Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 635 (13.4.1937)
- Date
- 1937-04-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 635 Wien« Dienstag, 13. ApHl 1937 3. IJar 5697 lo. Jahrgang 5'Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Oktroi in Palästina geplant? Jfidisches Dominion, arabisches Königtum London, 9. April. In parlamentarischen Kreisen verkutet, die Bekanntmachung der neuen Verfassung für Palästina sei gleich nacih der Publikation des Berichtes der Königlichen Kommission zu erwarten. Die Regierung werde sowohl das Parlament sowie die beiden beteiligten Nationen vor eine vollendete Tatsache stellen, indem sie die „Empfeh- „Morningpost“ meint, das neue Statut für Palästina dürfte folgende Beetimmungen enthalten: Teilung Palästinas: Ein Teil soll ein jüdisches Dominion mit Selbstverwaltung innerhalb des britischen Reiches werden; der andere Teil ein Araberstaat wie der Irak," möglicherweise unter der Herrschaft des Emir Abdulla von Transjordanien. ' Mitgliedschaft im Völkerbund und einen Sitz in Genf .für das jüdische Dominion; dies würde einen internationalen Status und völkerrechtliche Anerkennung für die Juden bedeuten. Vereinbarungen, durch die Haifa ein internationaler Hafen bleiben, -Jerusalem, Bethlehem und andere Stätten von historischer Bedeutung unter ein britisch es Mandat kommen würden, das vom Völkerbund überwacht wird. Britische Truppen sollen in Palästina bleiben; die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung innerhalb ihres Dominions .wird jedoch den Juden überlassen. ' In einem der Jüdischen Telegraphenagentur gewährten Interview erklärt Wedg w o o d: Ich erblicke in diesen angeblichen Vorschlägen einen neuen Versuch, uns unserer Verantwortung in Palästina zu entledigen. Wenn man einen Teil Palästinas zu einem britischen Dominion machen kann, dann gibt es kein Hindernis, ganz Palästina in ein Dominion umziwandein. Es sollte in Palästina ein ordentliches Kronkolonieregime geben, eine feste Hand, und die britischen Beamten sollten erkennen, daß ihnen eine gewohnte britische Aufgabe zur Durchführung übertragen wurde. Die Beamten waren gegen das Mandat, weil es 'ihnen mißfiel, und wollten beweise n, daß es undurchführbar ist. Sie gofährden sich selbst, wenn' sie zu zeigen versuchen, daß britische Herrschaft in Palästina unmöglich ist. Die geplante Teilung Palästinas wäre ein Verzicht auf die Verantwortung Großbritanniens gegenüber den arabischen Fellachen. Kundgebung desJWisrachi Tel-Aviv, 8. April. (JTA.) Die Landeskonferenz des Misrachi-Verbandos Palästinas ist am 6. April geschlossen worden. Es wurden drei Resolutionen gefaßt. In der politischen Resolution wird erklärt, Palästina gehöre dem jüdischen Volk. Es wird darauf bestanden, daß die historischen Grenzen des Landes unversehrt bleiben, und betont, daß die Juden keiner Teilung des Landes jemals zustimmen werden. In der zweiten Entschließung wird die Leitung des Misraclii ermächtigt, die gegenwärtigen Vereinbarungen mit den ülbrigon Parteien der Zionistischen Organisation auflungen“ der Kommission verwirkliche. Diese Empfehlungen enthalten die T e i- 1 u n g des Landes in einen arabischen und einen jüdischen Teil; die jüdische Provinz werde ein autonomes D o m i n i o n im Rahmen des Empire sein, während die arabischen Teile zusammen mit dem Ostjordam land ein un abh äng.ig es arabisches Königtum bilden werden. Anteiliges Eigentum des jüdischen Dominions und des arabischen Staates an Eisenbahn, Telegraph