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Die Stimme · 1937-05-25 · Heft 645 (25.5.1937) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 645 (25.5.1937)
Date
1937-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 645 Wien, Dienstag, 21. Mai 1937 15. Siwan 5697 10. Jahrgang JÜDISCHE ZEITUNG Deutsche Klagen Man ist in Deutschland sehr beunruhigt wegen der Vorgänge in Rumänien, wo die nationalistische Agitation für Numerus clausus sich auch schon auf das Gebiet der Privatwirtschaft erstreckt. Die rumänische Fassung des Wortes versteht sich, wie man das so nennt, positiv. Es wird ein Numerus vallachicus gefordert, der die Besetzung aller fixbesolideten Stellen zunächst der Staatsnation und dann in abgestuftem Verhältnis den „Minderheiten“ Vorbehalten soll, wobei unter „Minderheiten“ zunächst die Juden zu treffen wären, die überhaupt unter Fremdenrecht zu stellen sind. Fremdenrecht wieder ist im heute üblichen Sinn zu verstehen, wonach der Fremde, wenn er ein Jude ist, überhaupt rechtlos ist. Man kann aber den rumänischen Nationalisten nicht abstreiten, daß sie konsequent sind und das was sie unter Gedanken verstehen, zu Ende denken. Wenn schon der Jude, der seit undenklichen Zeiten im Lande lebt, ein Fremder sein soll, weshalb nicht auch der Deutsche? Der rumänische Chauvinismus hat in Deutschland gelernt und ei* hat sich für seine innere Politik aus dem deutschen Arsenal just die Totalität herausgeholt, und so geht die Strömung heute darauf hinaus, auch die deutsche Minderheit die Segnungen der braunen Heilslehre genießen zu lassen. Man ist in Deutschland sehr beunruhigt und die ganze deutsche Presse klagt beweglich über die „Bedrückung deutscher Volksgenossen“, über die „schicksalhaften Auseinandersetzungen um den Lebensraum der deutschen Volksgruppe“ und so weiter. Die Numerus clausus-Forderung ist gute deutsche Erfindung und sie stammt ursprünglich aus den deutschen Kreisen Österreichs. Die Schönerer, Wolf. Lueger haben den Grundsatz aufgestellt, daß für den Verkauf von Hosenträgern arische Abkunft und christliches Bekenntnis unumgänglich notwendige Voraussetzungen sind, und daß Juden zu dieser Tätigkeit wie zu jeder anderen, wenn überhaupt, nur nach dem Verhältnis der Bevölkerungsziffer zuzulassen sind. In dem Nationalitätenstaat der alten Monarchie haben diese Dogmen sehr rasch Verbreitung gefunden, wenngleich sie nur bei den Deutschen in den geistigen Besitz übergegangen sind. Immerhin gab es polnische, tschechische, slowenische Anbeter dieser Hosenträgerverkaufstheorie. Die Massen wurden in nur geringem Maße infiziert. Wenn der Mann aus dem Volk bei einem Juden sein Hemd billiger bekommt, so kauft er bei dem Juden, und wenn er die Überzeugung hat, daß der jüdische Arzt sein Kind gesund machen wird — und er hat die Überzeugung —, so ruft er den jüdischen Arzt. Erst die neue, anno 1933 zur Macht gelangte Staatstheorie des Dritten Reiches hat die alte deutsche Sehnsucht in organisierte Form gebracht, allerdings radikaler: sie expropriiert den Juden durch Steuern, Vermögenskonfiskationen und andere Torturen und will ihrh überhaupt das Brot nehmen. Diese Lehre ist über die Grenzen gedrungen, und sie schafft sich im Zuge der Erneuerung der ganzen Welt, die sich angeblich heute vollzieht, überall Geltung, wo deutsches Wesen voranleuchtet. In Österreich geht das ganz normal vor sich. Die Staatsführung hält an der Verfassung fest, die Politiker nehmen sich aus den deutschen Rezepten den Numerus clausus heraus. Es ist so das Kantscho Ding an sich, die Kunst für dio Kunst. Daß der jüdische Arzt schlechter, dev