Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 667 (10.8.1937)
- Date
- 1937-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr« 667 Wien, Dienstag, 10. August 1937 « 3« Blut 5697 10« Jahrgang ^Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Wohin? Von Nuraa Torczyner (derzeit Zürich) Aus der öffentlichen Sitzung wurde eine geschlossene. Die Reden, die immer noch mehr für die Straße gesprochen sind als für eine politische Kommission, in die sich der Kongreß angeblich verwandelt hat und die nach der Stärke der Parteien nach Minuten reglementierte Redefolge wurden durch — nichts eingeleitet, auch nicht durch die erwartete Bekanntmachung der geheimen Dokumente, von denen manche glauben, daß sie nicht vorhanden oder nicht geheim sind. Auch die erwartete Schilderung der geographischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten blieb bisher aus. Ist doch im Grunde jede Entscheidung von den Tatsachen abhängig, die klarstellen sollen, ob die beiden Kriterien, von denen Weizmann sprach, wirklich vorhanden sind. Was kann durch Darlegungen geklärt werden, die viel Gefühl und innere Aufrichtigkeit für sich haben, aber des Fundaments der Tatsachen entbehren! Wie im Kongreß geht es auch in den Parteien zu. Ja- und Neinsager sind innerlich schwach. Sie warten beide auf eine Befestigung ihrer Ansichten durch Argumente, die ihnen oft noch fehlen. Aber man sieht doch voraus, daß der Kongreß schließlich der Exekutive die Vollmacht geben wird, die sie verlangt. Aber es ist fast sicher, daß es keine bedingungslose Vollmacht sein wird, weil eines sicher ist: Hat der in Aussicht gestellte Staat keine größeren Möglichkeiten zur Aufnahme einer Einwanderung als die gegebene, so ist er unannehmbar für jeden Zionisten. Ist die Möglichkeit nicht vorhanden in einem der Nebengebiete, im Negew oder in Transjordanien, Siedlungsraum in einem großen Umfang und unter dem Schutz der Mandatarmacht zu bekommen, so ist eine Kristallisation vollzogen, die wir vermeiden müssen. , Nicht minder wichtig sind die Möglichkeiten wirtschaftlicher Errichtung. Kann man darauf rechnen, daß das englische Imperium sich wirtschaftlich für die Produkte des Judenstaates öffnet, und darauf, daß die kleine Wirtschaft nicht offen bleibt für den Import aus Dumpingländern? Wie weit kann die strategische Verteidigungsmöglichkeit erweitert werden und wie soll die finanzielle Basis dieses Staatswesens aussehen, wenn Tribute verlangt werden, die weder moralisch noch materiell gerechtfertigt und jedenfalls auf die Dauer untragbar sind? Die Entwicklung eines jüdischen Staatswesens und seine Wirkung auf die Juden in der Galuth muß ebenso erwogen werden. Zionistischerseits hat man immer gewußt, daß es jüdische Widerstände sofort geben wird, wenn in irgend einer Form unsere Lösung der Judenfrage der Verwirklichung auch nur nahekommt. Die Mandatskommission und der Völkerbundrat werden kaum zu Schlüssen kommen, die uns davon befreien, in dieser Sache einen Entschluß zu fassen. Vielleicht wird uns die Mandatskommission helfen, die Basis und den Umfang des neuen Projekts, zu verbreitern, aber vor dieses Entweder — Oder bleiben wir gestellt und wir werden uns entscheiden müssen. Es ist nach der Zusammensetzung dos Kongresses klar, daß auch so manche von den Delegierten, die dor Exekutive keine Vollmachton gehen wollen, sie doch geben werden, wenn die Vollmachten beschränkte und bedingte sind. Da auch nach dem Bericht der Königlichen Kommission unser Recht feststeht und enc’ich festgelegt wurde, daß es kein Kongreßende am 15« August Weizmann Dienstag in Genf Zürich, 9. August. (Eigenber. d. „Stimme1*.) Die politische Debatte soll heute zu Ende gehen. In der gestrigen (Sonntags-) Sitzung wurde der Versuch gemacht, eine Resolittionskommission zu bilden, die für heute einen Beschlußentwurf vorbereiten sollte, Der Versuch scheiterte jedoch an dem Widerstand des Kongresses, der beschloß, eine aus 48 Mitgliedern beste, hende engere politische Kommission mit der Antragstellung zu betrauen. Es ist jedoch bereits so gut wie feststehend, daß der Kongreß mit Mehrheit der Exekutive eine bedingte Ermächtigung zur Führung der weiteren Verhandlungen mit England erteilen wird. Diesen Beschluß wird Dr. Weizmann am Dienstag in Genf der Mandatskommission notifizieren. Aus der Freitagssitzung ist noch hervorzuheben, daß der Sprecher der Judenstaatspartei, Groß mann, einen Brief verlas, aus dem hervorgeht, daß Weizmann bereitsin meritorische Verband- 1 ungen mit England ein getreten ist. Weizmann seihst hat zu dieser Mitteilung noch keine Stellung genommen. Doch verlautet, daß bezüglich der Ostjordankolonien, des Ruthenberg-Kraftwerkes, der jüdischen Vorstädte von Jerusalem und des Negew eine Bereitwilligkeit Englands zu merken ist, dagegen zeigen sich große Schwierigkeiten in Bezug auf Haifa und den Hafen. Die Frage der Umsiedlung der etwa 300.000 Araber aus dem jüdischen Gebiet gestaltet sich zu einem ungemein schwierigen Problem. Abgesehen davon, daß hier ein starker Einspruch der arabischen Führer zu überwinden wäre, ist es sehr strittig, wer diese Umsiedlung durchführen soll. Es ist kaum anzunehmen, daß die betreffenden arabischen Einwohner gutwillig ihre Stellungen räumen, da sie doch selbst mit einer Prosperität im jüdischen Gebiet rechnen und ihre Vorteile nicht hergeben wollen gegen die Aussicht, aus Patriotismus im steinigen und öden arabischen Land zu hungern. Anderseits aber rechnen viele Teile des Jischuw, insbesondere die von Smilansky geführten Farme r, die Ikarim, damit, daß an die Stelle dieser Araber, die in der Küstenebene leben, etwa 150.000 bis 200.000 Juden angesiedelt werden könnten. Die diesbezüglichen Ausführungen Soskins und Smilanskys fanden auf dem Kongreß lebhaftesten Widerspruch. Mandatseaide im Oktober? Gutem Vernehmen nach beabsichtigt die englische Regierung im Monat Oktober vor dem Völkerbund die Zurticklegung des Mandates zu proklamieren. Weizmann selbst erklärt, daß es nicht möglich sei, das Mandat „auf den Spitzen der englischen Bajonette“ auszuführen. Es wird allerdings im Kongreß an die Erklärung Ormsby Gores im Unterhaus am 4. Juli 1922 erinnert: „Es wäre eine absolute Ehrlosigkeit für unser Land, die Balfour-Deklaration zurückzunehmen. Diese Erklärung wurde nach langen Kabinettsberatungen abgegeben und ihre Zurücknahme wäre nach meiner Auffassung eine schwere Ehrlosigkeit.« Weizmanns Eröffnungsrede. Versprechen den Arabern gegenüber gab, weil dort die Administration Palästinas getadelt wird, muß die Mandatskommission unsere Forderungen unterstützen, selbst wenn sich England vom Mandat befreien will. Es sind also Möglichkeiten da, bessere Bedingungen zu bekommen, selbst wenn das Mandat abgeändert wird. So stehen wir auf dem Kongreß. Nicht nur in bezug auf unsere innere Politik, sondern auch für unseren innerjüdischen Weg und die Fortführung unserer Organisation ergeben sich eine Fülle von Problemen. Wäre das Projekt, das uns vorliegt, größer ausgefallen, es wäre nicht schwor, mit jenem Enthusiasmus den Judon eine Chance zu propagieren, wie wir sio noch nie gehabt haben. Wenn es möglich sein wird, durch den Völkerbund und durch England Sicherungen unserer Zukunftsposition zu erlangen, dann wird das jüdische Volk hoffnungsfroher in seine Zukunft sehen können. Ist die Chance, die man uns gibt, nicht so geartet, dann stehen wir vor einem schweren Kampf im Judentum für die