Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1937-08-06 · Heft 666 (6.8.1937) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 666 (6.8.1937)
Date
1937-08-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054422--6842-3062744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

^Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 666 Wien, Freitag, 6. August 1937 39. Aw $697 10. Jahrgang RIVIERA Woflhen-Arrang. 8 Tage 8 135*- DALMATIEN-Sd,uS)."’s 42*- POLEN Sonderzu 1 Abfahrt tu 86' PAftl$a>S6nderzug (hin und zurück) S Anmeldungen! REISEBÜRO ft 6 I,, Kärntnerstr. 41 Telephon: R21-5-78 v.ORBIS Ja oder nein Zürich, 3. August. Dieser denkwürdige Kongreß ist ausschließlich von der einzigen Frage. beherrscht: Teilung Palästinas oder nicht. Eines steht schon heute fest: Der Teilungsvorschlag der Royal Commission und der englischen Regierung hat keine Aussicht vom Kongreß angenommen zu werden. Darüber sind sich die Mitglieder der Mandatskommission des Völkerbundes und Ormsby Gore, die in Genf auf die Entscheidung des Kongresses warten, im klaren. Fraglich ist es nur, was der Kongreß beschließen wird: Teilung .Palästinas unter' wesentlichen .Verbesserungen in geographischer, ökonomischer und strategischer Hinsicht — oder Ablehnung jeder Teilung. Im Augenblicke scheiden sich die Delegierten in drei Gruppen: In Neinsager, Jasager und Delegierte, die sich noch zu keinem Entschluß durchgerungen haben. Es war daher ein glücklicher Gedanke, den Teilungsplan in den Fraktionssitzungen zu diskutieren. In zwei Personen kristallisieren sich die extremen Ansichten: in Ussischkin, der gegen, und in Ben Gurion, der für die Teilung eintritt. Beide gehen von Fraktion zu Fraktion und verteidigen ihre Thesen. Die Anhänger der Teilung in den verschiedenen Gruppen rechnen damit, daß im Wege der Verhandlungen verschiedene Verbesserungen des1 Teilungsplans möglich sein werden. E s b e s t e h e, s o versichern sie, Aussicht, das neue Jerusalem und vielr leicht einen Teil des Negew zu erhalten, ebenso die Ruthenbergstation, und es sei immerhin möglich, wenn auch sehr schwer, mit Hilfe der englischen Regierung eine friedliche Transferierung jener 30Ö.00Ö Araber in benachbarte arabische Länder durchzuftifiren. Wenn das gelinge, dann bestehe die Möglichkeit, auf dem dadurch freigewordenen Boden 150.000 jüdische Familien landwirtschaftlich anzusiedeln. Im ganzen würde der Judenstaat zwei Millionen Juden aufnehmen können. Die Entwicklung sei damit nicht abgeschlossen, und es werde einmal der Tag kommen, wo Erez Israel in seinen historischen Grenzen der Judenstaat sein werde. Die Neinsager weisen darauf hin, daß der uns angebotene Judenstaat strategisch und ökonomisch England auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein und nicht lebensfähig sein werde. In viel schwierigeren und aussichtsloseren Situationen habe das jüdische Volk nicht einen Buchstaben seiner Rechte auf das Land der Väter preisgegeben, und es sei ein schwerer Fehler gewesen, den Teilungsplan, der uns vier Fünftel des Landes raubt, überhaupt zu diskutieren. Noch am Tage vor der Debatte im englischen Parlament hätten die Verteidiger der Teilung erklärt, das Unterhaus werde die Vorschläge der Königlichen Kommission und der Regierung annehmen, aber das Gogenteil sei geschehen. Die Anhänger der Teilung hätten es als aussichtslos erklärt, das Der XX. Zionistenkongreß: Welzmanns Eröffnungsrede mm Jerusalem *u erhalten und ausgeh rung und dm B.odenvörkaufs, werde die Zürich, 3. August. Heilte abends wurde in der Tonhalle der XX. Zionistenkongreß eröffnet. Kurz nach 8 Uhr abends kündeten die traditionellen drei Hannmerschläge den Eintritt der Exekutive und des Aktionskomitees an. Zur feierlichen Sitzung waren ausnahmslos die rund 500 Delegierten und Virilisten, Vertreter der schweizerischen Eidgenossenschaft, der Stadt Zürich, der englischen Regierung, Mitglieder des diplomatischen Korps sowie einige tausend Gäste erschienen. i Ussischkin — Kongreßpräsident Den Vorsitz führte der Präsident des XIX. Kongresses, M. M. Ussischkin, der von der Exekutive und dem Aktionskomitee dCr Zionistischen Organisation als Präsident des XX. Kongresses, und zwar für die gesamte Kongreßperiode, gewählt wurde. Die Wahl Ussischkins zum Kongreßpräsidenten wurde von Dr. Chaim Weizmann persönlich vorgeschlagen, was im Hinblick