Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 623 (26.2.1937)
- Date
- 1937-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9k 5Stimme Nr. 62* JÜDISCHE ZEITUNG Wien, Freitag, 26. Februar 1937 IS* Atfar f697 SO. Jahrgang Polens Programm In Polen ist ein neues Programm der hinter der Regierung stehenden Kreise publiziert worden, das nach der solennen Art der Verkündigung als das Programm der Staatsführung gelten darf. Es soll wohl auch dort der offene Weg zum autoritären System beschritten und die Volksvertretung, die schon bisher in ihrem Kontrollrecht beeinträchtigt war, noch weiter zurückgedrängt werden. Dieses Programm ist vom Obersten Koc, einem Freund des Marschalls Rydz Smigly, verkündet worden und befaßt sich naturgemäß auch mit den Minderheiten. Auch in Polen wird natürlich ein besonderes Vorrecht der Majoritätsnation proklamiert, die mit dem Staat gleichgesetzt wird. Demgemäß anerkennt das Programm das Eigenleben jeder Minderheit bis zu der Grenze, wo es dem Staatsinteresse Abbruch tun könnte. Dies trifft insbesondere die drei Millionen Juden Das Programm verwirft antisemitische Willkürakte und Ausschreitungen, erklärt aber damit im Zusammenhang, daß das Streben der polnischen Bevölkerung nach wirtschaftlicher Selbständigkeit natürlich sei. Für einen normal Denkenden ist es unverständlich, in welcher Verbindung der wirtschaftliche' Status des Volkes mit der Situation der Juden stehen soll. Aber es ist die Doktrin der Antisemiten, daß die Juden, die man sich als ein einheitliches . Ganzes vorstellt, in einer, wie man meint, unzulässigen und ungerechtfertigten Zahl in der Wirtschaft und den freien Berufen stehen und ihren Einfluß nach Weisungen eines geheimen Zentrums üben. Wer diese Ansicht äußert, weiß genau, daß sie in. keinem Punkt zutrifft; Aber sie wird doch ausgesprochen und in die Massen getragen, um deren Phantasie zu beschäftigen und ihnen für alle Mängel, die sich aus der Zeit und aus den Krisen eines so jungen Staatswesens ergeben, einen Schuldigen vörzüstellen. Polen hat sich einen Antisemitismus sui generis geschaffen. In Polen ist die Tendenz, drei Millionen der Bevölkerung außerhalb der Gesellschaft zu drängen und sie aus dem gesamten Gefüge des wirtschaftlichen und politischen Lebens zü entfernen, mit einer stellenweise sogar die Praxis des .Dritten Reiches überbietenden Konsequenz in Durchführung begriffen. In Polen vergeht kein Tag ohne Judenmord; Plünderungen, Exzesse und Rechtsraub an den Juden sind dort eine so selbstverständliche Angelegenheit geworden, daß das öffentliche Gewissen sich schon gär nicht mehr damit befaßt. Die Reden der jüdischen Abgeordneten liefern erschütternde Darstellungen einer fast unvorstellbaren physischen und seelischen Not, aber sie finden keine Resonanz. Es gibt keinen Rechtsstand für die jüdische Bevölkerung, die schikaniert und beleidigt wird von den Vertretern einer Nation, die selbst einen jahrzehntelangen Kampf um ihre Einigung und ihr nationales Recht hat führen müssen. Und dio im Namen Polens auftretenden Männer, die man als die Verantwortlichen anspricht, haben für den Zustand der jüdischen Bevölkerung nicht einmal mehr eine kalte Ableugnung. Sie bekennen sich zu der antijüdischen Eine Million Pfund: Strafe für jüdische Loyalität London, 24. Februar. (JTA.) In der Unterbainssitz/ung vom 22. Februar erklärte Minister Ormeby-Gore, der