und anderen öffentlichen Einrichtungen, die sich nacht leicht teilen lassen. i „Etwas Drastisches und Nützliches“ Das offiziöse „Great Brdtadn and tbe East“ erklärt in seiner Ausgabe vom 8. April, daß solche Gerüchte mit Reserve behandelt werden sollten — milcht weil der Vorschlag unglaubhaft erscheint, sondern weil er auf Vermutungen und Kombinationen und nicht auf Tatsachen basiert. Es hat, schreibt die Zeitung, in dieser Angelegenheit kein „Leck“ gegeben, die Kommissionsmitglieder haben bewundernswerteste Verschwiegenheitgeübt. . ...... Als sicher annehmen kann man, daß die' Kgl. Kommission etwas Drastisches und etwas Nützliches empfehlen wird, und in dieser Überzeugung müssen wir uns inzwischen zufrieden geben. Unbegründete Prognosen können sicherlich nicht helfen, eine hooligeladene Atmosphäre zu entspannen. Besorgnis ist natürlich, aber Ruhe ißt unbedingt notwendig. I Diese würden statt unter einer Art britischer Herrschaft zu stehen, wieder den Effendis aaisgeliefert werden. Dies wäre eine Aufgabe der Verantwortung Englands gegenüber den christlichen Arabern, denen das Schicksal der Aasyrer im Irak bevoretehan könnte. Es wäre amch eine Aufgabe der Verantwortung für die Sicherheit der jüdischen Kolonien und jüdischen Unternehmungen in Palästina, die der Gnade der arabischen Herrscher ausgeliefert\ würden. Widerstand im Parlament Gegen die Pläne der Kgl. Kommission wind sich im englischen Parlament ernster Widerstand erheben. Sowohl die liberale wie die Arbeiter-Partei plant eine energische Aktion im Interesse der. Erhaltung der Einheit Palästinas und der Wahrung des Mandats. Die Liberalen kündigen für Mittwoch eine Interpellation iim Unterhaus an. Sie werden die Abführung einer allgemeinen Debatte über das Palästina-Problem verlangen. recht zu erhalten und 6ioh gegen jeden Versuch einer Verzettelung der gegenwärtigen zionistischen Positionen zu wenden. Schließlich wird in der dritten Resolution, die sich mit Angelegenheiten der misrachistischen Arbeiterschaft befaßt, die Schaffung eines eigenen misrachistischen Arbeitsvermittlungsamtes gefordert. „Eine Verzweiflungs- Lösung“ Jerusalem, 8. April. (JTA.) Die j ü d ische Presse Palästinas setzt dio Angriffe gegen den Vorschlag einer Aufteilung Palästinas fort. Dio „Palcstine Post“ erklärt, eine derartige Lösung wäre ein Rat der Verzweiflung. „Haarez“ nimmt in einem Leitartikel eingehend zu der Frage Stellung. Die Vorschläge, Palästina zu teilen, sind das beste Zeichen der Unfähigkeit des britischen politischen Denkens. Die britischen Staatsmänner irren, wenn sie glauben, über die gegenwärtigen Schwierigkeiten dadurch hinwegkamimen zu können, daß 6ie versuchen, den Zionismus für ein Judenstaat genanntes Spielzeug zu kaufen, das alles besitzt außer Boden. Der Zionismus sei nicht ein Symbol, sondern eine sehr ernste Sache, bei der es um die Existenz der Juden geht. Der Kantonisierungsplan profaniere die zionistischen Ideale und verletze die Ehre des ewigen Volkes. Meir Großmann an die englische Presse London, 11. April (JTA.). Der Vorsitzende der Juden« taatspartei, Meir Groß-, mann, hat stich Vertretern der Presse gegenüber folgendermaßen über die Absicht, einen Judenstaat en miniature zu schaffen, geäußert: . , Eine Teilung Palästinas würde die Hoffnungen von Millionen Juden zunichte machen. Auch Kamtonoistierung könnte das ^Araiberprobletm nicht lösen oder den Juden Frieden sichern. Man kann Palästina nicht in solcher Weite teilen, daß die Juden völlig