Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 660 (16.7.1937)
- Date
- 1937-07-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ufr. 060. — Wien, Freitag, 16. Juli 1937. Oll STIMM! $•!*• 5 BRisjoilDie Juden im neuen Spanien BBRUNN. Brnld I SAUERBRUNN, Brgld. 1 AUTOSTUNDE VON WIEN / PRIMA KÜCHE / RUHIGE LAGE / ZIMMER | VON S 2.50 AN / TELEPHON A 11-5-8 Von Dr. Israel Zwi Kanner Professor Freund — Hofrat Bei der Eröffnung der zweiten Tagung der österreichischen Röntgenologen würdigte Bundesminister R e e c h in einer längeren Ansprache die unvergänglichen Verdienste deg Pioniers der Röntgenheilkunde, Professor Dr. Leopold Freund, der vor mehr als vierzig Jahren die Röntgentherapie begründet hat. Der Minister teilte mit, daß der Bundespräsident in Anerkennung der Fonschertätigkeit lind unermüdlichen Arbeit Freunds auf dem Gebiete der Röntgenheilkunde diesem den Titel eines Hofrates verliehen habe, und sprach die Hoffnung aus, daß es dom Gelehrten noch lange vergönnt sein möge, im Dienste der leidenden Menschheit erfolgreich zu wirken. An der Tagung der Röntgenologen nimmt eine Reihe jüdischer Gelehrter teil, unter ihnen Primarius Borak, Prof. S g a 1 i z e r, Dr. Koppstein, Dozent F1 e i s? h n e r, Dr. Krautfuche, Prof. Schwarz und Dr. Presser aus Wien, ferner Professor Herrnhauser aus Prag, Dr. Herzig aus Mährisch-Ostrau und Dr. B1 ü h b a u m aus Krakau. In der vergangenen (1.) Fortsetzung (22. Juni d. J.) war von Barcelona die Rede. Hofgastein früher Westend, jetzt Gaststätte A il d C f k a 3 Minuten vom Kurhaus 1 Streng rituell u. A. d. Schlffsdiul Wien, la Wiener Küche, günstige Pensionsarrangements in Zimmern und Thermalbädern mit jedem Komfort, fließendes Wasser usw. Mäßige Preise. Gefl. Anfragen an Georg Wolff, Haus Anderka, Hofgastein Der Zionismus in Italien Das in Mailand erscheinende zionistische Organ „Israel“ antwortet scharf auf die antizionistischen Artikel in einigen faschistischen Zeitungen. Das Blatt erinnert daran, daß die Zionistische Organisation vor vierzig Jahren gegründet wurde, als Palästina der Türkei gehörte. Es sei daher falsch, die Behauptung aufzustellen, daß der Zionismus geschaffen wurde, um in Palästina dem britischen Imperialismus zu dienen. Die Zionistische Organisation sei keine geheime Organisation und von der Regierung anerkannt. Die antizionistische Kampagne — ein Ergebnis der nationalsozialistischen Propaganda — hat übrigens /zu einer antisemitistischen Agitation in Florenz und Livorno geführt, und einige Sportklubs in Toskana boykottieren die Juden. Die Volksmassen aber sind bisher von der antisemitischen Agitation unberührt geblieben. Mit dem Jiid. Akad. Technikerverband nach Hvar (bei Spalato), 3 Wochen Aufenthalt S 168.— inkl. Fahrt, Verpflegung, Wohnung, Bad, Abgaben usw. — Abfahrt 25. Juli. — Anmeldungen bis spätestens 20. Juli d. J., Freitag, Montag, Dienstag von 13—14 Uhr; Montag und Dienstag auch 19—21 Uhr im Verbandslokal, IX., Alserstraße 26 Rückgang' der jüdischen Bevölkerung Warschaus Der seit längerer Zeit festzustellende Rückgang der jüdischen Bevölkerung Warschaus hat nach einer soeben veröffentlichten Statistik auch im Monat Mai angehalten. Die jüdische Bevölkerung von Warschau macht 30% der Gesamtbevölkerung aus. Von 662 im Mai geschlossenen Ehen waren nur 212 jüdische, also 18%. Von den 1481 Geburten entfallen ebenfalls nur 18%, nämlich 353, auf die Juden. Von den 28 totgeborenen Kindern stammten 17 von jüdischen Eltern (67%). Die Ursache ist zweifellos in der unter der jüdischen Bevölkerung herrschenden Not zu suchen. Von den Todesfällen entfielen 26% auf die Juden. Der natürliche Zuwachs betrug bei den Juden knapp 10 pro Mille