Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 618 (9.2.1937)
- Date
- 1937-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 618 Wien, DieniUg, 8. Februar 1937 88. Sehwat §697 10. Jahrgang!Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Für den inneren Fr Die österreichische Regierung legt in der nächsten Zeit eine Anleihe von 180 Millionen Schilling auf. Sie fordert von der Bevölkerung die Mittel, um das Programm der Arbeitsbeschaffung weiterführen zu können. Die Anleihe wird dazu beitragen, die Gesamtwirtschaft des Staates zu beleben und Tausende von unfreiwillig Feiernden wieder in den Produktionsprozeß einzuschalten. Das bedeutet eine Hebung der Lebenshaltung der Bevölkerung, aber darüber hinaus die Stärkung der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Staates. Der Aufruf der Regierung wendet sich an alle, die Österreich bejahen und die in der Sicherung der Selbstbestimmung dieses Staates die beste Gewähr für den Fortschritt seiner inneren Konsolidierung erblicken. Je stärker dieses Vertrauen in die innere Festigkeit sich manifestiert, um so stärker wird auch seine äußere Position. Es ist die Sache aller, für die die Regierung wirbt, die Mittel für produktive und positive Investitionen verlangt, darunter auch für solche, die dem Fremdenverkehr dienen, die also Österreichs Geltung vor dem Ausland zu erhöhen geeignet sind. Daß Österreich bestehen bleibt, daß es Bis freier und nach jeder Richtung hin unabhängiger Staat bestehen bleibt, daß es gesundet und gedeiht, ist ein Kardinalpunkt der gesamteuropäischen Politik. Österreich ist in der glücklichen Lage, daß es an keiner der Fragen, die gegenwärtig die Welt in Atem und Sorge halten, direkt und politisch beteiligt ist. Aber die Unruhe, die von diesen Strömungen verursacht wird, drückt auf die Wirtschaft, und darum ist es eine kluge Erfassung des psychologischen Momentes, wenn die Regierung eben jetzt dokumentieren will, daß das österreichische Volk gewillt ist, für den Frieden und die Arbeit seine Spargroschen in Bewegung zu setzen. Denn es ist eine weithin sichtbare Manifestation des Bekenntnisses zu diesen Grundsäulen gesellschaftlicher Ordnung, wenn die Massen der Bevölkerung mithelfen wollen, wenigstens diesen Staat aus der Verwirrung herauszuhalten, die auf dem Kontinent eingerissen ist, und es ist eine unverkennbare Demonstration gegen die unter der Oberfläche sich entwickelnden Tendenzen, die Selbständigkeit Österreichs anzugreifen und es durch Entfesselung von Haß und Feindschaft in einen Kampf aller gegen alle zu stürzen. Diese Absichten gehen in erster Linie gegen das jüdische Element, gegen den ruhigsten und besonnensten Teil der Bevölkerung, gegen jene Schicht von Einwohnern, die an der wirtschaftlichen und geistigen Höherführung des Staates nach ihren besten Kräften mitwirkt und sich eins weiß mit allen, die dem lauten Geschrei des Marktes fernbleiben und ihre staatserhaltende Funktion in der Arbeit am Ganzen suchen und Anden. Für die Juden ist es ethische Pflicht, das Wohl des Landes zu fördern, und sie erfüllen dieses Gebot vorbehaltslos und voraussetzungslos. Es gibt Schichten in Österreichs Volk, die für die Mitarbeit am Staat Anteil an der Macht fordern, die aus der Leistung der natürlichen Pflicht einen Kuhhandel machen. Just diese Schichten sind es, die die völlige Ausschaltung des jüdischen Teiles aus Wirtschaft und Verdienst anstre^en und dieses Verlangen sogar zur Weltanschauung erhoben haben. Just diese Schichten überfluten die jüdische Bevölkerung mit einem Schlammstrom schmutzigster Lügen und Generalieden in Österreich beschuldigungen, just diese Elemente, die Österreichs Freiheit für ein Eintopfgericht herzugeben gewillt sind, verdächtigen die Juden, die Wirtschaft zu verderben und machen sie für alles Ungemach der Welt verantwortlich. Der soziale Radikalismus, der einfach aus der Magenfrage entsteht und der noch durch die Unfähigkeit der europäischen Gesellschaft vermehrt wird, die große Krise zu lösen, wird just von diesen Schichten den Juden angekreidet. Das ist die Doktrin, die in Deutschland zur Macht gelangt ist und die in den vier Jahren ihrer Herrschaft nicht ein einziges Problem geklärt hat und sich aus der Angst vor der Einsicht der