Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 635 (13.4.1937)
- Date
- 1937-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Dien«tag, 13. April 1337. — Nr. 63ö. OIB STIMM! Seit« 5 Dm \totk Hletsia* Unter diesem Titel und mit dem Untertitel „Siebenmal sieben Sonette zum Ruhme der Juden“ i«t ein Gedichfcband von Arnold Hahn (Prag) im Eigenverlag des Verfassers erschienen. Es ist ein aufwühlendes und zugleich ein Ruch vcvn bleibendem Wert. Hier spricht ein Dichter in einfacher und dadurch wirkungsvoller Sprache, und hier spricht ein Jude, der unsere Geschichte kennt, den Sinn unseres Leidens versteht, zornig anklagt, dabei aber klug abwägt und mit erfrischendem Optimismus in die Zukunft' blickt, Thomas Mann sagt von den Sonetten Hahns, sie seien „tief berechtigt in ihrem Pathos und oft überraschend schön in der Form“, und Max Brod nennt sie „ein makelloses Kunstwerk, ein Gewinn unseres Schrifttums, ein neuer Besitz“. Kein Wort ist hier übertrieben. Jeder Jude sohl diese Sonette lesen, sie lassen ihn die Schwere seiner jüdischen Pfliobt erkennen und geben ihm doch gleichzeitig neuen Mut. Da« ist das Buch, nach dem sich viele schon lange gesehnt haben. Wir veröffentlichen aus dem Buch nachstehend zwei Gedichte. Kennt Ihr den grausen Fluch in Gottes Namen, Im fünften Buch, den Moses mußte streuenf „Verflucht sei..so beginnt er stets von neuem Und endet stets: „Und alle sagten Amen.** Getroffen von dem Fluch wird Jakobs Samen, Folgt er nicht seinem Gott in allen Treuen. — Wir waren schwach, doch stets bereit zu Reuen, O Gott! Oh, fluche nun auch dem InfamenI Verflucht sei, wer, um eigenes Volk zu „wecken", Zum Hetzwild Juda macht zu seinen Zwecken. Und alle sagen Amen. Verflucht sei, wer, um Volkswut abzulenken, Juda entehrt, zerfleischen läßt und henken. Und alle sagen Amen. Verflucht, wer auch die anderen friedlich-zahmen Völker verhetzt. — Und alle sagen Amen. Einst, wenn der Dämon, der die Herden peinigt, Aus den verirrten Völkern ausgefahren, Und wenn die Erde von den Janitscharen Des Völkermords entsühnt ist und gereinigt, Wenn jedes Volk nicht Frieden bloß bescheinigt, Nein, Liebe! Wenn Tribunen nicht, noch Zaren Euch stacheln, — ach, da werdet Ihr gewahren, Daß Ihr zweitausend Jahre uns gesteinigt. Dann werdet Ihr oh Euer selbst erschrecken. Die Sendung Judas werdet Ihr entdecken, Die heil-ge 'Sknduh& voW~%k>^-Tlod und.Grämen,v Wie es, getreu urväterlich Getoben, Mit wunden Schultern Euch emporgehoben. — V Und Eurer Ahnen werdet Ihr Euch schämen. Eine jüdische Heldengestalt jjNoah Pandre" von Salman Schneur Der in Paris lebende Weißrusse Salm an $chneur, oder Chnöour, ist weitbekannt als hebräischer Dichter, Träger des ersten Litejafetirpreises der Universität Jerusalem. Dagegen weiß man im Westen wenig von dem Reichen Erzählerwerk, das ihm in den jiddisch Sprechenden Ländern — das sind Polen und Rußland, die Ostrandetaaten und Amerika — fiin nach Millionen zählendes Publikum geschaffen hat. Nun ist zum erstenmal einer seiner großen Romane in den westlichen Kultur- Sprachen erschienen: englisch, französisch und deutsch, während die holländische und polnische Ausgabe noch in Vorbereitung sind. „Noah Pandre“ ist ein Roman aus einer Judenstadt im zaristischen Rußland. Die deutsche Übersetzung von Grete Fischer ist in Berlin erschienen. (Brandussche Verlagsbuchhandlung.) Noah Pandre ist eine Gestalt von so großartiger Frische