getrennt von den Arabern leben. Die Weltju'deniheit wird einer, neuerlichen Teilung Palästinas nie zustimmen. Es ist nicht richtig, daß das Palästinaproblem so dornig und kompliziert ist, daß es nicht gelöst werden könnte. Dine bessere Verwaltung, die im Geist des Mandats handelt, ein richtiges Sicherheitssystem, eine durchgreifende Agrarreform zur Befreiung der arabds’chen Bauern aus der Gewalt der bodenbesitz enden Effendis und die Schaffung von Bodenreserven für jüdische Einwanderung, Schutz der einheimischen Industrie, ein Handelsabkommen mit dem Britischen Reich und freiwilliger Bevölkerungsaiustausch mit den Nachbarländern auf Grund von Vereinbarungen, ■das sind einige wirksame Mittel, dlie 'dazu beitragen können, daß Palästina ein wirklicher Judenstaat werde, in dem alle Bürger gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten haben werden. Palästina Ist nicht die Schweiz Die in London erscheinende Zeitung „The Crown Colonist“ schreibt über die Gerüchte betreffend die Einteilung Palästinas in Kantone: „Wir haben uns niemals mit dem Kolonisationsplan einverstanden erklärt, der von Duff, Archer Cust und anderen vertreten wird. Die Einstellung eines Landes in Kantone hat nur in der Schweiz Erfolg gehabt, wo besondere Gründe für diese Entwicklung vorhanden waren. In der Schweiz aber sind die Kantone grundsätzlich verschieden von den Vorschlägen, die irgendwo anders unter dem Namen „Kantone*4 gemacht werden. Wir können nicht einsehen, warum man in Palästina Kantone einführen will und vielleicht wird auch die Kommission unserer Ansicht sein. Das Land zu beiden Seiten des Jordans muß für die Erfüllung des Mandats und der Balfour-Deklaration in Betracht gezogen werden. Obwohl — wie man uns sagt — die Juden von Transjordanien ausgeschlossen sein sollen, so glauben wir, daß dieses Hindernis beseitigt werden kann, wenn man es energisch angeht und daß eine Lösung gefunden werden kann, welche eine Einwanderung in beide Länder ermöglicht. Das würde für Transjordanien zweifellos einen Vorteil und für Palästina eine Erleichterung der Situation bedeuten. Sitz im Völkerbund? Wedgwood über Englands Verantwortung Der jüdische Protest Die Angel mit dem Koder Es wird angekündigt, daß es in dieser Woche im englischen Unterhaus zu einer neuen großen Palästinadebatte kommen wird. Die Liberalen und die Arbeiterpartei wollen die Regierung über die vielen Gerüchte interpellieren, die von tiefgreifenden Vorschlägen der Untersucbungskommission wissen wollen. Es muß nochmals hervorgehoben werden, daß für alle diese Nachrichten bisher eine Bestätigung fehlt. Dio Kommission arbeitet noch au ihrem Bericht und es kann nicht angenommen werden, daß sie ihre Pläne der Öffentlichkeit mitteilt, noch ehe sie ihr Referat der Regierung vorgelegt hat. Die offiziöse Zeitschrift „Great Britain and East“ weist nachdrücklich auf den Charakter der Gerüchte hin. Trotzdem gibt es in dieser Angelegenheit auffällige Momente. Die gesamte große englische Presse befaßt sich mit dem Inhalt der angeblichen Vorschläge und die _ „Morning Post“, ein Organ der hohen Militärs, gibt ganz bestimmt klingende Einzelheiten in einer Form, die Beachtung erzwingt. Das Blatt wiederholt die Meldung über die Dreiteilung Palästinas und ergänzt sie durch die Angabe, daß das jüdische und das arabische Territorium in den Völkerbund eingeführt werden sollen. Es wiederholt, daß das jüdische Palästina den Dominienstatus erhalten; und völlig unabhängig gestellt werden soll. Das