gegenüber 12 pro Mille bei der niohtjüdischen Bevölkerung. „Judenwaggons“ in Polsilsch-Oberschleslen Warschau, 14. Juli. (JTA.) „Goniecj Warszawski“ berichtet aus Kattowitz, daß | die Verwaltung der Eisenbahnen in Polnisch-Oberschlesien Sonderwaggons für Juden eingestellt hat, um M i ßh a n d 1 u n g on jüdischer Passagiere, wie sie eich öfters ereigneten, zu vermeiden. Don Juden ist es verboten, andere Waggons zu benutzen. (2. Fortsetzung.) Auch ein jüdischer Kulturverein wurde gegründet. An den meisten Vörträgen nehmen die deutsch-assimilatorischen Juden keinen Anteil. Die zionistische Organisation wurde vom Staate noch nicht anerkannt, weil sich noch niemand darum recht gekümmert hat. Zum Luzerner Zioni- S'tenkongreß wurden 102 S c h e k a 1 i m verkauft und 77 Wähler gingen zur Wahl.**) Interessant ist der Friedhof. Bisher war er durch eine Mauer vom christlichen geschieden. Um jedoch die Gleichheit beider Völker zu symbolisieren, wurde die Mauer von beiden Seiten, in Stiegenform abgestuft, so daß sie bloß als Schmuck und nicht als Scheidewand dient. Bis 1927 wurden die Toten eingemauert, 6eit 1927 in der Erde eingesteint. In einer schmalen Gasse im alten Ghetto befindet eich in einer Mauer ein Stein, der fünf hebräische Worte trägt: Hekdesch d* R. Jehuida Hassardii. Darunter ist in spanischer Sprache ein Kommentar eingemeißelt: Der Priester N. N. hat diesen Stein in den Trümmern gefunden und angeordnet, beim Neubau diesen Stein wieder einzumauern. In der Altstadt ist eine Straße, die noch heute Calle de Cal (Kahal, hebräisch Tempel) benannt ist. An der Barcelonaer Universität unterrichten der jüdische Staatsrechtler Goldschmidt und am Psychoteehnischen Institut Dr. Wolf. Jüdische Studenten gibt es sehr wenige, weil Ausländer nur nach Erlangung der Staatsbürgerschaft das Doktorat erhalten. Deshalb wird man meist nur Jahren erlaubt. Die Beschneidungen versieht unentgeltlich ein jüdischer Arzt, der dieses Amt nicht aus religiösen, sondern aus hygie nischen Gründen gern auf sich genommen hat, bis ein eigener Mohel zur Stelle sein wird. — Hochzeiten werden ohne Rabbi vor genommen. Die Einrichtung des Tempels ist sephardisoh (Sessel an der Seite usw.). Die Gebete aber werde® je nach sephardiechen oder asohkenasischen Ritus abgehalten. Meist be tet ein Sepharde Schaohris und ein Asch kenase Mussaph oder umgekehrt, so daß jeder auf seine Rechnung kommt. In Madrid gibt es einen katholischen Friedhof und einen Zivilfriedhof für Protestanten, Konfessionslose, Führer der ersten Revolution usw. Von diesem Zivil fniedhof ist die j ü d i s c h e Abteilung durch eine Mauer geschieden. Es läßt sich feststellen, daß im wesentlichen die Intelligenzler nach Madrid ziehen die Industriellen nach Barcelona. Der Präsi deait der Gemeinde, Dr. Bauer, deT (durch Taufe seiner Brüder) ein Verwandter des königlichen Hauses ist-, hat ßioh bereits einen Namen sowohl unter den Juden als auch unter den Nichtjuden gemacht. Doktor Sachs bemüht sich um die Gründung einer starken zionistischen Ortsgruppe, die sich noch im Anfangsstadium befindet. Ein Frauen verein übt ein wenig Kultur und Wahltätigkeit. An der Madrider Universität lehrt der jüdische Philologe Lektor Dr. Stern. Ferner bestehen an der Madrider Universität schon lange Käthederfür HehTäisch und Talmud. Die Juden in den übrigen Städten Allerdings gibt es auch in den übrigen Städten Juden: in Valencia, Bilbao, Gilbral- Weltereignisse, XX. ZionistenkongreB in ZÜRICH Weltausstellung in PARIS, Autocar-Oesellsdiaftsrelse Wien—Zürich—Wien S 78 — (inkl. Stadtrundfahrt, Versicherung und Kongreßlegitimation) Wien—Zürich-Paris—Wien S 138.