und Kraft, daß es gerade jetzt Erfreulich und wichtig ist, ihn kennen zu lernen. Da ist nichts von der Gedrücktheit des Ghettos. Übermütig, gutartig, derb, strotzend von Kraft ist dieser Metzgerbursche, der später überraschend Fuhrmann -wird — ein Samson mit kindlicher Seele, unbändig, ein stets bereiter Helfer der Schwachen, für die er überall elntritt mit Mut und Muskel, sei tes Mensch, oder Tier —, er rettet eine Kuh aus dem Feuer und er schützt ihren Besitzer yor den Schlägen des betrunkenen Stadtjjauptmanns und PoLtaeigewaltilgen. Natürlich kommt er ins Gefängnis und setzt sich auch dort für die schwächeren Mitgefangenen ein, die von einem brutalen Verbrecher drangsaliert werden. Dieser gliedergewaltige Pandre ist verwandt mit den herkulischen Heldengestalten aller Seiten und Völker —- mit Siegfried so gut trie mit Samson. Zur Gutmütigkeit und Muskelkraft kommt * noch ein Stück Don Quichotterie. — Ja, das Schönste an Sohneurs Buch sind die zarten Stellen. Das kindhafte Hera des Helden, dann die Schilderungen des verschneiten Waldes und des Dorfes am See. Szenen mit Tieren, der sommerliche Zauber einer Waldlichtung sind ein starkes und wertvolles Zeugnis dafür, daß der Jude dort, wo er dem Boden nahe sein darf, ein so echtes und starkes Naturgefühl hat wie jede andere Nation. Und die gesunde Sinnlichkeit in der Darstellung von Pandr&s Liebeswerben um die „lange Meri“ sind von einem Humor und einer natürlichen Frisohe, die in der modernen Literatur selten geworden sind. So ist das Wahrzeichen des Buches seine überquellende Lebensfreude und heitere Kraft. Man gewinnt sie alle lieb, den alten, frommen Fuhrmann Sender mit seiner Messingbrille wie den weisen Rabbi, den treuherzigen, blonden llneoht Michael und sogar den Säufer und Tunichtgut Simche Tureru — gerade weil sie nicht sentimental verschönert sind, sondern so gut und schlecht, ■wie das Leben selbst. Man liest das Erleben aus ihrem uns merkwürdigen Dasein mit nie ermüdender Neugier und Lust, mehr davon zu wissen, wie Juden als Bauern bestehen und in der Bedrückung unverkümmert bleiben. Ein starkes, nafcurhaftes Buch... „... aus allem Staub und Rauch und Gezischei .und aller Narrheit kommt ein guter Jud hervor, ein gesunder, ein starker Jud. Wollte Gott, alle Juden wären so wie er.“ Amen, Sela. —dt. Löst der Kommunismus die Judenfrage? (Rote Assimilation und Sowjetzionismus. Von Prof. Salomon Goldeimann, Wien 1937. Verlag Dr. Heinrich Glanz.) Die Frage, die der bekannte Leiter der Prager Jüdischen Volkshochschule zu beantworten sucht, geht nicht nur die beinah© drei Millionen Juden Rußlands an, sondern betrifft das Judentum in seiner Gesamtheit. Das Problem beinhaltet begreiflicherweise die Frage nach dem Schicksal des noch vor kurzem wertvollsten Teiles unseres Volkes, wie es auch im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen Rußland und England die jeweilige politische Situation Palästinas umfaßt und letzten Eiyjes die Weiterexistenz oder den Untergang des Judentums überhaupt einschließen könnte. Dio Frage ist demnach von einer Wichtigkeit, die gar nicht überschätzt werden kann und an Bedeutung nur dem Palüßtinaaufbau verglichen werden darf. Nichtsdestoweniger ist das Schrifttum über die Juden in Rußland überaus spärlich und die Diskussion über da« Problem lediglich auf private Kreise beschränkt, denn es fehlt au« vielen Gründen an der Kenntnis des