darauf, daß Weizmann und Ussischkim in der Frage der Behandlung des Planes der Teilung Palästinas stark auseinandergehen, in zionistischen Kreisen viel beachtet worden ist. Ussischkin eröffnete den Kongreß unter außerordentlichen Spannung der Tausenden von Zuhörern mit einer kurzen Ansprache, in der er Delegierte und Gäste auf das wärmste begrüßte und auf die außerordentliche .historische Bedeutung des XX. Kongresses hinwies, der ein Jub'iläumskongreß und auch Markstein der großen geschichtlichen Epoche von 40 Jahren politischen Zionismus’ ist. Ussischkin erteilte das Wort dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaim Weizmann, der von dem gesamten Kongreß stürmisch akklamiert wurde. Er hielt sodann die große Eröffnungsrede, in der er die Lage des jüdischen Volkes darstellte und dann auf die Palästinaregierung und die Anträge der Kommission zu sprechen kam. Seinen Nachruf auf die Opfer der Unruhen hörte der Kongreß stehend an und vernahm dann in tiefer Bewegung Weizmann« „Schehechejanu“, das er der neuen Ära widmete ... Weizmann führte aus: Die zwei Jahre, die vergangen sind, seit wir uns in Luzern trafen, gehören zu den schwersten und kritischesten in der neueren jüdischen Geschichte. Schwer und kritisch für dien Jischuw in Palästina ebenso wie für die Judenheit als Ganzes. Wir versammeln uns in einer Zeit, wo die Situation des jüdischen Volkes in der ganzen Welt ohne Übertreibung tragisch genannt werden kann. Selbst in der jüdischen Geschichte, diie doch an tragischen Kapiteln reich ist, finden wir wenig Beispiele, die unserer heutigen Lage vergleichbar wären. Millionen von Juden in Mittel- und Osteuropa, die im Laufe des 19. Jahrhunderts eine gewisse bürgerliche Emanzipation erreicht hatten, haben jetzt zum Teil durch rechtliche Minderstellung ihre Bürgerschaft verloren, zum Teil sehen sie sich durch die VerwaltungspraxLs ihrer Länder und durch objektive Umstände, die zu analysieren . zu weit führen würde, außerstande, ihre volle verfassungsmäßige Gleichberechtigung zu realisieren. Millionen Juden haben Semen Lebensunterhalt und immer weniger wirtschaftliche Existenzmögliehkeit, obwohl sie bereit: sind, hart zu arbeiten' und sich mit wenigem zu begnügen. Die Lebensverhältnisse zehntausender Juden - in vielen Ländern Zentral- und Osteuropas Zusicherungen Mussolinis Rom, 4. August. (Privat.) Dieser Tage hat Mussolini, wie schon berichtet, den Großrabbiner von Rom in Audienz empfangen und ihm bedeutsame Erklärungen abgegeben. Mussolini hat darin nicht nur verschiedene antisemitische Entgleisungen verurteilt, sondern darüber hinaus dem Großrabbiner auch verschiedene Zusicherungen gegeben, so daß die italienischen Juden offiziell auf dem Züricher Zionistenkongreß vertreten sein können, ferner daß auf der Internationalen Messe in Bari der heuer zum ersten Male errichtete palästinensische Pavillon unter offizieller italienischer Beteiligung eröffnet werden wird. Der Radiosender von Bari, der schon bisher in griechischer und arabischer Sprache sandte, wird von nun an auch Sendungen ln hebräischer Sprache veranstalten. Nach einer, Meldung des „Paris Soir" hat Mussolini in dem bekannten Brief an den englischen Ministerpräsidenten sich bereit erklärt, der antlenglischen Kampagne in Palästina ein Ende zu machen. rechnet der Erzbischof von Canterbury habe verlangt, daß das neue Jerusalem zum Judenstaat gehören und nur die historische Altstadt unter englischem Mandat verbleiben solle. Die Neinsager verweisen daher darauf, daß unsere christlichen Freunde energischer für die zionistischen Forderungen eintreten als viele Zionisten, denen der Mut abhanden gekommen sei. Darüber hinaus meinen die Neinsager, daß weder im englischen Parlament, noch in der Mandatskommisison Begeisterung für die Teilung Palästinas herrsche. Werde der Kongreß ein entschiedenes Nein sagen, dann sei der Teilungsplan erledigt. Die Situation werde dann die sein, daß der Judenstaat nicht mehr aus der internationalen Diskussion verschwinden werde, weil England selbst ihn als das Endziel der zionistischen Bewegung und als notwendig hingestellt habe. Ungeachtet der im Bericht der Königlichen Kommission für den Fall der Ablehnung des Teilungsplanes vorgesehenen Maßnahmen, wie Beschränkung der Einwande- Möglichkeit bestehen, weiter zu arbeiten und den wahren Judenstaat durchzusetzen. Zwischen diesen