jüdische Kaufmann teurer wäre, wird überhaupt nicht in Frage gestellt. Er ist vorhanden — und darum soll er verhungern. In Polen, in Rumänien verfolgt man das gleiche Ziel, nur etwas brutaler, etwas nationalsozialistischer. Es ist nun Tatsache geworden, daß die nationalsozialistische Theorie und Praxis das mißliche hat, daß sie sich auch gegen die deutschen Minderheiten auswirkt, ja, daß dies um so schärfer sich ausdrückt, je freundschaftlicher die betreffenden Mehrheitsvölker zu Berlin stehen, und es ist eine für alle Arier peinliche Erscheinung, daß sich gerade in Polen und in Rumänien die von Berlin bezahlten Schubiake, die chauvinistischen Geldverdiener, die Marodeure des Rassenwahnsinns schließlich, wenn sie die Juden genügend gequält haben, an die Deutschen erinnern. Bei den Deutschen wiederum toben heftige Kämpfe zwischen den alten Verbänden und den aus Berlin eingedrungenen Aposteln des Nationalsozialismus und so ist die innere Kraft der deutschen Minderheiten zerbrochen worden. Der Nationalsozialismus ist vor allem die Absage an die Demokratie, die ja eine jüdische Erfindung ist. Aber wo der Nationalsozialismus auf Nationalsozialismus stößt, überall wo seine Doktrinen sinn- und landgemäß in Erfüllung gehen, dort erinnert er sich an die Demokratie. Die Deutschen Polens, die Deutschen Südwestafrikas rufen den Völkerbund an, beklagen sich über die Verletzung des Minderheitenschutzes, ja des Mandates, und in Rumänien, wo die Cuzisten und Codreaner doch nur die deutschen Programme abgeschrieben haben, hat die „schicksalhafte Auseinandersetzung“ begonnen. Judenmörder aller Staaten fallen übereinander her ... Man ist in Deutschland sehr beunruhigt. Ben Zwi: Die Entschlossenheit des Jischuw Herr Ben Zwi, der Vorsitzende des Waad Leumi, des jüdischen Nationalrates in Palästina, hat, wie berichtet, an den Krö- | nungsfeierlichkeiten in London teilgenommen. Bei einem zu seinen Ehren veranstalteten Empfang im Londoner Anglo Paleetine-Club hielt Ben Zwi eine Ansprache, in der er u. a. sagte, die Bekanntgabe der katastrophalen Einechränkung der Zahl der Zertifikate habe den Jischuw in dem Augenblick getroffen, als er sich für die Feier des großen Ereignisses des Britischen Reiches vorbereitete, der Krönung des Königspaares. Der Jischuw habe die von ihm während der Ereignisse der letzten Jahre geübte Zurückhaltung damit weiter gewahrt, daß er trotz der Ankündigung der kleinen Sohedule nicht auf die ihm gebotene große Gelegenheit verzichtete, angesichts eines historischen Ereignisses seine Loyalität zu bekunden. Nicht nur für sich selbst hatte und habe der Jischuw die Verantwortung zu tragen- Wichtiger sei es ihm, die Möglichkeit der Einwanderung für jene jüdisohen Massen zu sichern, die noch nicht in Palästina leben, um derentwillen aber die Balfour-Deklaration erlassen wurde und um derentwillen England das Mandat übernommen habe; um dieser jüdischen Massen willen nehme der Jischuw alle die Leiden auf sich. Würde es sich lim eine Angelegenheit des Jischuw allein handeln, dann könnte leicht die Möglichkeit eines Ausgleichs gefunden werden. Aber der Jischuw fühle sich nur als' Vorposten derjenigen,, die später kommen sollen. Heute bestehe die Gefahr, daß die Tore Palästinas halb oder ganz geschlossen werden. Wir werden uns aber niemals mit einer Lösung versöhnen, die die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Möglichkeiten für den Aufbau der jüdischen Nation in Palästina verringert. Wir warten auf die Ergebnisse der Untersuchung der Königlichen Kommission. Dann erst werden wir wissen, was geplant ist. Wir