Erhaltung unserer Organisation und die Erhaltung unseres Endziels. Die nächsten Tage werden uns mehr wissen lassen. Aber die bisherigen Verhandlungen des Kongresses lassen vermuten, daß wir einer nicht ungefährlichen Unsicherheit entgegengehen. Der Jischuw und die Galuth drängen auf eine rasche Entscheidung. Unsicherheit ist der größte Feind unserer Arbeit auf dem Wego zum wahrhaften jüdischen Staat, der kommen wird, weil er kommen muß» dich EREZ ISRAEL mit den vorzüglichen Schiffen „MARCO POLO“, „ESPERIA“ „GAIILEA“ u. „GERUSALEMME“ Monatlich 8 Abfahrten von TRIEST und GENUA. Auskünfte und Anmeldungen: JilrlfltlcnM Generalagentur, Wien, 1., Kärntnerrlnq 6 Tel. U 47-5-60 u. Reisebüros. Nun ist es derselbe Ormsby Gore, der die Zurückziehung des Mandates beantragt und sich mit allem Temperament für diese Maßregel einsetzt. Nächster Kongreß In Jerusalem Der Präsident Ussischkin teilte mit, daß der nächste Zionistenkongreß in Jerusalem tagen werde. Die Nachtsitzungen Zürich, 8. August. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die Nachtsitzung des Zionistenkongresses auf Sonntag sowie die Nachtsitzung auf Montag waren der Fortführung der politischen Debatte gewidmet. Hintereinander kamen verschiedene Vertreter von Gruppen zu Wort, die gegen den englischen T ei lungsplan von Palästina Stellung nahmen. Nach ihnen sprach der Finanzdezernent der zionistischen Exekutive, Elieser Kaplan (Jerusalem), der vom wirtschaftlichen Standpunkt aus die Vor- und Nachteile des von der englischen Regierung vorgeschlagenen Judenstaates untersuchte. Er bekannte sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen als Befürworter der vom Präsidenten Weizmann verlangten Vollmachten, mit der englischen Regierung über den von ihr gemachten Vorschlag zu verhandeln und hiebei die vom Präsidenten Weizmann aufgestellten Bedingungen zu erkämpfen. Eine Schätzung des Kräfteverhältnisses Eine einheitliche Stellungnahme zu dem Antrag Dr. Weizmanns, die Exekutive au Verhandlungen über die Schaffung eines Judenstaates zu ermächtigen, unter deT Voraussetzung, daß den Juden die Möglichkeit zu voller nationaler Entfaltung gegeben und der Umfang des jüdischen Gebietes so bemessen wird, daß dadurch ein Beitrag zur Lösung der Judenfrage geleistet werden kann, haben bisher nur dir Haschomer Hazair und die Judenstaatspartei bekanntgegeben. Die Kräfteverteilung wird in den Delegiertenkreisem folgendermaßen beurteilt: Für die Resolution werden etwa 150 bis 160 Delegierte des Arbeiterflügds, 25 bis 30 Misraohisten, 85 bis 90 Delegierte der Allgemeinen Zionisten, Gruppe A, und 20 Mitglieder der Gruppe B stimmen. Gegen den Antrag dürften neben den 25 Mitgliedern des Haschomer Hazair und den 11 Delegierten der Judenstaatspartei 50 bis 60 Vertreter der Poale Zion, ebensoviele Misrachisteu und rund 50 Delegierte der beiden Gruppen der Allgemeinen Zionisten ihre Stimme abgeben. Nach dieser Berechnung ist die Annahme der Resolution mit drei Fünfteln Mehrheit zu erwarten. Selbstverständlich kaun sich dieses Kräfteverhältnis im Laufe der Debatte nach jeder der beiden Richtungen hin verschieben. Manche Delegierte glauben, daß nur 130 bis 140 Stimmen gegen den Antrag abgegeben werden dürften. Oberster Arabischer Ausschuß nicht gegen Verständigung Genf, 6. August (JTA.) In einer an den Vorsitzenden der Permanenten Mandatskommission gerichteten schriftlichen Erklärung weist die Abordnung des Obersten Arabischen Ausschusses die vom Kolonienminister Ormsby Gore geäußerte Meinung zurück, daß die Herbeiführung* einer arabisch-jüdischen Verständigung unmöglich sei. Eine Verständigung sei ■möglich, sofern die nationalen Aspirationen der Araber von den Juden berücksichtigt werden.