- Anmeldungen: Reisebüro Capri, I., Franz-Josefs-Kai 7/9, Tel. R 27-4-44, und beim Zionistenverband, II., Prateistr. 30, Tel. R 45-1-60 U (tagl. von 16—19 Uhr) Juden a u ß Marokko den Hochschulen antreffen. als Schüler an Die jüdische Gemeinde Madrid Die Madrider Gemeinde wurde im Jahre 1917 gegründet und 1927 noch unter dem König anerkannt. Die geringfite Zahl von Juden, die angegeben wird, ist 800, die höchste 2000. In der Gemeindestube haben «ich nur 60 Familien gemeldet. Das jüdische Gemeindehaus befindet sich in der Calle del Principe Nr. 3, in der Nähe des Zentrums, der Puerta des Sol. Es besteht aus mehreren Räumen, einem Bibliotliekszimmer, einem Sekretärzimmer, einer Frauenschuh und der eigentlichen Synagoge. Die Synagoge führt den Namen Midrasch Abarbanel (nicht Befch Hamidrasch“). Von den an der Wand hängenden Gegenständen sind horvorzuheben: Zwei Zeremonialbilder aus den Jahren 1724/25 und zwei Eintragungsdiplome ins Goldene Buch: 1. Max Nord au, der zur Madrider Gemeinde gehörte. (Mit Ausbruch des Weltkrieges war er als ungarischer Staatsangehöriger genötigt, Frankreich zu verlassen, um einige Jahre des Exils in Madrid zuzubringen; dort wurde er auch von Weizraann aufgesucht, der zu ihm kam, um sich mit ihm wegen der Balfour-Dekiaration zu beraten.) 2. Der Nichtjude Prof. Angel P u 1 i d o Fernandez, der hier die ernte prosemitißche Rede hielt. Ferner fallen zwei Photographien auf, auf denen man eine Bamniawahfeier unter Teilnahme Nordaus sieht. Der Thoraschrein birgt eine Thora, die au&gegraben wurde. Schmutz und Erdfleckeu zeugen davon. Sie dürfte aus der Zeit der Inquisition stammen. Die Gemoindofunktionäro sind ein Schächter, der zugleich Sekretär ißt/und ein Portier (Spaniole aus Griechenland). Das Schächten wurde in Madrid schon vor zwei **) Im Juni 1936 wurde der Präsident der zionistischen Organisation Spaniens und der Madrider Jüdischen Gcmeindo Ignacio Bauer- Landauer als Delegierter zum Jüdischen Weltkongreß nach Spanien entsendet. tar, Mallorca, Reuß (bei Barcelona), Sevilla, Grandia, Alicante (beide in Südßpanien), Murcia (in der Provinz Cartagena), Toledo (der Schriftsteller M. J. Oahn), Algeciras (bei Gibraltar), doch nirgends ü'beT zwanzig Familien; aber der größte Teil von ihnen hat gar keine Verbindung mit dem Judentum und viele wollen überhaupt nicht, man möge wissen, daß sie Juden sind. Ich fragte einige Juden, warum sie eich nicht zionistisch betätigen; darauf erhielt ich die Antwort, man müsse sich zunächst in Spanien einordnen; man müsse den Spaniern den Dank abstatten für die Einreiseerlaubnis und ihnen beweisen, daß man nur ein Vaterland kenne: Spanien. Solche Juden betätigen eich bei jeder Ge legenheit als Vollspanier und wissen nicht Mittel genug, um ihre hundertfünfzigprozentige Treue zu beweisen. Mischehen sind gang und gäbe. Sie liefern zusammen mit den Konfessionslosen und den Getauften dem Antisemitismus mehr Zündstoff als die Volljuden selbst. In Toledo gibt es zwei Synagogen, die ehemals in Kirchen verwandelt worden waren, jetzt aber wieder restituiert wurden und darauf warten, daß man zu ihnen zurückkdire und Thora lerne. Eine davon ist das Bethaus dos R. Schmuei Halevi. Sie befindet sich in einem Gäßchen, das auch den Namen dieses alten jüdischen Schatzmeisters trägt. Die Wände unten und oben zieren seltene Ornamente, hebräische Spriicho in hebräischen Lettern. Die zweite Synagoge ist — Santa Maria d e 11 a Bianca. Diesen Namen gaben ihr die Geistlichen, als sie sie in eine Kirche umwandelten. Aus der Kirche wurdo ein Kloster, aus dem Kloster eine Kaserne, dann ein Magazin für Soldatenuniformen, dann ein Heim für gefallene Frauen, dann — ein Pferdestall und jetzt — ein Museum. Trotz all dieser