müssen aber entschlossen sein, den Willen des Jischuw zum Ausdruck zu bringen, der auch der Wille des ganzen jüdischen Volkes ist: daß nichts getan werden soll, was'die Möglichkeiten jüdischer Entfaltung in Palästina einschränkt oder ihr Hindernisse in den Weg legt. Auch auf die Wehrbereitschaft der Juden Palästinas kam Ben Zwi im Verlauf seiner Ausführungen zu sprechen. Die Opfer des Jischuw im Dienste des Aufbauwerkes seien allgemein bekannt. Dagegen sei es nicht sicher, ob man in der englischen Öffentlichkeit wisse, dajj der Jischuw mit dem gleichen Eifer, mit dem er zur Arbeit bereit sei, auch zu seiner Verteidigung bereit ist. Die Juden Palästinas haben die englischen Soldaten, die zu ihrem Schutz nach Palästina gekommen sind, willkommen geheißen. Gleichzeitig aber habe ein Gefühl der Unzufriedenheit und des Neides geherrscht. Man habe gefragt: Warum hat man nicht tausende junge jüdische Palästinenser zur Erfüllung dieser Pflicht herangezogen. Jeder junge Mann und jedes junge Mädchen in Palästina habe den heißen Wunsch, sich selbst zur Wehr zu setzen und die Möglichkeit zu erhalten, dies offen zu tun. MAlZ-u. FEIGENKAFFEE yfoUtffL!! I* j-Wf Für die jüdische Minderheit in Oberschlesien Genf, 23. Mai. (JTA.) Der Exekutivausschuß des Jüdischen Weltkongresses ließ den Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Japans sowie dem Generalsekreta.riat des Völkerbundes ein Memorandum über die deutsch-polnische Konvention vom 15. Mai 1922 betreffend die Stellung der Minderheiten in Oberechlosien zugehen. Der Exekutivausschuß macht die Regierungen, die eich das I n t e r v e n t i o n s r o c h t bei der Aue- Übung der von Deutschland und Polen übernommenen Verpflichtungen Vorbehalten haben, darauf aufmerksam, daß dio die Rechte der Minderheiten garantierenden Bestimmungen und die Ausübung ihrer Rechte mit Hilfe der internationalen Kontrollorgane aan 15. Juli 1937 abläuft. Der Exekutivausschuß ent" cht, die beiden Vertragspartner zur Verlängerung des Minderheitenßchutzvertrages aufzufordern oder ausdrücklich dio „erworbenen Rechte“, betreffend freie Ausübung einiger Berufe, und das Privateigentum, anzuerkennen. Der Ausschuß beantragt ferner, daß die internationalen Organe ihre Funktionen beibehalten, und daß für den Fall von Meinungsverschiedenheiten über die Rechtslage d e r I n t e r n a t i o n a 1 e G e r i c h t shof im Haag sein Konsultativgutachten abgebo. In dem Memorandum wird schließlich vorgeschlagen, daß, falls eine befriedigende Regelung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen sollte, ein Übergangszustand geschaffen worde, der die Lösung der A us wand er u ngsfrag e der Minderheiten und eine entsprechende Liquidierung ihres Eigentums ermöglichen würde. Mit dem Schekel gegen die Mandatspraxis Die zionistische Exekutive hatte hei der Palästina-Regierung die Ausstellung von 11.250 Arbelterzertlflkaten für ein halbes Jahr angesprochen. Die Regierung hat nur für vier Monate (1. April bis 31. Juli) eine Quote von 770 Zertifikaten bewilligt, von denen 150 von ihr selbst zurückgehalten und 400 für deutsche Einwanderer reserviert werden. Der Exekutive verbleiben somit insgesamt 220 Zertifikate. Die Ziffer von 11.250 war nach einer sorgfältigen Erhebung des Arbeitsbedarfes errechnet worden, wobei Vertreter der Regierung mitgewirkt hatten. Es sind demnach 11.000 Zertifikate nicht bewilligt worden und dieser Unterschied zwischen Anforderung und Genehmigung, diese 2 Prozent bezeichnen das Interesse, das die Palästina-Regierung an der Durchführung des Mandates nimmt. Es ist nicht, wie zuerst gesagt