Tatsachenmaterials. Um so wertvoller ist Goldeimanns Schrift, die , mit Benützung der geringen vorhandenen Literatur in jiddischer, russischer und deutscher Sprache die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart der russischen Judenheit daretellt, um zu dem Schluß zu kommen, daß der Kommunismus die Judenfrage nacht zu lösen vermag. Auch in Rußland vollzieht sich kein völliges Aufgehen der Juden in die Wirtschaft und in den sozialen Organismus der ndchtjüdischen Welt. Wie überall in der Diaspora-Geschichte — GoldeJraann zieht als Vergleichsobjekt das Wirtschaftsschicksal der deutschen Juden heran —, strömen wohl die Juden in solche Berufe ab, in denen gerade eine besondere Nachfrage nach Arbeitskräften herrscht, eine der Gesamtbevölkerung proportionelle Verteilung tritt jedoch auch hier nicht ein. Als nach der Machtergreifung durch den Bolschewismus die Beamten streikten oder passive Resistenz trieben, wurden sie teilweise durch Juden ersetzt, während seit dem Inkrafttreten die« ersten Fünfjahrplanes infolge des Mangels an ausgebildeten Kräften auf kommerziellem und technischem Gebiete Juden in die Intelligenz berufe hereingezogen wurden. Nach einer’ Statistik aus der Mitte des Jahres 1936 sind aber doch nur ungefähr doppelt so viel Juden in der Fabriksarbeit tätig wie vor dem Krieg und auch diese konzentriert in einzelnen Unternehmungen, wogegen es etwa eine halbe Million Beamte und Angestellte und gegen 100.000 Intellektuelle gibt. Die größte Enttäuschung aber brachte der Versuch einer Agrarisierung der Juden, da man trotz aller Experimente in der Ukraine, auf der Krim und in Birobidjan nur etwa 125.000 selbsttätige Bauern zählt.“ Eiü Umbau der jüdischen sozialökonomischen Struktur, der die Judenheit Rußlands in ein „Bauern- und Arbeiterkonglomerat“ umwandeln sollte, wie es sich der jüdische Fünfjahijgjan zum Ziele setzte, ist nacht zustande gekommen.“ w. stein. — Urteile selbst...! COFROOLI Feigenkaffee kostet das X kg Paket nur 43 Groschen! Neuerscheinungen des Beermann-Fischer Verlags Vicent Sheean: Sanfelice. Roman Neapel zu Ende de« 18. Jahrhunderts ist der Schauplatz dieses Romane. Hier wirken die beiden Hauptmächte der Epoche gegeneinander, Revolution und Legitimiemus. In die Auseinandersetzung dieser Mächte ist die erdichtete eigentliche Romanhandlung hineingestellt, die Geschichte der Liebe einer Aristokratin und eines Revolutionärs, die beide, haltlose Menschen, von den historischen Ereignissen mitgerissen werden zu tragischem Ende. Franz Körmendi: Die Sündigen. Roman Zwei Schicksalslioien sind es, die der Autor mit den spannendeten Mitteln moderner Erzährungskunst den Leser gleichzeitig verfolgen läßt; hier der Mann, der für den Tod seL ner Frau sich die Verantwortung auflädt, weu er in tiefer Gefühlsverwirrung am Tage ihres Todes in Gedanken zum Mörder an ihr ge* worden ist; dort der Halbwüchsige, den mate* rielle Not und Bedrängnis der Pubertät in Besinnungslosigkeit zum wirklichen Mörders werden lassein. Rudolf Borchardt: Vereinigung durch den Feind hindurch. Roman Mann und Frau, Angehörige der Gesell* Schaftes chicht, die durch den Umsturz 1918 Daseinsbasis und Daseinsform verloren hat, kämpfen auf getrennten Wegen um die Gewinnung eine« Lebenssinnes in der zerstörten Welt. Drehpunkt der Geschehnisse ist .die Gestalt und das tragische Schicksal eines Wirtschaftebeherrschers, in dessen Darstellung wir die dichterische