Massen auf das Gebiet der uferlosen außenpolitischen Experimente geflüchtet hat. Das deutsche Chaos, der Niedergang der Wirtschafts- und Finanzkraft des 65-Millionen-Volkes soll auf die ganze Welt ausgedehnt werden und der Schrittmacher dieses Nihilismus ist der Antisemitismus, jene Strömung, die auch in Österreich vorwärtsgetragen wird von Schichten, deren Staatsfeindschaft gerichtsnotorisch geworden ist. Das sind Schichten, die in der letzten Zeit gar sehr umworben werden, obwohl ihre politische Loyalität durchaus nicht erwiesen ist. Sie haben für die Staatsführung kein anderes Programm als jenes, das Deutschland zu einem Staat des Terrors und der Konzentrationslager gemacht hat. Aber sie sind radikal antijüdisch, und dies allein scheint vielen in diesem Staat als Empfehlung zu genügen. Solche Gefahr für Staat und Volk kann nur durch soziale Gerechtigkeit, durch Festigung der Wirtschaft gebannt werden. Wenn die Anleihe gelingt, dann Ormsby-Gore: Unruhen können wirksam bekämpft werden London, 5. Februar. (JTA.). In der Unterhauseitzung vom 3. Februar fragte Colonel Wedgwood den Kolonialminister Ormsby-Gore, ob er die Überzeugung habe, daß Ruhe und Ordnung in Palästina wiederhergestellt sind und ob die im Lande befindlichen englischen Streitkräfte ausreichend seien, um einen neuen Ausbruch von Gewalttätigkeit zu verhindern. Der Minister antwortete: Wae den ersten Teil der Frage betrifft, so lenke ich die Aufmerksamkeit Mr. Wedgwoods auf die Antwort, die ich am 19. Jänner Mr. Thomas Williame gegeben habe. Ich habe ihr nichts hinzuzufügen. (Der Minister hatte damals erklärt, daß es sich bei den jüngsten Fällen von Straßenraub in Palästina nicht um poliümi/i Neuheit „llffe 0.06 mm“ Führer’» Stahlwarenfabrik, Wien IV* tische Angriffe, sondern um Tein kriminelle Erscheinungen handle). Was den zweiten Teil der Frage betrifft, so können militärische Kräfte niemals absolut sicher sein, daß sie den Ausbruch von Gewalttätigkeit verhindern können. Nach Ansicht des High Commissi oners für Palästina und der zuständigen Militärbehörden können durch die getroffenen Vorkehrungen Unruhen, falls sie wieder, ausbrechen sollten, w i r k s a m b e k ä m p f t werden. Wedgwood fragte weiter, ob der Minister nicht im Hinblick darauf, daß die Politik des „Bitte-sehr-Sagens“ gegenüber dem Mufti und des Aufopferns der Freunde Englands keinen Erfolg hatte, General Dill und den Militärbehörden Gelegenheit geben wolle, in einer der britischen Tradition und den britischen Interessen mehr entsprechenden Weise den Frieden wiederherzustellen und die Ordnung im Lande aufreobtzuerbalten. Der Minister antwortete, er könne eine so komplizierte Frage nicht ohne weiteres beantworten. Eine solche Frage müßte vorher angemeldet werden. Seit 1933: 38.500 Juden aus Deutschland nach Palästina Berlin, 7. Februar. Nach einer soeben bekannt gewordenen Zählung der Jewlsh Agency sind im Jahre 1936 insgesamt 7896 Juden aus Deutschland nach Palästina eingewandert, unter ihnen 5088 Juden deutscher, 1385 Juden polnischer und 178 Juden anderer Staatsangehörigkeit. Der Reet verteilt sich auf Personen, die aus anderen Ednwanderungslänidem nach Palästina kamen, aber früher in Deutschland gewesen sind. Die gesamte jüdische Einwanderung von Deutschland nach Palästina für die Jahre 1933 bis 1936 wird auf 38.500 geschätzt. Die Auswanderung aus Oesterreich nach Palästina Nach der amtlichen Statistik nahm Palästina im Jahre 1935 unter den Immigrationsländern für Auswanderer aus Österreich die zweite Stelle ein, indem 509 Personen nach Palästina ausgewandert sind. Im Jahre 1936 betrug die Zahl der Auswanderer 161, wodurch Palästina ah die fünfte Stelle rückte. Keine Diskussion über „Evakuierung“ Warschau, 4. Februar. (JTA.). Auf der Warschauer Konferenz der jüdischen Imigrationsgesellschaft Jeas (polischer Landesverband der Hias) wandte sich er Präsident der Jeas gegen die auf „Evauierung“ der Juden aus Polen ausgehende letze und sagte, ln Polen leben nicht „zu viel“ uden, sondern soviele, wie es das Schicksal esthnmt. Wir sind hier nicht Gäste, ondern Bürger. Unter den Juden selbst errscht ein natürlicher Drang zur Auswandeung, besonders nach Palästina. Im Namen des jüdischen Sejmklubs erklärte er Sejnideputierte Dr. J. Gott Heb: Wir 'erden mit niemandem eine Diskussion derber führen, ob drei Millionen Juden das Recht abeii, in Polen zu leben, Dr. Tartakower führte aus, daß vor dem Krieg der Jahresdurchschnitt der jüdischen Auswanderung zwischen 50.000 und 60.000 lag, während er jetzt 18.000 bis 21.000 im Jahre betrage. Um dem Bedürfnis halbwegs zu entsprechen, müßten jährlich 120.000 Juden aus Polen auswandern. Auf dieser Basis müßte das jüdische Emigrationsproblem diskutiert werden; wenn aber in Polen die Losung ertönt: „Es geht uns wirtschaftlich schlecht, darum müssen die Juden hinaus!