wurde, eine Verhöhnung, sondern ein offenkundig feindseliger Akt, der in einer Zeit erfolgt, in der das ganze jüdische Volk durch die angeblichen oder tatsächlichen Pläne der Untersuchungskommission in Sorge versetzt ist und in der in Palästina wieder offen antienglische Propaganda betrieben wird, deren äußerliche Merkmale Bilder Mussolinis und Hitlers sind, die also deutlich den inneren Sinn der Bewegung demonstrieren. Die Loyalität des jüdischen Volkes wird von England bestraft, während den arabischen Exzedenten die gouvernementale Huld im reichsten Ausmaß zuteil wird. Jede andere Regierung hätte das staatstreue und schaffende Element unterstützt und verstärkt — England gibt statt 11.000 Zertifikate ganze 220. Die Formel „unbedingte Zusammenarbeit mit der Regierung“ wird wieder schwer belastet, Alle Akte der Mandatsverwaltung laufen auf eine Zurückdrängung der Juden, auf Minderung ihres Arbeitskreises und ihrer politischen Geltung hinaus. Der Plan des gesetzgebenden Rates, und des Schutzes des arabischen Bodenbesitzes stand am Beginn der Aera, die mit dem Briefe MacDonalds an Weizmann eingeleitet worden war. Eine Zusage nach der anderen ist nicht eingehalten, für Leben und Eigentum der Juden kein Schutz bereitgestellt worden. Der Beginn und Verlauf der blutigen Unruhen zeigte deutlich die Tendenz, die Araber zu schonen und die wirklichen Anlässe, das Zusammenspiel der Terroristen mit den antienglischen Kräften, zu verschleiern. Nun kommt der abstruse Gedanke, die Frage mit dem technischen Mittel einer Teilung zu lösen, wobei der jüdische Sektor eine starke arabische Minderheit erhielte, während den Arabern die Metropole Jerusalem überantwortet bliebe. Die Streichung von 98 Prozent der jüdischen Arbeitereinwanderung ist der vorläufig letzte Streich. Er ist wieder ein Fühler. Es soll festgestellt werden, ob die Juden sich einem solchen Akt beugen. In diesem Jahre wird der Zionistenkongreß zusammentreten, die Vertretung des gesamten zionistisch eingestellten Volkes. Da die Teilungsvorschläge erst das britische Kabinett und dann den Völkerbund passieren müssen, ehe sie zur Tatsache werden können, bleibt der zionistischen Organisation genügend Zeit, ihren Willen kundzutun und vor der gesamten Öffentlichkeit die Anklage wider die englische Mandatspraxis zu formulieren. Diese Anklage wird stark und wuchtig sein, weil hinter ihr das sonnenklare Recht des jüdischen Volkes steht. Aber sie wird an Kraft und Eindringlichkeit gewinnen, wenn jeder Zionist durch' die Ausübung seines Wahlrechtes sich an der Willenskundgebung beteiligt, wenn breite Massen den Ruf des Jischuw aufnehmen und verstärken, den Ruf, der ein Appell an England ist, das sein Wort gegeben hat, und an die Vereinigten Staaten, die durch einstimmigen Beschluß ihrer Volksvertretung zum Mitgaranten der jüdischen Heimstätte geworden sind. Die Zionisten müssen dar tun, daß sie auf nichts verzichten und daß sie sich nicht von hochnäsigen Bureaukraten bagatellisieren lassen; daß ihr Werk in Palästina auf den Schultern des Volkes steht und das Volk besteht aus den Einzelnen, aus den Schekelzahlern und Kongreßwählern. Wer den Schekel nimmt und zur Wahl geht, hat Teil an der Entscheidung, an dem Protest des 17-Milflonen- Volkes gegen ein Vorgehen, das letzten Endes Hochverrat an der Kultur ist und bleibt. Erfolg des Ausflugs nach Eisenstadt Audi der zweite, von Gg. Ignatz Müller geleitete Ausflug nahm einen glänzenden Verlauf. Wir werden in der nächsten Nummer ausführlich über dio interessante Ex-i kursion berichten.

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