Hauptposten des vorgelegten Ergänzungsetat® betreffe die Kosten'für die großen zusätzlichen Truppensendungen nach Palästina anläßlich der Unruhen bis zürn Oktober des vergangenen Jahres. Diese Kosten würden zum größten Teil von Palästina riiekeretattet werden. Die britische Regierung habe von den Gesa.mtk osten von 1,105.000 Pfund von Palästina 1,084.410 Pfund zurückerhalten. Der Unterschied zwischen diesen beiden Beträgen rühre daher, daß die Erhaltungskosten der Garnison in Palästina ■ und Transjordanien mit Ausnahme der Kosten für die Luftwaffe zu gleichen Teilen zwischen Palästina und Transjordanien aufgeteilt werden. 'Der Abg.. Tom Williame beantragte die Kürzung des vorgelegten Etats um >00 Pfund. Er erklärte, es sei mit Rücksicht auf die Beratungen der .Königlichen Kommiesion besser, wenn weniger in dieser Debatte gesagt werde. Die ungeheure Ausgabe von über einer Million bedeute eine schwere Last. Überschüsse, die zu Zwecken der Erziehung, der Sozialfürsorge, der Verbesse^ rang des Verkehrs und der allgemeinen Landesentwicklung ausgegoben werden sollten, sollen jetzt zur Deckung dieser Ausgaben verwendet werden. Das bedeute eine schwere Strafe für die loyale Bevölkerung des Landes, die-niemals die Hand gegen die Regierung erhoben habe und mehr oder weniger das Opfer anderer, Bevölkerungisteile sei. . Sir Perey1 Harris erklärte: Als die' Unruhen im April ausbrachen, waren die Behörden ausgiebig gewarnt worden; man möchte wünschen, daß sich die Regierung nicht abermals überrumpeln lasse. Well man fünf Monate gewartet hat, bevor man eine energische Aktion durchfübrte, war es notwendig geworden, so bedeutende Kräfte’ in las Land zu schicken. Der Redner fragte: Ist es wahr, daß die arabischen Banden,, wie man mir mitteilt, ihre Waffen,behalten durften? Ich erfahre, daß große Teile der Araber noch immer organisiert und mit Waffen und Munition versehen sind, und daß sie Zerstörung und Unruhe in dem Lande verbreiten können. Sir Percy HarTis wies darauf hin, laß noch immer Morde und Terrorakte in Palästina begangen werden . Eis heiße, daß die Möglichkeit neuer Unruhen nach der Beendigung der Orangensaison bestehe. Der Minister werde nicht genug deutlich erklären können, daß Gewalt nicht geduldet werden würde. Das jüdische Volk, sagte Sir Percy, ist nach Palästina auf Einladung der britischen Regierung und unter den Auspizien des Völkerbundes’gekommen Gewaltanwendung sei eine Tragödie in einem Lande, das den Menschen aller Religionen und Rassen das Heilige Land ist. Verschwendete Gelder Colonel Wedgwood war der Ansicht, daß die Beamten in Palästina fast ständig im Krieg mit dem Parlament lägen. Es sei ihr Widerstand gegen das Parlament, der Verwirrung stifte. Gegen diesen Etat, soweit er Palästina betreffe, habe er einzuwenden, daß das Geld verschwendet worden sei. Er wolle wissen, ob das Militär freie mgA i jfglnr f1 NACH PER NOVELLE «ANOST* Alf VON STEFAN ZWEIG MIT DER i«*® BERÜHMTEN FRANZÖSISCHEN KÜNSTLERIN GABY MORLAY GEORGES RIGAUD'CHARLVANEL REGIE-.W.TOUIUANSKY IM VEILLEIH STANDARD-EILAA OPERN I. ELITE lmillllllllllillllliMiiiiilliiiiillllliiiliiniiiiliiliiiiniiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiMiiinmiiiimiiiiiiiiiiiiiitl der dortigen Behörden gestoßen sei. Die Bevölkerung Palästinas sollte nicht für diese Ausgaben haftbar gemacht werden, denn niemand glaube, daß alle diese