wäre, meint das Blatt, ein so großer Erfolg für den Zionismus, daß dagegen alle sonst vorhandenen Bedenken. zurticktreten müßten. Es ist weiters zu verzeichnen, daß aus Palästina selbst keine abgerundete klare Information vorliegt und daß die jüdische, ebenso wie die arabische Presse die Gerüchte seriös behandelt und ihren Inhalt ablehnt. Anderseits wind über Besprechungen des Oberkommdtssäns mit den Airaiberführern berichtet, bei denen aber nur Angelegenheiten des gegenwärtigen Standes zur Diskussion gestellt wurden. Es gibt, um die Vollständigkeit der Berichterstattung . einzuhalten, auch Meldungen, denen zufolge die Einführung des Gesetzgebenden Rates - durch Oktroi erfolgen soll. Dies wäre wieder ein Widerspruch gegen die Teiilhingspläne mitsamt dem Köder des Völfcerbimdsitzes. Aber es ist immerhin möglich, daß diese Gerüchte die jüdische Öffentlichkeit daran gewöhnen sollen, sich auf Legislativ Council als das kleinere Übel einzustellen. Alle diese. Nachrichten lassen außer acht» daß weder die Kommission noch England, souverän über Palästina verfügen können. Die Mandatskommission wird Ende Mai zusammentreten und den längst fälligen Bericht der Verwaltung einfordern. Es mag sein, daß die Palästina-Bureaukratie in ihrer Ratlosigkeit mit dem Gedanken spielt, das heikle Problem durch ein Husarenstück zu lösen, die für England aus militärischen und anderen Gründen wertvollen Städte Haifa und Jerusalem herauszuschneiden und den Rest mit einer ganz unmöglichen Grenzfiguration Juden und Arabern zu übergeben. Aber das Mandat ist ein Ganzes. Es bezieht sich auf Palästina und auf das jüdische Volk. Das Mandat hat den Sinn, daß im Land eine jüdische Mehrheit in geschlossener Siedlung entwickelt wird. Es ist nicht der Zwecke des Vertrages gewesen, an der Ostküste des . Mittelmeeres ein jüdischeg Dominion mit jüdisch-arabischer Bevölkerung zu schaffen oder zwei Zwerggebilde zu errichten, von denen der jüdische Sektor, also der kräftigere Teil, wirtschaftlich und politisch vollkommen ohnmächtig sein müßte und zudem seine Bestimmung nicht erfüllen könnte, einen so großen Teil des jüdischen Volkes aufzunehmen, daß eine! merkliche Entlastung der Judenfrage eintreten kann. Außerdem wird sich der Zionismus nie dazu verstehen, die jüdische Bevölkerungsmajorität in Haifa und in Jerusalem, die ohnedies durch 'die Mandatsregierung politisch niedergehalten wird, in ein Ghetto sperren zu lassen, auf das dem jüdischen Sektor kein Einfluß zusteht, weil dies eine innere Angelegenheit wäre. Es ist allerdings gut, daß durch diese vielen Gerüchte das gesamte jüdische Problem nochmals in seinem ganzen Umfang aufgerollt wird. Als es vor 40 Jahren durch den grandiosen Aufruf Herzls zum ersten Kongreß kam, erfuhr die Welt zum ersten Male,, daß das jüdische Volk seine Frage als .eine politische ansieht, die nur durch politische Mittel zwar nicht gelöst, aber der Lösung näher gebracht werden kann. Die Situation, in der wir heute stehen, beweist die Richtigkeit der Idee. Das Judentum in Palästina ist heute bereits ein Volk und seine Bedeutung läßt sich nicht mehr weg* denken. Was es wirtschaftlich erzielt hat, das hat der arabische Streik gezeigt, der die arabische .Wirtschaft fast zerstört hat, während, die jüdische im Kern intakt geblieben ist. Gegenwärtig ist der Jisehuw dazu übergegangen, sich selbst zu schützen. Die Unruhen, die wieder einem gefährlichen Grad erreicht hatten, sind eingestellt worden, nicht weil die Regierung eingeschritten