Extremen der Nein- und der Jasager gibt es zahllose Nüancierungen in den Auffassungen der Delegierten. Heute abends wird der Kongreß feierlich eröffnet werden. Morgen, Mittwoch, wird Weizmann sein politisches Referat halten, ohne seinen Standpunkt in der Teilungsfrage zu präzisieren. Naoh ihm wird Ussischkin, der zum Präsidenten des Kongresses gewählt werden wird, seinen Standpunkt vertreten. Dann wird sich der Kongreß als politische Kommission konstituieren, hinter verschlossenen Türen dip Meinung Weizmanns und der Exekutive hören, die Debatte durchführen und in einer späteren öffentlichen Sitzung über die bis dahin vorliegenden Resolutionen nochmals debattieren und abstimmen. Einstweilen wartet in Genf die Mandatskommission. Die Exekutive möchte daher gerne die Debatte und Beschlußfassung bis Samstag erledigt wissen, damit die Mandat-8kftTPTniaKV>^ di< nun EREZ ISRAEL mit den vorzüglichen Schiffen „MARCO POLO“, „ESPE8BA', „GAIILEA“ u. „GE8USALEMME“ Monatlich 8 Abfahrten von TRIEST und GENUA. Auskünfte und Anmeldungen: JtfrmtictT Generalagentur, Wien, I., Kärntnerring 6 Tel. U 47-5-60 u. Reisebüros. spotten jeder Beschreibung. Aber nicht nur die äußeren Lebenßmöglichkeiten schrumpfen zusammen, der Jude wird auch in seiner Ehre bedroht, die uns ebenso heilig ist wie irgend einem anderen Volke. Der einzelne Jude, der diesen Angriffen gegenübersteht, ißt wehrloß und machtlos. Aber er soll wissen, und von dieser Tribüne, auf die die Blicke aller Juden an diesem Abend gerichtet sind, soll er hören, daß die Gesamtheit des jüdischen Volkes nicht gleichgültig ist gegenüber seinem Schicksal, und daß wir hier sind, um die Bedingungen seines Lebens zu ändern, indem wir dem jüdischen Volke, und damit potentiell auch jedem einzelnen Juden, eine Lebensgrundlage und einen neuen Status schaffen, durch den er in der menschlichen Gesellschaft als gleichberechtigt in einem höreren Sinne als bisher bestehen kann. Hoher Kongreß: Schon z-ur Zeit der Kongresse von Prag und Luzern mußten wir uns mit; neuen Erscheinungsformen des Antisemitismus beschäftigen, und seit dieser Zeit hat nicht nur keine Verminderung ihres Umfanges stattgefunden, sondern sie haben noch mehr um sich gegriffen. Wir wollen hier nicht auf Einzelheiten eingehen und auch nicht Dinge besprechen, die aller Welt, bekannt sind. Wir Zionisten‘ stimmen keine Klagelieder an, wir suchen einen konstruktiven Weg aus dem Engpaß der Judenfrage. Das eine können wir sagen: Niemals hat sich die Wahrheit der wesentlichen zionistischen Thesen so klar und so bitter erwiesen wie im Laufe der. letzten vier oder fünf Jahre. Die Judenfrage ist heute anerkanntermaßen eine der brennendsten internationalen Fragen; wir haben gerade in den letzten Tagen bei Erörterungen, die uns auf diesem Kongreß noch in anderem Zusammenhänge beschäftigen werden, deutlich erfahren, daß die Welt die Tragik der'Judenfrage und die Unhaltbarkeit der heutigen Verhältnisse erkannt hat; wir lesen das in dem Bericht der Königlichen Kommission, wir hörten es im englischen Parlament, und Ferienreisen nach Polen Billig > bequem / D-Zug / Platzkarten /Abreisen Jeden Sonntar Leitung: Dr. TOCKER Auskünfte und Anmeldungens „IN DIE WELT4* W. AL RENNER, Wien, IX., Liechtensteinstraße Nr. 2, Telephon A 14-5-04. (Nächst Sohottenring) lichkeit hat, bei ihrer eigenen Entschließung den Beschluß des Kongresses ins Kalkül zu ziehen. Das ist die historische und einzigartige Situation des Kongresses. Gerade, weil es der Herzl-Jubiläumskongreß ist, muß jeder wahre Zionist hoffen, daß nichts um des „nächsten politischen Vorteils“ willen — um ein Wort Herzls zu gebrauchen — geschehen wird, was England und der Welt später einmal die Möglichkeit gibt, uns zu sagen, daß wir 1937 in Zürich verzichtet, unser Recht um ein Linsengericht verkauft haben und daß wir uns nicht beklagen sollen. Die Neinsager haben in unserer leidensvollen Geschichte immer Recht behalten, wenn sie kompromißlos gegen die Preisgabe geheiligter jüdischer Rechte und für Erez Israel kämpften. Die Delegierten des Kongreses haben keine Möglichkeit sich der Entscheidung zu entziehen. Es gibt nur ein klares Nein oder ein klares Ja, und wer nicht eindeutig nein sagt, der verzichtet auf Erez Israel und lästert Gott, wenn er weiter betet: „Erneuere unsere Tage wie ehe-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.