Soldaten nur im Zusammenhang mit den Unruhen nach Palästina geschickt worden seien. Sie hätten sich vielmehr dort mit Rücksicht auf die allgemeine Lage des Reiches befunden. (Der Kolonienminister schüttelt verneinend den Kopf.) Ormsby-Gore rechtfertigt sich Hand erhalten habe zur Niederwerfung der In seinem Schlußwort führte Kolonien- Unruhen. Welcher Meinung sei General Dill minister Ormsiby-Gore aus:, über die Verwendung der Truppen? Sei es Ich halte es für klug, mit Äußerungen richtig, daß das Militär Befehl hatte, n i eüber die Politik in Palästina zurückzuhalten, mals zu feuern, wenn es nicht vorher bis uns der Bericht der Königlichen Kombeschossen wurde? Hatte General Dill die mission vorliegt. Colonel Wedgwood scheine nötigen Vollmachten, um die Unruhen zu zu glauben, daß Truppen überflüssig 6eien, unterdrücken? Der Redner erklärte, er wenn sie nicht eine Menge Menschen töten, glaube, daß die Unruhen in viel kürzerer Die Truppen hätten aber das Ziel, um Zeit und mit viel geringeren Kosten hätten dessentwillen 6ie entsandt wurden, erreicht, unterdrückt werden können, wenn man dem Bevor die Kommission nach Palästina kam, Militär freie Hand gelassen hätte. habe es dort einen allgemeinen Araber- Der Abg. Campbell Stephen, eines streik gegeben. Jüdische Siedlungen, Transder Mitglieder der Unabhängigen Arbeiterportmittel und Eisenbahnen wurden angepartei, die vor kurzem Palästina besucht griffen. Am 12 Oktober hat all dies aufgehaben, kam aufseine Beobachtungen in Pahört, der Streik war beendet. Die Verlästina zu sprechen und stellte fest, daß er überall auf scharfe Kritik an der Haltung brechen haben zwar nicht vollkommen aufgehört, aber sie sind viel weniger geworden. Der Terror bleibt straflos Die Praxis der englischen Gerichte in Palästina - Wie berichtet, ist vor";kurzem in Verfolg: Instanz zu langer Gefängnisstrafe verurteilt einer grundsätzlichen Erklärung des Oberworden waren, vom Appellation fisten Gerichtshofes in Jerusalem eine Vergericht völlig freigesprochen Ordnung der Palästina-Regierung erschieworden. Interessant hierbei ist die Tatnein, auf Grund deren die Ausnahmegesetze Sache, daß in allen bisherigen Fällen dieser aus der Zeit der Unruhen für Verbrechen, Art die Staatsanwaltschaft von ihrem die nach dem 30. September 1936 begangen Recht, gegen die Angeklagten einen neuen worden sind, nicht in Geltung seien, ln-,Prozeß auf Grund der. gewöhnlichen GefolgedessCn sind jetzt viele arabische! setze anzustrengen, keinen Gebrauch Terroristen, die früher in der ersten gemacht hat. Die Zusammenstöße in Tiberias Recht auf Selbstwehr! Jerusalem, 24. Februar. Die Sonntags-1 m u n g s 1 Ösen arabische^ Boyausgaben der hebräischen Presse Palästinas k o 11 und die Aufreizung gegen die Juden, ‘ ~ ‘ - - . jjgj.gjtg wochenlang getrieben werden. verurteilen scharf die Haltung der Regierung anläßlich der Unruhen in Tiberias. Insbesondere wird an dem Kommunique, das die Regierung über die Vorfälle ausgegeben hat, Kritik geübt. „Dawar“, das Organ der Histadrut Haowdim, erklärt, das Regierungskommuniquö erklärt, habe die Vorfälle entstellt wiedergege-r Ich glaube daher, daß wir dafür v e r a n t-! ben. Was sich ereignet habe, sei von nicht wörtlich sind, daß es nicht dem Terror geringerer Bedeutung als die letzten Un- und den Greueln ausgeeetzt wird, zu denen ruhen im Lande. Die Regierung verberge es im vergangenen Jahre gekommen ißt. absichtlich die Wahrheit über den hem- Das Polizeigericht, das die nach dien Ausschreitungen verhafteten Juden und Araber bestraft hat, habe keinen Unterschied gemacht zwischen den Arabern, die die Angreifer waren, und den Juden, die sich verteidigten. Die Behörden seien noch immer von der Vorstellung beherrscht, daß in. der GUMMISTRUMPF: FÜR EMPFINDLICHE FACHFIRMA Bandagen-Miko asch. Taborstr. 