Vorwegnahme wirldiher Ereignfese erkennen. Prägnanz und Objektivität der Menschengestaltung machen diesen Roman zu einem bedeutenden Werk moderner Erzählungskimst. Walther Schneider: Schopenhauer-Biographie Diese Biographie zeigt die menschliche Gestalt de« vielvergötterten und vielverlästerten Philosophen und vermittelt dem Leser auf mühelose Weise, auch die Gedankenwelt Schopenhauers, seine philosophische Leine, die erst in seinen letzten Lebensjahren sich durchsetzte, ihm später Ruhm brachte und dann der geistigen Haltung einer ganzen’ Epoche das Gepräge gegeben hat. Der Band enthält interessantes dokumentarisches Material und einige besonders eindrucksvolle Bilder Schopenhauers und seiner Angehörigen, die auch bildgeschichtlich interessant sind, da sie zum Teil aus den Anfängen der Photographie stammen. Jüdische Künstlerspiele: Dienstag Wiederholung des Festprogramms des Jubiläumsvorstellung Da viele Stammgäste keine Gelegenheit hatten, die Jubiläumsvorstellung der Jüdischen Künstlerspieie zu sehen, wird das Festprogramm mit Otto Wallburg, Trude Roth, Hilda Dulitzkaja, Erwin Engel u. a. Dienstag, den 13. April, einmalig wiederholt. Außerdem wird „Ein Chasen auf Weekend“ gespielt. Israel Juda Nussenblatt gestorben In Stryj iist 'der Vater unseres Gesianiiagsgenossen, des Heral-Fonscheais Dr. Tula Nussemblatt, Israel Juda Nussenblatt, plötzlicih gestorben. Israel Juda Naissenblatt gehörte zu den angesehenstem Juden des Ostens. Miit profundem hebräischen Wissen ausgestattet,. spielte er im jüdischen Leben seiner Stadt eine wichtige Rolle. Zusammen mit M. Stein und M. Schönfeld gründete er 1893 den Zionistischen Verein in Stryj- Später verfaßte er eine Broschüre über das Problem des Juriemstaates. Sein Ansehen wurde noch gesteigert durch seine um fassende cbaritatdve Tätigkeit und durch sein Wirken aiuf dem Gebiet der jüdischen .Erziehung und der Verbreitung jüdischen Wissens. Ihm verdankte die Tainund-Thora-, Schule in Stryj, daß sie in einem eigenen Gebäude den Rahmen für die notwendige Erweiterung ihrer Tätigkeit bekommen konnte. Nach dem Brand der Stadt im Jahre 1886 gehörte Israel Juda Nussenblatt zu denen, die den Wiedemaiufhaiu der jüdischen Gemeinschaft in die Wege leiteten. Auch die Erneuerung der großen Synagoge war sein Werk, dem er sich unter großen Opfern lange Jahre widmete. Unter Teilnahme der ganzen jüdischen Bevölkerung der Stadt wunde Israel Juida Nussenblatt am 6. April zu Grabe getragen. Das zionistische Wien drückt Dr. Tulo Nussenblatt die tiefste Anteilnahme an dem Schmerz um 'das Hinscheidem seines Vaters ans. Klara Hammer gestorben Frau Klara Hammer, die Mutter des Wiener Röntgenarztes Dr. Heinrich Hammer, ist in Kolomea gestorben. Unter allgemeiner Beteiligung der Juden ihrer Stadt wurde sie Sonntag zu Grabe%etragen. Frau Hammer, deren Familie zu den führenden jüdischen Kreisen Kolomeas gehörte, erfreute sich auch persönlich allgemein größter Beliebtheit. Ihr Tod reißt eine empfindliche Lücke in das jüdische Leben Kolomeas. Henri Levy gestorben Straßburg, 11. April. (JTA.). Im Alter von 66 Jahren staub der bekannte Straßburger jüdische Bankier Henri Levy, Ehrenpräsident der Straßburger jüdischen Gemeinde und Mitglied des; Council der Jewiish Agency for Palcstine. Kr war Offizier der Ehrenlegion. Unser Heber Vater, Großvater und Schwiegervater Israel Juda Nussenblatt gestorben Jahren, Montag Jerusalem Urenkel