Metamorphosen ist die Synagoge, wie ihr Name La Bianca sagt, weiß geblieben. Ihro besondere Schönheit sind die vier langen, weißen, kantigen Säulenreihen im Innern, die das Dach tragen. Zur Zeit des Bürgerkrieges wurden in Saragossa sechs Juden von den Rebel¬ JUDISCHES KINDER-FERIENHEIM „A TI DM Sfuiat <Xh%Schi4nCcui^(8so m) Inhaber u. pädagog. Leiter: A. Taglicht Modernst - Rituell - Erstrangig Glänzende Erholungserfolgei - Ständige ärztliche Kontrolle! - Arztereferenzen Sekretariat: Wien, IX., SchwarzipanlerstraOe 12, Tel. A 86-3-73 len getötet, nachdem ihnen noch vorher ein Hakenkreuz mit dem Messer ins Hinterhaupt eingekratzt wurde. Unter ihnen befand sich auch der jüdische Großkaufmann Gabriel Alvarez. Schluß mit der Marannenpsychose Man ist leicht geneigt-, in jedem Spanier jüdische Züge aufzuspüren, weil eben alle Südländer ähnliche Gesichtszüge haben. Ganz besonders die Spanier, die einen jüdisch-maurischen Einschlag haben1). Junge Geistliche sehen wie Jescbiiwa-Bachurim aus. Man sagt überhaupt, daß zum Beispiel Katalonien verjudet sei und daß jeder zweite Katalonier jüdisches Blut habe. Wenn ich wissen wollte, ob ich es mit einem Spanier oder mit einem Juden zu tun habe, fragte ich stets: „Haben Sie schon ein Zertifikat?“ Stutzte er ganz unverständlich mit dem Kopf, dann war es ein Spanier, machte er aber eine traurige Miene, dann war es einer der Unsrigen. In jedem Ghetto hatte ich das Gefühl: liier .schleichen lebende Schatten jüdischer Abkömmlinge in der Gestalt aufgeklärter und freiheitsuchender Spanier. Ich war also in jenen Fehler verfallen, in den jeder Jude, der nach Spanien kommt, verfällt. Ich habe aber versucht, mich von diesem mystischen Gefühl zu befreien und der Wirklichkeit Raum zu geben. Tiefer Schauder erfaßt nämlich jeden, wenn er das Wort Maranne hört. Naiverweise wird geglaubt, daß die Mariannen noch heute geheime Juden seien und nur auf den Augenblick warten, um zum Judentum zurückzukehren. An vielen Schildern sieht man die Namen Jahne (sprich: Ghaime Chaj'im), Rafael, Cheskel, Rüben, Perez, Ezequiel usw. Wo ich eine solche Aufschrift sah, ging ich hinein, um mich zu erkundigen, ob der Betreffende Jude sei. Überall war die Antwort eine negative. Der jüdische Name ist einfach mit der Vorliebe, biblische Namen anzunehmen, zu erklären. (Fortsetzung folgt.) *) Alle Gesichter, die man hier sieht, sind jüdische Gesichter, Gesichter der Juden von einst, die man vor 400 bis 500 Jahren gewaltsam taufte. Aber die jüdischen Rassenmerkmale haben sich bis auf den heutigen Tag nicht verwischt, insbesondere nicht bei den Frauen, die bekanntlich die Rasseneigentümlichkeiten besser bewahren als die Männer. iniiiiinnimimiinniimiiiiiiniiiiKiiniinmiiiraimmiiimiiniiHimiiiiiiiimiiiniiiiiiiiiiimiiiiiiiinio Es sieht geschrieben! Wo es an Mämnern fehlt, da strebe ein Mann zu sein. (Sprüche der Väter) * Eine Gabe des Herrn ist ein schweigsames Weib. (Ben Sira 25, 14) * Wer ist ein Heldf Der sich seinen Feind zum Freunde macht. Talmud, Abot de R. Natan c 23) * Man darf als Richter weder über einen Freund nach über einen Feind ein Urteil fällen. (Talmud, Ketubot 105 b) * An das Gedeihen oder den Verfall von Schule und Synagoge knüpft sich unser Fortschritt und das Heil, oder unser Rückschritt und das Verderben. (Leopold Zunz) * Uns müssen wir reformieren, nicht die Religion. (Leopold Zunz) * Was Gott fordert, dazu gibt er auch die Kraft. (Samson Raphael Hirsch) * Jede Wissenschaft ist politisch, denn Wissenschaft ist ein zusammenhängendes Wissen vom Werden und. Fortgang eines schöpferischen Gedankens und von dem, was dieser Gedanke in der menschlichen ' Gesellschaft hervorgebracht hat. (Leopold Zunz)