubau geliefert und ich musste ihm die Rechnung hiefür ansziehen." Der Beamte schien unbefriedigt zu sein. Er iah die vor ihm Stehenden lange forschend an, aber ihre Blicke verriethen Wahrheit und Aufrichtigkeit. Der Verfolgte war also hier nicht eingetreten. Wo konnte er hingelangt sein? Während seine Schritte kurz vorher noch gehört wurde», war er plötzlich verschwunden. Der Mann wandte sich seinem College» zu, wechselte mit ihm einige Worte, worauf sich Beide entfernten. Hinter ihnen verschloß Gabriel alsbald die Hansthüre und trat mit dem Alten in das Studirzimmer. ..Was hat das Alles zu bedeuten?" Hub Hirsch Glanzberg an. indem er sich auf den vor dem Tische stehenden altmodischen Stuhl niederließ. G-^rirl der wüst di.- größte Offenheit zur Schau trug, war sichtbar verlegen. Seinem braven, ehrlichen Charakter, bei dem. wie es der Talmud haben will, das Innere dem Aeußeren gleicht, widerstrebte jede Verstellung. Er war der älteste Sohn und der Stolz seiner Ettern, und Baruch und Malke Lindeuberg konnten sich kein größeres Glück denken, als ihren Gabriel einst als weltberühmten Rabbiner zu sehen. Baruch Lindeuberg hatte es durch Fleiß und Geschicklichkeit zu etwas gebracht und ließ seinem Sohne nicht nur im Talmud. I sondern auch in allen weltlichen Disziplinen gediegenen Unterricht ertheilen, damit er. wie er sich anszudrücken pstegte, den ganzen Mensche» vertreten könne. Gabriel war gern darauf eingegaugen. Er verabscheute die Einseitigkeit und bestrebte sich möglichst viel allgemeine Bildung zu gewinnen. Wenn ihn die schriftlichen Arbeiten, die ihm im Geschäfte des Vaters oblagen, frei ließen, eilte er zu seinen Büchern, in denen er die liebsten Gesellschafter fand. Dem Studium des Talmud waren die Abend- und zum Theil auch die Nachtstunden gewidmet. Dann suchte er das Haus des alten Reb Hirsch Glanzberg auf, bei dem er in dieser Hinsicht noch viel lernen konnte. Freilich war sein Standpunkt ein freierer, als der seines Lehrers, der noch auf die Göttlichkeit des Talmud schwur. Allein Gabriel war rücksichtsvoll genug, sich nicht in hartnäckige Opposition mit demselben zu setzen. Er ließ ihm seine Pietät für den Talmud und beschränkte sich auf die sachliche Erörterung des Gegenstandes. Gabriel war kein Orthodoxer; aber er stand aucf) dem Zweiflerthnm fern, jenem Nihilismus auf religiösem Gebiete, der nur mit Vernunftgründen rechnet. Er blieb abwehrend stehen vor jener Ueberhebung. die sich allein die wahre Erkenntnis zuspricht, für die Ueberzengnng Anderer keinen Raum gibt und mit vornehmer Verachtung auf das Große und die Großen der Vergangenheit herabznschanen pstegt. Ihm waren diese Götzendiener der Neuzeit, diese Anbeter des eigenen Ich ein Abscheu, ein Gräuel, und eher konnte er es einem Orthodoxen hingehen lassen, seine veralteten Anschannngen zu vertheidigen. als er es ruhig hinuahm, wenn eine kaum ein halbes Jahrhundert alte Gelehrsamkeit die Errungenschaften einer tausendjährigen Erfahrung lächerlich zu machen versuchte. Körperlich war Gabriel nicht schön gestaltet. Er war ungewöhnlich hoch aufgeschossen, das Gesicht blass, die Nase stark gebogen. aber sein Auge war voll Leben und Geist. Der eigentliche Zweck seines Besuches bei Glanzberg war seit Jahren das Studium des Talmud; allein in neuerer Zeit zog ihn noch etwas Anderes hin. Die Frau des alten Herrn war vor einem Jahre gestorben, worauf die Tochter seines Sohnes Abraham, Fremma, zu ihm zog und ihm die Wirthschaft führte. Fremma Glanzberg war, wie wir bereits oben angedentet, eine vollendete weibliche Schönheit. Schlank wie eine Tanne, zeigte sie sonst auch in ihrer Erscheinung das ideale Bild der Formvollendung, wie es nur des Künstlers Hand zu zeichnen vermag. Stolz ruhte das vom üppigsten Haarwuchs umrahnite Haupt auf dem schlanken, alabasterweißeu Halse. Der helle fast durchsichtige Teint, der edle Schnitt der Naie die mandelförmig geschlitzten blauen Augen, verliehen ihr den Eindruck einer antignen klassischen Gestalt. Die geistigen Vorzüge Fremma's hielten mit denen des Körpers gleichen Schritt. Abraham Glanzberg, ihr Vater, hatte Alles daran gesetzt, seinen Kindern eine gute Erziehung angedeiheu zu lassen, und seine Bemühungen waren auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen. Der älteste seiner Söhne war ein angeschener Arzt in Gomel, ein zweiter oblag juridischen Studien und eine Tochter stndirte Geschichte in Petersburg. Dieser Familie gehörte also Fremma an, und es ist kaum zu verwundern, dass auch sie eine ungewöhnliches weibliche Bildung besaß. Sie war es. die in unserem Gabriel einen Liebesfnnken entzündete, der bisher nur stille fortglomm, aber bald durch ein Ereignis zu Hellen Flammen entfachen sollte. (Forts, fofflf)]

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