22 Doktrin und sie haben auf die Beschwerden der Juden — wenn sie überhaupt antworten — nur das eine zu erwidern, daß eben zu viele Juden in Polen leben. Das ist eine für eine Staatsführung groteske These. Aber selbst wenn ein Körnchen Wahrheit darin läge, so wäre es noch immer keine Rechtfertigung der Bosheit und Niedrigkeit, mit der die drei Millionen Juden in Polen gequält werden. Was ist schon ein Jude!“ hat kürzlich ein Zwischenrufer im Sejm gemeint. Wichtige Mitteilung für Palästina-Touristen Bei den von Triest abuchenden Schiffen der italienischen Linieu ist auch in diesem Frühjahre wieder eine starke Nachfrage nach Palästina zu beobachten. Es ist daher wichtig, sich. rechtzeitig Plätze zu sichern. Neben deu ständigen Abfahrten —■ jeden Mittwoch — und jeden zweiten Samstag, wird auf die ermäßigten Gruppenfahrten hingewiesen, die als „P e s e a c h r e i s e“ am 16. März und als „F r tt h j a h r s i n f o r m a t i o n s r e i s e“ am 13. April gb Wien geführt werden. Gute Plätze und alle Auskünfte: Palestine Express Vertretung, Reisebüro City, Dr. t. H. Körner, Wien, I., Kohlmarkt 8, Tel. U 26-4-29 — Italienische Schiffahrtsgesellschaften, Wien, I., Kärntnerring 6, Tel. U 47-5-60. E Auch in Polen spielt die Bodenständigkeit die Dominante in dieser Symphonie des Hasses. Die Juden, hat der Oberst Mielczynski in der Budgetkommission erklärt, sind in Polen nicht einmal Gäste, sie müssen hinaus. Aber die Juden sind zu einem Teil schon zur Zeit der Piasten im Land gewesen, ein großer Teil von ihnen ist von Kasimir dem Großen in der Mitte des 14. Jahrhunderts aus dem Rheinland herbeigerufen worden, um das wirtschaftliche Leben überhaupt , erst zu organisieren. Wenn also eine Politik der Jahresringe betrieben wird, so hat sie jedenfalls in bezug auf die Juden keine historische Unterlage. Das Verhältnis der Juden wie der Minderheiten überhaupt ist im Versailler Friedensvertrag, als Polen seine Staatlichkeit erhielt, durch den Schutzvertrag vom Juni 1919 festgelegt worden. Die durch die Methoden des Dritten Reiches eingerissene Verlotterung der europäischen Dinge hat dazu geführt, daß Polen eines Tags für sich den Vertrag aufhob, aber in einem Atem erklärte, daß es selbstverständlich die Verpflichtungen für sich anerkennt. Der Völkerbund hat dies hingenommen und während Polen mit unerbittlicher Genauigkeit die nationalen Rechte seiner Minderheit in der Tschechoslowakei schützt, tritt es die jüdische Minderheit nieder, weist ihr die Türe und nimmt ihr jedes Recht. Die autoritäre Führung, zu der der Staat jetzt übergehen will, ist nur denkbar, wenn sie jeden an Gemeinschaft und Gesellschaft mitwirken läßt und seine Kraft dem Ganzen dienstbar macht. Das Bekenntnis zur Autorität bedingt dies sogar. Wenn somit das neue Programm die Willkürakte unter Straf Sanktion stellt, so muß es logischerweise weitergehen und einem Zustand ein Ende machen, der sich zu einem blutigen Skandal ausgewachsen hat.