“, so antworten wir: „Wir werden nicht hinausgehen, denn Polen ist ebenso gut unsere Heimat, wie es die Heimat aller anderen Teile der Bevölkerung Ist.“ Diese Antwort erteilen wir offiziell von der Tribüne dieser Konferenz herab, PURIM UND PESSACH IHEREZ ISRAEL 35 PROZENT ERMASSIGUNQ auf Hin- und Rückfahrkarten vom 17. Februar bis 20. März von Triest und Genua nach Haifa mit den vorzüglichen Dampfern „MARCO POLO , „ESPERIA“, GALILEA“, „GERUSALEMME“ ADRIAT1CA S. A. - LLOYD TRIESTIN0 GENERALAGENTUR Wien, I., Kämtnerring 6, U 47-5-60, und Reisebüros wird dies nicht allein Arbeit und Verdienst schaffen, sondern auch ein Signal bedeuten, daß Österreichs Volk den inneren Frieden will, daß es den Staat so will, wie dies die Besten in Europa wollen. In diesem Streben steht die jüdische Bevölkerung in der ersten Reihe, und sie wünscht, daß sie für ihr ehrliches Wollen nicht durch Haß und freche Verleumdung bestraft wird. Die Judenschaft erwartet, daß die Staatsführung alle Mittel einsetzt, die ihr das Gesetz an die Hand gibt, um der Verhetzung, dem Boykott und der Pauschallüge ein Ende zu machen, und sie erwartet, daß dem inneren Verrat, der die moralische Kraft des Staates lähmen will, ein Riegel vorgeschoben wird. Wauchope in London Jerusalem, 5. Februar. (JTA.). Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope wird in den nächsten Tagen einen Urlaub antreten und sich nach England begeben. Seit seinem letzten Urlaub im Jahre 1935 war Sir Arthur nicht mehr in England. Wahrscheinlich wird der High Commissioner während seinei Abwesenheit, wie gewöhnlich, von dem Chefsekretär der Palästinaregierung, John Hathorn Hall, vertreten werden. Seinen neuen Posten in Sansibar wird Cbefsekretär Hall erst in einigen Monaten übernehmen. In Regierungskreißen ist man der Ansicht, daß Cbefsekretär Hall auch der außerordentlichen Tagung der Mandatskommission, die für den 3t. Mai zur Beratung der Palästina!ragen einberufen wurde, als akkreditierter Vertreter der Mandatarmacht beiwohnen wird. Jabotinsky in London vor der Kommission Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, hat die Königliche Kommission beschlossen, Wladimir Jabotinsky in öffentlicher Sitzung zu vernehmen. Es heißt, daß auch einige frühere Oberkommissäre für Palästina und Beamte des Colonial Office in London vor der Kommission aussagen werden. Ehrung Hnbermanns in London London, 7. Februar. (ITA.) Der Anglo- Palestine-Club in London veranstaltete zu Ehren Bronislaw Hubermanns einen Empfang, an dem hervorragende Persönlichkeiten der musikalischen Kreise und der Diplomatie teilnahmen. Den Vorsitz führte der Direktor des Royal College of Music, Sir Hugh Allan. Der Gesandte der Tschechoslowakei Jan M a s a r y k sagte in einer Ansprache, er sei stolz darauf, an dieser Huldigung für einen großen Musiker, einen großen Juden und großen Europäer teilnehmen zu können. Er glaube, daß Europa in diesem Augenblick Menschen wie Hubermann brauche, die durch Reinheit ihrer Auffassung von Musik und den ihnen zur zweiten Natur gewordenen Sinn für Humanität imstande sind, Europa aus einer Situation zu retten, die, Gott weiß, nicht sehr erfreulich sei. Hubermann trage durch seine Musik und seine Arbeit in Palästina, sowie durch seine geistige Botschafterrolle in der ganzen Welt dazu bei, daß die Menschen zu der Erkenntnis gelangen, daß Freiheit des Gedankens, der Meinung, der Religion und der Rasse eines Tages wieder Grundlage der Zivilisation werden wird. Zutiefst bewegt dankte Hubermann für die ihm zuteil gewordene Ehrung. Den Gedanken, das Orchester au begründen, verdanko er Palästina selbst. Die Gründung habe ßich •v!. '•VS-;" i i